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Full text of "Grammatik des meklenburgischen Dialektes: In Grundlage der mecklenburgisch-vorpommerschen Mundart"

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öranmiatik 



des 



meklenburgischen Dialektes 



älterer und neuerer Zeit. 






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Grammatik 

des 

meklenburgischeii Dialektes 

älterer nnd nenerer Zeit. 
Laut- und Flexionslehre. 



Gekrönte Preisschrift 



Karl Kei^r. 




Leipzig: 

F. A. Srockhans 



. > • 



Den hochverehrten Lehrern 

den Herren Professoren 

Dr. Eudolf von Räumer 

in Erlangen 

nnd 

Dr. Karl Bartsch 

in Rostock 
gewidmet. 



Vorrede. 



Der nachstehenden Laut- und Elexionslebre des 
meklenburgischen Dialektes älterer und neuerer Zeit liegt 
ein Entwurf zu Grunde, welchen ich, veranlaßt durch 
eine Preisaufgabe unserer Landesuniversitat, im Jahre 
1865 aufzeichnete und einreichte. Jene Arbeit wurde 
bei der akademischen Feier des Geburtstags Sr, kon. 
Hoheit des Großherzogs, am 28. Februar 1866, mit dem 
vollen Preise gekrönt imd zum Drucke bestimmt. Die 
seitdem >erfloßene Zeit, die ich im Lehramte theils 
auf dem Lande im südlichen Meklenburg, theils in Ro- 
stock verlebte, benutzte ich zu wiederholter Durch- 
arbeitung jenes Entwurfs, welche ich auf Grund eines 
erneuerten und erweiterten Studiums der altem Denk- 
mäler unsers Dialektes und einer vermehrten Kenntniss- 
nahme seines gegenwärtigen Bestandes in den verschiede- 
nen Landestheilen vornahm. 

Obgleich ich mir nicht verhehlen kann, daß die ge- 
schichtliche Entwickelung des Dialektes in ein helleres 
Licht treten würde, wenn ich den gesammten Zeitumfang 
einer einheitlichen Betrachtung unterzogen hätte, so habe 
ich mich dennoch lieber dafür entschieden, den alt- 
meklenburgischen Dialekt von der neuern Gestaltung 
desselben gesondert zur Darstellung zu bringen, um 
denjenigen einen hoffentlich nicht unwesentlichen Dienst 



VIII 



damit zu leisten, welche diese Dialektgrammatik als 
Hülfsmittel zum Studium der noch immer allzu wenig 
beachteten mittelniederdeutschen Grauimatik und Sprache 
zu benutzen beabsichtigen. üeber die Verbindung, 
welche zwischen den einzelnen Paragraphen beider Ab- 
theilungen stattfindet, gibt das Inhalts verzeichniss den 
nöthigen Nachweis. 

Mit Quellencitaten für die Beispiele der ersten Ab- 
theilung scheine ich vielleicht etwas zu sparsam ver- 
fahren zu sein, indem ich nur bei seltenern Wortern 
die Quelle citirt habe. Genauere Quellencitate aber 
würden insofern nur unnützen Raum in Anspruch ge- 
nommen haben, als erst sehr wenige der benutzten 
Sprachdenkmäler in* neuem Ausgaben den Lesern zu- 
gänglich sind, während die große Mehrzahl, und unter 
ihr höchst wichtige Denkmäler, theils nur handschrift- 
lich , theils in vereinzelten alten Drucken vorhanden sind. 

Zwar sind Laut- und Flexionslehre die wichtigsten 
Abschnitte der Grammatik für die Kenntniss des Dia- 
lektes. Da jedoch auch die Wortbildung und die Syn- 
tax manches Beachtenswerthe enthält, so gedenke ich 
dieser Laut- und Flexionslehre, wenn Gott mir Gesund- 
heit verleiht, in nicht femer Zeit auch die Wortbildungs- 
lehre und das Wichtigste aus der Syntax des meklen- 
burgischen Dialektes, verbunden mit einem gesphicht- 
lichen Ueberblicke seiner Bildung und Entwickelung, 
nachfolgen zu laßen. 

Schließlich erlaube ich mir, die Meister vom Fach 
zu bitten, daß sie mit Milde dies ErstUngswerk beur- 
theilen, welches ich als ein Zeichen tiefgefühlter Dank- 
barkeit und höchster Verehrung meinen theuern Lehrern 
darbiete. 

Rostock, im December 1868. 

Karl Nerger, Dr. pH. 



Inhalt. 



(Die außer der Seitebezeichnung vorkommenden Zahlen beziehen sich auf die 

Paragraphen.) 



Einleitung 1—7 S. 1—8. 

Name des Dialektes 1. Räumlicher Umfang 2. Ursprung 3. 
Vorzüglichste Sprachdenkmäler 4. Grammatik und Wortschatz 5. 
Perioden der geschichtlichen Entwickelüng 6. Verzeichniss der 
Abkürzungen 7. 

Erste Abtheilung. Altmeklenburgischer Dialekt. 

Erstes Buch. 

Lautlehre 8—81 S. 9--64. 

Ertter Abgolmitt. Von den Vocalen 9—49 S. 9 — 40. 

Kurze Vocale 11—23 S. 10. 

Bestand 11; a 12. 13; t 14. 15; u 16—18; c 19—21; Um- 
laut e 19; Brechung e 20; Schwächung e, unechte und echte 
Synkope 21; o 22. 23. 

Tonlangc Vocale 24—31 S. 22. 

' Tondebnung 24. Bestand 25. Unterschied von den organischen 
Längen 26. Graphische Darstellung 27 ; ä 28; 6 29. 30; ö 31. 

Lange Vocale 32—43 S. 28. 

Bestand 32. Verharren in mehrsilbigen Wörtern 33. Gra- 
phische Darstellung 34. a 35; c 36—40; t 41; 6 42; m 43. 

Diphthonge 44 S. 36. 

Schlußbemerkungen zur Vocallehre 45 — 49. . . S. 37. 
Auslautende Vocale 45. Brechungsgesetze 46. Umlaute 47. 
Diphthonge 48. Vocalsystem 49. 

Zweiter Abschnitt Von den Contonanten 50—81. . . . S. 40 — 64. 

Eintheilung und Bestand 50. 51. Gemination 52. 
Liqnidae 53—57.. . . . S. 41. 

Zungenschmelzlaut / 54. Zungenzitterlaut r 55. Labialnasal 

m 56. Nasal n 57. 
Labiales 58— 62 S. 46. 

Media b 58. Tennis p 59. Spiranten v und / 60. Frica- 

tiva to 61. Vergleicbung mit mhd. Labialreihe 62. > 



Linguales 63—68 S. 50. 

Media d 64. TeDuis i 65. Fricatiya « 66. Fremde Spiranten 
ß, Zf tz 67. Vergleichnng mit mhd. Lingaalreihe 68. 

Gutturales 69—77 '. . S. 56. 

Media g 70. Guttural-Nasal ng 70*. Tennis k 71. •Neben- 
formen der Tenuis c, ^, (x) 72. Weiche Spirans gh 73. Harte 
Spirans ch 74. Fricativa y 75. Hauchlaut h 76. Yer- 
gleichung mit mhd. Gutturalreihe 77. 

Schlußbemerkungen 78— 81 S. 62. 

Yergleichung der Mntae und Spiranten 78. Anlaut 79. In- 
laut 80. Auslaut 81. * 

Zweites Buch. 

Flexionslehre 82—150 S. 64—111. 

Erster Abschnitt. Von der Coigugation 83—112. . . . S. 65 — 84. 

Starke Conjugation 85—102 S. 66. 

Personalendungen 85. 86. Tempusbildung 87. Wurzelvocal 88. 
Starke Verba mit Wurzellaut A 89 — 97. I. Reihe (Grimm'sl.) 
90. IL Reihe (Grimmas IV.) 91. III. Reihe (Grimmas UI»>.) 92. 
IV. Reihe (Grimm's VIIL) 93. V. Reihe (Grimm's X.) 94. 95. 
VI. Reihe (Grimm's IX.) 94. 96. Vn. Reihe (Grimm's XII.) 97. 
Starke Verba mit Wurzellaut I 98. 99. I. Reihe (Grimm's 
IL) 98. IL Reihe (Grimm's VIIL) 99. Starke Verba mit 
Wurzellaut ü 100. 101. L Reihe (Grimm's IIP.) 100. 
IL Reihe (Grimms IX) 101. Schlußbemerkung 102. 

Schwache Conjugation 103— IH S. 77. 

Personal endungen 104. Schwache Verba mit kurzem Stamm- 
vocal 105; mit tonlangem Stammvocal 106; mit langem oder 
diphthongischem Stammvocal 107; mit Bildesilben 108. 
Schwache Verba mit unechter Synkope 109; mit echter Syn- 
kope 110; mit Rückumlaut 111. 

Anomale Verba 112 S. 82. 

Zweiter Absehnitt Von der Deelination 113—150. . . S. 85—111. 

^hstantivische Deelination 114—136 S. 85 — 102. 

Vocalische (starke) Deelination 114—128. . . . S. 86. 

Masculina 114—120. L Reihe (Grimm's L) 115—117. 

IL Reihe (Grimm's IV.) 118. 111. Reihe (Grimm's IL UL) 

119. 120. Neutra 121—124. I. Reihe (Grimm's I.) 121—123. 

n. Reihe (Grimm's IL) 124. Feminina 125— 12&. L Reihe 

(Grimm's L n.) 125. 126. H. Reihe (Grimm's IV.) 127. 128. 
konsonantische (8chwache)Declination 129 — 136. S.98. 

iV-Stämme 129—135. Masculina 130. 131. Feminina 132. 133. 

Neutrum 134. Man 135. i2-Stamme 136. 

A^jectivisehe Deelination 137—150 S. 102 — 111. 

Adjectiva 137—141 S. 102. 

Flexionsendungen 138. I. Reihe der Adjectiya 139. Adjee- 

ttra mit Bildesilben 140. IL Reihe der Adjectiya 141. 
Numeralia 142. 143 S. 105. 

Cardinalia 142. Ordinalia 143. 



XI 

Pronomina 144—150 S. 107. 

Persönlich-ungeschleehtiges Pronomen 144. Personlich-ge- 
schlechtiges Pronomen 145. Possessiv-Pronomen 146. Demon- 
strativ-Pronomen 147. Interrogativ-Pronomen 148. Relativ- 
pronomen 149. 'Unbestimmte Pronomina 150. Inclinirte 
Pronomina 150. 

Declination der Eigennamen, s. 249. 250.. . . (S. 193.) 

Zweite Abtheilung. Neumeklenburgischer Dialekt. 

Erstes Buch. 

Lautlehre 153—200 S. 113—153. 

Erster Abschnitt Von den Vocalen 153—182. . . . S. 113—140. 

Kurze Vocale 153—164 S. 113. 

a 154. 155; i 156. 157; u 158; e 159; stilles e und Synkope 
160; 161; die neumeklenbargischen Umlaute 162; o 163; 
ü 164. 
Tonlange Vocale 165—169 S. 126. 

Bestand 165; ä 166; e 167; ö 168; <e (o) 169. ' 

Lange Vocale 170—177 S. 130. 

Bestand 170; a 171; e 172; 1173; 6 174; w 175; ob 176; te 177. 
Diphthonge 178—180 S 137. 

Bestand 178; ei 179; au^ eu 180; Triphthong 6i 180. 
Schlußbemerkungen 181. 182 S. 139. 

Auslautende Vocale 181. Vocalsystem 182. 

Zweiter Abichnitt. Von den Gonsonanten 183—200. . S. 140—153. 
Gemination 183. 

Liquidael84— 188 S. 141. 

Zungenschmelzlaut / 184. Zungenzitterlaut r 185. Labial- 
Nasal m 186. Nasal n 187. Endung en nach Liquiden 188. 

Labiales 189—192 . . S. 144. 

Media b 189. Tennis p 190. Spiranten v und/ 191. Frica* 
tiva w 192. 

Linguales 193—195 S. 147. 

Media d 193. Tenuis t 194. Fricativa s, fremde Spiranten 
ß, z 195. 

Gutturales 196—199 S. 150. 

Media g 196. Tenuis k (c, q, x) 197. Spirans ch 198. Fri- 
cativa j und Hauchlaut h 199. 

Schlußbemerkungen über Auslaut und Inclination 200. S.152. 

Zweites Buch. 

Flexionslehre 200—250 S. 153—194. 

Enter Abtehnitt. Von der Goigogation 201—219. . . S. 153—169. 

Starke Conjugation 201— 214 S. 153 

Vereinigung der zwei Praeteritalablaute 201. Vereinigung 
des Optativ und Indicativ 202. ' Personalendungen 203. Starke 
Verba mit Wurzellaut A 204—210. L Reihe 204. IL Reihe 
205. III. Reihe 206. IV. Reihe 207. V. Reihe 208 VL Reihe 



XII 

209. VII. Reüie 210. Starke Verba mit Wurzellaut I 
211. 212. I. Reihe 211. II. Reihe 212. Starke Verba mit 
Wurzellaut U 213. 214. I. Reihe 213. II. Reihe 214. 

Schwache Conjugation 215— 218 S. 163. 

Personal endangen 215. Praeteritum^ 216. Schwache Verba 
ohne Synkopen 217; mit Synkopen 218. 

Anomaje Verba 219 S. 167. 

Zweiter Abschnitt. Von der Declination 220—250. . S 169—194. i 
Einbui^e des Genitive 220. Theilweise Vereinigung des Da- 
tivs und Accusativs 2^1. Mannichfaltige Pluralbildung 222; 
Substantivische Declination 223—237 S. 172—187.' 

Vocalische (starke) Declination 223—233. . . S. 172. 
Masculina 223—227. I. Reihe 224. 225. II. Reihe 226. 
ni. Reihe 227. Neutra 228. 229. I. Reihe 228. II. Reibe 
229. Feminina 230 — 233. Vereinigung von schwacher und 
starker Flexion 230. I. Reihe 231. 232. II. Reihe 233. 

Co nsonan tische (seh wache) Declination 234 — 237. S. 185. 
iV-Stämme 234—236. Masculina 234. Man 235. Neutrum 236. 
22-Stamme 237. 
Adjectivische Declination 238—248 S. 187—193. 

Adjectiva 238—240 S. 187. 

Theilweise Vereinigung beider Adjectivreihen 238. Endungen 
der starken Flexion 239; der schwachen Flexion 240. 

Numeralia 241 S. 189. 

Pronomina 242—248 S. 190. 

Persönlich -ungeschlechtiges Pronomen 242. Personlich-ge- 
schlechtiges Pronomen, 243. Possessiv-Pronomen 244. De- 
monstrativ-Pronomen 245. Interrogativ-Pronomen 246. Re- 
lativ-Pronomen 247. Unbestimmte Pronomina 247. Inclinirte 
Pronomina 248. 

Declination der Eigennamen 249. 250 S. 193. 194. 

Personennamen 249. Ortsnamen 25Q. 



*. 



Einleitung. 



-e>- 



§. 1. Jüer meklenburgische Dialekt gehört dem 
niederdeutschen Sprachgebiete an. Er wird daher von 
denen, welche sich seiner bedienen, außer mit dem Na- 
men dndesch, dtetsch in älterer Zeit als sassische oder 
neddersassische, aigch wol nedderlendische spräJce, in 
neuerer Zeit als nedderdtetsch oder plattdtetsch bezeich- 
net und durch diese Benennungen nicht nur von der 
Sprache Oberdeutschlands, frenkisch^ overlendisch, hoch- 
dtetsch, sondern auch von der des obersächsischen Krei- 
ses, oversassisch, unterschieden. 

§. 2. Der räumliche Umfang, den der meklen- 
burgische Dialekt hat, wird so ziemlich durch die poli- 
tischen Grenzen der Großherzogthümer Meklenburg 
umschrieben. Freilich ist es bei dieser Bestimmung 
leicht begreiflich, daß bei dem theilweisen Mangel na- 
türlicher Grenzen des Landes auch die d]es Dialektes 
verschwimmende sein müssen. Namentlich ist dies im 
Osten gegen Pomniern hin der Fall, sodaß man nicht 
mit Unrecht von einer meklenburgisch-vorpommerschen 
Mundart redet, während sich am schärfsten im Süden 
die Mark Brandenburg sondert. Nach Flußgebieten be- 
trachtet umfaßt der in Rede stehende Dialekt die Ge- 
biete der Stepenitz, der Warnow, der Reknitz, der Peene 
mit Trebel und ToUense, der obern Havel, der Eide, 
der Sude und der Boize sammt den zugehörigen Küsten- 

Nerger, Grammatik. k 1 



2 Ursprang des Dialektes. 

strichen und Seenplatten. Von einzelnen Sprachunter- 
schieden innerhalb dieses Gebietes kann erst weiter unten 
gehandelt werden. 

§. 3. Aus der Geschichte Meklenburgs wißen wir, 
daß die Germanisirung des vorher wendischen Landes, 
Jahrhunderte lang vergebens versucht, bis zu der Zeit 
hin, daß Meklenburg durch Waflfengewalt in den deutschen 
Lehnsverband hineingezwungen war, keinen Boden ge- 
wann. Um so systematischer ward sie von da an (ca. 1170 
n. Chr.) betrieben, und um so durchgreifender vollzog 
sie sich. Das durch die blutigen Kämpfe um seine Exi- 
stenz geschwächte wendische Element der Bevölkerung, 
obgleich spurweise noch bis heute in einigen Gegenden 
erkennbar, ward so völlig zurückgedrängt, daß ihm kaum 
irgendwelcher Einfluß auf die Entwickelung der Lan- 
dessprache zuzuschreiben ist. Das Ganze, was von wen- 
discher Sprache in Meklenburg übriggeblieben ist, be- 
schränkt sich auf Orts- und Personennamen und etwa 
einzelne Localausdrücke. — Die Hauptmasse der deut- 
schen Ansiedler kam aus dem alten Ilerzogthume Sach- 
sen über die Elbe herüber; zu ihr gesellten sich in bei 
weitem geringerer Anzahl Flamänder, vielleicht auch 
Priesen und Thüringer, und Bewohner der dänischen 
Inseln. * Aber das Uebergewicht des sächsischen Stam- 
mes war so bedeutend, daß wir berechtigt sind, das 
Altsächsische als die eigentliche Quelle zu betrachten, 
aus welcher der meklenburgische Dialekt, nur wenig von 
anderm Einfluße getrübt, sich herleitete, obgleich wir 
nicht im Stande sind, den bestehenden Zusammenhang 
durch eine fortlaufende Reihe von Sprachdenkmälern 
aufzuzeigen, da einerseits das Altsächsische vor dem 
Jahre 1000 verstummt und andererseits in Meklenburg 
bis gegen 1300 das Lateinische allein die Sprache des 
schriftEchen Verkehrs bildete. Zugleich beraubt uns 
dieser letztere Umstand des Vergnügens, der Bildung 
des Dialektes im ersten Jahrhunderte seiner Entwicke- 
lung auf meklenburgischem Grund und Boden zuzu- 
schauen. 

§. 4. Erst kurz vor dem Beginne des 14. Jahr- 



A Vgl. Jahrbücher des Vereins für meklenburgische Geschichte 
(Xin, 57 fg.). 



Sprachdenkmäler. 3 

hunderts wird der meklenburgische Dialekt Gegen- 
stand unserer Beobachtung, indem von dieser Zeit an 
uns Sprachdenkmäler zu Gebote, stehen. Die her- 
vorragendsten derselben sind hier namhaft zu machen. 
Zuerst werden wir niederdeutscher Urkunden habhaft, 
welche, anfangs (1292) sparsam auftretend, bald eine 
dichte, bis in das 16. Jahrhundert reichende Reihe 
bilden. Zwar sind die Urkunden schon dadurch von 
großem Werthe, daß sie durch ihre Datirung in den 
meisten Fällen über den Ort und die Zeit ihrer Ab- 
faßung keinerlei Zweifeln Raum geben, und somit land- 
schaftliche Eigenthündichkeiten ins hellste Licht stellen 
können. Dennoch aber laßen sie den Mangel an Wer- 
ken in poetischer Form nicht ganz verschmerzen, welche 
noch anderthalb Jahrhunderte lang ausbleiben, sodaß 
wir durch diese lange Zeit des sichern Wegweisers auf 
dem Gebiete der Grammatik, des Reimes entbehren 
müssen.^ Das erste gereimte Denkmal des meklen- 
burgischen Dialektes von größerer Ausdehnung ist das 
Redentiner Spil De resurrectione vom Jahre 1464. 
Ohne Grund ist vom ersten Herausgeber* die meklen- 
burgische Heimat des Stücks bezweifelt worden, wie 
die V ergleichung der Sprache mit derjenigen, welche in 
gleichzeitigen Urkunden aus derselben Gegend herrscht, 
aufs deutlichste beweist. EttmüUer's Textesrecension ' 
entfernt sehr viele dialektische Eigenthümlichkeiten, ob- 
schon dieser Herausgeber Meklenburg für die Heimat 
des Stückes hält. IJur vereinzelt sind Wortformen, 
welche femer liegenden Dialekten angehören, um des 
Reimes willen angewandt worden, eine Freiheit, welche 
sich auch sonst mittelniederdeutsche Dichter gestatten. 
Die Reime des Stückes sind im aUgenieinen als genaue 
zu bezeichnen. Nicht minder wichtig sind uns als 
Quelle die Schriften des Magisters Nicolaus Russ zu 
Rostock. Von ihm sind uns drei Tractate: 1) Bat ho- 
heken van deme repe; 2) De ütlegginghe over den löven^ 



* Zur Verwendung kamen etwa 100 Urkunden ans den Jahren 
1292 — 1520 meist nach Abdrücken in den „Jahrbüchern des Vereins 
für meklenburgische Geschichte". 

? Mone, Schauspiele des Mittelalters (Bd. 2). 

^ Dat spil f an der upstandinye (Quedlinburg und Leipzig 1851). 

1* 



' ) 



4 Sprachdenkmäler. 

de X hade unde dat beth unses Mrm; 3) Wedder de, dede 
nicht willen löven, dat jhesus is des wären godes sone, 
in einem rostocker (?) Drucke aus den letzten Jahren 
des 15. Jahrhunderts überliefert. Dies nach Sprache 
und Inhalt gleich ausgezeichnete Sprachdenkmal ist, 
obschon der. Druck nicht ganz fehlerfrei ist, doch 
von hoher Bedeutung für die ^ammatische Erkenntniss, 
sowol durch sein System der Kechtschreibung als auch 
durch die Fülle des Wortschatzes. In beiden Beziehun- 
gen steht eine Sammlung erbaulicher Abhandlungen und 
Gebete weit zurück, welche zu Rostock 1513 unter dem 
Titel Der sele rychtestych erschien. Der Verfasser dieser 
theilweise nach lateinischen Originalen bearbeiteten Schrift 
ist uns zwar nicht genannt, doch muß sie der ganzen 
Schreibweise nach für echt meklenburgisch gelten. Nur 
als secundäre Quellen dürfen dagegen die rostocker 
Ausgabe des BeineJce Voss von 1517 und Dat nye ship 
van Narragonien (Rostock 1519) angesehen werden, da 
beide ihre eigentliche Heimat außerhalb des meklenbur- 
ger Landes haben. Auch die meklenburgische Polizei- 
ordnung von 1516, Ordeninge^ Statuta unde Scttunge etc,, 
sammt andern herzoglichen Verordnungen' aus dem 
Anfange des 16. Jahrhunderts sind für uns von unter- 
geordnetem Interesse, da die Sprache, unrein und fehler- 
haft, die Abfaßung durch den des Niederdeutschen 
unkundigen Kanzler von Schönaich bekundet. Werth- 
voUer als diese officiellen Actenstücke sind uns die etwas 
später entstandenen chronikenartigen Aufzeichnungen des 
Mönches Lambert Slagghert aus dem Kloster Ribnitz, 
und die nach älterer Vorlage um diese Zeit gefertigte 
Handschrift der Rostocker Chronik über die Jahre 
1311 — 14.^ — Wie im übrigen Deutschland entfaltete 
sich auch in Meklenburg mit dem Reformationszeitalter 
eine rege literarische Thätigkeit, deren Erzeugnisse für 
ganz Niederdeutschland, ja weit über dessen Grenzen 
hinaus von Bedeutung waren. Namentlich gilt dies von 
den Schriften der Rostocker Oldendorp und Slüter. 
Aber auf je größere Verbreitung diese Werke rechnen 
konnten und berechnet waren, um so weniger durften 
sie dialektisch gefärbt sein, und wir dürfen sie daher 

^ Ausgabe von Schröder (Rostock 1824). 



Sprachdenkmäler. 5 

nur behutsam zu «riserm Zwecke verwenden.* Erst 
als nach diesem Aufschwünge das Niederdeutsche als 
Schriftsprache zurückgedrängt ward und gegen das Ende 
des 16. Jahrhunderts dem Neuhochdeutschen wich, 
prägte sich der Charakter der Heimat wieder den- 
jenigen Werken auf, welche im Volke ihren Leserkreis 
suchten, wie etwa des rostocker Predigers Nico laus 
Gryse Spegel des Anti- christischen Päwestdomes von 
1593. Ein treues Bild der meklenburgischen Volks- 
sprache, so weit es in einem solchen Werke überhaupt 
möglich, gibt uns auch der zu Rostock 1582 erschienene 
und 1613 erneuerte Nomenciator latino-saxonicus des 
Nathan Chyträus; denn, wie dieser selbst bezeugt, 
suchte er möglichst meklenburgisch zu schreiben, und 
die ihm als Oberdeutschem fremde Sprache aus dem Ver- 
kehre mit Leuten aus dem Volke zu erlernen.* Mit 
der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs hören die Quellen 
unsers Dialektes fast auf zu fließen, da, was in Meklen- 
burg deutsch geschrieben ward, hochdeutsch sein mußte, 
da in den Kirchen, in den Schulen und im Gerichte 
hochdeutsch gesprochen ward, und da man den, welcher 
öffentlich in der Muttersprache redete, nicht für gelehrt 
hielt, wie Lauremberg, „Scherzgedichte", IV, 536 — 542, 
591 — 596, berichtet. Nur noch zu Gelegenheitsgedichten 
oder zu Humoresken und Satiren wählte man die heimische 
Mundart. Lauremberg trug mit seinen berühmten vier 
Scherzgedichten, welche 1652 zuerst erschienen, den 
Preis auf diesem Gebiete davon. Er war in Rostock 
geboren und erzogen, wo er auch in seinen Mannes- 
jahren wieder thätig war. Daher bildet denn auch der 
meklenburgische Diäekt die Grundlage der Sprache in 
seinen Satiren, die freilich mit fremden Elementen reich- 
lich versetzt ist. Nunmehr folgte ein stummes Jahr- 
hundert, in welchem der Dialekt nur im Munde der 



* Ein vollständiges Verzeichniss gibt Wiechmann, Meklenbnrgs 
altniedersäcbsische Literatur (Schwerin 1864). 

^ Er sagt in seiner von Rostock flatirten Vorrede: Ad vocabula 
saxonica quod attinet, dedimus operam, ut quam Tnaxime propria et his 
no Stria regionibus usitatiasima inquireremus. Quo sane ipso studio 
neque a rusticis neque a nautisj neque a laniis neque a cujuscuiique ge- 
neris opificibus, imo ne a mulier culis quidem discere. nos puduit. 



6 Sprachdenkmäler. Grammatiken. 

Bürger und Bauern lebendig blieb. Das Schweigen 
brach erst Johann Heinrich voß in einigen Idyllen und 
D. G. Babst mit seinen Ällerhant schnaksche Sahen tom 
Tietverdriew (Rostock 1788— -91), welche mit Beifall auf- 
genommen wurden. Das gegenwärtige Jahrhundert, 
volksthümlicher Entwickelung günstiger als das vorige, 
hat mehrere Schriftsteller zu v ersuchen in meklenburger 
Mundart veranlaßt. Unter diesen muß Fritz Reuter 
als derjenige hervorgehoben werden, welcher durch poeti- 
sche Begabung und durch Gewandtheit der Sprache es 
verstanden hat, dem meklenburgischen Dialekte nicht nur 
die Achtung in der Heimat, sondern auch selbst über 
die Grenzen des niederdeutschen Sprachgebietes hinaus 
zahlreiche Freunde zu gewinnen. Es steht zu hoflfen, 
daß die vielen schriftstellerischen Productionen der letzten 
Jahrzehnte der fast zu rasch auf dem Wege zur Schwä- 
chung und Einförmigkeit forteilenden Entwickelung des 
Dialektes für einige Zeit Halt gebieten und ihn neu 
kräftigen, indem sie ihm diejenige Kraft, welche ihm 
noch mne wohnt, zijm Bewußtsein bringen. 

§. 5. Grammatischer Behandlung ist der meklen- 
burgische Dialekt im Laufe unsers Jahniunderts bereits 
mehrfach unterzogen worden; zuerst von J. Mus saus, 
weil. Pastor in Hansdorf: „Versuch einer plattdeutschen 
Sprachlehre mit besonderer Berücksichtigung der meklen- 
burgischen Mundart" (Neustrelitz und Neubrandenburg 
1829); ferner von J. G. C. Ritter: „Grammatik der 
meklenburgisch- plattdeutschen Mundart" (Rostock und 
Schwerin 1832); endlich von Jul. Wiggers., Prof. a. D. 
zu Rostock : „Grammatik der plattdeutschen Sprache, in 
Grundlage der meklenburgisch -vorpommerschen Mund- 
art" (Leipzig 1857). Es kann hier nicht die Aufgabe sein, 
diese Leistungen der drei auch anderweitig um die 
Geschichte unsers Landes und Volkes wohlverdienten 
Männer einer Kritik zu unterwerfen. Es möge genügen, 
darauf hinzuweisen, daß alle drei Grammatiken sich nur 
mit dem gegenwärtigen Bestände des Dialektes befaßen, 
ohne auf die rückwärts liegende geschichtliche Entwicke- 
lung Rücksicht zu nehmen. An einer Grammatik des 
altern meklenburgischen Dialektes fehlt es noch gänz- 
lich. — Auch em Wortschatz unserer Mundart ist 
noch nicht verzeichnet; wir müßen uns vor der Üand 



Perioden. Abkürzungen. 7 

mit dem Chyträischen Nomenciator, mit dem Glossar, 
welches Lappenberg seiner Ausgabe der Lauremberg'- 
sehen Scherzgedichte beigefügt hat^, und mit Dähnert's 
Wörterbuch der vorpommerisch-rugischen Mundart, als 
der nächst verwandten, behelfen. Das lebendige, täglich 
gehorte und gesprochene Wort wird für den gegenwär- 
tigen Sprachstand freilich immer die beste QueUe sein. 

§. 6. Für die Betrachtung unsers reichen Stoffes 
diirfte es zweckdienlich sein, eine Gliederung desselben 
vorzunehmen, und wir werden daher den Dialekt der 
altern Zeit von dem der neuern gesondert zu behan- 
deln haben. Fragen wir nach der Grenzlinie dieser bei- 
den Perioden der Sprachentwickelung, so scheint die- 
selbe am leichtesten in jener Lücke der meklenburgischen 
Literatur ziehbar, welche auf Lauremberg's Zeit folgte. 
Allein die entscheidende Wendung des Dialektes vom 
alten zu seinem jetzigen Bestände trat schon lange vor 
jener Zeit, bereits im Keformationszeitalter ein, indem 
das (durch den Einfluß des Neuhochdeutschen bewirkte) 
Eindringen des Umlautes, welcher bis dahin nicht eben 
weiter als im Altsächsischen vorhanden gewesen war, 
mit andern grammatischen Vorgängen in seinem Gefolge 
den Dialekt wesentlich umgestaltete und in neue Bahnen 
trieb. Deshalb rechnen wir die erste, der mittelhoch- 
deutschen Zeit parallele Periode von den Anfängen des 
Dialektes im 13. Jahrhundert bis in die erste Hälfte 
des 16. Jahrhunderts, die andere dem Neuhochdeutschen 
entsprechende und unter neuhochdeutschem Einfluße 
stehende, von da bis auf unsere Zeit. 

§. 7. Abkürzungen werden zur Bezeichnung der 
Quellen folgende verwandt werden: 

U. = Urkunden. 0. = Oldendorp & Slüter. 

R. S. = Redentiner Spil. G. = Gryse's Spegel. 

N, U. = Nicolaus Russ. Ca.— ChyträusNomenclator. 

S, B. = der Sele Richtstich. L. = Lauremberg. 

P. = Polizeiordnung v. 1516. B, = Babst. 

N, = Narrenschiff v. 1519. Muss. = Mussäus') p 

L. S. = Lambert Slagghert. Bitt. = Ritter's ( JT 

B. a = Rostocker Chronik. Wigg. = Wiggers') "^^*^^' 

^ Bibliothek des literarischen Vereins zu Stuttgart, 58. Publication. 



8 Abkürzungen. 

Außerdem werden noch die gewohnten grammati- 
schen Abkürzungen und die von Grimm eingeführten 
Zeichen für die deutschen Dialekte gebraucht werden, als: 
älts., ags., mnd,, mnZ., mhd,, nhd.^ altn. für altsächsisch, 
angelsächsisch, mittelniederdeutsch, mittelniederländisch, 
mittelhochdeutsch, neuhochdeutsch, altnordisch. 



1 



k 



N_ •• 



Erste AMMlung. 

Der meklenbiirgische Dialekt in älterer Zeit. 

(Vom 13. bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts.) 



Erstes Buch. 

Lautlehre. 

§. 8. Die Laute der Sprache werden herkömmlicher 
Weise in Vocale und Consonanten abgetheilt. Behalten 
wir diese zweckmäßige Eintheilung, wenngleich sich 
von rein physiologischem Standpunkte einiges dagegen 
einwenden läßt, in unserer Darstellung bei, so ergeben 
sich zwei Abschnitte der Lautlehre: 1) Lehre von den 
Vocalen, 2) Lehre von den Consonanten. 

Erster Abschnitt. , , 

VondenVocalen. 

§. 9. Das Altsächsische bot fünf kiu-ze Vocale 
(a, i, w, e, o) und fünf lange (a, e, I, 6, ü) und neun 
Diphthonge (ea, ei, eo^ eu, ia, ie^ io^ tu, uo) dar. Die 

ffroße Mannichfaltigkeit der letztern reducirt sich frei- 
ich bedeutend, wenn man beachtet, daß ei selten für e, 
ebenso uo für 6 vorkommt, daß ferner ea mit ie, ia mit 
ie oder io, eo mit io, eu mit iu völlig gleichbedeutend 
ist, daß endlich in den meisten Fällen ie Schwächung 
des io und dies wieder Brechung des iu ist* In Bezug 



10 



Vocale. Kurze Vocale. 



auf den Wurzelvocal angesehen, werden die altsächsischen 
Vocale in folgendem Schema^ dargestellt: 



Schwächungen. 


Wurzel laut 


I. Steigerung. 


IL Steigerung. 


i [e] u [o] 


a (e) 


d seit e 


ü seit uo 


( ) — Umlaut 
[ ] = Brechung 


i seit [c] 


A 
t 


e seit ei 


u [o] 


ü,iu[^io]ie seit, e 


A 
ü 



^-Reihe 



/-Reihe 



C/^Reihe 



§. 10. Die altmeklenburgische Mundart hat an diesen 
überkommenen Verh^-ltnissen einiges geändert. Sie be- 
sitzt zwar gleichfalls die fünf kurzen und die fünf langen 
Vocale in meist gleicher Bedeutung; die Diphthonge, 
aber hat sie fast aufgegeben, indem nur ei und ie ver- 
blieben sind ; die neu hmzutretenden ou (au) und oi kom- 
men selten vor. Die wichtigste Veränaerun^ des Vo- 
calsystems besteht jedoch im Hervortreten emer neuen 
Vocalgattung , der drei tonlangen Vocale, welche 
wir ä, c, ö bezeichnen. Es erscheint rathsam, diese ton- 
langen Vocale, deren Entstehungsgrund weiter unten 
anzugeben ist, bei der genauen Betrachtung der einzelnen 
Vocale als eigene Gruppe auszusondern, sodaß sich vier 
Gruppen biloen: 1) kurze Vocale, 2) tonlange Vocale, 
3) lange Vocale, 4) Diphthonge. 

I. Kurze Vocale. 

§. 11. Die kurzen Vocale a, t, u^ e und o stehen im 
Altmeklenburgischen fast, überall in derselben Function, 
welche ihnen »im Altsächsischen zugewiesen ist, nur daß 
sie mehrfach durch die umgebenden Consonanten 
beeinflußt werden. 

In einsilbigen Wortern kann den kurzen Vocalen so- 
wol einfache als mehrfache Consonanz folgen, in mehr- 
silbigen Wortern ist dagegen mehrfache Consonanz noth- 
wendig, um die Kürze des Vocals zu schützen. Die 
Kürze des Vocals hat vor auslautendem einfachen Con- 
sonanten nicht nur da statt, wo der einfache Consonant 



> Vgl. Grimm , Deutsche Grammatik, I^, 230 fg., und Schleicher, 
Pie deutsche Sprache, S. 132 fg. 



Kurze Vocale. A. 11 

nach einem Gesetze des Auslauts für den verdoppelten 
eingetreten ist, sondern auch (abweichend vom Nhd.) da, 
wo der einfache Consonant ursi)rünglich ist. 

Als der Vocal der Vocale ist das a zuerst zu be- 
trachten, auf dieses miissen i und u folgen, weil sie 
älter sind als die dann noch verbleibenden e und o. 

§.12. Kurzes ^ ist in der Regel Wurzellaui 

Es steht vor organisch einfachem Consonanten in 
den einsilbigen Wortern dal vallis, S(d aula, scal debet, 
smal angustus, stal furatus est, tal numerus, gram in- 
fensus, lam claudüs, nam cepi, quam veni, -sam Adj.- 
Bildesilbe, schäm pudor, tarn cicur, an ad, van de, draj) 
ici, af ab, gaf dedi, graf sepulcrum, kaf palea, staf ba- 
culus, at edi, bat melius, bat petivi, bat balneum, blat 
folium, dat hoc, gat foramen, vor-gat oblitus est, hat 
odium, mat mensus est, rat rota, sat satur, sat sedi, stat 
urbs, trat calcavi, va^ vas, vrat comedi, wat quid, glas 
vitrum, gras gramen, las legi, was fui, bah dorsum, brah 
fregi, dah tectum, gemak commoditas^ cubiculum, sprak 
dixi, stak pupugi, swak debilis, vak loculus, dach dies, 
lach jacui, mach polest^ plach solitus sum, sa^h \idi^geschach 
factum est, stach ictus, bewach movi. Die Zahl dieser 
Wörter wird noch vermehrt durch tan dens und kal calvus, 
welche durch Apokope von d und w einfachen Auslaut 
erhalten haben; vielleicht kommen noch einige hinzu, für 
welche vor der Hand die Belegstelle fehlt. * Worter auf 
r auslautend, dürfen hier kaum aufgeführt werden, da 
die Beschaffenheit dieses Consonanten im Laufe unserer 
Periode die Quantität des a gestört hat, sodaß z. B. 
dar ibi, gewar cautus, schar cohors unbedenklich mit jär^ 
här reimen. Auch vor den andern Liquiden steht die 
Kürze des a nicht ganz sicher. Um 1 500« nehmen die 
Nominalformen dal, sal, kal, lam, schäm Verlängerung 
an; wogegen tal und theilweise smal und tam den kur- 
zen Vocal in mehrsilbigen Formen durch verdoppelten 
Consonanten schützen und dadurch den Anschein ge- 
winnen, als ob ihr Auslaut nicht organisch einfach, son- 
dern vereinfachte Geminata sei. 

Ferner steht a in ein- und mehrsilbigen Wörtern vor 
allen Geminationen (die auslautend vereinfacht werden) 
und den meisten Cönsortantenverbin düngen, z. B. vollen 
cadere, dl omnis, narre stultus, lamme agno, dam agger, 



12 Kurze Vocale. A. 

bemannen viris complere, man vir; flahbemunt os labro- 
sum (iJ. S.), tappe embolus, ncMa/p ictus subsequens, ad- 
ditamentum, schaffer oeconomus, gudder clathri, boscatteti 
tributum imponere, schat thesaiirus, vlasse Uno, was cera, 
Slaggert N. pr., acJcer ager, saJc Saccus, lachen, ridere; 
halm calamus, salven unguere, hälp juvi, Jcalf vituliis, 
drevaldicheit trinitas, walt vis, hals coUum, välsch falsus, 
galge patibulum, kalk calx, molk quisque; karmen qiieri 
(S. B.), arne messis, harnsch thorax, garve merges, varwe 
color, scharp acutus, starf mortuus est, war de custos, 
swart niger, ars auus, arste medicus, arghelist astutia, stark 
robustus, vorbar ch celavi; kamp campus, pugna, ampt 
munus; ander alius, pant pignus, kränz Corona, dantzen 
saltare, vangen capere, mank inter, planke tabula (R. C); 
craft vis, hastich celeriter, vast firmus, andacht consilium. 

§. 13. Die Verbindungen Id und It trüben frühe das 
wurzelhafte a in o, z. B. holden teuere, vor-kolden fri- 
gescere, dre-voldicheit trinitas, volden plicae, olt antiquus ; 
smdlt butyrum, wolt vis, solt sal; dies geschieht selbst 
da, wo It erst durch angetretene Flexion entsteht, z. B. 
volt cadit, scholt debes, und auch in Fremdwortern: solter 
psalmus, olter altare (komisch JB. S.). Andere Trübun- 
gen des a zu durch Consonanten begegnen in -schop 
Subst. -Bildesilbe, -schoppe für älteres -schap^ in droft 
debes, für darft, in wol bene neben seltenerm wal.^ 

Dieser Gebietsverkleinerung des a tritt im Laufe 
des 16. Jahrhunderts eine Vermehrung aus e gegen- 
über, indem dieses vor den meisten r- Verbindungen 
(nicht vor rd) sich zu a verbreitert, z. B. parle mar- 
garita (B. 8.), barnende urens (N. It,). harte cor, start 
cauda, parse torcular (L, S.), barch mons, kark-here pa- 
tronus ecclesiae (f7. v. 1491). Da neben solchen ar auch 
er in der Schrift fortbestand, so wurden leicht auch 
Worter mit er statt des eigentlich ihnen gebührenden ar 
* geschrieben, z. B. verwe color (N,), und war dieser Irr- 
thum um so leichter, wenn schon um 1500 das a vor 
Verbindungen des r einem ä ähnlich gesprochen ward, 
wie dies jetzt in einigen Gegenden des Landes der 
Fall ist. 



^) Jenes überwiegt so sehr, daß lieber sol (debct): wol, als scal 
wal gereimt wird. 



y 



Kurze Vocale. A, L 13 

Anmerkung 1. Die seltsamen Formen ^arc^e vertebat, gekart 
versus begegnen vereinzelt auch in meklenburgischen Denkmälern^ 
ohne recht heimisch zu erscheinen. Sie würden sich, da ein In- 
finitiv kdren unerweislich, durch die Reihe kerede, kerde, kerde, 
karde erklären laßen, wenn nicht eben das rd entgegenstände. 

Anmerkung 2. Vor rdy auslautend rt geben Quellen um 
1500 dem a das Zeichen der Länge (ae) z.B. hart (S. R.) barba 
flect bürde ^ wart factum est {N. R.), Diese Dehnung des Vocals 
ist die Folge der Schwäche des r, nicht aber für eigentliche Vocal- 
brecTiung zu halten, wie die weitere Entwickelung des Lautes 
und das gleiche Verhalten des e und o in gleicher Lage beweist 
Das Mnl. bietet die gleiche Erscheinung in ausgedehnterm Maße. 

§. 14. Kurzes J ist seinem Ursprünge nach ent- 
weder Wurzellaut oder Schwächung des Wurzel- 
la ut e s -4. Da aber ohne Zweifel kein Unterschied im Laute 
der beiden i vorhanden war, so ist an diesem Orte keine 
Sonderung derselben vorzunehmen, was der Wortbil- 
dungslehre vorbehalten bleibt. 

Vor organisch einfachem Consonanten findet es sich 
in den;.einsilbigen Wörtern spil ludus, vil multum, nim 
cape, in in; schip navis, gif da; dit hoc, «Y id, lit mem- 
brum, ogefhlit palpebra, mit cum, schit cacatum, smü 
faber, snit Sectio, trit' gressus, trit calca, is est; iJe ego, 
pih pix, quih vivus, sik se, -ik^ -lieh Adj.-Bildesilben, 
'tich decas. Es werden noch einige Subslantiva mit 
Wurzellaut I, ^. B. grip raptus, iit morsus hinzukom- 
men; auch Imperativformen, welche im 15. Jahrhun- 
dert, der Macht der Analogie weichend, e angenom- 
men haben, werden früher i bewahrt haben, nur bieten 
die Urkunden dafür keine Belege. Nach ^nY laßen sich 
it ede, vrit comede, wis esto u. a. vermuthen. Die 
Adjectiv -Bildesilbe -Uk wird zwar noch im 16. Jahr- 
hundert auf Worter mit i, z. B. rik regnum gereimt, aber 
daneben besteht frühe die durch Tonlosigkeit bewirkte 
Verkürzung -lik, auf welche schon die in C7. uni 1350 ge- 
bräuchlichen synkopirten Formen redelken recte, unbre- 
kelken inviolate, rekkelken legitime, von redelik, uribreke- 
Uk, rechtlik, hinweisen. Fester steht -rik in N. pr. 

Auch vor den meisten Geminationen ist i zu belegen, 
z. B. scilling moneta, ml volo, slimme mali, binnen intra, 
hogin principium, ribbe costa, Mvenibbe contentiosus 
homo (N. R.), lippe labrum, middel medium, bitter ama- 
rus, tvit albus, -nlsse Subst.-Bildesilbe, wis certus, liggen 
jacere, an-stikken incendere. 



14 Kurze Vocale. 7. Ü. 

Wir finden das i ferner vor den Verbindungen des 
m und n, sowie denen der Muten und Spiranten, z. B. 
scliimp probrum, nimst, nimpt sumis, sumit; binden ligare, 
hlint caecus, gelint septum e plancis, winter hiems, Uns 
vectigal, springen saltare, singele cingulum i. e. locus ante 
portam urbis (R. C), dink res^ drinken hihere; dript icit^ 
giß donum, Schrift scriptum; list ars, toiste scivi, visk 
piscis, mschen pratis; brikt frangit, icht aliquid, richte 
Judicium. Dagegen dulden die Verbindungen des r, 
gleichwie das einfache und geminirte r, kein ^ vor sich, 
sondern brechen es, ohne Rücksicht auf den Vocal der 
folgenden Silbe zu e, z. B. erren errare, herde pastor, 
vgl. mit alts. irrian, hirdi. Von den Verbindungen des 
l laßen die mit Dentalen den Bestand des i unberührt, 
z. B. spilden consumere, schilt scutum, bilsen hyoscyamus ; 
die übrigen fuhren Brechung herbei, z. B. helpe, helpt 
juvo, juvat, melk lac, oder verdunkeln i zu. u^ wie Iv 
und //* in sulver argentum, sulf ipse. — Nur ausnahms- 
weise erscheinen, namentlich in alten Urkunden, Formen 
wie tvirt fit, irAuchtede illustres, silver argentum. 

§. 15. Eine große Zahl kurzer i verdankt ihr Vor- 
handensein der durch die Last mehrfacher Consonanz 
bewirkten Verkürzung langer Vocale. Aus i entspringt 
es in den 11. HI. S. I^raes. Ind. ablautender Verba der 
i-Keihe, z. B. gript, blift^ drifst, kricht, welche auf gri- 
pet rapit, bltvet manet, drivest agis, kriget accipit zurück- 
zuführen sind, und in den Zahlrormen viftich, vichtich 50, 
und (?) vifteyn 15 von vtf; aus e in hillich sanctus alts. 
Mluc, dridde tertius, drittich 30 von dre, twintich 20 von 
twe und Praet. reduplicirter Verba, z. B. ginck ivit, viTle 
caderet neben genk, velle; aus tonlangem e in disse hie, 
himmel coelum, minsche homo für dese, hemel, menesche. 
Unorganisches Einschiebsel ist i in werlit neben werlt 
mundus (N. R.). 

Anmerkung. Die Denkmäler, handschriftliche i^ie gedruckte, 
gehrauchen Istatt i oft das Zeichen y, ohne daß damit eine Laut- 
ändemng gemeint wäre, z. B. vyi/nnit expugnat ( U. y. 1330), kyndel- 
her coena haptismalis (F.), 

§.16. Kurzes Z7 ist seinem Ursprünge nach entweder 
Wurzellaut oder Schwächung des Wurzellautes 
A; beide sind aber lautlich identisch. 

Nur in wenigen Wortern erhält sich u vor auslauten- 



Kurze Vocale. ü, 15 

der organisch einfacher Consonanz, nämlich in hun sum, 
dem Präfix ww-, der Präposition up, den Adverbien sus 
sie, aldus ita. Sonst weicht es in dieser Lage gemeinig- 
lich der Brechung o. Häufig dagegen steht es vor ge- 
minirten Consonanten und den durch Auslaut bewirkten 
Vereinfachungen derselben, z. B. rulle volumen, vul plc- 
nus, murren murmumare, kummer anxietas, krum curvus, 
kummeldür praepositus ordinis St. Joh., tunne amphor^, 
gunnen favere, tvunnen expugnatum, knubbe tuber arboris, 
üppe supra, druppen stiUare, scudden quatere, hörn- 
kudde animal cornutum (B, 8.), lutter purus, nutte uti- 
lis, küssen osculari, kus basium, hrugge pons, stucke 
frustum, buk hoedus. 

Anmerkung. Das Verhalten des u vor organisch einfachem 
Consonanten und vereinfachter Geminata zeigt sich deutlich an den 
meklenburgischen Formen des Fremdwortes episcopus, indem das- 
selbe entweder bischop flectirt hischöpeSy oder büchup flectirt bisc/iup- 
pes lautet. 

Von den belegbaren consonantischen Verbindungen 
laßen die des l, m und n, sowie die der Muten und 
Spiranten den Bestand des u unverändert, z. B. hulpe 
auxilium, wulve lupo^ toulf lixpua^ gülden aureus^ sculdich 
obnoxms ^ sculte judex viri/ erbulgen irati sumus, sulk 
talis, umbe circa, rumpele ruga, krumpen correptum; 
unde et, sunde peccatum, sunder sine, hunt canis, mun- 
ter monetarius, unse noster, gunst favor, munster monas- 
terium, sunghen cantaverunt, junk adolescens, vordrunken 
demersus, luft aer, bust es, rüsten parare, busk frutex, 
tucJit disciplina, ruchte fama. Bemerkens werth ist es, 
daß sogar die durch a der folgenden Silbe in unsern 
alts. (genauer westfälischen) Denkmälern bewirkte Bre- 
chung in Part. Praet. vor Z- Verbindungen aufgehoben 
wird, z. B. hulpen adjutus, gülden solutum. Anders 
verhalten sich die Verbindungen des r, welche zwar 
weniger durchgreifend als beim i, doch in der Regel 
die Brechung des u zu o bewirken, z. B. storm im- 
petus, torn torris, dorven debemus, vorste princeps, bor- 
ger civis; denen als seltnere Formen furste princeps, 
nötdurß necessitas, umrt ager hortensis (U.) gegenüber- 
stehen. 

§. 17. Weiter erfolgt u durch die kürzende Kraft 
mehrfacher Consonanz: 1) aus ü oder e = ie in 11. III. 
S. Praes. Ind. ablautender Verba der C7- Reihe, z. B. 



16 Kurze Vocale. U. E. 

slutst claudis, Jcrupt repit, vorltcst amitiit^ flucht volat 
aus slütest^ krüpet, vorleset, fleghet^ und in den Zusam- 
mensetzungen jumment aliquis, jummer semper, nummeni, 
nemo, nummer nunqnam, vgl. mit alts. ^io, eo , nioman, 
mncL fiemcmt; 2) seltenjer aus 6 in Präteritalformen wie 
stunt stetit, stunden steterunt, umsse cresceret, muste de- 
bebat, vgl. mit alts. stod, stodun, wöhsi, mosta; 3) aus 
t(^angem ö in den synkopirten Flexionen oder Ablei- 
tungen des Verbs körnen venire als kumpt venit, tökumpst 
adventus. 

Bisweilen ist u Verdunkelung eines altern t. Die- 
selbe wird außer den Consonantenverbindungen Iv, If 
(§. 14) hervorgerufen durch ein dem Vocale vorangehen- 
des w in den Wortern umste scivi, suster soror, tuschen 
inter, sul limen, vgl. mit wiste, alts. suestar^ twisken, mhd. 
stoelle; durch die gemeinsame Einwirkung der umgeben- 
den Consonanten in wult=wiU vis, und vielleicht durch 
den mehrfachen Zungenlaut in den Nebenformen druttc, 
druttich, dusse zu drtdde, drittich, disse. Andere Schwan- 
kungen zwischen u und i, z. B. bin, bist, nimmer, immer, 
-unge (P.) neben bun, bust, nummer, jummer, -inge sind 
dem Einflüsse benachbarter Dialekte zuzuschreiben. 

§.'18. Ein Umlaut des u ist bis in das zweite Jahr- 
zehnt des' 16. Jahrhunderts nicht wahrnehmbar; von 
seiner, dann erfolgten Einfuhrung wird am Schluße 
der Lehre von den Vocalen zu handeln sein. Da aber 
bis zu jener Zeit alle u, sowol die, welche späterm ü, 
als die, welche späterm u entsprechen, untereinander 
unbedenklich gereimt werden, da ferner Reime zwischen 
u und i kauj|i vorkommen, da endlich Schwankungen 
der Schreibung zwischen, i und u sich auf die soeben 
angeführten Fälle bescliränken, so dürfen wir an- 
nehmen, daß allen altmeklenburgischen t* der ungetrübte 
Laut, welchen dies Zeichen im jetzigen Plattdeutsch und 
im Nhd. bezeichnet, eignete. 

§. 19. Kurzes i' hat dreifa;chen Ursprung. Esist ent- 
weder Umlaut dos Wurzellautes -4 oder Brechung 
eines i oder Schwächung jedes beliebigen Vocals in 
tonloser Silbe. Es entsteht zunächst die i rage, ob die- 
ser dreifache Ursprung des e auch dreifachen Laut er- 
gibt. Die Schwächung e erhält ihre eigenthiirnliche 
Klangform schon durch die sie bedingende Tonlosigkeit 



Kurze Vocale. E. 17 

der Silbe und ist damit von den beiden andern e ge- 
schieden. Die Unterscheidung des Umlautes e von der 
Brechung e ist für das hochdeutsche Sprachgebiet 
zwar bis in das 14. Jahrhundert bewiesen; auf nieder- 
deutschem aber scheint er früh untergegangen zu sein, 
vielleicht lange ehe überhaupt von einem meklenburgi- 
schen Dialekte die Rede sein konnte. Unsere ältesten 
gereimten Denkmäler, um 1450 entstanden, machen keinen 
solchen Unterschied mehr. Beispielsweise führe ich aus 
R, S. außer knecht: dreclit, 'Secht; Tcnechten: hechten; 
siechte rechte und Westen: vesten, besten; neste: veste, 
teste ^ noch an her: her; helt: gelt, v'elt; helle: snelle, velle; 
geselle: snelle; sterve: erve; iverJcen: sterJcen. Der Laut, 
in welchem beide J?-Laute übereinkamen, war in den 
meisten Fällen der Brechung näher verwandt als dem 
Umlaute. Mit größter Sicherheit kann dies vom E vor 
Verbindungen des n behauptet werden, welches nicht 
nur in. Handschriften öfter durch i vertreten wird, son- 
dern auch mit i reimt, z. B. im jR. S. wenden: vinden; 
bringen: dr engen, hengen. Ebenso bestimmt muß aber 
dem JE'-Laute vor den meisten Verbindungen des r die 
Klangform des Umlautes zugekommen sein, durch welche 
der §.13 erwähnte Uebergang des e zu a allein erklär- 
bar wird. So mußte älteres herta, b'erg, stert erst zu 
lierte, berch, stert werden, ehe es harte, barch, start 
heißen konnte ; es mußten alts. irrian errare und wiräid 
fit erst die Formenscala irren, erren, erren und tvirt, 
wert, wert durchlaufen haben, ehe jenes zum Keim auf 
narren taugte und dies die Gestalt wart annehmen 
konnte; es durfte andererseits merJcjan nicht erst durch 
merken sich einem mirken nähern, wenn ihm später wie- 
der die Klangform marken werden sollte. (Vgl. jedoch 
§. 20, Anm. 2). Wenn sich also die Klangform des 
kurzen j5-Lautes nicht nach seiner Herkunft bestimmt, 
sondern bei sonstiger Vereinigung des Umlautes und der 
Brechung eine Lautnuance nur durch die folgende Con- 
sonanz hervorgerufen wird, so wird eine graphische 
Unterscheidupg von e und e im Verfolg weder nöthig 
noch berechtigt sein. 

§. 19. Der Umlaut e wird aus dem Wurzelvocale 



1) Vgl. Grimm, Deutsche Grammatik, I^, 146. 
Nerger, Grammatik, 



18 Kurze Vocale E. 

A gewirkt durch den Einfluß eines in folgender (nicht 
notnwendiff der unmittelbar folgenden) Silbe vorhande- 
nen oder früher vorhandenen J-Lautes, wozu auch j ge- 
hört. Da Zwei- und Mehrsilbigkeit der Formen, wenig- 
stens in einem frühern Sprachstande dadurch vorausge- 
setzt wird, so ist nach der §.11 aufgestellten Regel 
leicht ersichtlich, daß mit Ausnahme apokopirter For- 
men wie bet melius, her exercitus nur Belege mit mehr- 
facher folgender Consonanz aufzubringen sind; z. B. helle 
tartai'us, un-tellich innumerabilis, temmen cicurare, de^i- 
nen abiegnus, hennip cannabis, mennich multus, hehhen 
habere, scheppen creare, bedde lectus, redden servare, 
settinge statutum, seggen dicere, decken tegere; twelf 12, 
gewelfte fomix, weldich potens, smelte liquefacio, welk 
qualis; erve heres, recht-verdich innocens^ Mertens-dach 
dies St. Martini, ergheren offendere, merken animadver- 
tere, sterke robur; behende agilis, bnten-wendich exter- 
nus, genteelik omnino, genge usitatus, strenghe funiculi, 
lenck longius, gedrenke potus, venknisse captivitas; hefst 
habes, kreftich robustus, best optimus, veste arx, andech- 
tich attentus, pechte redemtiones. 

Anmerkung. Das Wort her exercitus gibt um seines Aus- 
lautes i¥iUen die Kürze auf und wird zu her gedehnt. 

§. 20. Die Brechung e wird aus i hervorgerufen 
nicht nur durch einen in der folgenden Silbe ursprüng- 
lich vorhandenen -4-Laut, sondern auch unabhängig von 
demselben durch die Verbindungen des l mit anderu 
Consonanten (außer Zungenlauten), und durch alle r, 7'r 
und r - Verbindungen. Dagegen verhindern Gemination 
und Verbindungen des n in der Kegel die Brechung, 
und wo ausnahmsweise Nebenformen wie drenken (N. BJ 
für drinken, engever für ingever (zingiber) auftreten, sind 
dieselben entweder als Schreibfehler anzusehen oder auf 
Rechnung der §.18 erwähnten Lautähnlichkeit des en 
mit in zu setzen. Vor der Gemination und den Ver- 
bindungen des m ist die Brechung jedoch möglich, z. B. 
stemme vox, klemmen ascendere (M, C), schemp probrum. 
Vor organisch einfachem Consonanten steht dies e in den 
einsilbigen Wortern en iis, der horum, bet usque, bet 
oratio, bret tabula, des hujus, tves cujus, wech via, stech 
ponticulus ; die meisten der auf r auslautenden Wörter 
erfahren Verlängerung: sper hasta, bogher desiderium, 



Kurze Vocale E. 19 

Mr huc, er ei. — Beispiele des e vor Geminationen und 
Consonantenverbindungen sind: errich erroneus, swellen 
tumere, vel pellis, leddich vacuus, messen stercorare (U,\ 
heim galea, help juva, helpt juvat, gelden valere, gelt 
pecunia, deigen delere, mdh lac; werld miindus, scher* 
men tueri, verne longe, lerne disco, vorderven perdere, 
sterve morior, werpest jacias, werf ambitus, negotium, 
erde terra, erden terrenus, erdisch terrestris, herde pastor, 
werden fieri, werst fis, wert fit, werdich dignus, dertich 30, 
smerte dolori, swert gladius, gerste' hordeum, gersten 
hordeaceus, Kerst Christus, nergen nusquam, vorherge 
celo, berke betula, kerJce ecclesia, werk opus, werker 
Operator; werken efficere, berch mons, geberchte montes; 
efte an, aut, westen occidens, knecht servus; vechten di- 
micare. 

Anmerkung 1. In den Wörtern herre dominus undjenne ille 
entspringt das e ans einem organischen e durch die kürzende dop- 
pelte Consonanz. 

Anmerkung 2. An Stelle eines zu erwartenden e geben 
Handschriften des 15. Jahrhunderts und Drucke vor den Ver- 
bindungen rd, auslautend rt, und bisweilen rn ein ee d. i. e, 
welche Verlängerung durch die Schwäche des r bewirkt wird (vgl. 
§. 13, Anm. 2); z. B. eerde terra, herde pastor, wert dignus, verne 
longe, gerne libenter; weert: gelert Da eben diese Wörter den 
Uebergang des e in a nicht zulaßen, so können wir schließen, daß 
vor rc/, auslautend rt, und bisweilen rn das e in der Aussprache 
sich nicht dem Umlaute (vgl. §. 18), sondern der Brechung zu- 
neigte, ehe diese Verlängerung eintrat. 

Anmerkung 3. Das Gebiet der Brechung erhält durch die 
Macht der Analogie noch weitere Ausdehnung, und dadurch wird 
vielfach ein scheinbar regelloser Wechsel von e und % herbeige- 
führt, welcher jedoch nicht bloß auf die Lautähnlichkeit der beiden 
Vocale zurückzuführen ist, sondern durcB die Betrachtung der ton- 
langen Vocale sich erklären wird. Weiteres deshalb erst in §. 30. 

§. 21. Üie Schwächung e bildet sich durch Ton- 
losigkeit der Silbe aus jedem beliebigen Vocale und hat 
ihre Hauptstelle daher in Endsilben, aber auch in ton- 
losen Präfixen, in einzelnen Partikeln und angelehnten 
Pronominalformen, z. B. en^ ne Negation, me aliquis, 
homines, et id. Die mindern Schwächungen i und u 
concurriren mit dem Schwächungs-e, z. B. in den Prä- 
fixen ent-, int-, unt-; ir- er-; der stumpfe Laut wird auch 
durch statt e ausgedruckt, z. B. bo-, be-; vor-, ver-. 

Bei dem geringen vocalischen Werthe dieses e ist es 
leicht begreiflich, daß es häufig Apokope und Syn- 

2* 



20 Kurze Voacle. E. 0. 

kope (Elision) erleidet. Die Apokope, anfanglich selten, 
wird gegen Schluß der Periode immer häufiger, nament- 
lich da, wo der dem e vorhergehende Consonant der Art 
ist, daß er keine Veränderung durch Auslautsgesetze zu 
erfahren hat (vgl. Abschnitt II) oder nach Bildungssilbeii 
el und er. — Üie Synkope ist doppelter Art, entweder 
eine echte oder eine unechte. Die unechte Synkope 
läßt den Bestand der vorhergehenden Silbe sowol in 
Bezug auf den Consonanten als in Betreff der Länge 
oder Tonlänge des Vocals ungestört und sie ist an kein 
Gesetz als das des Wohllautes gebunden; z. B. oms für 
omes patrui, inwänren für inwäneren incolis, denst aus 
denest servitium. Die echte Synkope dagegen bewirkt, 
indem sie wirkliche Consonantenverbindungen hervor- 
bringt, nicht nur Verkürzung etwa langer oder tonlanger 
Vocale der vorhergehenden Silbe, sondern oft auch Ver- 
änderung der Consonanten. Sie trifft in der Regel, 
von ihrem Gebrauche bei Wortbildungen abgesehen, das 
e der Flexionsendungen nach Bildungssilben el, er, ew, 
en, der Endungen est und et in II. III. S. Ind. Praes. 
starker Verba, der Endung et nach vorhergehendem d 
oder t, der Endungen ede und et in einigen schwachen 
Verben. Beispiele: duveln diabolis, vorandert inutatuni, 
boddems soli, reJcen=reJcenen ratiocinari, sprikst loque- 
ris, lucht mentitur, vint=vindet invenit, gebicht^ge- 
bichtet professüm, ]cofte=kdpede emi, gesecht=g€seggd 
dictum. 

Anmerkung. Die für Synkope und Apokope im Mhd. gel 
tenden Gesetze (vgl. Grimm, Deutsche Grammatik I^, 274fg.) kön- 
nen auf einen mnd. Dialekt schon darum keine Anwendung finden, 
weil im Mnd. durch das Gesetz -der Tonlänge kurze Stammsilben 
nicht vorhanden sind. 

§.22. Kurzes ist zumeist Brechung des u, welche 
entweder durch -4-Laut der folgenden Silbe oder durch 
r- Verbindungen erzeugt wird. 

Es steht vor auslautendem organisch einfachem Con- 
sonanten in den einsilbigen Wörtern hol cavus, hol an- 
trum, or-, vor- Präfixe, vrom probus; biscop episcopus, 
of an, grof rudis, hof aula, lof laus; bot mandatum, goi 
deus, lot sors, not nux, slot arx, vlot fluvius, joTc jugum, 
kok coquus, doch tamen, droch fraus, noch adhuc, soch 
suctus, toch agmen, troch alveus. Im Laufe der Periode 



Karze Vocale. 0. 21 

dehnen das auf r auslautende äor porta und theilweise 
die Präp. dor, per und vor ante ihren Vocal zu ö f oder 6?). — 
Vor Geminaten und ihrer Vereinfachung im Auslaute ist 
minder häufig als w. Dieses behauptet sich immer vor 
mm und nn^ meist vor W, jenes ist vor rr das gewohn- 
lichere. Belege: tol^ tolles telonium, dorre aridus, dor- 
ren ardere, storrich contumax ; hoppe capiti, top cacumen, 
off er oblatio, rodde molossus {II. S,), spottes ludibrii, 
schot tributum, ossc bos, vos vulpes, hlocke campana, 
stoh baculus. — Von den consonantischen Verbindungen 
rerhindem die des m und n die durch u4-Laut der fol- 
genden Silbe zu fordernde Brechung des u zu o, während 
die des r sie selbstthätig hervorbringen. Belege: gölt 
aurum, holtes ligni, volgen sequi, volk populus, wölke 
nubes; worm vermis, stormen impugnare, tornen irasci, 
torn turris, storven mortuus, vordorve^i perirent, dorp 
villa, ivorpen jecerunt, dorfte debebam, morden necare, 
ivorde verba, ort mucro, locus, gebort nativitas, dortich 
30, kort brevis, störten repente cadere, wortele radix, 
ors equus, hörst defectus, dorst sitis, dorsfe audebatn, 
vorste princeps, borgere cives, St. Wolborghe St. Wal- 
purgis, borch arx, dorch per, vor cht timor; oft saepe, 
hste sumptus, dochter filia. 

Anmerkung. Aus o vor rd, auslautend rt, wird 6, z. 3, mor- 
den, gebort; die Verbindung orn schwankt in arn, womit gleichfalls 
eine Vermehrung des Lautes bezeichnet ist, wenn wir dies a als 
ä=ö auffassen. 

§. 23. Ferner ist o Verdunkelung des a, worüber 
§.13 gehandelt worden, oder des e m sos 6, ofte an 
(mnl.), wölk, wol qualis, neben ses^ efte, welk, vielleicht 
auch in ronner eques, rönnen equo vehi (R. C.) oder des 
i in wolde volebam, bewirkt durch die umgebenden Con- 
sonanten. Durch Vocalkürzung vermöge mehrfacher fol- 
gender Consonanz entsteht o aus o, z. B. lopt currit, 
yoi)st vocas, vorkoft venditum, sochst quaeris, tostot=^to- 
Mt fractum {igot. B. S.) von löpen, ropen, kopen, 
fiok^n, stoten; oder aus a, z. B. slopt (stoppt) dormit von 
^Icipen, brockte afferebat fiir alts. brähta\ oder aus ö, 
z. B. lofte Votum neben lövede. — In einigen Wörtern 
endlich stellt sich o als Nebenform zu u ein, ohne einen 
andern Grund als die Analogie stammverwandter Wör- 
ter mit oder nahe liegender Formen mit ö zu haben, 



22 Tonlahge Vocale. 

z. B. holten ligneus wegen holt^ scolden debebant, Tconde 
poteram wegen scölen, Jcönen, 

Ein Umlaut des o ist innerhalb der Grenzen unserer 
Periode ebenso wenig, wie der des ti vorhanden und 
überall gebührt dem Zeichen o der ihm noch heute zu- 
kommende ungetrübte Laut. 

II. Tonlange Vocale. 

§.• 24. Um die Zeit, da die niederdeutsche Sprache 
von ihrem alts. zum mnd. Bestände durch Abschwächung 
der vollen Endungsvocale in tonloses e sich wandte, 
ward eben dadurch ein Lautgesetz in dieselbe eingeführt, 
welches durch das weitere Mittelalter einen wesentlichen 
Unterschied im Vocalismus des Mnd. und Mhd. bewirkt, 
nämlich das Gesetz der Tondehnung (Tonlänge) , nach 
welchem der kurze Vocal hocntoniger offener 
Silbe vor tonloser Silbe gedehnt wird. Es besteht 
diese Tondehnung in der Uebertragung eines Werth- 
theiles des tonlos werdenden Endungsvocales auf den 
hochtonigen Stammvocal und sie beruht auf einem all- 
gemein gültigen rhythmischen Gesetze, auf Grund dessen 
die Arsis einen Werththeil der an sich betrachtet gleich- 
werthigen Thesis in sich aufnimmt, und nach welchem z. B. 



im musikalischen Vortrage die Figur 



'§ c7 (fir 



ähnlich der verwatidten 



I? - g ET I ^ 



zu Gehör 



gebracht wird. Silben, welche durch langen Vocal oder 
durch Position an sich lang sind, nehmen k^ine Gewichts- 
vermehrung aus der Endung an. — Insofern die Ton- 
dehnung etwas von der Quantität der Endung in den 
Wortstamm bringt, ist sie ein Analogon zum Umlaute 
und zur Brechung, welche in der Uebertragung der 
Qualität des Endungsvocales in den Wortstamm bestehen. 

§. 25. Durch die Tondehnung hört also ursprünglich 
kurzer Vocal auf, kurz zu sein: aus älterem a wird r/, 
aus e wird e, aus o wird ö; ein tonlanges i und u ist 
aber nicht vorhanden, sondern indem mit der Tonlänge 
zugleich Brechung dieser Vocale, völlig unabhängig vom 



Tonlange Vocale. 23 

ursprünglichen Vocale der tonlos gewordenen Silbe er- 
folgt, wird auch i zu ^, und u zu ö. Somit ergeben sich 
aus den fünf kurzen Vocalen des Alts, drei tonlange 
Vocale des Mnd. Diesen Bestand hat der altmeklen- 
burgische Dialekt bei seiner Entstehung überkommen und 
bewahrt, nur daß er etwa vom Jahre 1400 an das Ge- 
biet des ä auf Kosten des ö erweitert. — Bedingt ist 
die Existenz der tonlangen Vocale durch den Hochton 
ihrer Silbe, durch Tonlosigkeit der folgenden Silbe und 
durch einfachen Consonanten zwischen beiden Silben. 
Aus der Natur der Sache folgt, daß Tonlängen nament- 
lich in der Penultima zweisilbiger Wörter ihre Stelle 
haben, aber im allgemeinen kommt weder die Silben- 
zahl in Betracht, noch sind sie auf die Penultima be- 
schränkt. 

§. 26. Es steht nun zur Frage, ob die durch den 
Ton gedehnten Vocale mit den sogenannten organischen 
Längen ä, e^ 6 identisch seien. Diese Frage muß für 
a bejaht werden, da nicht wohl einzusehen ist, in welcher 
Weise sich der Laut des a -|- a, wie wir die Tonlänge ä 
auffaßen können, von der Steigerung ä, die eben auch 
a-{-a ist, unterscheiden ließe, da ferner zahlreiche Reime 
zwischen ä und ä die Identität bestätigen, da endlich 
der jüngere und jetzige Sprachstand sie zusammen- 
werfen. Ebenso entschieden muß aber die Gleichheit 
des e und c, des ö und 6 in Abrede gestellt werden. 
Erstens nämlich wahrt noch die heutige Sprache den 
Unterschied dieser Laute, sowie der Umlaute des ö und 
6 auf das entschiedenste und trennt dadurch viele Wör- 
ter verschiedenen Begriffes. Zweitens gebrauchen Chy- 
träus und Andere vor ihm für e ein eigenes Zeichen ^, 

welches sie für e nicht verwenden. Drittens kann der 
Vertreter des ö, das ä, nicht für 6 und andererseits die 
Vertreter des e, das ei und ie, nicht für e gebraucht 
werden. Endlich gestatten sich geschicktere Dichter 
Reime zwischen diesen Tonlängen und Längen nur zum 
Nothbehelfe. Einzig vor r scheint der Unterschied des 
ö und ö, minder der des e und c sich zu verwischen.* 

§. 27. In der schriftlichen Darstellung der Laute ist 
^ Vgl. meine Abhandlung in Ffeififer's Germania, XI, 452 fg. 



24 Tonlangc Vocale. Ä, 

es daher fiir uns geboten, für Längen und Tonlängen 
verschiedene Zeichen zur Anwendung zu bringen. Halten 
wir den Circumflex zur Bezeichnung der organischen Länge 
fest, so dürfte der überstrichene Buchstabe am passend- 
sten die Tonlänge andeuten. Da jedoch Kürzen und 
Tonlängen in mehrsilbigen Wörtern sich gegenseitig aus- 
schließen, weil die Bedingungen ihrer Existenz einander 
entgegengesetzt sind (§§. 11, 25), so können wir die 
Zeichen der Kürzen auch ohne besonderes Merkmal für 
die Tonlängen verwenden, und bedürfen des ä, e, ö nur 
da, wo diese tonlangen Vocale sich etwa in einsilbigen 
Wörtern einfinden, oder wo es sich um Hervorhebung 
eines Gegensatzes zwischen Kiirzeund Tonlänge handelt. — 
Unsere Quellen laßen die Tonlängen meist ohne beson- 
dere Bezeichnung, nur daß sie in einsilbigen Wörtern 

fern ae für ä, ee oder e für e, und daß einzelne Ur- 
unden für ö ein durchstrichenes o setzen. 
§.28. Tonlanges A ist anfänglich die Tonlänge 
des Wurzellautes -4, z. B. betalen persolvere, dorware 
custos portae, varen ire, name nomen, manen monere, 
grave sepulcro, Tcnape puer, geschapen creatus, scaden 
nocere,. water aqua, hase lepus, daghes diei, Magen 
queri, laken linteum, pannus, naJcet, nudus. — Mit dem 
15. Jahrhundert gesellt sich zu diesem ä ein. zwei- 
tes, welches hervorgeht aus einem tonlangen ö. Anfangs 
herrscht noch das ö vor; bald treten ö und ä in bun- 
testem Wechsel, welcher für die Handschriften jener Zeit 
charakteristisch ist, auf, so daß auch in kürzern Schrift- 
stücken dasselbe Wort mit ö und ä erscheint; im folgen- 
den Jahrhundert erlangt ä die entschiedene Herrschaft. 
Im Reime wird dieses ä sowol mit stehenbleibendem 
als auch mit ursprünglichem ä gebunden. Dies weist 
darauf hin, daß auch dem eigentlichen ä ein dunkler 
nach ö neigender Laut zukam, welcher, weil er dem 
kurzen a fremd ist, erst durch die breiten Laut fordernde 
Tondehnung erzeugt ward. Einige Beispiele des ä=^ö 
sind: bevalen jussum^ salen soleae, vorlaren amissus, na- 
men captus, samer aestas, vrame utilitas, vramicheit pie- 
tas, wanen habitare, grave rüdes, laven laudare, hapen 
exspectare, bade jussa, gades dei, gegatene fusi, hasen 
braccae, baglielruggede gibbosi (N, B.), vagedige prae- 
fectura, vlagen volatum, spraJcen dictus. 




Tonlange Vocale. A. K 25 

In einsilbigen Nominalformen, welche auf eine 
Liquida ausgehen, dringt die Tonlänge ä aus den flec- 
tirten Formen vor: dal vallis, säl aula, Tcäl calvus, läm 
claudus, schäm pudor, wän-achtich habitans, wegen dale 
valli u. s. w.; ebenso hat ä vor aiislautendem r statt: schär 
cohors, gewär cautus, dar ibi (vgl. §. 12). 

Anmerktfng 1. Das Verbum holen arcessere hat stets die Form 
mit ä, dagegen schwankt wonen habitare in wanen, sein Composi- 
tum wön-aftich in wän-achtich, 

■ Anmerkung 2. Dadurch daß das ä auch dasjenige ö vertre- 
ten kann^ welches aus dem Wurzelvocal U herstammt, tritt der 
seltsame Fall ein, daß sich ein a-Laut in der Yocalreihe des ü ein- 
findet. 

§. 29. Tonlanges E gewirkt durch Tondehnung 
aus e^ ist seinem Ursprünge nach, wie dieses, entweder 
Umlaut des a oder Brechung des i. Wie aber für das 
e ein Lautunterschied aus dieser verschiedenen Herkunft 
nicht zu folgern war, so wenig ist dies für e möglich. 
Unbedenklich reimen z. B. im iJ. S, eleu: Stelen] were: 
here; nemen: Schemen; heven: streven, geven, leven^ bcven 
(S. B.); rede: mede, sede; reden: gebeden; Jcede: smede; 
nesen: wesen; hegen: bemegen; dregen: vorlegen, plegen. 
Bei der Neigung der Toiüängen zum breiten Laute ist 
anzunehmen, daß der gemeinsame Laut der des Umlau- 
tes war, gleichlautend dem ä in dem nhd. Väter. Es 
darf also auch hier nicht e und e geschieden werden. 

Als Umlaut eines wurzelhaften a steht e z. B. in 
elend miseria, weren defendere, Ißntverer mercator, swe- 
ren jurare, schemelös impudens, tene dentes; wrevel sce- 
lus, schepel modius, stede locus, schedegen nocere, un- 
fledich impurus, hetesch odiosus, avermetich immodicus, 
ketel lebes, esel asinus, greselik horribilis, dregen por- 
tare, Jcleger accusator, negheln clavis affigere, sleghe 
ictus, heJcet lucius, sweJcen debilitare, rekenen ratiocinari. 

Die Brechung e entspringt zunächst dem alts. hoch- 
tonigen e in offener Silbe vor tonloser, hat aber ein be- 
deutend erweitertes Gebiet. Während nämlich im Alts, 
das i vor m und n in der Regel auch beim J.-Laut der 
folgenden Silbe ungebrochen bleibt und ebenso der 
Wurzellaut I Brechung meist verweigert, ist im* Alt- 
meklenburgischen nicht nur in diesen Fällen die Brechung 
durchgedrungen, sondern au,ch unbekiimmert um die ur- 
sprüngliche Qualität des Vocals der folgenden Silbe 



26 Tonlange Vocale. i, 

erfahrt allemal das alts. i mit der Tondehnung zugleich 
Brechung. Es ergeben sich daher nicht nur Formen wie 
Stelen fiirari, spere hastae, geven damus, rdtgeve con- 
siliator, heven cöelum, nevel nebula, bede preces, weder 
utrum, eten edere, seien sessum, dese hie, lesen legere, 
plegen solere, leger cubile, wege viae, teghede decima 
pars, wreken ulcisci, hreken frangimus, gesehen visum 
(alts. c) und ncmen capere, ene eum und dreven actum, 
grepen prehensum, geleden passus, tveten scire, siegen 
ascensum , wehen cessum , geleghen datum (alts. i Ca.) ; 
sondern auch: vele multum, er er eorum, hemel coelum, 
neme capiam, geve do, gevel fastigium, hieven manserunt, 
dreven agerent, screven scripsimus, grepen prehenderent, 
sede mos, vrede pax, lede pateretur, reden equitarunt, 
snedest secuisti, wedeve vidua, weten scirent, kregen ac- 
cepimus, seghefeehten victoriam reportare, neghen novem, 
ingeseghel sigillum, siege ascenderem, seker securus, 
Mekelenhorch Megapolis, sehe video (alts. iCi, iCu). 
Auch müßen mehrsilbige Formen solcher Wörter, 
welche einsilbig noch mnd. das i bewahren, ein e erhal- 
ten, z. B. speles ludi, schepe naves, smede fabro, mede 
cum, lede membra, pehe pici, qüekes animaliß zu spil, 
schip, smii^ mit, lit, pik, quih 

§. 30. In einsilbige Wörter oder solche, welche 
durch Apokope einsilbig werden, dringt das e aus den 
mehrsilbigen Formen gerne bei auslautendem l oder r 
vor, z. B. spei ludus, vel multum, gel flavus, her exer- 
citus, her huc, er ei, begher desiderium, sper hasta. Vor 
m, n und Muten steht in der Kegel i oder kurzes e fest. 

Von hier aus kann nun ein Blipk auf die Schwan- 
kungen des i und kurzen e unter einander geworfen 
werden (vgl. §. 20, Anm. 3). Als Grundregel ist fest- 
zuhalten, daß das tonlange e, welches erst durch Tgn- 
dehnung aus i entstanden ist, in dies i zurückzukehren 
habe, wenn eine der Existenzbedingungen der Tonlänge 
aufgehoben wird, wenn etwa durch Consonantenverdop- 
pelung oder durch Synkope die Tonsilbe aufhört eine 
offene zu sein, oder wenn die folgende tonlose Silbe 
durchr Apokope ganz verschwindet. So entsprechen ein- 
ander genau: hemel— himmel, dese — disse, breket — brikt 
frangit, sprekest — sprikst loqueris, mede — mit, vele — viL 
JSbenso oft aber, ja fast häufiger geschieht es, daß die 



Tonlange Vocale. K Ö. 27 

Brechung verharrt, wenn auch die Tonlänge, durch 
welche sie verursacht worden, aufgehoben wird, so daß 
nun eine dritte, jüngere Reihe paralleler Formen entsteht: 
hemmel, desse, oreM, sprekst, met^ (vel). Namentlich in 
der Verbalflexion hat dies e Kaum gewonnen, indem die 
Mehrzahl der Verba, welche im Infinitiv ein e in der 
Wurzelsilbe haben und daher eben diesen Laut in I. Sing., 
im Plur. Ind., im Opt. und im Plur. Imp. Praes. bieten, 
auch in den übrigen (einsilbigen) Präsensformen, II. III. 
S. Ind. und S. Imp. das e dem i vorziehen ^ ; z» B. vor- 
getst oblivisceris, plecht solet, et ede. 

§. 31. Tonlanges erfolgt durch Tondehnung aus 
alts. kurzem o, wird aber auch ohne Rücksicht auf den 
ursprünglichen Vocal der tonlosen Silbe, eben mit der 
Tonlänge zugleich aus kurzem u hervorgerufen. Bei- 
spiele sind: Scalen debemus, bevolen jussus, volen equuleus, 
Tcoren elegerunt, geboren natus, vore prae, vorloren amis- 
sus, nomen captus, somer aestas, koninc rex, sone filius, 
wonen habitare; hoven supra, lövede votum, loven lau- 
dare, over supra, Tiopen exspectare, open apertus; hoden 
fundus, hode nuntius, hode jussa, hoden jusserunt, godes 
dei, slötele clavis, sloten clauserunt, Jcotc domuncula, 
hosen braccae; doqhet virtus, toglien traxerunt, mögen 
possumus, onogelik quod fieri potest, bogen arcus, vlogen, 
volaverunt, voghet praefectus, broJcen fractus, sproken 
dictus. Es ist bereits erwähnt worden, daß dem ton- 
langen ö viele Worter sich durch U«bergang des ö m ä 
seit etwa 1400 entziehen. In der Regel laßen aber die 
Präteritalformen (IL S. und Plur. Ind. und Opt.) der 
ablautenden Verba der tZ-Reihe diesen Uebergang nicht 
zu, sei es, daß das Bewußtsein des vor der Tondehnung 
noch ungebrochenen w, oder daß die Anlehnung an das 
des Smg. Ind. Praet. dem ö Schutz gewährte. Es 
kann daher z. B. sloten sowol clauserunt als clausus, 
koren sowol elegerunt als electus bedeuten, während sla- 
ten und karen auf die letztern Bedeutungen eingeschränkt 
sind. Ein sluten aber statt sloten ist im Meklenburgi- 
schen unerhört.* 



* Genaueres muß der Flexionslehre vorbehalten bleiben. 

* Gegen Ettmuller R. S. v. 484, wo sluten clandere zu lesen 
und eng mit v. 483 zu verbinden ist. . 



28 Lange Vocale. 

» 

Anmerkung 1. Das ö des Wortes kömen venire, nnd seiner 
Ableitungen wie nukomelinc successor, up-kome quaestus ist durch 
Verdunkelung aus e durch das w des altem Anlauts qw entsprun- 
gen. Das inlautende v mag der Grund zum Schwanken eines altem 
seven Septem in soven abgegeben haben. 

Anmerkung 2. Die Klangform des ö muß, wie der Ueber- 
gang in ä zeigt, eine breite, vom runden 6 entfernte gewesen sein. 
Ein Umlaut des ö ist unserer Periode fremd. 



in. Lange Vocale. 

§. 32. Die langen Vocale des altmeklenburgischen 
Dialektes sind zwar dieselben fünf, welche auch das 
Alts, besaß, a, e, e, ö und ü. Da aber das Meklenbur- 

fische sich der Diphthonge so gut wie ganz entledigt 
at oder sie wenigstens in einem sehr bescheidenen 
Maße zur Anwendung bringt, so folgt daraus die Noth- 
wendigkeit, den langen Vocalen insgesammt ein weiteres 
Gebiet, als sie im Alts, inne hatten, einzuräumen, sodaß 
es sämmtliche Lautsteigerungen umfaße. Da die Laut- 
steigerungen nun sechs an der Zahl sind, so ergibt 
sich schon vorläufig, daß einer oder mehrere der mnf 
langen Vocale in mehreren Bedeutungen stehen müßen. 
Bedingung fiir den Bestand eines langen Vocals ist 
es, daß ihm nur einfache Consonanz nachfolge, während 
mehrfache Consonanz aus langem Vocale kurzen erwirkt, 
wovon Beispiele bei der Betrachtung der kurzen Vocale 
schon zahlreich aufgeführt sind. Von dieser Kegel sind 
Ausnahmen nur im Falle unechter Synkope oder Con- 
traction gestattet, obgleich auch für diese bisweilen die 
Hauptregel durchgreift. 

§. 33. Die Ansicht, daß im Mnd. , also auch im 
Altmeklenburgischen, nur in einsilbigen Wortern eine 
Unterscheidung kurzer und langer Vocale zuläßig sei, 
daß dagegen m mehrsilbigen Wörtern das Princip der 
Quantität so gut wie erstorben sei, daß der ' lange Vocal 
der Penultima verkannt werde und in derselben vor ein- 
fachem Consonanten nur ein betonter Laut stattfinde, 
den man nicht lang nennen dürfe und dem der Cir- 
cumflex nicht gebühre, selbst wo er aus organischer 
Länge hervorgegangen sei, — muß als eine irrige ab- 
gewieseij werden, da die dafür beigebrachten Gründe 



Lange Vocale. 29 

• 

nicht ausreichend sind. Man stützt jene Behauptung auf 
das metrische Gesetz der Hebungen, auf die Reime und 
auf die Schreibung.* Jenes m*e tri sehe Gesetz aber, 
nach welchem in der mhd. Verskunst das Reimwort im 
klingenden Verse die dritte und vierte Hebung tragt, 
muß für das Mnd. dahin gewandt werden, daß in der 
mnd. Poesie es üblich geworden (wie auch selbst in der 
mhd. Lyrik schon des 12. Jahrhunderts), den klingen- 
den Endreim, dessen vorletzte Silbe gleich gut kurzen 
Vocal mit Position oder tonlangen Vocal oder organische 
Länge enthalten kann, nur für eine Hebung mit über- 
zähliger Silbe zu rechnen. Die Reime ferner, welche 
wir bei wirklich genau reimenden mnd. Dichtern, etwa 
bei Veldeke und Holle oder auf meklenburgischem Ge- 
biete im JB. S. oder bei L, finden, beweisen nicht nur 
nicht, daß die langen Vocale mit den Tonlängen über- 
einkommen, sondern im Gegentheil, daß man die langen 
und die tonlangen Vocale E und genau auseinander 
zu halten wußte, also e und 6 nicht zu e und ö hatte 
herabsinken laßen. Dies wird noch deutlicher ersicht- 
lich, wenn wir beachten, daß betontes i und u vor' ein- 
fachem inlautenden Consonanten stets zu e und ö wer- 
den, daß aber die organischen Längen t und ü ebenso 
constant verharren, auch in der betonten Penultima, und 
also zum Reime mit e und ö imtauglich sind. Somit 
dürfte die oben angenommene Identität von ä und ä 
nicht in einer Verminderung der Länge ä als vielmehr 
in einer Erhebung des ä ihren Grund haben. Was end- 
lich die Schreibung der langen Vocale anbetriflFfc, so 
steht zwar fest, daß die Handschriften und Drucke in 

einsilbigen Wortern gerne ä durch ae oder a, das e durch 

eCj das 6 durch oe oder o, das ü durch ue oder d, und das i 
durch ij oder y bezeichnen, daß sie aber in der Tonsilbe 
mehrsÜbiger Worter das unvermehrte Vocalzeichen auch 
zur Bezeichnung des langen Vocals zu verwenden pflegen. 
Hieraus darf aber nicht geschloßen werden, daß eine 
Minderung des quantitativen Werthes der organischen 
Länge in der Tonsilbe mehrsilbiger Wörter statthabe; 
denn andererseits ist auch oft in einsilbigen Wortern 
dem langen Vocale kein Zeichen der Länge ertheilt, 

^ Vgl. Grimm, Deutsche Grammatik, I^ 251 fg. • 



30 Lange Vocale. A. 

während die Anwendung desselben auch in betonter 
Pennultima zweisilbiger W örter nicht eben eine Seltenheit 
ist. Auch wird geltend gemacht, daß die beiden Diph- 
thonge ei und ie, welche zwei verschiedene e vertreten, 
gemeiniglich nur in der Ultima ständen, dagegen sich in 
e zu verdichten liebten, wenn sie aus der letzten in die 
vorletzte Sübe gesetzt würden. Die Menffe von Belegen 
zweisilbiger Worter mit ei, welche beigeoracht werden 
können, widerlegt diese Behauptung wenigstens insoweit, 
daß dieser Gebrauch nicht als charakteristisches Merk- 
mal des echt Mnd. gelten kann. 

§. 34. Gegen die von den Handschriften und Drucken 
angewandte Bezeichnung der Länge vermittels des 
den Buchstaben a, o, u beigesetzten e, welches bisweilen 
auch über dieselben tritt, kann eingewand,t werden, daß 
sie eine Verwechselung mit dem Umlaute zulaße oder 
gar befördere. In der That ist dadurch in der Ueber-^ 
gangszeit aus der umlautsfreien Sprachperiode in die, 
welche den Umlaut zur Durchfuhrung bringt, die deut- 
liche Erkenntniss der Lautlehre wesentlich erschwert. 
Für die ältere Sprachperiode aber kommt der Uebel- 
stand gar nicht in Betracht und später, sobald das über- 
gesetzte e definitiv zum Zeichen des Umlautes geworden 
ist, tritt als Längezeichen das h immer allgemeiner auf. 
Die Wahl des stummen e zu jenem Zwecke erhält ihre 
Berechtigung durch den Umstand, daß hinter langen 
Vocalen, sonderlich vor Liquiden, sich gern ein ver- 
stohlenes e einfindet. ^ Da die Existenzbedingungen der 
langen Vocale sich in einsilbigen Wörtern zu denen der 
kurzen, in mehrsilbigen zu denen der tonlangen Vocale 
nicht ausschließend verhalten, so ist es noth wendig, 
das grammatische Längezeichen, den Circumflex, in allen 
Fällen zur Anwendung zu bringen. 

§. 35. Langes A hat die Bedeutung behalten, 
welche ihm im Alts, zukam; es ist die erste Steige- 
rung des Wurzellautes Ä. Die Beschränkung jedoch, 
welche sein Gebiet im Alts, durch das e erfahren, geht 
im meklenburgischen Dialekte um ein bedeutendes Stück 
weiter. In der Aussprache föllt das ä, so weit wir ur- 
theilen können, mit dem ä zusammen, und es eignet ihm 

. ^ Der Meklenb.urger spricht noch heute z. B. Sweri^n, 



Lange Vocale. A. K 31 

also wie diesem ein dumpfer nach neigender Laut. 
Daß aber in einem frühern Sprachstande, vielleicht noch 
gegen 1300, der Laut des ä rein gewesen sein müße, 
läßt sich daraus schließen, daß e die Stelle seines Um- 
lautes einnimmt. Beispiele: sälich beatus, säl-de beati- 
tudo, här crinis, swär gravis, wäre veri, präm (? ä) navis, 
Jcämen venerunt, erf-näme heres, gän ire, mäne luna, 
änich vacuus; ävent vespera, gräve comes, scJiäp ovis, 
släpen dormire, pdwelün pavo; roden consulere, gnade 
gratia, dräde celeriter, af-lät remissio, quät malus, bla- 
sen flare; vräghe quaestio, Mk palus ignominiosus, spräke 
lingua; smä-heit parvitas, nä propinquus. 

Bisweilen wird ä durch Contraction hervorgerufen 
z. B. van capere, slän ferire, lan sinere aus vaJien, slagJien, 
loten und nach hochdeutschem Vorgange hon aus haben 
für hebben habere. 

§. 36. Langes J$ war bereits im Aits. ein drei- 
faches ; hauptsächlich als zweite Steigerung des Wurzel- 
lautes I verwandt, kam es auch als erste Steigerung des 
Wurzellautes A und des Wurzellautes U vor, sodaß es 
sich einerseits mit ä, andererseits mit ie oder ü berührte. 
Diese drei Bedeutungen hat . auch das £ des meklen- 
burgischen Dialektes; es ist 1) die erste Steigerung 
des Wurzellautes Ä, 2) die zweite Steigerung des 
Wurzellautes 1, 3) Brechung der ersten Steigerung 
des Wurzellautes U, ohne daß es einer dieser Functio- 
nen mehr als den andern angehörte. Der dreifachen Be- 
deutung des £ entspricht eine dreifache Lautnuance, 
wenigstens durch den größten Theil unserer Periode. 
Am Ende derselben haben sich das zweite und dritte e 
so sehr genähert, daß dieses mit jenem zusammenzufallen 
scheint. (Vgl. §'. 39.) 

§. 37. Das e als erste Steigerung des Wurzel- 
lautes A findet sich nur in mehrsilbigen Wörtern, 
theilweise mit ä wechselnd. Die Mehrzahl der Belege 
gibt die Vermuthung an die Hand, e als Umlaut des 
d zu faßen, neben welchem der unumgelautete Vocal 
häufig bei Bestand blieb, z. B. selich beatus, swere gra- 
vis, were esset, neme caperet, bequeme commodus, wene 
opinor; greve comes, grevinne comitis uxor, schepen Ovu- 
lum (R, S.), pewesen pontifixjibus ; vor-redere proditores, 
mite metirer; seghen viderent, negher propior, smelik 



32 Lange Vocale. E, 

iiidignus. Außerdem findet sich das e neben seltenem! 
ä auch in den Piuralformen des Indic. Praet. starker 
Verba mit Wurzelvocal Ä, welche im Mhd. und Alts, 
an dieser Stelle ein ä bieten, und deren zweite Silbe 
kein i, sondern u enthielt; am sichersten wird sich der 
somit unorganische Umlaut erklären, wenn wir ein Vor- 
dringen der Optativformen in den Indicativ annehmen. 
Beispiele: nemen ceperunt, quemen venerunt, iweren 
fuerunt, treden calcaverunt, beden petiferunt, deden fece- 
runt, seien sederunt, eten cibum cepimus, pleghen soliti 
sumus, breJcen fregerunt. Vgl. quäme-wi venimus, lägen 
jacuerunt (.'klagen E. S. 712, 759). 

§ 38. Das e in seiner zweiten Bedeutung, als zweite 
Steigerung des Wurzellautes I, wechselt in den meisten 
Fällen, sowol in einsilbigen als in mehrsilbigen Wör- 
tern mit dem Diphthonge ei, mit welchem es auch im 
Reime oft gebunden wird. Daraus ist ersichtlich, daß 
die Klangform dieses e nach eben jenem Diphthonge hin 
von dem reinen J?-Laute auswich, welchen wir für das 
e der J.-Reihe in Anspruch nehmen müßen. In ein und 
demselben Sprachdenkmale oder in Schriftstücken, welche 
weder räumlich noch zeitlich weit aus einander liegen, 
erscheinen z. B. die Wörter hei salvus, delen partiri, 
hemelik domesticus, clandestinus, ohem patruus, en unus, 
wenich pauUum; Schede fines agri, bo-reden parare, swet 
sudor, schetel vertex, -het Subst.-Bildesilbe, meseke parus, 
^5CÄew jubere, ^65^ animus; eghen proprius, eiew quernus, 
auch in den Formen heil^ deilen, heimeUk, oheim, ein, 
weinich, scheide, bo-reiden, sweit, Scheitel, -heit, meise, 
eischen, geist, eighen, eiken, so freilich, daß die Schrei- 
bung mit e vor der mit ei vorherrscht. Ob der Mangel 
eines Beleges für den Wechsel des e mit ei vor Labia- 
len auf Zufälligkeit beruhe, oder wie im Neuniederl. 
auf einer Regel, vermag ich nicht zu entscheiden; denn 
es steht außer. Präteritalformen ablautender Verba nur das 
Wort rep funis zur Verfugung. Dagegen steht nur e vor 
den Buchstaben r und w und zumeist im Auslaute, wenn 
w oder h abgeworfen worden, z. B. er prius, ere bonos, 
here dominus, keren vertere, leren docere, mer magis, 
sere valde, erste primus; ewich aetemus, sele anima; 
e lex, kle trifolium, re caprea, sne nix, we miseria. • In 
den Formen des Sing. Ind. Prät. ablautender Verba 



Lange Vocale. E. 33 

mit dem Wurzellaute I herrscht gleichfalls durchaus e 
z. B. grep prehendi, bUf mansit, ret fissum est, Utk 
passus est; weJc cessi, stech ascendit. Vgl. §. 44. 

§. 39. Das e als Brechung der ersten Steigerung des 
WurzeUautes U entspricht dem alts. ie^ welches schon im 
Alts, bisweilen in e sich verdichtete. Dies e verdrängt den 
Diphthong ie, welcher vom iu, io, ia herkommt, immer 
mehr. Während es nämlich in der ältesten Zeit des 
Dialektes häufiger mit demselben wechselt, bildet in dem 
Zeiträume von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis 1500 
der Gebrauch des e oder des ie ein unterscheidendes 
Merkmal zwischen dem meklenburgischen Dialekte und 
seinen südlichen Nachbarn, bis das ie in Schriftstücken 
des 16. Jahrhunderts, welche deutlich unter hoch- 
deutschem Einfluße stehen, wieder auftaucht. Nehmen 
wir an, daß die Klangform dieses e anfänglich dem ie 
sehr nahe gestanden habe, so müßen wir zugleich be- 
merken, daß sie sich im Laufe der Jahrhunderte allmählich 
mit der des e in der J-Reihe vermische. Dies wird außer 
durch den gegenwärtigen Sprachstand auch durch den 
in Urkunden um 1500 zienilich häufigen Schreibfehler 
dargethan, welcher den Diphthong ei, den Vertreter des 
e der J-Reihe, auch für e=ie eintreten läßt. Beispiele 
des* e=ie sind: Ml navis, her cerevisia, derte bestia, 
derne puella, rem lorupi, denen servire, denst servitium; 
dep profundus, leve amor, def fiir, (kein ew) ; beden prae- 
bere, vor-dret molestia, geten fundere, vor-Usen amittere, 
bese juncus, best lac novum (Ch,); bo-dregen fallere, sek 
aegrotus, tehen^ ten trahere; ne nunquam (S. R.), Jene 
genu, vU ftige. 

§. 40. Es erübrigt, noch der durch Contraction 
entstandenen e zu gedenken. Sie finden sich namentlich 
in den Präteritalformen starker Verba mit Wurzellaut 
A, I oder U, hervorgegangen aus Zusammenziehung ur- 
alter Reduplicationssilbe mit der Stammsilbe, z. B. helt 
tenuit, vel cecidi, venghe capßrem, slep dormivi, rep cla- 
mavi; Schede separaret; lep cucurri, zu holden, Valien, 
vangen, släpen, röpen, scheden^ Topen. Außerdem ergibt 
die Contraction zweier Silben, deren erste tonlanges e 
enthält, ein e, wenn der ausfallende Inlaut ein h ist, 
z. B. sen (:ten) videre, gesche fiat von sehen, geschehe; 

Iferger, Grammatik« 3 



>\ A 



34 Lange Vocale. /, O. 

dagegen schützt ausfallendes g den Bestand des ton- 
langen e in sede dicebat, dedingen rem agere von seggen, 
degedingen u. a. 

§.41. Langes /ist wie im Alts, die erste Steigerung 
des Wurzellauts L Sein in einsilbigen und mehr- 
silbigen Wortern gleicher Laut bedarf keiner Erörterung. 
Beispiele: tdle tempus, Her Cursor, girich avidus, viren 
feriari, Urnen agglutinare, rtnesch rhenanus, smn sus; 
rip maturus, grtpen prehendere, Jciven certare, ttoiveln 
dubitare, Uf vita, corpus; idel vanus, sit humilis, slitev 
rumpere, quit vacuus, spise cibus, Ustcr obscurus; vUghen 
nectere, hrtgen accipere, sttge viginti res, -ige Subst.-Bilde- 
silbe, dik lacus, rike regno, vrich Über, Ikham, Uchenam, 
corpus, Uhen praebere; ni novus, m-et consecratus, vi-ent 
hostis, Mle furfur. Durch Ausfall eines folgenden n wird 
i zn i gesteigert in vif quinque. Das i des Adverbs Mr^ 
hijr (N. B.) hie, entsprechend alts. her-, hir, hier ist 
durch das auslautende r gewirkt. 

Anmerkung. Statt des i bieten Handschriften und Drucke 
neben ij häufig y, welches Zeichen, wie erwähnt, für i und auch 
für j steht. 

§. 42. Langes hat in den meisten unserer Sprach- 
denkmäler zwei Functionen, dieselben, welche ihna im 
Alts, zukamen. Es ist nämlich sowol die zweite 
Steigerung des Wurzellautes ^, als auch die zweite 
Steigerung des Wurzellautes U, sodaß es nicht 
nur einem mhd. uo, sondern auch einem ou oder 6 ent- 
spricht. Beide Laute sind zwar mit einander reimfähig, 
decken jedoch einander nicht. Dies wird dadurch be- 
wiesen, daß in der Mehrzahl unserer Sprachdenkmäler 
dem 6 als zweiter Steigerung des Wurzellautes A ein 
zweites Zeichen ü gleichbedeutend zur Seite steht, welches 
nicht fiir das ö der J7-ßeihe einzutreten vermag. Setzen 
wir also dieses letztere als den reinen 0-Laut an, der 
Bezeichnung oo oder oe gemäß, so ergibt sich für das 

6 der -4-Keihe aus der wechselnden Bezeichnung o, o, «i, 
daß die Klangform des Lautes nach ü hin auswich, auf 
das hochdeutsche uo weisend. 

Von den zahlreichen Beispielen beider 6 einige bei- 
zubringen, wird genügen. Das 6 der f7- Reihe bieten 
ror arundo, hören audire, dromen somniare, Ion praemium; 



Lange Vocale. Ö, Ü. 35 

stop poculum, lopen currere, love fides, lof frons, howen 
caedere; doden interficere, vlöt fluxit, stöten tuiidere, 
vor-lös amisi, losen, liberare, tröst solatium; öge oculus, 
vor-hoghen tollere, 6k etiam, roken fumare, dröcÄfefellitu. a. 
Das ö der -4-Reihe dagegen enthalten stöl sella, volen 
sentire, swor juravi, roren tangere, -dorn Sqbst.-Bilde- 
silbe, nömen nommare, äon facere, söne reconciliatio ; 
röpen- clamare, scöp creavit, över ripa, drövich tristis; 
demödich modestus, moten occurrere, mot debeo, vröt 
prudens, host tussis; nöghen satisfacere, slögen percus- 
serunt, hok über, sökcn quaerere, droch portavi, kroch 
caupona; kö vacca, schö calceus u. a. m. Fast neben 
allen Wortformen dieser letztern Keihe finden sich Ne- 
benformen mit ü (s. §. 43); einzig die Präteritalformen 
ablautender Verba mit Wurzelvocal A scheinen nur un- 
gern ü statt 6 anzunehmen. 

Anmerkung. Vereinzelt entsteht o aus Trübung eines u durch 
vorangehendes w in wor ubi, von dem berefits alts. so sie abzusehen. 

§. 43. Langes Ü gebraucht der meklenburgische 
Dialekt als erste Steigerung des Wurzellautes U, 
an der Stelle des alts. ü oder iu\ zugleich dient abeir 
auch ein % meist ü geschrieben, als Zeichen der zwei- 
ten Steigerung des Wurzellautes A (s. §. 42). 
Nur vereinzelt findet Reim dieser beiden ü statt, die laut- 
lich durchaus von einander verschieden gewesen sein 
müßen, indem nur dem erstem der Laut des nhd. ü 
beikam, dem letztern dagegen, wie aus der üblicheren 
Schreibung 6 erhellt, der c/-Laut nur als Beimischung 
zugegeben war, die in dem 6 bald mehr, bald minder 
zu Gehör trat. — Beispiele des reinen w, zur Reihe des 
Wurzellautes U gehörig, sind gül aper, küle fovea, sür 
acidus, sturen gubernare, compescere, schüm spuma, düme 
poUex, brün fuscus, hetünen sepire; krüp repe, süpen 
sorbere, hüve cucuUus, süver purus, schuf promove, rüwe 
poenitentia; Z^^dehomines, dwde^cÄ germanicus, ftne^sponsa, 
slüten claudere, hüs domus, düsent mille, (cru^e crux), 
knüst tuber (R. Sj., vüsten "pugnisj un-küschen moechaLri; 
betugen testari, strük frutex, brüken uti, tüch testis^ bü 
domicilium. An Belegen des ü=^6 der .4-Reihe stelle ich 
(meist aus i?. S.) zusammen stül sella, ruren tangere, 
'dum Subst.-Bildesilbe, nümen nominare, süne recon- 
ciliatio; rüpen vocare, üver ripa; hüden custodire, blüt 

3* 



36 Lange Vocale. V. Diphthonge. 

sanguis, sute dulcis; hrüger caupo, vor-vlükede maledixit, 
MüJc prudens^ slüch percussit, genüch satis; hü vacca. 

Anmerkung 1. Das Wort ^«J bonus, ^tidfere bona, findet sich 
gemeiniglich mit u für o, selbst bei iV. Ä., welcher sich im übrigen 
des ü bedient, yielleicht um äußere Aehnlichkeit mit dem Worte 
yod deus zu vermeiden. 

Anmerkung 2. Das früher zweisilbige vWun^ amicus erscheint 
später in der Form vrunt, welche sich sogar zu ure»^ abschwächt; 
es ist wegen der mehrfachen Consonanz im Auslaute nicht wahr- 
scheinlich, daß eine mittlere Form vrunt vorhanden gewesen. 

IV. Diphthonge. 

§. 44. Von den alts. Diphthongen sind iu, io, ia, eUy 
eo, ecu und uo im Altmeklenburgischen aufgegeben worden, 
nur ei und ie sind bei Bestand geblieben; zu diesen ge- 
sellen sich oi und ou und mit letzterm in einzelnen 
Quellen wechselnd ^aw, hervorgerufen durch den Einfluß 
der Spiranten j und tv auf vorhergehenden Vocal. Die 
Silbenzahl des Wortes ist für die Existenz der Diphthonge 
von lj.einem Belang. 

♦ Der Diphthong EI ist einerseits Stellvertreter des 
e als zweiter Steigerung des Wurzellautes /. Wir haben 
ihn in dieser Function bereits §. 38 kennen gelernt, wo 
auch die nothigen Beispiele gegeben sind. Es mag noch 
hinzugefugt werden, daß einige Wörter selten oder nie 
anders als mit ei geschrieben werden, namenthch vor- 
beiden exspectare, heide silva, heidene paganus, leidefi^ 
ducere, weide pascuum, ingeweide intestina, arbeiden labo- 
rare; reise iter, geisseien flagellare (S. J2.), sei es, weil 
man diese Wörter in solcher Form von den obersach- 
sischen Nachbarn überkam, oder weil die Consonanten 
d und s dem Bestände des Diphthongs besonders günstig 
waren und man dadurch zugleich einen graphischen Un- 
terschied von ähnlich aussehenden Wörtern mit e oder 
e, z. B. rese gigas, vorbeden vetare erhielt. — Anderer- 
seits ergibt sich ein festeres, im ganzen selten durch e 
vertretenes ei durch die Einwirkung der Spirans j auf 
vorhergehenden -4-Laut. Die Verbindung eij erscheint 
in den Quellen dann gewöhnlich als ey oder seltener mit 
verhärtetem j als eig, Z. B. ei ovum, eiger ova, dreyen 
torquere, kreie cornix, meyen metere, neyen suere, seye^i 
serere, teyn decem, weyen flare. Aehnlich bildet sich ei 



Diphthonge. Auslautende Vocale. 37 

durch Zusammenziehung in den Lehnwortern meister 
magister, leie laicus und den Formen II. III. Sing. Ind. 
Praes. geist, geit, steist, steü, deist, deit von gän ire, stän 
Stare, don facere. Durch Erweichung •eines g entsteht 
das ei des Wortes seisse falx (L, 8,) vgl. mit ahd. segansa. 
Der Diphthong IE kommt in keinem Worte aus- 
schließlich vor, sondern überall nur im Wechsel mit dem 
gebräuchlicheren e als erster Steigerung des Wurzel- 
lautes U oder in den Präteritalformen reduplicirter Verba. 
Vgl. §§. 39, 40. 

Anmerkung. Ungenaue Schreiber, namentlich späterer Zeit, 
ziehen das ie selbst in y=i zusammen. 

Der Diphthong 01^ auch oy geschrieben, wird er- 
zeugt durch die Einwirkung der Spirans j auf ein vor- 
hergehendes 6 in wenigen Wortern wie schote calcei, 
mögen vexare und ähnlichen, welche daneben häufiger 
bloßes zeigen. Als fremdartiffer Umlaut des ou er- 
scheint es in froychen virgo nobilis (L. SX 

Der Diphthong OÜ verdankt seinen Ursprung der 
Spirans w und wechselt öfters mit ow und üw, z. B, drou- 
wen minari, douwen rorare, houw foenum, houwen caedere, 
louwe leo, mouwe manica, nouwe accurate, rouwe quies, 
tromve fides, getrotiwe fidelis, vrotiwe domina, vroutven 
gaudere, mit Ausfall des w in froude gaudium. In ein- 
zelnen Quellen steht gleichbedeutend und mit ou wechselnd 
ein AU, so namentlich im „Narrenschiff". 



S.chlußbemerkungen zur Lehre von den 

Vocalen. 

§. 45. Auslautende Vocale. Ueber die Quantität 
auslautender Vocale kann nicht mit Sicherheit entschie- 
den werden.^ Zwar ist zweifellos anzunehmen, daß die 
volltonigen Wörter, Substantiva, Adjectiva und Verba, 
namentlich diejenigen, welche durch Abfall einer Spirans 
vocalisch auslautend geworden sind, überall die ihnen 
eignende Vocallänge behalten, z. B. nä propinquus, stä 
sta, se lacus, e foedus, vri liber, ni novus, dö fac, schö 
calceus, kö vacca, vro laetus, sü porca; twe duo, dre 

1 Vgl. Grimm; De^tsche Grammatik, I', 260, 



38 Auslautende Vocale. Brechung. 

tres. Anders aber scheint es mit den Pronominalformen 
und den Partikeln zu stehen, welche im Zusammenhange 
der Rede bald als Proklitika oder Enklitika tonlos wer- 
den, bald hervorgehoben den Hochton erhalten. Die 
Quantität des Endvocals solcher Wörter wird als von 
der Betonung abhängig anzusehen sein, dergestalt, daß 
Hochton Vocallänge fordert, Unbetontheit dagegen Kürze 
des Vocals wirkt oder ihn in die Schwächung e wandelt. 
Der Art sind da ibi, ja immo, lue is, de hie, hi, we quis, 
se ea, ii, mi me, di te, gi vos, do tum, so sie, to ad, 
du tu, nu nunc u. a. m. 

§. 46. Brechung. Als gebrochene Vocale des alt- 
meklenburgischen Dialektes haben wir die Kürzen e und 
0, die Tonlängen e und ö (a) und die Länge e erkannt, 
insofern jene aus altem i oder u herstammten, diese durch 
Vermittel ung des ie (ia^ io) aus iu entstanden war. Was 
zunächst die Länge e=^ie anbetrifft, so verhielt sie sich 
zum ungebrochenen Laute ü genau wie die alts. Diph- 
thonge io, ia, ie zum m, mithin war hier das Gebiet und 
also das Gesetz der Brechung dasselbe geblieben, welches 
im Alts. galt. ^ Dagegen fanden wir das Gebiet der 
Brechungen c, e, o und ö auf Kosten der ungebrochenen 
Laute i und u im Vergleiche zum alts. Bestände .gar 
sehr erweitert, imd sahen, daß im Altmeklenburgischeii 
Brechungsgesetze Geltung haben, welche dem Alts, noch 
fremd sind. Es scheint passend, dieselben hier recapitu- 
lirend zusammenzustellen. 1) Brechung, des i und w zu 
e und vrird hervorgerufen -durch einen in der folgen- 
den Silbe ursprünglich vorhandenen ^-Laut. Verhindert 
wird diese Brechung durch trennende Gemination des n 
oder Verbindungen desselben, seltener durch geminirtes 
oder verbundenes m, vereinzelt in Part. Praet. durch ge- 
minirtes oder verbundenes Z. — 2) Brechung des i und 
u zxk e und ö erfolgt, abgesehen von der ursprünglichen 
Beschaffenheit des Vocals der folgenden Silbe, überall, 
wo Tondehnung eintritt. — 3) Brechung des i zu e wird 
ohne Rücksicht auf die ursprüngliche Beschaffenheit des 
Vocals der folgenden Silbe herbeigeführt durch einfaches, 
geminirtes und verbundenes r, sowie durch die Ver- 



^ Von einigen Formen I. Sing. Ind. Praes., wie gete, hede n. s. w. 
gegenüber alts. giutu^ biudu kann hier abgesehen werden. 



Brechung. Umlaut. 39 

bindimgen des l, außer mit Zungenlauten. Brechung des 
u zu erfolgt durch Verbindungen des r. — 4) Nach 
Analogie zweisilbiger Nebenformen oder nahe liegender 
Flexionen mit e laßen einsilbige Wörter bisweilen die 
gebrochenen Laute e oder e statt des ungebrochenen, 
der ihnen eigentlich gebührt, eintreten. 

§. 47. Umlaut. Während im Alts, nur das e als 
Umlaut des a vorhanden war, ist für unsere Periode 
noch das e als Umlaut des ä hinzugekommen. Daß da- 
gegen die Umlaute der und U (o, ö, ä, ö, u, «) fehlen, 
ist bereits als charakteristisches Merkmal des hier be- 
handelten Zeitraumes der Dialektentwickelung angegeben. 
Ihre Einfuhrung in den meklenburgischen Dialekt geschah 
in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Da aber zu 
dieser Zeit der i-Laut der Endungen, welcher organi- 
schen Umlaut weckt, längst in farbloses e verwandelt 
war, so lag in dem Dialekte selbst kein Grund zur Bil- 
dung neuer Umlaute vor. Sie sind in ihm nicht der Er- 
satz eines Lautes, für dessen Verlust in der Endung das 
Wort in seiner Stammsilbe entschädigt werden soll, 
sondern nur ein neues Mittel der Flexion oder der Wort- 
bildung, bestimmt, schädlich scheinender Einförmigkeit 
zu wehren. Hatte man sich aber. zwei oder drei Jahr- 
hunderte lang ohne dieses Mittel beholfen, warum hätte 
man es nicht länger gekonnt? Die Umlaute der und 
U erscheinen daher nicht als aus dem Leben des Dialektes 
selbst hervorgegangen, sondern einem Pfropfreise' gleich 
von außen herzugebracht und eingeimpft. Eben darum 
herrscht in ihrer Anwendung anfänglich auch eine große 
Unsicherheit. Dies ist namentlich in den ältesten Drucken 
des aus Speier stammenden Druckermeisters Ludwig Dietz 
zu Rostock der Fall, in denen jene Umlaute zuerst auf- 
treten. Während sie nun in der meklenburgischen Schrift- 
sprache, deren Vertreter wir in den Dietz sehen Drucken 
besitzen, bereits bald nach 1520 als durchgedrungen zu 
betrachten sind, gewinnen sie nicht so schnell m der 
mündlichen Verkehrssprache deis Volkes Raum, sodaß 
z. B. Lambert Slagghert den Gebrauch des Umlautes 
der O und U noch nicht kennt, und selbst die Rostocker 
Chronik ihn nur äußerst spärlich anwendet. . 

&. 48. Diphthonge. Die Zahl der meklenburgischen 
Diphthonge beschränkt sich auf die in §. 44 angeführten, 



40 



Vocalsy8tein. Consonanten. 



geführten, welche ihren Ursprung meist der Einwirkung 
einer Spirans verdanken. Wenn in handschriftlichen 
Sprachdenkmälern noch andere Vocalverbindungen sich 
vorfinden, so sind dieselben entweder nichts als Schreib- 
fehler oder vom Schreiber, der seine Heimat in irgend 
einem andern Gau des deutschen Landes hatte, in den 
meklenburgischen Dialekt hineingetragen. 

§. 49. Von Einzelheiten abgesehen stellt sich nach 
den gewonnenen Resultaten der Vocalismus des alt- 
meklenburgischen Dialektes in folgendem Schema dar^: 



Schwächungen. 


Wurzellaut. 


I. Steigerung. 


Il.Steigerung. 


i [e, e] u [o, ö, a] 


a, ä (e, e) 


d (e) 


• 0, u 


( ) = Umlaut 


i [e, c] 


A 
l 


e seit, et 


[ ]— Brechung 


u [o, ö, a\ 


ü [^] 


o 



^-Reihe 



/-Reihe 



C7-Reihe 



Zweiter Absclmitt. 

« 

Von den Consonanten. 

§. 50. Die Cpnsonanten können nach sehr verschiedenen 
Principien eingetheilt werden, wie nach ihrer Lautbarkeit, 
nach ihrer Zeitdauer, nach den Organen ihrer Hervor- 
bringung. Für die obliegende Betrachtung der einzelnen 
Consonanten scheint es aber zweckdienlich zu sein, nicht 
streng systematisch nach einem dieser Principien zu ordnen, 
sondern (namentlich mit Rücksicht auf Grimm, Deutsche 
Grammatik, 1% 462 — 465) freier zuerst die Gruppe der 
sogenannten Liquiden auszusondern und dann die übrigen 
Consonanten, die Muten und Spiranten, nach ihren Or- 
ganen geordnet folgen zu laßen, sodaß sich vier Grup- 
pen ergeben: 1) Liquidae l, r, m, n; 2) Labiales &, p, 
V, f, w; 3) Linguales d, t, s,. z\ 4) Gutturales r/, \ c, 



' Vgl. §. 9. 



Consonaiiteu. Geininstion Liquidae. L. 41 

§. 51. Das Consonantensystem des meklenbiirgischen 
Dialektes hat sich, wie schon eine oberflächliche Ver- 
gleichung dieser Aufzählung seiner consonantischen Laute 
mit dem altsächsischen Bestände zeigt, von diesem da- 
durch entfernt, daß einerseits die im Alts, vorhandene 
Aspirata des Zungenlautes (th) aufgegeben und anderer- 
seits in die Reihe der Kehllaute ein ch eingeführt worden 
ist. Einen weiteren Unterschied hat das Auftreten eines 
Auslautsgesetzes bewirkt, welches die Lautstufe einiger 
Muten verändert, jedoch nicht allgemein, sondern nur 
für die einzelnen Organe aufgestellt werden kann. 

§. 52. Die Gemination der Consonanten ferner hat 
im Inlaute an Umfang gewonnen, indem zur organischen 
Verdoppelung und zu der durch Assimilation bewirkten, 
welche das Alts, wenn auch nicht im gleichen Umfange 
kennt, noch eine dritte Art der Gemination hinzukommt, 
die nur in dem Bestreben ihren Grund hat, ursprüng- 
liche Kürze des vorangehenden Vocals zu wahren und 
Entstehung einer Tonlänge zu verhüten. Im Auslaute 
pflegt an Stelle des geminirten Consonanten der einfache 
einzutreten. Dies Gesetz wird von den Schreibern jedoch 
nicht strenge beobachtet, und namentlich entziehen sich 
f[ und ck ihm in der Regel, treten vielmehr im Auslaute 
und vor ^'häufig auch da auf, wo der einfache Laut f 
oder h zu erwarten wäre. 

L liquidae. 

§. 53. Von den vier Liquiden werden zwei (Z, r) in 
der Mundhohle vermittels der Zunge und des harten 
Gaumens gebildet, die dritte (m) bildet sich in der Mund- 
und Nasenhöhle zugleich, die vierte (w) in der Nasen- 
hohle allein. Die Verhältnisse der Liquiden sind fast 
dieselben wie im Altsächsischen. 

§. 54. Das L steht an-, in- und auslautend. Im An- 
laute vertritt es zugleich das alts. ÄZ, z. B. laden onerare, 
lachen ridere, ogen-lit palpebra, löpen currere, lot sors, 
lutter purus, lüt clarus. Im Inlaute leidet das l zuweilen 
Metathesis, z. B. vorvulchtich fugitivus, mehrfach in U. 
für und neben vluchticK Gemination hat aus den §. 52 
erwähnten drei Gründen statt ; organisch ist sie z. B. in 
vollen cadere, stillen compescere, rulle volumen; assimi- 



42 Liquidae. L, R, 

lirt aus Ij in helle tartarus, teilen numerare, wüle voliin- 
tas; durch Vocal Verkürzung entstanden in hillich sanctus 
aus alts. helac. In hillich tritt einfaches l zurück, so- 
bald die zweite Silbe durch Synkope entfernt wird, z. B. 
Iiilghen sancti, reliquiae. Die in- und auslautenden Ver- 
bindungen des l sind folgende: LS/, halm calamus; LP, 
helpen juvare; LV und damit gleichbedeutend vor t und 
im Auslaute LF, sahen unguere, sulver argentum, sulf 
ipse, geweifte fornix; LjT, 5cwföe judex vici, stolt superbus; 
LD im Auslaute LT, apilden consumere (R. C,)-, itwZdefrigus, 
geweldich potens, sculdich obnoxius, kolt frigidus, walt 
vis, «;eZ^ Campus; LS, hals coQum; LG^ (/a/ye patibulum, 
deigen delere; LA, kalk calx, welk qualis, sulk talis; LSCH^ 
valsch falsus. 

Anmerkung. Ein häufig für organisches II eintretendes id in 
dem Worte alder- vor Superlativen und alderweyen undique lä&t 
vermuthen, daß man um 1500 bereits anfing, in der Aussprache die 
inlautende Verbindung Id dein // gleich zu machen. 

§. 55. Das li gibt im Anlaute nicht nur das alts. r, 
sondern auch das hr wieder, z. B. rein purus, rink cir- 
culus, berufnen gloriari, röpen vocare, roren tangere, 
rüwe poenitentia, rodde canis venaticus, ags. hrydda* 
Die anlautende Verbindung ivr beharrt dagegen meistens. 
Im Inlaute tritt es in Wurzeln für s in derselben Weise 
ein, wie dies im Alts, der Fall war, und ebenso auch in 
der Flexion der Verba kesen eligere, vorlesen amittere, 
vresen frigere im Part., im Plur. Ind. und im Opt. Praet. 
und des Verbums wescn esse im Plur. »Ind. und im Opt. 
Praet. Häufiger als das l vnrd das inlautende r von 
Metathesis betroffen, welche entweder die Verbindungen 
rt, rs und rn herstellt, oder die Verbindungen rchy rv 
und rf auflost; z. B. dortich 30, ors equus, hörst inopia, 
hörst pectus, Kerst Christus (U,)^ hernen incendere; vrucht 
timor, gewracht operatum, wreve^i ambire, hedroft deside- 
ratum vgl. mit mnd. oder mhd. druttich, ros, hresten, 
hrust, Krist, hrennen, vurcht, werken^ werven, dotveti. 
Im Auslaute leidet das r öfters Apokope, wenn es in 
unbetonter Flexionssilbe steht. — Die nicht häufige Ge- 
mination des r ist entweder organisch oder durch 
Assimilation aus älterem rs gebildet, z. B. narre stultus, 
knurren murmurarc, tverren impedire, errieh erroneus, 
dorre aridus. Da3 rn wird selten zu rr; weit gebrauch- 



Liquidae R. 43 

lieber als verre procul, sterre Stella^ oder verkürat ster^ 
sind die Formen verfie und steme dem Meklenburger. 
Das Wort herre dominus, verkürzt Äer, iV, läßt das rr 
durch Synkope entstehen. — Die in- und auslautenden 
Verbindungen desrsind: RL^parle margarita; iJJtf, kar- 
inen queri, storm procella ; RN, arne messis, steme Stella, 
torn turris; RV auslautend RF, erve heres, vorderven 
perdere, ^^ar/* mortuus est, darf deheo; RPy werpe jsLcio^ 
dorp vicus; RW, varwe color, gerwen parare; RD aus- 
lautend RT, wurde custos, werdich dignus, worde verba, 
swert gladius, wort verbum; JRjT, start cauda, swart niger, 
smert dolor, herte cor; US, ors equus, ers anus (R, S.); 
RST, arste medicus, vurste princeps, hörst nemus; RG, 
BGH auslautend RCH, ergheren irritare, borgere cives, 
ÄörcÄ arx, berch mons; RK, ^^arÄ;^ validus, werke opera. Zu 
mehreren dieser r- Verbindungen ist einiges anzumerken, 
was auf die Aussprache des r in ihnen etwas Licht wirft. 
Das r der Verbindung rst erfährt schon in unserm Zeit- 
räume Auswerfung in dem durch U. belegten host neben 
hörst nemus. Daß die Verbindungen rn, rd auslautend 
rt (und wahrscheinlich auch rs) den ihnen vorangehenden 
Vocal gern verlängern, ist bereits im ersten Abschnitte 
mit Beispielen belegt. Die auslautende Verbindung rn 
endlich nimmt häufig ein e an sich, sodaß torn ira, körn 
frumentum die Nebenformen torne und körne an vielen 
Stellen (U., R. S., N. J?., P.) aufweisen, während an- 
dererseits borne und born fons neben einander bestehen; 
dies Endungs-c kann sogar zwischen das r und n treten. 
Vergleichen wir hiermit die Erscheinung, daß auch aus- 
lautendes einfaches r in tonvollen Wortern gern den 
Vocal verlängern läßt, in unbetonten Endsilben aber 
leicht abfällt, und weiter den Umstand, daß Reime 
zwischen tonlangen und organisch langen Vocalen nirgends 
häufiger gestattet werden, als vor dem Consonanten r, 
daß also durch diesen Consonanten der Unterschied jener 
beiden Vocalklassen mehr oder weniger aufgehoben ward: 
so ergibt sich uns für die Aussprache des r als Regel, 
daß dieser Laut seine volle consonantische Kraft nur im 
Anlaute, in der Gemination und in den Verbindungen 
^h Tm^ rv, r/*, rp, rw^ rt^ rg, rch und rk bewahrte, da- 
gegen im Auslaute, in den Verbindungen rw, rd (rt)^ rs, 
rst und im Inlaute zwischen zwei Vocalen sich ab- 



44 Liquidae. M. 

9 

schwächte. Diese Abschwächung des consonantischen 
Werthes geschieht sehr leicht, sobald das r nicht mit 
der Zungenspitze am harten Gaumen, sondern mit dem 
breiteren Theile der Zunge am weichen Gaumen hervor- 
gebracht wird. 

§. 56. Das M wird dadurch erzielt, daß die zum 
Sprechen zu verwendende Luft nicht durch die Mund- 
öffnung gelassen, sondern gezwungen wird, eben wie 
dies auch beim n geschieht, durch die Nasenhohle zu 
entweichen. Während aber bei Erzeugung des n die 
Senkung des Gaumensegels die Mundhöhle abschließt, 
läßt sie, beim m nur unvollkommen vollzogen, die Luil 
der Mundhöhle, welche durch Schließung der Lippen 
nach außen abgesperrt wird, resoniren. Wir haben die- 
ser Auffassung nach das m als ein in der verschloßenen 
Mundhöhle resonirendes n (Nasenlaut) anzusehen. * Da- 
durch erklärt es sich leicht, daß mancherlei Berührung 
des m mit dem n stattfindet, und daß m sich als der 
schwierigere Laut gern in n abschwächt. Der meklen- 
burgische Dialekt läßt diese Abschwächung im Auslaute 
gern eintreten, und wenn auch die Schrift noch einzelne 
m in Endsilben bewahrte, so zeigen doch Reime wie 
lobodem scrobs coriaria: soden coxistis, daß man in der 
Aussprache sich ihrer entledigte. Selbst im Dat. Sing, 
männlicher und sächlicher Adjectiva, wo es früher durcli 
nachfolgendes e geschützt war, ließ man bald nach 1500 
das m bisweilen dem n weichen, sehr zum Schaden der 
Flexionsregel. Gemination des m ist entweder orga- 
nisch wie m Memmen ascendere (R, C), smmmen natare, 
Stammes stirpis; oder entstanden durch Assimilation aus 
mb in lamme agno, mnme circum, Jcummer anxietas aniroi; 
aus mn in stemme vox; aus mj in temmen domare, oder 
zur Vocaiverkürzung angewandt in hemm£l coelum, der 
gewöhnlichen Form, welcher gegenüber hemel {R. S.) als 
veraltet erscheint. Der Verbindungen des m sind 
wenige, mit denen des n sich ergänzend. Es liegt in 
der Natur des Lautes, daß er sich fast ausschließlich mit 
Labialen, die gleich ihm Verschluß der Lippen fordern, 
verbindet. Daner wird, wo m mit Dentalen sich berührt, 
fast regelmäßig ein p als Zeichen der schnell erforderten 

1 Vgl. etwa K. Vierordt, Grundriss der Physiologie des Menschen. 



Liqnidae. M, N. 45 

Lippend£Pnung eingeschoben. Die Verbindungen sind: 
MB^ umhe ciYc\xm\ MP^ kamp campus; MPT^ mt; ampt 
munus, nimpt sumit; MPST, mst^ nimpst^ sumis, tö- 
kumpst adventus. 

Anmerkung. Das Wort ratio heißt meklenburgisch stets vor- 
nufft, welche Form das einzige Beispiel von Ausfall des m vor einer 
Labialis vräre, wenn nemen das Stammwort — Vereinzelt steht die 
Assimilation des n an folgenden Labial zu ?n in der Zusammen- 
-setzung ambeginne initium für und neben anheginne. 

§. 57. Das N steht im Anlaute auch an Stelle des 
alts. hn^ z. B. in ntgen inclinare, nap calix, ags. hnäp, 
nache cervix, not nux, altn. hnakki^ hnoL Im Inlaute 
fallt es seltener aus als im Alts.,' wo f, s und th kein n 
vor sich dulden. Theils ist der Grund solches Ausfalles 
durch Verwandlung des th in d aufgehoben, theils sind 
die betreffenden Wörter verloren. Nur vif 5^ gas anser und 
die Pronominalform iis nos mit ihren Ableitungen ver- 
bleiben, dazu die Endung ede, et der Subst. joghet Juventus 
doghet virtus, und der Ordinalia sövede, neghede, teghede von 
soven 7, neghen Q^Jeghen 10. Was die Quantität des Vocals 
vor dem ausgefallenen n anlangt, so steht zunächst für die 
unbetonte Endung ede^ et die Kürze des e fest; in den 
Wurzelsilben aber ist Verlängerung des Vocals an- 
zunehmen. Sicher ist die Länge des 6 in gos. Gegen 
die Länge des i in vtf können die Formen vefte quintus, 
vefteyn 15, veftich 50 nicht als Instanzen gelten. Denn 
gleichwie sich aus dre tres die Ordinalzahl dridde mit 
Verkürzung des Vocals bildete, so entstand aus vif wegen 
der mehrfachen Consonanz vefte, und der Analogie die- 
ser Form folgend ergaben sich vefteyn und veftich^ bei 
denen freilich vergessen sein mußte, daß es sich nicht 
um Ableitung, sondern um Zusammensetzung handle. 
Daß man dies aber auch sonst vergaß, kann wiederum 
aus der Zahl drittich 30 ersehen werden. Die Beihen 
drittich^ dridde^ dre und veftich (vichtich), vefte, vif laufen 
alsQ parallel. Der dritte Stamm üs endlich, welchen 
ältere Urkunden des 14. Jahrhunderts in dieser Form 
geben, nimmt später ^sein n wieder auf, was kaum ge- 
schehen sein würde, wenn nicht in der Verlängerung 
des Vocals noch eine Spur des n sich erhalten hätte. — 
Im Auslaute tritt AbfsJl dqs n bei Pluralformen des 
Verbums in der Regel ein, .^enn ein nachgestelltes Pro- 



46 Liquidae. N. Labiales. B, P, 

nomen sich als Enklitikon mit ihnen verbindet. — 
Gemination des n ist in den meisten Fällen organisch; 
z. B. bemannen com]piere viris, kennen novisse, minne 
amor^ ronner Cursor, tunne amphora; Assimilation bildet 
nn aus nd in penninc denarius, schinnen excoriare, 
vexare; zur Vocal Verkürzung dient es in mennich mul- 
tus, honnich mel. — Die in- und auslautenden Verbin- 
dungen ^es n sind, da die Labialen ein m statt n vor 
sich fordern, nur folgende: ND, auslautend NT, ander 
alius, henden manibus, vinden in venire, Tconde poteram, 
stunde hora, hint infans, munt os; NT^ munter monetarius, 
plante planta; NS, Uns vectigal, tinse noster; NST, gunst 
favor, mwn^^er monasterium; NZ, ntz, ganz integer, dantzen 
saltare; NG-, ngh, auslautend NK, nc, nck, slange anguis, 
genghe usitatus, vinger digitus, sunghen cantatus, lani 
longus, dine res, stranck funiculus; NK, danken gratias 
agere, drijik bibe; NSCH^ minsche homo. Weiteres über 
die einzelnen Verbindungen ist bei den zweiten Be- 
standtheilen derselben zu geben. 

• 

II. Labiales. 

§. 58« Das Meklenburgische hat fünf Lippenlaute, 
die Media b, die Tennis p, eine weichere Spirans v, eine 
härtere f, und die weichste (Fricativa) w. 

Die Medial steht, wie im Altsächsischen, unverbun- 
den nur im Anlaute, aber nicht im Inlaute, und nicht im 
Auslaute, an welchen beiden Stellen sie durch v und f 
vertreten wird. Geminirtes b ist dagegen im Inlaute vor- 
handen, z. B. flabbemunt os labrosum (R. S,), hebben ha- 
bere, kribbe praesepe, kivenibbe homo contentiosus (N i?.J, 
dobbelen ludere, tesseris. Anlautend geht b die Verbin- 
dungen BL und BR ein, z. B. bleken latrare, bUde ballista, 
bliven mauere, blöme flos; bret tabula, breken frangere, 
brüt sponsa, brüken uti. Die einzige inlautende Verbin- 
dung MB behauptet sich noch eine Zeit lang in umbe 
circum, geht aber sonst durch Assimilation in mm über. 

§. 59. Die Tennis P steht im Anlaute nicht häufig 
und zumeist in Fremdwörtern, sowol allein ifi packt re- 
demtio, pand pignus, parse torcular, page equus, pape 
clericus, pär par, pels pellis, penninc denarius, perd equus, 
pelegrim peregrinuB^ pik pL^^ pzn cruciatus, ptpe tibia. 



Labiales. P. V. F. 47 

jwst postis, pot oUa, pol palus, j)«/wf pondo, putte putens, 
pülen vellicare, als auch in den Verbindungen PL und PH 
in planke tabula, plate thorax, phgen solere, pliclit of- 
ficium, plucken carpere, plugen (plogen) arare; pranh 
pompa, präm navis, preJcel pruritus, prester clericus, prts 
pretium, provest praepoeitus, pröven probare. Das an- 
lautende p der Verbindung ps in Fremdwörtern wird 
regelmäßig abgeworfen, sahn psalmus, salter psalterium. 
Häufig findet sich das p im Inlaute und Auslaute, z. B. 
hnape puer equitis, hapen sperare, släpen dormire, sivej^e 
flagellum, depe profundi, rtpe maturi, open apcrtus, lopen 
currere, krüpe serpo; drap ici, schäp ovis, rep fiinis, 
scMx) navis, grtp gryps, köp emtio, up supra, sfq) bibe. 
Inlautend wird es organisch und durch Assimilation aus 
pj gemini rt z. B. kappe cucullus, lippe labrum, hoppe 
iupulus, kloppen pultare, knuppel fustis; scJieppen creare. 
In- und auslautende Verbindungen geht p mit den Li- 
quiden l, r und m ein. Beispiele der Ip, rp, mp sind 
§§. 54, 55, 56. gegeben. Die Verbindung PT nebst mpt 
setzt Synkope voraus, z. B. hegript capit, slopt dormit, 
ampt munus. Veränderungen ihrer Lautstufe erleidet die 
Tenuis p nur in den Verben kopen emere und dopen 
baptizare, wenn sie durch Synkope eines e mit dem 
gleichzeitig in t sich verwandelnden d der Endung des 
Praet. oder Part. Praet. in Berührung kommt, indem sie 
in die Spirans f übergeht z. B. kofte emit, vorkoft ven- 
ditum, gedofte baptizati aus köpede, vorkopet, gedöpede. 

§. 60. Die beiden Spiranten Fund F sind im An- 
laute durchaus nicht von einander verschieden. In der 
Mehrzahl unserer Sprachquellen wird jedoch das Zeichen 
V dem /'vorgezogen, dessen härterer Laut jedenfalls dem 
Anlaute zukam. So finden vnr z. B. meistens vanghen 
capere, veste arx, visch piscis, volgen sequi, vul plenus, 
vahene saepe, ver 4, vöden nutrire, aber auch forderen 
postulare, fast firmus, foghen Jüngere u. s. w. Dasselbe 
Verhältniß finden wir in den anlautenden Verbindungen 
VL, fl und VB, fr^ z. B. vleke sa gitta(S. ü.), vleten fluere, 
vUt diligentia, flöken maledicere, flighen nectere; vrame 
utilitas, vräghe quaestio, vrede pax, vri Über, vrot pru- 
dens, vroude gaudium, vrunt amicus, untfrigen liberare, 
frucht fructus. — Im Inlaute begegnet zwischen zwei 
Vocalen ausschließlich die weichere Spirans v, welche 



48 Labiales. F. F. W. 

dem alts. 6, &Ä entspricht, z. B. 6at7ew supra, graven 
fodere, geoe do, lovede votum, dvend vesper, greve comes, 
twivel dubitatio, höve ager, hüve cucullus, driven agere, 
kiven pugnare. Ebenso ausschließlich herrscht im Aus- 
laute die härtere Spirans f^ z. B. graf sepulcrum, gif 
da, lof laus, dref egi, Mf pugna; außerdem tritt /in der 
Verbindung mit t und st ein, z. B. lofte votum, craft 
vis, drift agit, gif st das, liefst habes. In gleicher Weise 
entsprechen inlautende Verbindungen i F, ^Fden auslau- 
tenden LFy RF und den Ifty rft^ z. B. halve, half, helfte 
dimidiüm ; derven debere, darf, dorfte. Als Regel für den 
Wechsel des v und f ergibt sich uns aus diesen Be- 
obachtungen, daß „inlautendes v im Auslaute und vor f 
und st zu f werden muß", und umgekehrt, daß , jedes 
auslautende f sich inlautend in v verwandeln muß". 
Wahre Gemination der Spiranten v und f hat nicht 
statt; nur das Fremdwort offerenoSerre^ sacrificare 
und das aus dem Mhd. entlehnte schaffere oeconomus 
sind davon ausgenommen. Nichtsdestoweniger wimmeln 
unsere Sprachdenkmäler von dem Zeichen ff, welches 
einige so ausschließlich gebrauchen, daß sie ein einfaches 
/ gar nicht zu kennen scheinen. Wir dürfen uns erlauben, 
für solche ff, fft, ffst^ Ifft^ rfft überall die einfachere Be- 
zeichnung zu wählen, außer wo es sich etwa um diplo- 
matisch genaue Wiedergabe handelt. 

§. 61. Die weichste Spirans TF steht häufig im An- 
laute vor allen Vocalen, z. B. was fuit, wenden vertere, 
wisch pratum, wortele radix, wurt ager hortensis, water 
aqua, wesen esse, wonen habitare, wären servare, wet 
scio, mse modus, wokenere foenerator, wüste desertus, 
und gibt auch die alts. Verbindung hw wieder in werven 
ambire, wile tempus, wit albus und im Pronominalstamm 
we quis mit seinen zahlreichen Ableitungen. Die an- 
lautende Verbindung WL besteht noch in den Wörtern 
widmen heluari (N. E.), wlack tepidus (jV^), ags. vläc; 
mehr hat WR sich erhalten: wrake ultio, wreken ulcissi, 
wringen torquere, wriven fricare, wrögen increpare, alts. 
wrögian, mhd. rüegen, doch beginnt in unserer Periode be- 
reits die Abwerfung des w. Im Inlaute findet sich das 
w nach kurzem Vocale nur in dem Fremdworte wedewe 
vidua, sonst hat es stets langen Vocal oder den Diphthong 
OUf im „Narrenschiff'^ auch au, vor sich, z. B. päwes papa, 



Labiales. W. 49 

Pawel Paulus, Mdwe ungula, etvich aetemus, howe^i cae- 
dere, biiwen aedificare, tniwe fides, grüwelih horribilis, 
rüwe poenitentia, rouwe quies, lomve leo, drouwlnghe 
minatio, genauweste accuratissimum , mauwen manicae. 
Ein iw jedoch kommt nicht vor; statt seiner stellt sich 
durch Uebergang des w in j vermittelt tgh^ ig (yg) ein 
oder das t«; fällt ganz weg, z. B. hespygent sputus^ bespyet 
conspntus, fdghe novi, nye novum. — Verbunden wird in- 
lautendes w mit r, varwe color, gerwen parare; kaum mit 
L — Im Auslaute wird das tv meistens abgeworfen, z. B. 
se lacus, sne nix; doch hält es sich auch in manchen 
Wörtern, z. B, juw vos, gräw canus, bläw caeruleus, row 
quies, houw foenum, douw ros. Das Verharren des aus- 
lautenden k; ist keine bloß graphische Eigenthümlichkeit; 
denn obgleich row zum Keime auf to ad taugt, so zeigt 
doch der später erfolgende Uebergang des auslautenden 
W in j, gh, ch^ daß es auch dem Ohre^erneb^Iich ge- 
blieben sein mußte. 

Anmerkung. Die besonders in Orts- und Personennamen 
Meklenbargs so häufig vorkommende Endung ow, Ableitung -otrescA 
ist wendischen Ursprunges. 

§. 62. Von einigem Interesse dürfte eine Vergleichung 
des meklenburgischen Consonantensystems mit dem hoch- 
deutschen sein. Wir stellen daher hier zunächst die 
meklenburgische Labialreihe der mittelhochdeutschen 
gegenüber*. In der Regel entspricht 

meklenb. mhd. 

fc, 6Z, hr \^ 6, hl, br 

P, Ph Pr \ |- Pf, pfl, pr 

V (f) ) c V 

bb \ ^ PP 

p L-; f,ff 
pp' \^t ^f 

rp. lpy> rf, If 

mp ) » mpf 

V Inlaut b oder v 
/Auslaut p oder f 
w w. 



^ Das Nhd. taugt zu solcher Vergleichung nicht, da es vielfach 
mit niederdeutschen Elementen versetzt ist. 

Nerger, Grammatik. ^ 



5() Linguales. D, 

Asmerkung. Eine Aspirata der Labialreihe ist nicht mehr 
vorhanden. Bereits zur alts. Zeit hatte sich der Uebergang der 
Aspirata hh in die Spirans v angebahnt, wie unsere alts. Handschriften 
bezeugen. Jedenfalls lag die Aussprache der letztem im Inlaute 
noch nicht sehr weit von dem hh ab. 

III. Liinguales. 

§. 63. Die Reihe der Lingualen umfaßt im Meklen- 
burgischen nur die Media d^ die Tennis t und die Spi- 
rans s. Auch hier fehlt die Aspirata; denn das vor- 
kommende th hat keine andere Bedeutung als die der 
Tennis t^ zu welcher es nur eine willkürliche Nebenform 
ist. Zu der Spirans s gesellen sich zwei Zeichen z und 
ß^ welche dem Hochdeutschen entlehnt sind. 

§. 64. Die Media D hat durch den Wegfall der 
Aspirata th aus der Lingualreihe eine doppelte Bedeu- 
tung erhalten, andern sie nunmehr nicht nur die alts. 
Media, sondern auch die Aspirata wiederzugeben hat. 
Dies geschieht sowol im Anlaute als im Inlaute. Alte 
Media haben z. B. anlautend dach dies, ddt facinus, del 
pars, deigen delere, dep profundus, dth lacus, dochter 
nha, dopen baptizare, dör porta, ddt mortuus, dul in- 
sanus, dldus, sic^ düve columba, düvel diabolns, und in- 
lautend lade arca, räden consulere, sede mos, stede firmiter, 
beden praebere, riden equitare, idel vanus, godes dei, 
hlode sanguini, höden custodire, düdesch germanicus, 
brüdegham sponsus. Dagegen haben ihr d aus alter 
Aspirata gebildet, anlautend dank gratia, dese hie, bi- 
derbe probus, def für, denest servitium, dinJc res, cUn 
tuum, dor per, dorp vicus, dörflich egens, dult patientia, 
düsent mille, düdesch germanicus, und inlautend laden 
invitare, gnäde gratis, lede membra, Schede fines agri, 
sniden secare, moder mater. In den anlautenden Ver- 
bindungen DR und DW und den inlautenden LD und 
BD ist in gleicher Weise bald altes d, bald altes th ent- 
halten; jenes in dregen portare, drinken bibere, drtve ago, 
droge aridus, drovich tristis; dwelen stultum esse, dwers 
transversus, dwerch n<inus; milde largus, spilden con- 
sumere, geweldich pötens, kulde frigus; warde custos, 
verdich paratus, swerde gladio, worde verba; dieses in dre 
tres, vordret molestia, drtst audax, drouwen minari; bilde 
imago; erde terra, werden fieri, werdich dignus, vorderen 



Liogoal^es. />. 51 

postulare, morden necare. Die inlautende Verbindung ND 
unterscheidet sich insofern, als bei ihr die Vereinigung 
der Aspirata und der Media schon auf dem Gebiete der 
alts. Sprache vor sich gegangen ist; denn die Verbindung 
nth wird im Alts, entweder durch Ausfall des n oder 
durch Verwandlung in nd vermieden. Media statt Aspi- 
rata haben im Meklenburgischen ander alius, vinden in- 
venire, hundigen nuntiare, munde ori. — Im Auslaute ist 
das d nur selten. Zwar finden sich in allen unsern 
Sprachdenkmälern Formen wie ^od deus, hröd panis, 
död mors, ffäd bonus, ^ä jusjurandum, trid calca u. s. w., 
aber in der Regel tritt mr inlautendes d, unbekümmert 
um den Ursprung desselben, im Auslaute t oder damit 
gleichbedeutend th ein, sowol für unyerbundenes (2, als 
auch für das mit l, r, n verbundene, z. B. ZiY membrum, 
rat consilium, quat malus, IclMh vestis, hot praebuit, hoth 
mandatum, doghet virtus; wcdt vis, wolt silva; hart durus; 
vrunt amicus, j^a^^^manus, blint caecus, rinth bos. Gleicher 
Uebergang in t trifft das d, wenn es durch Elision eines 
e mit einem vorhergehenden Sy f oder ch, also mit Spi- 
ranten, in Berührung kommt, z. B. muste debebat, lofte 
Votum, dofte baptizabat, sochte quaerebat, denen sämmt- 
lieh eigentlich die Endung de oder ede gebühren würde. 
Auchinclination an Formen, welche mit s oder t schließen, 
erzeugt aus d ein t (vgl. §. 65). — Inlautendes d oder t 
fallt bei Elision des folgenden Vocals ofl aus, wenn es 
dadurch mit einem Lmguallaute (^, st) der Endung 
zusammentrifft, z. B. bericht fiir berichtet nuntiatum, but 
für budt praebet, best für betst optimus, lestu für letst-du sinis« 

Anmerkung. Die inlautende Verbindung nd fangt am Ende 
uns^rex Periode an, sich durch Assimilation zu nn zu yerändem, 
z. B. 8chinne7i yezare Ul, gesinnen familia {: hinnen^ S» R.)* In dem 
Wort lan dens Plural tene hat sich das der Wurzel ursprünglich 
angehörige d abgeworfen. 

Gemination des d findet mehrfach statt nur durch 
Assimilation aus dj in bidden precari, middel remedium, 
iedde lectus, drudde tertius, aus bd in hadde habebam; 
oder sie dient besonders ofl zur Vocalkürzung, z. B. 
in den Wortern gaddere clathri, eddel nobilis, edder aut, 
hdder corium, leddich vacuus, nedder deorsum, sedder 
ex, post, wedder iterum, ridder eques, denen sich in der 
Folgezeit bald noch mehr zugesellen. Halten ivir neben 

4* 



52 Linguales. Z>. 1\ 

diese häufige unorganische Verdoppelung des d die 
Möglichkeit der Contraetion zweier durch einfaches A 

äetrennter Silben, z. B. wer aus weder utrum, und weiter 
ie Eiinschiebung eines unorganischen d anstatt einer im 
Inlaute ausfallenden Spirans, z. B. vorsmCtden spernere 
(S, B.)^ so gibt uns dies einen Hinweis auf die Aus- 
sprache des inlautenden einfachen d. Dieselbe muß bei 
weitem schwächer als die des anlautenden d gewesen 
sein, wie sie sich, ganz dem Unterschiede des anlauten- 
den und des inlautenden r analog, ergibt, sobald das d 
nicht «nterhalb, sondern oberhalb des oberen Alveolar- 
Randes erzeugt wird. 

§. 65. Die Tennis T entspricht ganz der alts. im 
An- und Inlaute, sodaß es der Beispiele wie tal nume- 
rus, togen monstrare, tun sepes ; wate^' aqua, hoseten pos- 
sessum, slote arces, lote sino, gete fundo, slUe findo, fnöte 
occurro, diite claudo u. s. w. kaum bedarf. Im Aus- 
laute steht das t entweder inlautendem t oder U ent- 
sprechend, z. B. het melius, slot arx, het calidus, M ex; 
schat thesaurus, wit albus, nut utilitas; oder als Verhär- 
tung des inlautenden d^ z. B. het oratio, trit gressus; 
auch got deus^. — Gemination des t ist häufige organisch 
oder aus älterem tj entstanden, z. B. Tcatte felis, schalte 
thesauro, heuere haereticus, mette matutina, nette rete, 
sette pono, bitter amarus, Mite calor, sitte sedeo, wittich 
prudens, schotte tributo, spoUes ludibrii, hdter purus, 
Iwttik parvus, nutte utilis, putte puteus, schütte jacnlator. 
Dem hochd. wi^ albus entspricht stets wit, flectirt wit- 
tes albi, womit die alts. Form huitt (Cod. Cott, 38) be- 

{jlaubigt wird. Die Verbindungen des t sind im An- 
aute TR und TW, z. B. trüwe fides, trade vesti^um, 
trost solatium; ttvivei dubitatio, twe duo, twisken mter. 
Belege der in- und auslautenden Verbindungen LT, UT, 
MT, NT, FT, FT, ST, KT und CHT, die sich zum 
Theil erst durch Synkope ergeben, sind in den §§. 54 — 57, 
59, 60, 66, 71, 73 verzeichnet. — Wurzelhafbes t wird 
vor den Endungen des Präteriti, welche nach Synkope 
des Bindelautes e mit t anlauten, zu s gewandelt in den 
betreffenden Formen der Verba moten debere, tveten scire 
z. B. muste debebam, wiste sciret. Gleiche Verwandlung 



1 Vgl. Grimm, Deutsche Grammatik, I*, 48€. 



Linguales. T. S. 53 

trifft das auslautende t, wenn an dasselbe ein t^ aus d 
nach §• 64 entstanden, inclinirt, z. B. machstu potesne 
ans madU-du^ shxlstu ans skoit-du*^ doch verharrt auch f, 
z.B. da^=äaf-^f«. Ueber AnsfaÜ des t vor t und ^^ s. §.64. 

Anmerkung 1. Ueber das im Auslaute der Worter nemant 
nemo (ilectlrt nemandes), allent omnibus, unsent nostri, juwent vestri, 
wtV/ent Yolantatem u. a. angehängte t kann erst in der Wortbildnngs- 
lehre gehandelt werden. 

Anmerkung 2. Statt des T tritt in Handschriften und 
Dmoken oft ein TH ein, welches namentlich im Auslaute, doch 
auch im An- und Inlaute willkürlich gesetzt wird. Daß ihm keine 
besondere Bedeutung zukomme, erhellt aus dem beständigen regel- 
losen Wechsel mit bloßem t Wir dürfen es daher gänzlich un- 
beräcksichtigt laßen. 

§. 66. Die Spirans S ist im Au-^ In- und Aus- 
laute häufig und entspricht genau der alts. Ihres Ueber- 
ganges in r ist §. 55 gedacht. Die Gemination des 
s ist nur in wenigen Pällen organisch, z. B. ktissen 
osculsin^ gewisse certi, -nisse Subst.-Bildesilbe, fremd misse 
missa; meist ist sie durch Assimilation aus der Verbin- 
dung HS entstanden, deren sich der Dialekt ganz ent- 
äußert hat, z. B. tvasse cresco, ivasse cerae, vlasse lino, 
vosse vulpi, osse bos, glissenaftich dissimulator (N. R.), 
vereinzelt, aus st in messen stercorare (ü.). Die anlau- 
tenden Verbindungen des s sind: SL, slange anguis, 
siechte genus^ slot el clayis; SMj swer^ dolor; SN, sniden 
secare; SP, spise cibus, spil Indus; SPi?, sprake lingua, 
springe salio; SW, stvart niger, sivet sndoT^ smge taceo; 
ST, stark fortis, stede locus, sticht institutum, stülen 
compescere; STB, strank funiculus, strük frutex; SC, 
sk, scuUe Judex vici, skäl debet, skeide finis agri^ scen 
fieri; SCß, scrift scriptum, scroder sartor (R, 8,), Im 
In- und Auslaute zeigen sich von diesen Verbindungen 
das ST und SK, z. B. mast sagina, hastich celeriter, 
lisi prudentia, kost victus, rüsten parare; iwisken inter, 
visk piscis, busk fmtex; beide sind insofern von andern 
mehrfachen Consonanzen verschieden, als sie auch lange 
Vocale (gegen §. 32) vor sich dulden, z. B. prester 
presbyter, gist animus, trost solatium, meister magister, 
vlesk caro, esken postulare. Die Verbindung sk, sc ist 
bereits fnihe in unserer Periode im Uebergsmge zmn 
8GH begriffen an allen Stellen des Wortes. Dies sd^ 
darf nur setner Entotetinng nach noclr nU Consonanten« 



54 Linguales. SGH, Z, SZ. 

Verbindung bezeichnet werden, aber nicht mehr seinem 
Wesen nach. Der Kehllaut k ist von der Verbindung 
sk abgefallen, jedoch nicht ohne seine Spur an dem übrig- 
bleibenden Laute zu hinterlaßen. Wie schwindende 
Vocale an den stehenbleibenden sich durch Umlaut, 
Brechung oder Tondehnung kundgeben, so wirkt der 
unterdrückte Consonant auf den verharrenden; der 
Schwund des Je verbreitert das s\ indem er aus dem den- 
talen Linguallaute einen palatalen erzeugt. Das seh 
scheint auf niederdeutschem Sprachgebiete ebenso wie 
auf dem hochdeutschen zuerst vor e und i an die Stelle 
des sJc getreten zu sein, dann auch vor andern Vocalen 
und im Auslaute Platz genommen und zuletzt auch vor 
r der Verbindung scr sich eingefunden zu haben. Wo 
aber die ältere Sprache kein sJc aufzuweisen hat, da 
kennt auch der meklehburgische Dialekt ein seh nicht; 
er bedient sich desselben niemals unorganisch statt eines 
s in den Verbindungen sl, sm u. s. w., von Sprach- 
denkmalern abgesehen, die unter directem Einfluße des 
Nhd. entstanden sind, wie etwaP. — Belege: -schap Subst.- 
Bildesilbe, scJieppen creare, schip navis, scheide debebat, 
schulte judex vici, schade damnum, schepel medium, 
schoven- promoverunt, schäp ovis, scheden separare, scMn 
splendor, scho calceus, schüm spuma; Schröder sartor, 
Schrift documentum; -isch Adj.-Bildesilbe, tvasche lavo, 
visch piscis, vlesch caro, eischen postidare u. s. w. Durch 
Synkope wird in- oder auslautendes seh mit Liquiden in 
weitere Verbindungen gebracht, z. B. valsclf falsus, 
mifi'Schc homo, harnsch tnorax. 

Anmerkung. Im Inlaute tindet sich statt seh öfters eine 
dcheinbare Gemination sach^ mei^t nach kurzen Vocalen, wol be- 
stimmt, diese Kürze recht ersichtlich zu machen, z. "B. fla9schen' 
tasacken (iV.), doch auch nach langem Vocal oder Diphthong, z. B. 
**88chen, und darum ohne jegliche lautliche Bedeutsamkeit. 

§. 67. Vom Hochdeutschen hat der meklenburgische 
Dialekt zwei Spirantenzeichen entlehnt, Z und SZ (ß). 
Der Laut, den diese Zeichen darzustellen haben, ist jedoch 
nicht demjenigen gleich, welcher dem einen oder dem 
andern hoehdeutscn zukommt. Gemeiniglich erscheinen 
beide, z und ß^ untereinander wechselnd, als Zeichen für 
den Laut des s sowol im Anlaute als im Inlaute, seltener 
im Auslaute, z* B. sele anima, m^nt sanus, ßehr video, ßo 



Linguales. SZ. TZ. 55 

sie, ßyfnan N. pr., e^el^ eßel asinus, gözea aiiseribus, leßen 
legere^ huße domo; löse liber, manß homines neben 
häufigerem sele, sunt u. s. m'. in den verschiedensten 
Handschriften und Drucken. Wegen dieser Bezeichnung 
dem s einen schärferen Laut als den reinen Sauselaut 
zu vindiciren, verbietet schon das Vorkommen der ß und 
z im Inlaute, wo sicher weiches s verharrte. Viel mehr 
hat die Annahme für sich^ daß der meklenburgische 
Dialekt den hochdeutschen Laut, dessen Zeichen er auf- 
nahm, nicht wiederzugeben verstand, wie man noch heute 
im meklenburgischen Hochdeutsch ein z vermißt. Wo 
wirklich ein schärferer Laut als s bezeichnet werden 
sollte, ward meistens ein TZ, namentlich in der Ver- 
bindung ntz, angewandt, beim Zusammentreffen eines s 
mit >orhergehendem d oder t, z. B. lantz aus landes 
terrae, hanfzJcvn aus hant-sJcd chirotheca, und in Lehn- 
wörtern, z. B. erutze crux, dantzen saltare, glantz splen- 
dor, Jcrentze coronae, gantz integer, gentzelii omnino. 
Statt des ntz dieser Worter erscheinen auch die Ver- 
bindungen nts^ nz^ nß oder n^ in den verschiedensten 
Sprachdenkmälern. 

Anmerkung. Als Beispiel • der Unsicherheit iin Gebrauche 
von 2 und 8 vgl. aus M. S. tzoU Stipendium, trog pervicacia. mit 
mild. 8olt, trotz, 

§. 68. Vergleichung der Lingualreihe mit der des 
Mha. ergibt, daß im Allgemeinen entspricht: 

meklenb. mhd. 

d, dr, dw, alts. d \ v^ t^ tr^ tw 

rf, dr, dtr, alts. thlo^ öf, dr, dw' 

t, Itr ( I z, zw 

tr ) ^ tr 

?d, rd, alts. d ^ ^ It, rt 

id, rd, alts. th iE. Id, rd 

It, rty nt j c Iz, rz^ nz 

dd l > ff 

tt \i^ tz 

SS \p SS, chs 

ffd u. s. w. I^ nd u. s. w. 



56 Gutturales. G, 



IV. Gutturales. 

§. 69. Mit dem missbräuchlichen Namen Guttu- 
rales oder Kehllaute bezeichnet man die Reihe von 
Consonanten, deren Bildungsstätte der hintere Theil 
der Mundhöhle ist, indem eine Anlagerung oder An- 
näherung der Zunge an den Gaumen sie hervorbringt 
Diese Reihe besteht im meklenburgischen Dialekte aus 
der Media g^ der Tennis h, einer weichern Spirans gh^ 
einer härtern ch, und der weichsten (Fricativa) j; die 
Tennis weist zwei Nebenformen auf, c und g. Im An- 
schluße an die Gutturalreihe ist der reine Hauchlaut 
Ji zu betrachten. 

§. 70. Die Media G entspricht im Anlaute genau 
der alts. vor allen Vocalen, z. B. gat foramen, gerwen 
parare, bo-gin principium, gif da, goU aurum, gunst fa- 
vor, bo-gere cupio, Gode Deo, gän ire, gest animus, gi- 
rieh avidus, god bonus, gül aper (jB. ä,). Es geht hier 
die Verbindungen GL, GR und GN ein, z. B. glanU 
splendor, glas vitrum, gliden labi, gram infensus, grave 
fossa, gr f rudi9^ gripe prehendo, grot magnus; gnagen 
rodere, gnisternt Stridor dentium. Im Inlaute kann 
zwar g sowol unverbunden als auch in den Verbindun- 
gen LG, EG und NG verharren, z. B. ewige sempiterna, 
oge^i oculiS) gcdffe patibühim, borgere cives; sammelinge 
communio; gewöhnlicher aber weicht es an dieser Stelle 
der weicheren Spirans gh (vgl. §. 73.). Auslautendes 
g erhält sich gleichfalls äußerst selten in der Schrift, 
in der Aussprache geht es stets in die harte Spirans ci 
über, welche auch in den auslautenden Verbindungen 
Ich und f^h statt lg und rg erscheint. Durch unmittel- 
bare Berührung mit t oder st erfährt g die gleiche Ver- 
wandlung in eh (vgl. §. 74.). Gemination des g fin- 
det sich in den Wörtern Slaggert N. pr., leggen ponere, 
Seggen dicere, liggen jacere, viggent coitus (N. J?.), rogge 
frumentum, brugge pons, rugge tergum; häufig erscheint 
diese Gemination in der Form ggh. 

Anmerkung. AusfaU des g erfolgt in morn für morgen crae, 
freilich an der betreffenden Stelle dös N. nach Vorgang des ober- 
dentschen Originals. 

§. 70*. Mit der inlautenden Verbindung NG oder 



Gntttirales. NG. K. 57 

ngh hat es ähnliche Bewandtniss, wie mit dem seh (vgl. 
§. 66.). Hervorgegangen aus der Nasalirung eines rein 
gntturalischen Wurzelauslauts ^ hat die Verbindung die 
Kraft ihrer Gutturalis aufgegeben, dadurch hat der Na* 
sal allmählich solches Uebergewicht erhalten, daß ein 
einheitlicher Laut entstanden ist, welcher als ein n mit 
Resonanz der hintern Mundhöhle bis an die Bildungs- 
stätte des g bezeichnet werden muß. Weil also die 
Muta g imm untergegangen ist, so gilt auch für ng ein 
anderes Auslautsgesetz als für g oder die echten Ver- 
bindungen lg und rg. Im Auslaute erfolgt kein lieber- 
gang in die Spirans ch^ sondern es verhärtet sich ng 
zu nk^ indem der Dauerlaut ng^ oder wie wir genauer 
bezeichnen können ?^^, durch den momentanen Laut i 
abgeschloßen wird, wenn die Zunge plötzlich ihre zur 
Bewirkung der Resonanz nothwendige Anlagerung an 
den Gaumen aufgibt. Beispiele des inlautenden tig, ngh, 
auslautend nh sind §.57 gegeben. 

§.71. Die Tennis K steht anlautend entweder 
allein oder in den Verbindungen KL^ KR, KN; z. B. 
Tzamp Campus, Icerice ecclesia, kint infans, Icop Caput, 
Tculde frigus, Icäl calvus, Icetel lebes, hörnen venire, Tcäh 
palus ignominiosus , kese eligo, klf pugna, kö vacca, 
kusch castus; klet vestis, klie furfur, klocke campana; 
kreie comix, kroger caupo, krüke urceus, krüpe repo; 
knape puer equitis, knd genu, k77tist tuber. Im In- und 
Auslaute steht einfaches k häufig unverbunden oder in 
den Verbindungen LK, RKj SK und NK, Eine grosse 
Zahl unserer bandschriftlichen wie gedruckten Sprach- 
denkmäler hat aber die Eigenthümlichkeit, statt des ein- 
fachen Zeichens k im In- und Auslaute gewöhnlich das 
ck zur Anwendung zu bringen, welches zugleich und 
zwar berechtigter die Gemination des k vertritt. Es ist 
daher nothwendig, aus den von dieser Eigenthümlich- 
keit freien Quellen und aus den Reimen ein möglichst 
vollständiges Verzeichniss der Wörter mit in- oder aus- 
lautendem organisch ' einfachem k zusammenzustellen. 
Bele^bar sind: bak tergum, dak tectum, hake uncus, 
laken linteum, maJce facio, gemuker cubicula, naket nu- 
dus, quaken coaxare, raken colligere, sähe res, strake 
mtlceo, vakene saepe, vaJc loculus, wake custodio, beke 
iivxi'^. J)eker poculuoi, bleken latrare, breke frango^ heket 



58 Gutturales. A'. C, 

lucius, Mekelenhorch Megapolis, prekel pruritus, rdcen 
ratiocinari, seker securus^ spreke dico, stehe pungo, 
sweJce debilito, vleJce sagitta, weke hebdomas, wreketi 
ulcisci, ik ego, pik, pekes pix, quik, quekes vivus, sik 
se, strik^ strekes laqueus, kokene culina, s^iäke apgub, 
blek pallidus, eke quercus, sek ae^rotus, sehe urina, sme- 
ken adulari, w^ mollis, teyk&n- Signum, dik lacus, kike 
video, Uk par, rike regna, nie dives, sUke repo, strih 
stringo, buk liber, huke fagus, hrük locus palustris, göl^' 
lere impostor, külk prudens, küken placenta, röke fomo, 
soke quaero, hük alveus, hrüke utor, krikke urceus, rwfe 
oleo, slüke devoro^ strük frutex. In den coDSonantischen 
Verbindungen, zu denen Belege in §§. 54, 55, 57, 66 

feliefert sind, versteht sich das Zeichen ck als einfaches 
von selber und ebenso in den durch Synkope ent- 
stehenden KST und KTy z. B. spHkst loqueris, hricid 
frangit. Als Beispiele des wahren ck, der Gemination 
des Ä', mögen acker ager, racken scabere, bracke canis 
venaticus, deckest tegere, treclce traho, blicke adspicio, 
ansticken incendere, stocke baculo, drucken imprimere, 
stucke frustum genügen. 

Anmerkung 1. Hier wird der Ort sein, mich zu rechtferti- 
gen, daß. ich gegen die vielfach übliche Schreibweise meklen- 
burgisch, und nicht mecklenburgisch, schreibe. Diejenigen unserer 
alten Sprachdenkmäler, welche einen richtigen Unterschied zwi- 
schen k und ck zu machen wiÜSen, geben den Namen des Lande.« 
stets in der Form Mekelenhorch, wie er sich den Lautgesetzen ge- 
mäß aus einem alts. te theru miküun bürg entwickeln mußte. Erst 
als man anfing, den Typus c^* mit k wechselnd oder gar aus- 
schließlich zu gebrauchen, schrieb und druckte man M^ckelnhorek^ 
Mecklnborch (P.), ohne daß ein Meklenburger dies je anders als 
Mekelenhorch gelesen hätte. Seit wir in Deutschland aber bemuht 
sind, uns der überzähligen Buchstaben zu entledigen, und seit wir 
ck wie andere Doppelconsonanten nur nach kurzen, nicht nach 
langen oder tonlangen Vocalen verwenden, wäre es Zeit gewesen 
zur richtigen Schreibung zurückzukehren. Wir Meklenburger wor- 
den dann auch in Mittel- und Süddeutschland Mek-knburger heißen, 
wie wir uns selber nennen, und nicht mehr Meck-lenburger titn- 
lirt werden. 

Anmerkung 2. Die Quellen verwenden bisweilen auch gl^ 
an Stelle eines k oder ck^ z. B. Megkelnborch, Rostogk. 

§. 72. Die Nebenform G hat, vom ck abgesehen, 
das k nicht mehr so viel darzustellen wie im Alts. Es 
ist selbst in Fremdwörtern dem k gewichen, z. B. fe?- 



Gutturale». 0. Q. GH. GH. 59 

fnere camera, kemmenade caminata, kummeldür commen- 
dator: und es behauptet sich fast nur in den Verbindungen 
cl, CTy SC, se7' des Anlautes und nc des Auslautes, z. B. 
clang sonuit, crafl vis, sceide fines agri, scrift scriptum ; 
koninc rex. Inlautend entspricht es üblicherem ts im 
Worte crüce crux, namentlich öfter gen. ernces wegen 
lat. crucis. 

Die Nebenform Q vertritt als qw oder qu im Anlaute 
das kWj welches häufiger als im Hochdeutschen ist; z. 
E. quoMer Sputum (jB. üt.), quasserige epulatio (K iJ.), 
qtuzsi fimbria, scopulae, quaken coaxare, quelen cruciari, 
quat malus, bequeme commodus, qwik vivus, quit vacuus. 

Das fremde Zeichen x drückt in Fremdwörtern oder 
Namen den Laut der Verbindung ks aus, z. B. Äxekow 
N. pr., pinxten pentecoste, sext hora sexta, text textus; 
auch xs findet sich in exse securis (6\ /?.). Mit älterem 
hs kommt das x in keine Berührung, da diese Verbin- 
dung durch Assimilation zu ss geworden ist. 

!• 73. Die weichere Spirans GÜ hat ihre Haupt- 
stelle im Inlaute, wo sie sich in gleicher Weise aus der 
Media ergibt wie in der Labialreihe das v aus dem h. 
Wie bereits §. 70 bemerkt worden, tritt aber die Spi- 
rans gh nicht nur für die unverbundene Media, sondern 
auch als zweiter Theil der Verbindungen Igh, rgh, ngh 
und der Gemination ggh ein. Vom Inlaute aus dringt 
das gh weiter in die Stelle des Anlautes vor, zunächst 
und am häufigsten in der tonlosen Vorsilbe ghe-^ femer 
in Stammsilben mit E oder 7, endlich ganz nach Be- 
lieben vor jeglichem Vocal. Im Auslaute kann kein gh 
stehen, sondern wie v dem f\ so weicht es hier der här- 
tern Spirans eh. Beispiele: daghes diei, pleghen solere, 
mndighede peccsivi^ unt-V7ighe lihera.; hilghen saxira^ vor- 
borgheff celatum, henghe pendeo; segghende dicens; ^/»e- 
taghen tractus; bo-ghere cupio, gheve do, in-ghestet in- 
spirat, ghifft donum; ghalgne pstihulum^ ghan ive^ ghavta 
integer, btiidegham sponsus, Ghodes Dei. 

§. 74. Die härtere Spirans CH ist ein Laut, 
welcher sich erst zur mittelniederdeutschen Zeit gebil- 
det und nur unter gewissen Bedingungen aus andern 
Gutturalen sich entwickelt hat. Anlautend kommt das 
ch nur in Fremdwörtern vor, und der Wechsel mit k 
zeigt, daß es hier nicht die Geltung einer Spirans hatte. 



60 Gutturales. GH. 

sondern als Tennis gesprochen wurde, z. B. Christ 
Christus neben Krist oder Kerst (ü.). Im Inlaute da- 
gegen finden nvir die wirkliche Spirans als Gemination 
der alts. Spirans h in dem Worte lachen ridere, wo es 
daher auch die Kürze des Vocals vor Tondebnung 
schützt. Weiter entsteht ein inlautendes ch in zusammen- 
gesetzten Wörtern durch Vereinigung eines auslauten- 
den h mit anlautendem h^ wenn die Zusammensetzung 
nicht mehr als solche erkannt oder gefühlt wird. So- 
bald nämlich der zweite Theil der Zusammensetzung 
gänzlich seiner Selbständigkeit verlustig gegangen und 
zur bloßen Bildesilbe ausgeartet war, ergab sich leicht 
die enge lautliche Verbindung des vormaligen Aus- und 
Anlautes,, und beim Mangel des Aspirata war die harte 
Spirans ch das naturgemäße Resultat des Tc'^-h. Auf 
diese Weise erfolgt die Form licham corpus aus UTcham^ 
wie noch unsere altern Urkunden schreiben, alts. lik- 
hämo, und die von Adjectiven auf -lik gebildeten Sub- 
stantiva in -heit^ wie vrolicheit hilaritas, metUcheit mode- 
ratio u. a. m. — Bei weitem häufiger ist ch im Aus- 
laute. Es entspringt hier, dem Inlaute gh antwortend, 
aus wurzelhafler Media g^ z. B. dach dies, weck via, 
veftich bO^ tvclich alacris, droch fraus, ^racÄ piger, swech 
tacuit, stich _ semita, kroch caupona, tüch testis, auch 
verbunden mit l und r, z. B. herch mons^ talch sevnm, 
oder aus Verhärtung des 7), z. B. geschach fiebat, sack 
vidi, töch traxi, hoch altus, nich hirsutus. Am meisten 
beg^net ch in der in- und auslautenden Verbindung 
CHT^ in welcher es durch Berührung des t erzeugt 
wird aus wurzelhaftem h oder ^, z. B. achte ooto, nadit 
nox, recht justus, v echten pugnare, icht aliquid', richte 
Judicium, dochter filia, lacht aer, irluchten illustrare, 
vluditich fugitivus; en-dracht concordia, jacJU venatus, 
macht potentia, plecht solet, plicht officium, kricht acci- 
pit, seltener aus p^ oder k der Worter seggen^ loggen, 
liggen, soken, werken, z. B. secht dicit, gelecht positum, 
licht jSLQet^ sachte qna^reham^ gewracht operatum, und 
mit Aufhebung des Nasals aus ng, nk der Worter brin- 
gen^ denken, chunken, z. B. gebracht allatus, andaeht con- 
silium, duchte videbatur. Das cht berfilirt sLoh nahe 
mit dem ft^ welches oft in dasselbe ausweicht, z. B. 
vich tch neben v^ftichöO^ -achtichrnebeai -aftich habens. 



Gutturales. LH. 61 

Stickt hiStitutuiD, cracht vis, ruckte fama; dadurch wer- 
den auch Renne zwischen fl und ekt möglich. Wie vor 
t bildet sich auch vor st bei Synkope ein ck aus g^ gg 
oder h^ z. B. luchst mentiris, sechst dicis, sockst 
quaeris. 

§. 75. Die weichste Spirans, Fricativa J ist ein 
seltner Laut und ein nocn seltnerer Buchstabe, denn 
sie pflegt nur im Anlaute zu stehen, bald durch j^ bald 
durch y oder auch i bezeichnet in den Wörtern ja ita, 
jagen- venari, jämer tristitia, jär annus, jenne ille, jode 
Judaeus, jogede Juventus, jok jugum, junger discipulus, 
jufJc juvenis, jüw vos. Vor i wird wurzelhaftes j stets 
zu g in dem Pronomen vos, wie im Alts., und ebenso 
vor e des Wortes gest faex, vgl. ahd. jesan; auch jenne, 
yenieh haben häufig die Nebenform gJiene, ghenick; um- 
gekehrt steht für gegen contra in der Regel jegken. 
Bas firuher vocalisch anlautende ^o, ie semper, unquam 
verhärtet im Laufe unserer Periode seinen Anlaut zu j 
(vgl. alts. gio\ und ihm folgt seine Sippe wie jumment 
aliquis, jummer semper. — Das in- und auslautende j 
pflegt vocalisch au%el6st mit dem vorhergehenden Vo- 
cal zu den Diphthongen ei oder oi verbunden zu wer- 
den, z. B. mey Majus, ver, meyen metere, kreien croci- 
tare, moyen laborare, vgl. §. 44. Es kann neben diesem 
von ihm erzeugten Diphthongen verharren, z. B. wetje- 
Ten negare, aber auch spurlos verschwinden, z. B. vrf 
liber, glo-endich fervens, und kann andererseits steh in- 
lautend zu gk, g verhärten, welchem auslautend ch ent- 
spricht, z. B. vighende hostes, vrigke liberi, nighe novi, 
(s. §. 61), arstedyge medicina, deverighe furtum, vische- 
Hge jus piscandi (U.)^ vrwh liber. 

Anmerkung. Als Verhärtung eines j, welches nach t zur 
Vermeidung des Hiatus eingeschoben worden, ist auch das gh der 
Form schnghen neben sehnen clamare anzusehen. 

§. 76. Der Laut H ist im meklenbur^schen Dia- 
lekte zum bloßen Hauchlaute herabgesunken, der von 
den Sprachwerkzeugen oberhalb des Kehldeckels unab- 
hängig einzig von den Respirationsorganen gewirkt 
wird. Es kann also nicht mehr als Reibelaut der Guttü- 
ralgruppe bezeichnet werden. Im Anlaute wird, daher 
das k von den alts. Consonantenverbindungen hl^kr^kn^ 



62 GaUnrales. H. 

hw durch Aphaeresis entfernt, verharrt aber ais Spiritus 
asper vor allen Vocalen. Im Inlaute wird h in alterer 
Zeit bisweilen noch geschrieben, z. B. sehe video, ge- 
scehen fieri, Ithen praebere, in der Regel fallt es jedoch 
spurlos weg, z. B. U^en praebere, schö-e calcei, worauf 
bei e-e Contraction erfolgt, z. B. s^ videmus, sein 
fieri, ten trahere, Im feudum, oder es vocalisirt sich 
vermöge alter Verwandtschaft mit j in dien Diphthongen 
oi und ei^ z. B. schoie calcei, teyen (contrahirt teyn) ae- 
cem, oder endlich verhärtet es sich wie j zu gh^ g^ z. B. 
ghetagen tractus, negher propior, ^e^A^n viderunt, ge- 
leghen praebitum^ lighen praebere, teghede decima pars, 
hoghe alti, rüglien hirsuti. Das auslautende h fallt ent- 
weder ab, z. B. nä propinquus, vro laetus, hömot su- 
perbia, dor per, oder es verhärtet sich zu r?A, Belege 
8. §. 74. 

Anmerkung. Das anlautende h des Wortes -heit, welches 
Snbstantiv-Bildesilbe geworden, geht bei Znsammensetznng mit aus- 
lautendem ch in diesem ilnter, z. B. welickeit aläcritas, suiicheü 
felicitas; auch nach 8ch pflegt es nicht geschrieben zu werden, 
minacheit bumana natura. Das von haben stammende, zur Bilde- 
silbe' herabgesunkene a/tich, achtich erscheint fast dnrcbgehends 
ohne A, z. B. dela/tich particeps, icänachtich habitans. 

§. 77. Vergleichung der altmeklenburgischeu Guttu- 
ralreihe mit der mittelhochdeutschen ergibt im allge- 
meinen, daß wegen des Herabsinkens des Mhd. von der 
strenghochdeutschen Lautstufe Uebereinstimmung herr- 
sche, daß jedoch entspreche 



meklenb. 




mhd. 


gh Inl. 




9 


99 Inl. 




ek, g 


cJc Inl. 




ck 


i Inl. Ausl. 




ch 


(IJc^ rkj nk Inl. 


AurL 


fc, re, nc) 


chy rch, Ich Ausl. 


• 









Schlußbemerkungen zur Lehre von den Consonanten. 

§• 78. Stellen wir die drei Reihen der Muten und 
Spiranten zusammen, so sehen wir allen gemeinsam den 



Anlaift. Inlant. (j.^ 

Mangel der Aspirata; die Spiranten bieten dagegen in 
der Labial- und Gutturalreine eine reiche Entfaltung, 
nicht 8o in der Lingualreihe , welche eigentlich nur die 
Spirans, genauer die Fricativa s aufzuweisen hat, da tz 
(3) erborgt ist. Demnach ergeben sich folgende Pa- 
rsdielreihen: 

Mutae. Spiranten. 

Med. Ten. Weich. Hart. Fricativ. 

LabiaL h p v f w 

Lingual, d t - - s 

Guttural, g Je gh eh j (h) 

Aus diesem Schema ist ersichtlich, daß die Laut- 
wandelungen, welche durch Inlauts- oder Aüslautsge- 
setze hervorgerufen werden, für die labiale und guttu- 
rale Reihe übereinstimmend, fiir die linguale besonders 
sich gestalten müßen. 

§. 79. Der Anlaut bleibt in seinem ursprünglichen, 
vom alts. Bestände überkommenen Lautverhältnisse un- 
angetastet stehen, nur daß in der Lingualreihe die Aspi- 
ration» aufgegeben wird, also die alts. Aspirata zur 
Media heraosinkt, daß in der Gutturalreihe aie vorma- 
lige Fricativa h als Hauchlaut von consonantischen Ver- 
bindungen abgeschieden wird, und daß in der Labial- 
reihe die Form v dem f in der Schrift * vorgezogen 
wird. 

§. 80. Im Inlaute erleiden die Mediae der Labial- 
und Gutturalreihe Verwandlung in die weiche Spirans 
ihres Organs, indem als Regel feststeht, daß wurzel- 
hafles h zu 1;, und g zu gh werde. Gleicherweise glaub- 
ten wir auch (§. 64.) in der Linsrualreihe eine mildernde 
Wirkung des Inlautes auf die Media d (= alts. d und 
Üh) wahrzunehmen. Zwar war im altmeklenburgischen 
Dialekte dieselbe nicht so deutlich ausgeprägt, daß man 
um ihretwillen ein eigenes Zeichen zur Anwendung ge- 
bracht hätte ; um so merklicher aber wird die Laut- 
nuance, die wir mit d bezeichnen, in der Folgezeit, bis 
sie in der Gegenwart fast den Laut des r erreicht hat. 
Die Liquida r ihrerseits ward gleichfalls durch den In- 



^ Oder wollen die Schreiber uns andenten, daß der Anlaut mil- 
der sei als der Auslaut / (Schreibung ff)*^ 



64 Auslaut. 

laut an consonantiscfaem Werthe geschwächt, woraus 
sich mehrfache Beeinflußiuig des vorhergehenden Vo- 
cals ergab. 

§, 81. Der Auslaut bewirkt aus wurzelbafter Me- 
dia oder, was nach §. 80 dasselbe besagt, aus inlauten- 
der weicher Spirans der Labial- und Gutturalreifae die 
harte Spirans desselben Organs. Dagegen macht der 
Auslaut die Media der Lingualreihe zur Tenuis, sodaß 
sich im auslautenden t die drei alts. Lautstufen d, t und 
th begegnen; ebenso läßt er den Gutturalnasal ng in 
der Tenuis abschließen. — Dem Auslautsgesetze ent- 
spricht der Wandel zur harten Spirans, welchen in- 
lautende .weiche Spiranten der Labial- und Guttural- 
reihe vor st und t erfahren. 

Die soeben aufgestellten Inlauts - und Auslauts- 
gesetze in Betreff der wurzelhaften Media laßen sich in 
folgendes Schema faßen: 

Anlaut. Inlaut. Auslaut. 

Labial. b v f 

Guttural. g gh ch ' 

Lingual. d d t 

Gutt.-Nasal. - n§, ngh n'k. 



Zweites Buch. 

Flexionslehre. 

§. 82. Aus den Lauten entstehen die Wurzeln der 
Wörter, aus den Wurzeln wachsen die Wortstämme 
durch Ableitung und Zusammensetzung hervor. Diese 
Vorgänge hat die Wortbildungs lehre zu erörtern. 
Da dieselbe außerhalb der mir gestellten Aufgabe liegt, 
so bleibe ihre Behandlung spätem Studien vorbehalten. 
— Die Verbindung der Wörter zum Satze, der fertigen 
Begriffsausdrücke zum Gedankenausdruck, wird, ab- 
gesehen von den Formwörtern, durch die Flexion ver- 
mittelt. Diese besteht hauptsächlich in dem Anschluße 
pronominaler Stämme an den Wortstamm und ist, nach 
dem Wesen des letzteren als Verbum oder Nomen, 



Conjngatioh: 65 

unterschieden als Verbalflexion und Nominalflexion. Da- 
durch ergeben sich z\¥ei Abschnitte der Flexionslehre: 
1. die Lehre von der Verbalflejcion oder Conju^tion, 
und 2. die Lehre von der Nominalflexion oder JDecli- 
nation. 



Erster Abschnitt. 

Von der Conjugation. 

§. 83. Die Conjugation eines Verbums hat die 
Aufgabe, das Zahl- und irersonenverhältniss des Subjects, 
und die Zeit, die Aussageweise' und die Art der Thätig- 
keit auszudrucken. Bei den Verlusten, welche die 
deutsche Verbalflexiön zu der Zeit, als der meklen- 
burgische Dialekt überhaupt erst beginnt, bereits er- 
litten hat, muß zum Ausdrucke der bezeichneten Ver- 
hältnisse oft syntaktische S^gung der Flexion zu Hülfe 
kommen. Nach Maßgabe des Alts, kann natürlich nur 
von einem Genus, dem Activum, in der Flexion die 
Rede sein; der Unterschied der Modi hat sich zwar da- 
durch verwischt, daß Bindelaute und Modusvokale alle 
in der Schwächung e sich vereinigt haben, doch er- 
kennen wir noch die drei Modi, Indicativ, Conjunctiv 
oder, wie die Sprachvergleichung Heber will, Optativ 
und Imperativ. Zwei einfache Tempora, Praesens und 
Praeteritum sind vorhanden. Drei Personen in den bei- 
den Zahlformen Singular und Plural kommen zum Aus- 
druck. Außerdem ist noch die absolute Form des Ver- 
bums, der Iniinitiv, und die Bildung zweier Verbal- 
adjectiva, der Participia Praesentis undPraeteriti zu be- 
trachten. 

§. 84. Namentlich die Bildung des Praeteritums 
läßt uns zwei Conjugations weisen unterscheiden, indem 
eine Reihe von Verben es durch Silbeneinfügung zwi- 
schen Wortstamm und Personalendung, eine andere 
durch Veränderung des Stammes selbst bildet. Man 
bezeichnet letzteres als starke, ersteres als schwache 
Conjugation. Eine dritte Gruppe, geringer an Zahl, 
sondert sich von diesen beiden Reihen als anomal ab, 
verschiedene Flexionsweisen befaßend. 

Nerger, Grammatik. 5 



66 Starke Conjngation. Personalendungen. 



Erstes Kapitel. 

Die starke Conjugation. 

§. 85. Die Personalendungen des starken Ver- 
bums sammt Binde- oder Modusvokal lauteten im Alt- 
sächsischen : 

Praesens. Praeteritum. 

Indic. Optat. Imper. Indic. Optat. 
e 

es 
e 

en 

en ad 
en 
Infinitiv aw, Partie. Praes. and (andi)^ Part. Praet. an. 

Diese Endungen haben im Altmeklenburgischen die 
folgende Gestdlt erhalten: 



Sing. I. 


u 


TT. 


is 


IIL 


id 


Plur. I. 


ad 


TT. 


ad 


TTT. 


ad 



- 


t 


• 


.ts 


- 


i 


im 


in 


un 


in 


un 


in 







Praesens 




Praeteritum 




Indic. 


Optat. 


Imper. 


Indic. 


Optat. 


Sing. !• 


e 


e 




- 


e 


IL 


est, st 


est 


- 


est 


est 


m. 


et, t 


e 




- 


e 


Plur. I. 


et, en 


en 




en 


en 


Tl. 


et, en 


en,et 


et 


en, et 


en, ei 


TIT. 


et, en 


en 




en 


en 



Infinitiv en, Partie. Praes, ende^ Part. Praet. en, 

§. 86. Es haben sich, virie eine Vergleichung beider 
Schemata zeigt, alle Binde- und Modusvocale m e ge- 
schwächt und dadurch sind namentlich in den Plural- 
formen die Unterschiede der Modi verwischt worden. 
Im Einzelnen ist anzumerken: 1. Die Endung der 
2. Pers. Sing, st ist entstanden durch Inclination des 
Personalpronomens du an das ursprüngliche s und auf 
den Indic. Praet. übertragen worden. Von der alten 
Form auf s treffen wir um so weniger einen Beleg als 
die Urkunden, welche für das erste Jahrhundert des 
Dialektes unsere einzige Quelle sind, keine zweiten Per- 
sonen zu enthalten pflegen. — 2. Die 2. und 3. Pers» 



S.tarke CoDJngation. PersonalendniigeD. ß7 

Ind. Praes. pflegen den Bindevocal auszuwerfen, so daß 
st und t die ge wohnlichen, est und et die minder üb^ 
liehen Endungen sind; vereinzelt ist die alte Endung 
der 3. Pers. Ind. Praes. it (§. 81) erhalten in altern 
Urkunden, z. B. uoynnit expugnat (U. v. 1330). Die 
Synkope des Bindevocals wird dadurch besonders von 
Wichtigkeit, daß sie als echte Synkope wirkliche Con- 
sonantenverbindungen und damit nothwendig Verkiirzung 
des etwa langen oder tonlangen Stammvocals verur- 
sacht. — 3. Die Pluralendungen haben eine größere 
Mannigfaltigkeit erhalten, als sie im Alts, besaßen, 
einerseits dadurch, daß neben die sächsische Endung et 
sich in allen drei Personen des Plur. Ind. Praes. ein 
en stellt, und andrerseits dadurch, daß die 11. Plur. 
Opt.' Praes. und beider Modi des Praet. neben dem 
altem efi die Endung et aufnimmt. Diese Vorgänge 
werden dem Einfiuße der andern bei Bildung des mek- 
lenburgischen Dialekts thätige^ Sprachen auf das alts« 
Idiom zuzuschreiben sein. Solchen Einfluß aber ge- 
nauer zu bestimmen und abzuschätzen werden wir viel- 
leicht fiiihestens im Stande sein, wenn wir den gesamm- 
ten Schatz der Urkunden bis zum Jahre 1330 hin wer- 
den übersehen und unter sich vergleichen können. Vor 
der Hand scheint es, als wenn der westliche Theil 
Meklenburgs, von ungemischter sächsischer Bevölkerung 
in Besitz genommen und der alts. Heimat näher gele- 
en, erst aus dem ostlichen oder nordostlichen Landes- 
eile, wo nordische Elemente sich dem Volke beimeng- 
ten, die Nebenformen empfangen habe. Diese treten 
immer mehr in den Vordergrund, namentlich das en in 
I. und III. Plur, Ind. Praes., und eben das Neben-« 
einandergehen der Endungen en und et bildet ein 
charakteristisches Merkmal meklenbur^scher Sprach- 
denkmäler. ^ — 4. Das auslautende n der Pluralendun- 
gen wird nicht apokopirt; nur in dem Falle, daß das 
Subjectspronomen nachfolgend inklinirt, wird die Apo- 
kope zur Regel. — 5. Der Infinitiv behält stets sein w. 



s 



^ Deshalb kann es ebenso wenig gegen die mekl. Heimat des 
R. S» geltend gemacht werden, als in demselben die rein sächsischen 
Formen dnrch Emendation hergestellt werden dürfen. 

5* 



gg Starke Conjagstion. Tempasbildnng. 

Wenn er zum wirklichen Substanthr erhoben wird, 
nimmt er die Endung ent an und Wird nach der Weise 
gtarker Neutra flectirt, Gen. endes, Dat. ende^ A.cc. ent. 
— 6. Die beiden Participia folgen adjectivischer Decli- 
nation. Für die Bildung des !rart. Praet. ist zu bemer- 
ken, daß die Anwendung der Vorsilbe ge- nirgends als 
nothwendig erscheint, sondern willkürlich bald geschieht, 
bald unterTaßen wird; häufiger als beim starken, wird 
sie beim schwachen Verb verwandt, natürlich nie bei 
Verben, welche schon eine Vorsilbe haben. 

§. 87. Die Haupteigenthümlichkeit der starken Con- 

S Ration besteht aber nicht sowol in dieser Bildung der 
odus- Zahl- und Personenformen, als vielmehr in der 
Tempusbildung. Dieselbe geschieht durch den so- 
genannten Ablaut d. h. die Veränderung des WurzeU 
vocals nach den Gesetzen der Vocalsteigerung oder 
Schwächung. Durch dieses Mittel bilden sich in den 
starken Verben aus der Wurzel gemeiniglich vier Stämme, 
ein Praesensstamm, zwei Praeteritalstämme und ein Parti- 
cipialstamm^ von denen freilich in sehr vielen Fällen 
entweder zwei oder je zwei, ja alle vier sich wieder 
vereinigen können. Der Praesensstamm gibt alle For- 
men des Praesens nebst dem Infinitiv und dem Partie. 
Praes. her; von dem ersten Praeteritalstämme bilden sich 
die I. und ni. Sing. Ind. Praet., von dem zweiten der 
Plur. Ind. und der Optat. Praet., sammt der aus dem 
Optativ entnommenen 11. Sing. Ind. Praet.; der Parti- 
cipialstamm besteht nur zur Bildung des Part. Praet. 

§. 88. Nach dem Wurzelvocale, dessen Ablaut die 
Seele der starken Verbalflexion ist, zerfallen die starken 
Verba in drei Klassen: Verba mit -4, Verba mit J, Verba 
mit U als Wurzelvocal. Da es nun in der Regel kei- 
nem Verbum gestattet ist, aus der einen in die andere 
dieser Klassen zu weichen, so handelt ^s sich bei der 
Frage nach Bildung der vier Stämme um die Unter- 
suchung, welche Steigerung oder Schwächung der 
Wurzelvocal in der bezüglichen Form annehme, oaer ob 
er unverändert verharre. Außerdem kommen die Ver- 
änderungen der Vocale durch Brechung und Tondeh- 
nung und seltner durch Umlaut in Betracht. Die Wur- 
zeln mit A werden eine größere Mannigfaltigkeit dar- 
bieten als die mit I und mit U'^ da jenen zugleich 



StariEe Verba mit WnrzelUat A. 69 

Sohwackimgeii und SteigerongeD, diesen nur Steigerun- 
gen des Wurzellautee zu Gebote stehen.. (Vgl. §. 49.) 



Erste Klasse. 

Starke Verba mit WuMscllant Ä, 

§. 89. Es bestehen im Meklenburgischen sieben 
Reihen dieser Klasse, deren Ablautsverhältnisse sich sche- 
matisch also darstellen. 



1. 


a 


e—ie 


e ie 


a 


2. 


a 


e ie 


e=ie 


ä 


3. 




e—ie 


e — ie 




4. 


a, ä, e, e 


6, u 


6, u 


a, ä 


5, 


i, e 


a 


A. 

e 


e 


6. 


ij e 


a 


e 


ö, ä 


7. 


i, e 


a 


U, 


U. 



Die ersten drei Reihen sind noch im Gothischen 
reduplicirt, haben aber in der weitem Sprachentwicke- 
lung durch Contraction der Reduplications- und der 
Stammsilbe den Anschein wirklich ablautender Reihen 
gewonnen; aber schon der Wechsel ihres e mit ie be- 
weist, daß das e nicht der J.-Reihe angehöre, also aus 
Contraction entstanden sein müße. Die geschehene Con- 
traction wirkt insofern fort, als auch vor mehrfacher 
Consonanz das e seine Lange bewahrt. Der Diphthong 
ie tritt statt des üblichen e in den ältesten und den un- 
ter hochdeutschem Einfluüe stehenden Sprachdenkmä- 
lern ein (ygl. §. 44). Die Lautverfaältmsse der vier wiA- 
lich ablautenden Reihen erhellen aus dem Vergleiche 
mit der Vocalreihe des Wurzellautes A (§. 49). 

§. 90. I, a e e a. 
Die zu dieser Reihe gehörigen Verba haben sämmilich 
im Wurzelauslaute mehrfach^ Consonanz. Es sind: 
valle cado, holde teneo, volde plico, haame interdico, 
hanghe pendeo, vcmghe capio, und das thematische 
*ganghe eo. 

Von diesen Verben haben vclde vmd batme nur noch 
das Part. Praet. nach starker Flexion; holde und vaide 
verdunkeln ihr wurzelhaftes a durch Id nacti §. 13, 
ebenso die synkopirten PraesensformeD von naUe. Ne- 



70 Starke Verba mit Wurzeilaut A. 

ben dem Infinitiv vangen besteht die aus älterem vähen 
contrahirte Form van. Das Praesens ganghe ist nicht 
vorhanden, dafür tritt das anomale gän ein; das Praet. 
nimmt statt der Form gmc, genghen gewöhnlich die mit 
Kürzung des Vocals gebildete Form ginck an; im Part. 
Praet. bestehen gän und gangen neben einander. Mit 
lianghen mischt sich das schwache Verb henghen. 

§. 91. 11^ ä e e ä. 
Die Verba haben einfachen Wurzelauslaut. Hierher ge- 
hören : släpe dormio, bräde asso, rode consulo, Ute sino, 
blase Spiro. 

Von bräde sind nur das Praes. und das Part. Praet. 
belegbar. Bei Synkope des Bindelauts in II. III. Sing. 
Ind. Praes. verkürzt .sich das d zu o, z. B. blost spirat, 
slopst dorinis. Neben der Form loten besteht der con- 
trahirte Infinitiv län {istan R, S.); die II. III. Sing. 
Ind. Praes. dieses Verbs weisen die Formen lestu, let 
(B. S. 1807. 518.) auf, -welche in der spätem Sprache 
ihre Bestätigung finden. 

§. 92. m, 6 (ü) e { 6 (ü). 
Von dieser Reihe ist das einzige Verb röpe clamo übrig; 
es verkürzt bei Synkope das 6 in o, z. B. ropt (:Tdopt, 
N,) clamat. Das Verb vlöken maledicere ist in die 
schwache Conjugation übergetreten, bewahrt aber neben 
der schwachen Form des Part. Praet. vorvloket die 
starke vorvlöhen. 

§. 93. IV, a, ä, e^ e 6^ u 6, u a, ä. 
Eine Eigenthümlichkeit .dieser Keihe ist es von alters 
her den Präsensstamm mit Hülfe eines j nach Art 
schwacher Verba zu bilden. Dies j wirkt fort, indem 
eine Anzahl von Verben dieser Reihe im Praes. Umlaut 
hat. Da die Mehrzahl der Verbalstänune mit einfachem 
Consonanten schließt, so ist das a oder e im Praes. und 
Part. Praet. meist tonlang geworden; mehrfache Conso- 
nanz des Wurzelauslauts kürzt das 6 des Praeterital- 
Stammes zu u. — 1. Ohne Umlaut des Praesens: vare 
proficiscor, grave fodio, lade onero, slqghe percutio; 
wasse cresco, backe coquo, und das thematische * stände 
sto. 2. Mit Umlaut des Praesens: swere juro, heve 
tollo, dreghe porto, scheppe creo. 

Die Synkope kürzt ä in o, und e in €, z. B. groft 
fodit, dr eckst portas. Das Praesens von slaghen, Wur- 



Starke Verba mit Wnrzellaut A. -71 

zel slah, bildet einige seiner Formen von der Wurzel 
mit un verhärtetem, theils ausfallendem, theils vocalisir- 
tem h^ also U. Sing, sleist, III. sleit^ Flur. I. III. slan, 
III. Sing. Opt. slä^ Imper. slä^ Infin. slän\ im Part. 
Praet. herrscht die Form slaghen vor. — Für das un- 
gebräuchliche Praesens * stände tritt das anomale stän 
ein, im Part. Praet. finden sich standen und stcm neben 
einander. Die Verba heven und dreghen übertragen den 
Umlaut bisweilen auch in das Part. Praet. ; neben dreghe 
besteht, minder üblich, das unumgelautete draghe* 

Anmerkung. Da? Verbum waschen lavare ist zur schwachen 
Conjugation übergetreten. # 

§. 94. Die fünfte und sechste Reihe folgt im 
Altsächsischen den Ablautsformeln: Y^ i a ä e. VI, i 
a ä 0. Beide Reihen enthalten durchaus Verba, deren 
Wurzelauslaut ein einfacher Consonant ist. !Nür. drei 
der betreffenden Verben (biddjan, Uggjßn, sittjan) ver- 
doppeln durch assimilirtes j den Wurzelauslaut im Prae- 
sensstamme; die übrigen alle bewahren ihn auch hier 
einfach. Deshalb muß der Vocal des Praesensstammes, 
das ^, in allen mehrsilbigen Formen Tondehnung und 
damit zugleich Brechung zu e erleiden (vgl. §. 46, 2.). 
In den einsilbigen oder durch Synkope einsilbig wer- 
denden Formen (Sing. Imper., II. III. Sing. Ind.) sollte 
der ungebrochene Vocal i sich wiederherstellen, aber 
die Brechung dringt oft auch in diese Formen vor (VgL 
§. 46, 4.). Das e wird dann in U. III. Sing. Ind. 
durch die sich ergebende mehrfache Consonanz zu e 
gekürzt; ob im Sing. Imper. e oder e anzusetzen sei, 
vermag ich nicht zu bestimmen. Der Wechsel des e 
und i in den einsilbigen Praesensformen bindet sich 
nicht an eine feste Regel; doch ist so viel auszusagen, 
daß das i vor f (v) und m stets , häufig vor p , h und 
d verharre, während vor t und namentlich vor Z, s und 
ch ig) ,sich das e im Uebergewicht befinde. Z. B. gift 
dat, gif da, nimst sumis, dript ferit, irikt frangit, sprek 
loquere, ^r^ calca, vor^e^5^ oblivisceris, vorgit oblivisci- 
tur, stelt furatur, lest legit, plecht solet. 

§. 95. V, % e a e e. 

XJbai^teristisch für die dieser Reihe angehörigen Verba 
ist es, daß der einfache Wurzelauslaut eine Muta oder 



72 ' Starke Verba mit Wiirz«llaiit A, 

Spirana, doch keine Liquida sein dar£ *-*- 1. Mit ein- 
fachem Audaat des Praesensstammea: geve do, drepe 
ferio, trede calco, ete edo, vorgete obliviscor, mete me- 
tior, vrete comedo, lese lego, genese servor, toesen ex- 
stitisse, bewege moveo, stehe pungo, geschehe fio, sehe 
Video. — 2. Mit geminirtem Auslaut des Praesens- 
stammea: hidde rogo, sitte sedeo, ligge jaceo. 

Die Verba drepen und bewegen schwanken zur &1- 

f enden Reihe hinüber, indem sie bisweilen im Part. 
raet.. ä zum Vocale nehmen. Die Verba sehen und ge- 
schehen werfen ihr h im Praes. und im Part. Praet. 
häufig aus, und durch ^die dann erfolgende Contraction 
gewinnen zuvörderst die Infin. sm, scen nebst den an- 
dern contrahirbaren Formen das Ansehen, als gehörten 
sie der zweiten f7-ßeihB an; die Folge davon ist, daß 
auch die einsilbigen Formen in diese Reihe übertreten, 
z. B. II. Sing, siist, III. Sing, sut^ Imper. 5w. neben 
sich vide. Diese Verirrung der Sprache beruht auf der 
Aehnlichkeit der contrahirten Formen mit der ent- 
sprechenden Contraction in der f7-Reihe, tm trahere 
aus tehen; doch nicht das ^, sondern erst das durch 
Contraction aus e-e entstandene e wird mit dem ^, wel- 
ches der Vocalreihe des Wurzellautes ü angehört, ver- 
wechselbar. — Das Verbum stehen ist das einzige auf 
h auslautende, welches in dieser Reihe verblieben ist, 
die übrigen folgen der sechsten Reihe. — Von wesen 
fehlt der Indic. Fraes.; das Part. Praet. lautet bisweilen 
geweset; im zweiten Praeteritalstamme vertauscht es sein 
s mit r, also werest fuisti, weren fuimus, ii^re esset. 

§. 96. VI, (i), e a e ö, ä. 

Die Verbalwurzeln dieser Reibe gehen auf einfache 
Liquida oder h aus ; sie vergrößert sich auf Kosten der 
vorigen Reihe. Die Vocale des Participialstammes ö 
und ä sind nach §. 28 identisch. Hierher gehören: 
heU celo, stele fiiror, bevele commendo, schere tondeo, 
neme capio, qi^eme venio, brehe frango, sprehe loquor, 
wrehe ulciscor, treche traho, dazu aus voriger Reihe 
übertretend drepe ferio, bewege moveo, plege soleo, end- 
lich das thematische *geb€re pano. 

Das Verbum quemen wirft das w seines Anlautes 
htv im Praes. und Part Praet. aus und Ü&t acnm Er- 
satz desaelbta Verdunkelung des Stammvoeals eintreten, 



Starke Verbs mit. Wnrzellaat A, 73 

e ZU ö (a) and i zu u^ also iome (harne), humpsty kumpt^ 
Icomen. - Das Verbum trecken hat unorganische Ver- 
doppelung des Wurzelauslautes erfahr^i und schwankt 
in schwache Conjugation. Von *gebere ist nur noch 
das Part. Praet. geboren übrig; alle andern Formen wer- 
den durch das schwache Verbum telen ersetzt. — Am 
Ende unserer Periode findet sich, aus der vierten Reihe 
entlehnt, im Praet. der Stammvocal 6 ein, welcher durch 
Indentificirung des ä im Part. Praet. mit dem ä der 
vierten Ablautreihe herbeigeführt zu sein scheint: z. B. 
bevol commendavit, sprök dixit, bewach movi, stolen fii* 
rati sunt. 

Anmerkung. Das Verbleiben des alts. zweiten Praeterital- 
ablantes ä statt e ist in dieser und der vorigen Reihe äußerst 
selten (vgl. §. 37.). 

§. 97. VII, ^, e a u, o u, o. 
Wie in der ersten, stehen auch in dieser letzten ^-Keihe 
nur Verba mit mehrfacher Consonanz im Wurzelauslaut, 
und zwar mit Gemination oder Verbindungen der Li- 
quiden ly r, m und n oder mit cht. Nach Maßgabe des 
Wurzelauslautes gestaltet sich die Ablautsformel auf 
dreierlei Weise, indem 1. das nn und die Verbindungen 
des n und des m die Brechung der Stammvocale i und 
u verhindern, 2. das Tl und die Z- Verbindungen nebst 
cht zwar die Brechung des i, aber nicht die des u for- 
dern, und 3. das rr und die r- Verbindungen Brechung 
nicht nur des i, sondern auch des u hervorrufen. Es 

Spaltet sich dadurch also die alts. einheitliche Reihe in 
rei Zwefge. 1. Ohne Brechung der Stammvocaje, i a 
u w. brinne uror, bo-^inne incipio, unt-^rinne effiigio, 
sifme* cogito , spinne neo, tvinne laboro, expugno, binde 
ligo, (^?arinde mmpor,) schinde vexo, swinde tabesco, 
vinde iövenio, winde torqueo, dringe urgeo, dwinge 
cogo, TMnge sono, singe cano, springe salio, stvinge vi- 
bro, wringe torqueo, drinke bibo, sinke cado, stinke oleo ; 
krimpe comprimo. 2. Mit Brechung des Präesensstamm- 
vocals, doch ungebrochenem Stammvocal des Praet. und 
Part. Praet., e a u u: quelle scs^teo^ swelle targeo^ helpe 
juvo, geMe rependo, scheide vitupero, erbeige irascor; 
vechte pugno, vlechte necto. Im Part, Praet. findet bis- 
weilen Brechung statt, z. B. erbolgen^ vloehten^ doch ist 



74 Starke Verba mit Wurzellaut /. 

ungebrochner Vocal üblicher. 3. Mit Brechung der 
Stamm vocale : werre confundo, verderve pereo, sterve 
morior, werve sunheo^ werpe jslcio, werde üo^ berste mm- 
por, vorberge celo. 

Das Verbum brinnen nimmt durch Metathesis des r 
gewöhnlich die Form bernen an und fällt dadurch mit 
dem schwachen Verb bernen urere zusammen. Das 
Praet. von beginnen pflegt begunde nach Art der Prae- 
teritopraesentia zu lauten. Zu drinden gebricht es am 
Belege, doch ist es aus B. S, 1443 (1434) wohl mit 
Recht von EttmüUer conjicirt. — Starke Verba mit dem 
Stammesauslaute mm scheinen dem meklenb. Dialekte 
zu fehlen. 

Anmerkung. Daß sich e vor /*- Verbindungen bisweilen in 
a verbreitere, ist in §. 13 bemerkt worden; dadurch erklärt es 
sich, wenn ums Jahr 1500 Verba der dritten Gruppe vereinzelt 
auch im Praesens den Vocal a zeigen, z. B. vordarven perire ( 17). 

• Zweite Klasse 

Starke Verba mit Wurzellaut /. 

§. 98. Es bestehen zwei Reihen dieser Klasse, von 
denen die eine vordem reduplicirt war, die andere ech- 
ten Ablaut hat. 

I, e=ßi e^=ie e=ie e=ei 
Dem alts. Bestände gleich enthält diese Reihe nur die 
beiden Verba scheide sejungo und hete voco, nominor. 
Das erstere beginnt gegen End^ unsrer Periode in die 
schwache Conjugation überzutreten; scheidede sejunxi, 

fescheidet sejunctum stehen S. B. neben dem starken 
^art. Praet. gescheiden. 

§. "99. II, ^ e e e. 
Sämmtliche hierher gehörigen Verba sind solche, <leren 
Wurzel mit einfachem Consonanten schließt. ^ Daher 
erfolgt in allen Formen, denen der zweite Praeterital- 
stamm zu Grunde hegt und im Part. Praet., also in den 
Formen, welche im Alts, den Wurzellaut i aufweisen, 
stets Tondehnang und damit zugleich Brechung zu e. 
Somit würde der Wurzellaut i selbst in dieser v erbal- 
reihe nirgends sichtbar werden, wenn ihn nicht die Syn« 
kope in ll. III Sing. Ind. Praes. durch Kürzung der 



» Wie alle /- und CT-Wurzeln überhaupt. 



Starke Verba mit Wurzellaut U. 75 

Steigerung t zurückführte. Hierher gehören: schme lu- 
ceo, blive maneo, drive ago, kltve haereo, schrwe scribo, 
wrive frico, grlpe arripio, glide labor^ lide patior, mide 
vito, ride equito, snide seco, un-iwide exaudio, hUe 
mordeo, rite dirumpo, schHe caco, slite findo, smUe 
jacio, splite findo, vor-tvUe reprehendo, me surgo (N.), 
hnge accipio, mtge mingo, ntge inclino, sttge scando, 
^ge taceo, Tcike cemo, sltke repo, wtke cedo, lihe com- 
modo, vltje omo, spie^ sptglie spuo, selme, schrighe clamo, 
und das thematische Htde eo. 

Von den Verben Tcliven, vorwUen, risen sind nur 
Praesensformen belegt, zu lifieti gebrechen Belege des 
Praeteritums, zu vl^je die des Sing. Praet.; von scMnm^ 
schrien und spighen kann ich im Praet. nur schwache 
Form finden; untwtden weist keine Praeteritalform auf, 
im Part. Praet. schwankt es zu schwacher Form hin- 
über; von Htden ist nur noch das Part. Praet. vorleden 
praeteritum übrig. — Die Synkope, in ü. III. Sing. 
Praes., welche nach den TVurzelauslauten v (f), p, Je 
und g (ch) den Vocal 1 zu i kürzt (vgl. §. 15.), wird 
bei auslautendem n, h und j nicht vorgenommen; bei d 
und t kann der Vocal in seiner Länge verharren, indem 
einfache Consonanz durch Ausfall der Lingualis vor dem 
Flexionslaute erfolgt; z. B. sW: W^ 1?d: vlU, doch auch 
hesehit: smit (N,). 



Dritte Klasse. 

Starke Verba mit Wurzellaut U. 

§. 100. Auch diese Klasse ^tfaltet zwei Reihen, 
welche denen der J-IQasse parallel laufen. 

I, e=ie e=ie 6. 
Diese reduplicirende Reihe hat nur zwei Verba aufzu- 
weisen, da stote tundo schwach flectirt. Das eine Ver- 
bum löpe curro folgt der aufgestellten Formel, das an- 
dere howe, houwe caedo, weicht durch den Einfluß sei- 
nes Wurzelauslautes davon ab, indem dadurch der Vo- 
cal des Praet. zu 6 oder gleichbedeutend zu ou wird, 
also houwej houwy- howen, gehouwen] vgl. ags. heave^ 
ficov, heqvan, heaven, altn. Mgg^ Mag, hioggum, hoggvinn. 



76 Starke Verba mit Wuraellaut U, 

§. 101. I, e, tl 6 6 Ö, «• 

l)a der Wurzelauslaut der Verba ein einfacher Con- 
sonant ist, so muß im zweiten Praeterital- und im Parti- 
cipialstamme stets Tondehnung und damit Brechung des 
Wurzelvocals u zu ö, oder im Part. Praet. gleichbedeu- 
tend ä eintreten (vgl. §. 31), und der Wurzellaut u er- 
scheint nur, wo ihn Synkope aus ü oder e herstellt 
Der Stammvocal der unsjnkopirten Praesensformen ist 
in den meisten Verben ein e; andere behaupten «i, von 
denen aber alts. keins belegbar ist. Erste Gruppe mit 
e=ie im Praesensstamme : bede praebeo, sede coquo, 
vor-drete taedio sum, gete fiindo, genete fruor, schete ja- 
culor, vlete fluo, Icese eligo, vor-lese amitto, vrese gelo, 
hO'dreghe fallo, leghe mentior, vleghe volo, vlee, vleglie 
ftigio, Uhe^ tee traho. Zweite Gruppe mit ü im Prae- 
sensstamme: süpe sorbeo, krupe repo, schüve promoveo, 
stüve pulvero, slüte c\&udo ^ slüJce devoro, rüJce olfacio, 
süge sugo. 

Es wird nicht zufallig sein, daß in der ersten Gruppe 
kein Verbalstamm mit Labialis noch auch mit Je aus- 
lautet. — Die Verba Jcesen, vorlesen und vresen ver- 
tauschen im zweiten Praeterital- und im Participial- 
stamme ihr 5 mit r. Das Verb tehen hat gewöhnUch 
im Praesens contrahirte Formen, und in 11. III. Sing. 
Ind. Praesens bietet es daher ü /an Stelle des bei den 
übrigen Verben durch Synkope erzeugten u; im Praet. 
ist die Verhärtung des h zu gh^ ausl. ch das übliche; 
vUen hat vlö und vloch neben einander. 



Schlußbemerkung zur starken Conjugation. 

§. 102. Die Vergjeichung sämmtlieher Ablautreihen 
zei^t, daß der zweite Praeteritalstamm nirgends einen 
umlautbaren Vocal enthält, woraus sich die rar das Ver- 
ständniss der spätem Sprachentwickelung höchst wich- 
tige Bemerkung ergibt, daß der Optativ Praet. in'aDen 
Formen außer I. UI. Sing, mit dem Indic. zusammen- 
falle. Die Annäherung des Optativs an den Indicativ 
wird in den Verbalreihen, welche nur Einen Praeterital- 
ablaut haben {Ä I— -IV, J I, Z7 I), noch großer, indem 
sich hier der ganze Unterschied auf die Endung der 
L ni. Sing. Optat., die Schwächung e reducirt , welche 



Sehwache ConjugAtion. Penonalendungen. 77 

eine höchst schwache, leicht ver^n^liche Existenz hat. 
Es wird dadurch begreiflich, wie leicht Optativ und In- 
dicativ Praeteriti zusammenfallen können. — Fester ist 
durch die nur im Indicativ Praes. mögliche Synkope 
der Unterschied dieser Form von dem zugehörigen Op- 
tativ gestellt. 

Anmerkung. Die in §. 90 — 101 aufgezählten Verba werden 
noch nicht den Gesammtbestand des altmeklenburgischen Dialek- 
tes darbieten; eine erMreiterte Durchforschung der Sprachquellen 
wird ihre Anzahl ca. 145 gewiss noch nm einiges vermehren. 



Zweites KapiteL 

Die schwache Conjugation. 

§. 103. Die schwache Conjugation ist im Ver- 
gleiche mit der Mannigfaltigkeit der starken Verbal- 
flexion einfach, ja einförmig zu nennen. Es ist schlechter- 
dings kein Unterschied der beiden im Alts, noch be- 
stehenden Klassen herzustellen. Auch die beiden Modi, 
Indicativ und Optativ sondern sich von einander nur in 
der III. Sing. «Praes., in allen andern Personen und im 
Praeteritum fallen sie völlig zusammen, wie die folgende 
Uebersicht der Flexionsendungen nachweist. 

§. 104. Praesens. 

Indic. Optat. Imper. 



Sing. I. 


e 


e 




TT. 


est 


est 




m. 


et 


e 




Plur. I. 


et, en 


en 




II. 


et, en 


en. 


et 


ITT. 


et, en 


en 





Praeteritum. 


Indic. 


Optat. 


ede 


ede 


edest 


edest 


ede 


ede 


eden 


eden 


eden, edet 


eden, edet 


eden 


eden 



et 

Infinit.: en Part. Praes. ende Part. Praet. et, flect. edes etc. 

Diese Endungen werden an den für das ganze Ver- 
bum gleichen Stamm angefügt. Das in §. 86 zu den 
Endungen des starken Verbums unter 1, und 3 — 6, An- 

femerkte hat auch für die Endungen des schwachen 
'erbums Gültigkeit, nicht aber die §. 86, 2, gegebene 
Kegel über die echte Synkope in II. III. Sing. Ind. 
Praes., welche beim schwachen Verb nicht statthat. 



78 Schwache Verbs. 

Ueber die etwaige echte oder unechte Synkope des 
Bindelautes s. §. 109. 

§. 105. Es mö^e hier ein Verzeichniss deijenigen 
schwachen Verba Platz finden, welche für den meklen- 
bur^schen Dialekt nach irgend einer Seite hin von be- 
sonderem Interesse sind, geordnet nach dem Vocale des 
Stamms oder der Ableitungssilbe. 

I. Verba ohne Bildungssilbe; Stammvocal kurz. 

1. Stammvocal a: vor-barmen misereri, dantsen sal- 
tare, hasten festinare, härmen queri, platihen plancis 
munire, sachten lenire, snacTcen loqui, boscatten tributa- 
tarium reddere, beschaffen perficere, bostallen constituere, 
wachten vigilias agere. — 2. Stammvocal e : bernefi urere, 
deigen delere, drengen premere, dwengen comprimere, er- 
ren errare, gecTcen lacessere, gerwen subigere, vorgretten 
offendere, henghen suspendere, herden durare, ba-kefi^iefi 
fateri, klemmen urgere, Memmen scandere, krenJcen vio- 
lare, leggen ponere, lecken lambere, lesschen exstinguere, 
merken notare, messen stercorare, netten madefacere, 
redden servare, seggen dicere, senden mittere, setten col- 
locare, boscermen tueri, smecken gustare, snellen prope- 
rare, teilen enumerare, temm^n domare, treckefn trahere, 
verwen colorare, vor-vesten interdicere, wecken excitare, 
welken flaccescere, welven confomicare, wenden vertere, 
ant-werden respondere. — 3. Stammvocal *: bichten con- 
fiteri, de-dingen rem agere, vor-pliditen obstringere, 
schicken mittere, bo-smitten icere, laedere, stichteu insü- 
tuere, an-sticken incendere, stillen sedare, viggeti coire 
cum muliere, villen deglubere, vristen proferre, wischen 
absterjgere. — 4. Stammvocal o: viü-borden negotium 
dare, borgen mutuari, dorren arescere, dorsten sitire, 
kloppen pulsare, vor-kolden refrigerare, kolsen blandiri, 
up-proppen inserere, rönnen cursare, schorten nectere, 
smolten liquefacere, stormen impugnare, storteti evertere, 
vor-tornen irritare, anttvorden respondere. — 5. Stamm- 
vocal u: druppen stillare, hulden favere, kurren sto- 
machari cum alqo, ir-luchten illustrare, bo4asten delec- 
tare, mulschen putrescere, rüsten parare, sufften gemere, 
sdiudden effundere, schütten defendere, shimpen glutire, 
vruchten timere, vullen complere. 

§. 106. II. Verba ohne Bildesilbe; Stammvocal 
tonlang. 



Schwache Verba. 79 

1. Stammyocal ä: baten lucrari, dwaien insanire, ha* 
Im arcessere, japen patere, klagen queri, Mapen gannire, 
lapen lambere, maken facere, paten plantare, quiScen co- 
axare, raken coUigere, vor^scJcen deserere, straken mul- 
cere, vor-tagen expavescere, waken vigilare, waren ca- 
vere. 2. Stammvocal e: heden orare, heven tremere, Ue- 
im latrare, heghefi tued, helen celare, kneden depsere, 
lernen claudum facere, leven vivere, er-neren nutrire, 
quelen cruciar^, sl^en trahere, smeren oblinere, stenen 
suspirare, sweken debilitare, telen {?e) gignere, temen 
decere, vreden pacificare, tveren defendere, w^ren ma- 
nere, weven texere. — 3. Stammvocal ö (ä)i boren ferre, 
vorbaden renuntiare, hopen exspectare, loven laudare, vo- 
vere, vramen prodesse, wanen habitare. 

§. 107. UI. Verba ohne Bildesilbe; Stammvocal 
lang oder Diphthong.. 

1. Stammvocal a: öpen-bären patefacere, räde-bräken 
(?ä) rota contundere, vor-klären explicare, nälen appro- 
pinquare *, quälen cruciari, bo-rämen definire, vor-smä- 
den rejicere. — 2. Stammvocal e: bo-sweren gravare; 
delen dividere, eschen postulare, vor-enen unire, keren 
vertere, lenen feudo dare, leren docere, menen putare, 
meren augere, reken praebere, schelen dissidere, smeken 
adulari, sweten sudare, weken mollire, wenen flere; (o- 
breven scripto tradere, leven amare, vor-veren exterrere, 
— 3. Stammvocal I: Mven certare, Uken compari^re, vor^ 
nighen renovare, prisen laudare, sipen permanare, viren 
otiari, vUten studere, unt-vrighen Uberare, tmjen conse- 
•crare, mven uxorem ducere. — 4. Stammvocal 6 der 
IT-Reihe: bogen flectere, dopen baptizare, dromen som- 
niare, vor-hoghen altiorem reddere, hören audire, kopen 
emere, losen liberare, loven credere, rogen movere, rds^ 
ten torrere, röven rapere, sogen lactare, vorsopen sub- 
mergere, stören turbare, stöten tundere, togen gignere, 
trösten consolari. — 5. Stammvocal ö^=ü: böten resar- 
cire, vor-dömen damnare^ be-dröven maestum reddere, 
graten saluia,re^ höden custodire, behöven opus esse, kö- 
len refrigerare, möten occurrere, nöghen satisfacere, wö- 
men nominare, Oven exercere, plögen arare, pröven pro- 



* Aas ndh-el'en contrahirt 



80 Schwache Verba. 

bare, roken curare, roren taugere, slomen glutire, sölceti 
quaerere, toven commorari, voden alere, vöghen conjun- 
gere, volen sentire, voren vebere, vorvlohen maledicere, 
vor-wlomen irritare. — 6. Stammvocal ü: hruken uti, 
hüwen aedificare, hüten commutar^, dudim sigmfieare, 
grmven horrere, hülm ululare, vorhüren elocare, küsen 
habitare, Jüchen jubilare, lüden sonare, müren moenia 
exstruere, prusten stemutare, pülen vellicare, rumen va- 
cuefacere, rüwen poenitere, nischen strepere, vor-sümen 
praetermittere, schümen spumare, sturen gnbemare, in- 
nen sepire. — 7. Stammvocal ei: arbeiden laborare, vor- 
beiden exspectare, leiden pati, reitjs^en (reisen) stimulare; 
Tzreyen crocitare, ineyen meiere, neyen euere, sey^ft se- 
rere, weyen&s^re, — 8. Stammvocal oi: moyen laborare, 
bloyen florere, gloyen fers^ere. — 9. Stammvocal ou (au)', 
douwen rorare, drouwen minari, houwen caedere, kouwefi 
mandere, TdoMwen carpere, rouwen quiescere, sehouwm 
spectare, stouwen aquam retinere mole, strouwen spar- 
gere, trouwen confidere, vrou/wen gaudere. 

§. 108. IV. Verba mk Bildesilbe. 

1. Bildesilbe igh, egh: vorkundigen uuntiare, bo-sche- 
deghen violare, metighen moderari, crüt^igen cruci affi- 
gere. — 2. Bildesilbe el: bedeln mendicare, geisseien fla- 
gellare, marfelen excruciare, negeln clavis affigere, sam- 
meln colligere, tivisteln susurrare, twhjlen dubitare, Vor- 
segeln obsignare. — 3. Bildesilbe er: vor-andem mntare, 
beteren corrigere, vor-dunkern obscurare, erger en offen- 
dere, hindern impedire, mynren minuere, süvem pur- 
gare, vortögern retinere, weijeren negare. — 4. Bildesilbe 
en: vor-eghen attribuere = voreghenen^ reJcenen ratioci- 
nari, papen = papenen pultem parare subus, wäpenm 
armare. 

§. 109. Der Bindelaut e pflegt synkopirt zu werden, 
wenn die Endungen an Verba mit den Bildesilben el, er^ 
en treten. Von Verben ohne diese Bildesilben erfahren 
im Praeteritum und im Part. Praet. insonderheit diejeni- 
jgen, deren Stamm auf Liquida ausgeht, Synkope des 
Bindelautes, welche sich jedoch dadurch als unechte 
Synkope ausweist, daß sie der Länge oder Tonlänge 
des Stammvocals keinen Eintrag thut. Gleicherweise 
laßen auch die auf d auslautenden Stämme jenen Binde- 
laut ausfallen, und kann ihr Auslaut im d oder t der 



Schwache Conjugation. Synkope. Kückumlaut. 81 

Endung aufgehen; ebenso der Stammesauslaut . ^ im t 
der Endung (vgl. §. 65). Z. B. befält persolutum, würden 
cavebant, vor-ent unitum ; lüdde sonabat (U.)'i wende ver- 
tebat neben wendede^ antwerde respondebat neben ant- 
iverdede; gehicJd confessus, bericht nuntiatum. 

§. 110. Echte Synkope hat in der II. III. Sing. 
Ind. Praes., im Praet. und Parl^ Praet. einiger schwacher 
Verba statt. 1. In Tcöpen emere nebst vor-köpen vendere, 
dopen baptizare, sol'en quaerere wirkt die Synkope nicht 
nur Verkürzung des Vocals zu o, sondern sie verhärtet 
auch das d der Endungen in t und bewirkt Aspiration 
des k zu ch und des p zu f. — 2. Im Verbüm stöten 
erzeugt die Synkope kurzen Vocal und Verhärtung des 
d der Endungen zu t» — 3. Nur Vocalverkürzung ruft 
die Synkope nervo r im Verbum vor-hoden. velare, und 
vermuthlich in noch einigen andern auf öden^ wie höden 
tuen, vöden alere. — 4. In den Verben leggen ponere, 
und Seggen dicere wird durch die Synkope das gg (oder 
(7) vor st und ^ zu cA, fällt aber vor d im Praet. mit 
Tondehnung des Stammvocals zu e aus. — 5. Das Ver- 
bum werken operari bildet sein Part. Praet. mit Synkope, 
welche den Auslaut k zu ch aspirirt, und zugleich mit 
Mctathesis des r. (Ob auch das Praet.?) Beispiele: 
1. kofst emis, verkoft vendit, dofte baptizavit, socJden 
quaererent, ersocht requisitum; 2. stotte tutudi, töstot 
contusum; 3. vorhodde velavit, vorhot velatum; 4. sechst 
dicis^ lecht ponit, lede posuit, gesecht dictum; 5. ge- 
tvracht operatum. 

§. 111. Der Kückumlaut bei Synkope des Binde- 
lautes im Praet. und Part. Praet. ist im Verschwinden 
begriflfen. So viel ich sehe, haben ihn nur noch Verba, 
deren Stamm auf nn oder nd auslautet, nämlich brennen 
urere, kennen novisse, rennen currere, senden mittere, 
sehenden dedecorare. Vor dem d oder t der Endung 
fällt d des Stammes aus, die Gemination des n wird 
vereinfacht; z. B. brande combussit, rant cursum, sande 
misit, schant dedecore aflfectus. Etwas dem Eückum- 
laute Aehnliches bieten die Formen karde und gekart zu 
keren vertere (vgl. §. 13, Anm. 1). 

Anmerkung. Die Verba in ouw und ey sind durchaus regel- 
mäßig. 

Ne»ger, G;raininatik. 6 



g2 Anomale Verba. 

Drittes Kapitel. 

Anomala. 

§. 112. Die Anomala des Altmeklenburgischen bil- 
den fünf Gruppen. 

1. Das Verbum substantivum ist vierstammig; 
drei Wurzeln bu, as, wai. 

Praesens. Praeteritum. 

Ind. Opt. Ind. Opt. 

S. I. hun^ hin st, wese S. I. wc^ were u. s. f. 

II. hust, bist u. s. f. II. werest Part. Praet. 

III. is Imper. III. were wesen ) 

PI. I. sint, sin S. wes PI. I. weren mweset \ 

n. sint^ sin PI. weset II. weren(t) Part. P^aes. 

III. sint^ sin Inf. wesen, sin III. weren wesende 

2. Das auch als Hülfsverb verwendete hehhen habere 
flectirt; 

Praesens. Praeteritum. 

Ind. Opt. Ind. Opt. 

S. I. hehhe hebbe u. s. f. S. I. hadde hadäeliedde 

U. hefst,hest Imper. U.haddest yjr j>\ /p\ 

m. heft S. hebbe HI. hadde ^„1 ^"^ ^^'^ 

Plur. hebben PI. hebbet(?) PI. hadden 

Part. Praes. hebbende Part. Praet. gehat 

Anmerkung. Formen mit a, wie hdn : gun, hat : ddt (R, S.) sind 
des Reimes wegen entlehnt and gehören dem Dialekte nicht an. 

3. Nasal im Praesensstamm, synkopirtes schwaches 
Praeteritum haben bringen a£Ferre, denken cogitare, dün- 
ken videri. Durch die Synkope wird das d der Prae- 
teritalendung zu t verhärtet, aie auslautende Muta de^ 
Wurzel in ch verwandelt; bringen hat zugleich Ablaut, 
denJcen Rückumlaut. 

Praesens. Praeteritum. Part. Praet. 

bringen stark flect. brachte, brockte gebrochtj gebracht 

denken [ , i_ ü . dachte gedacht 

dunJceni schwach flect. ^^^j^f^ ^^^^^j _ 

4. Urspriinglich bindevocallose Praesentia: gän 
ire, stän, sten stare, don, dun facere. Die übliche 
Flexion des Praesens der drei Verba lautet: 



Anomale Verba. 33 

Indicat. Opiat. 

S. I. gä stä dö gä stä dö 

II. geist steist deist u. s. f. 

in. geit steit deit . Imper. S. gä stä dö 

PI. I. gän stän dön PL gät stät döt 

II. gät, gän stät (n) döt (n) Part. Praes. gände, stände 

III. gän stän dön dönde. 

Neben allen ö enthaltenden Formen von don können 
solche mit dem gleichbedeutenden ü eintreten, und ne- 
ben dem ä in stän hat e, wenn auch seltener, gleiche 
Geltung. ^ Die Flexionen sind mit Ausnahme aer II. 
III. Sing. Ind. bindevocallos geblieben. In diesen For- 
men aber wird der Diphthong ei wol am leichtesten er- 
klärbar durch Einschiebung des Bindevocals e, welcher 
mit dem Stammvocal in den Diphthongen ei contrahirt 
ward ^, daß also geist=^gäri'St^ steit=ste'i't und durch 
Analogie deit=d6'i't Die älteren bindevocallosen For- 
men bestehen neben den diphthongischen noch bis ins 
16. Jahrhundert fort: stest, stet, gät, dost, düt. Das 
Praeteritum zu gän wird aus der Wurzel gang nach 
I. -4-Reihe, zu stän aus der Wurzel stand nach IV. 
^-Reihe gebildet; don hat: Ind. dede, dedest, dede, de-- 
den u. s. t, Optat. dede u. s. f. Die Part. Praet. lauten : 
gän oder gangen^ stän, dän. 

5. Praeteritopraesentia: moten (ti^oportere, 5Cö- 
len debere, mögen licere., kunnen posse, gunnen favere^ 
dorven opus habere, dorren (?) audere, weten novisse, 
willen velle, doghen valere. Die Praesentia sind alte 
Praeterita ablautender Stämme und haben daher deren 
Flexionsweise, die Praeterita und Part. Praet. werden 
vom zweiten Praeteritalstamme, also nunmehr Plur. 
Praes., nach Weise schwacher Verba gebildet. 

Praes. Ind. Praeteritum. Part. Praet. 

S.I.m. IL Plur. Ind. Sing. I. 

möt möst möten (moste), muste mtist 

8cal scält, schoU scfwhn scolde, schulde scolt 

mach macht f machst möghen mochte mocht 



1 Vgl. das VerhältnisB unserer alts. Quellen. 
^ Vgl. alts. säian = mekl. seyen. 

6* 



84 Anomale Verba. Praeteritopraesentia. 



Praes. Ind. 




Praeterit. Part. Praet. 


S.LIIL TT. 


Plur. 


Ind. Sing. I. 


gan 


gunnen 


gunde, gonde gont 


kan kamt 


icunnen, könen 


konde kunt, kont 


darf darfty dorft 


dorven 


dorfte dorft 


darSy dor — 


dorren, dören 


dorste — 


wei west (ei) 


weten 


leiste, tüuste wist, wüst 


wil wilt^ wult 


willen 


wolde, wulde wolt, wult 


doch dockst 


döghen 


dockte dockt. 



Anfangs bewahren diese Verba in der II. Sing. Ind. 
Praes. noch die Endung , welche der II. Sing. Ind. 
Praet. starker Verba ursprünglich zukam, z. B. schalt ^ 
wilt^ auch m6st=mdt't, west=^tvet't; später greift in 
allen das st als Endung durch. Die Formen I. und 
in. Sing. Ind. Praes. kan und gan stehen für kann und 
gann^ mach für mag nach bekannten Auslautsgesetzen; 
dar, neben älterem dars^ steht für dorr nach der Plu- 
ralform dorren = dorsen gebildet; wil endlich für wv7/, 
welches seine Gemination einem assimilirten J, dem 
Merkmal seiner vordem optativischen Form, verdankt. 
Dem Vocale nach gehört mot zu IV., kan, gan, darf, 
dars zur VII. ^-Reihe, wet und wil zur II. /-Reihe, doch 
zur II. tT-Reihe. Damit stimmen denn auch die Plural- 
vocale; als Vocale des zweiten Praeteritalstammes völlig 
übereiu. Dagegen haben scal und mach zwar den An- 
schein als gehörten sie der VI." ^-Reihe an (vgl. staJ 
und plach)^ aber ihr Pluralvocal ist nicht e noch 6, son- 
dern ö, welches als zweiter Praeterit alablaut einer 
-4-Reihe sonst unerhört ist: Scalen, möghen. Ihnen ana- 
log wird von kan eine jüngere Form könen für kunncn 
gebildet; auch dören statt dorren. Aus der Pluralform 
ergibt sich dann der gleichlautende Infinitiv und der 
Optativ. Ferner dient der Pluralstamm als Stamm des 
Praeteritums, welches durchgängig mit echter Synkope 
des Bindevocals gebildet wird. Durch die Synkope 
wird das d der Praeteritalendung zu t verhärtet, außer 
nach n und /, femer der etwa lange oder tonlange Vo- 
cal des Stammes gekürzt und zwar das 6 zu u^ das ö 
zu u oder o (vgl. §. 23), und endlich die Gemination 
des Stammauslauts aufgehoben. Aus gunnen hat sich 
ein schwaches Verb entwickelt, welches im Praeteritum 



Declination der Substantiva. g5 

gunnede lautet; die synkopirte Form dauert in dem 
Praet. des starken Verbs beginnen incipere, hegunde in- 
cepi fort. 



Zweiter Abschnitt. 

Von der Declination. 

§. 113. Die Declination hat die Verhältnisse der 
Rection, der Zahl und des Geschlechtes der Nomina 
darzustellen. Im Altmeklenburgischen sind vier Casus- 
formen, Nominativ, Accusativ, Dativ und Genitiv vor- 
handen; der Vocativ ist vom Nominativ nur noch syn- 
taktisch verschieden, der von einigen Pronominibus noch 
erhaltene Instrumentalis ist zum Adverb erstarrt. Von 
den Zahlformen ist der Dual ganz aufgegeben, den das 
Alts, noch im Personalpronomen bewahrte. Der Unter- 
schied der drei Geschlechter, Masculinum, Neutrum und 
Femininum, ist meistens an den Flexionsformen er- 
sichtlich. 

Die Declination der Substantiva ist von derjenigen 
der Pronomina und Adjectiva, denen sich die Numera- 
lia zugesellen, durch geringeres Gewicht der Endungen 
verschieden. 

Erstes Kapitel. 

Die substantivische Declination. 

(Nominale Declination.) 

§. 114. Die Substantivstämme zerfallen ihren Aus- 
lauten nach in zwei Klassen, in vocalische und con- 
sonantische Stämme. Die Declination der ersteren 
pflegt man, freilich in ganz anderem Sinne als beim 
Verbum, die starke Declination, die der letzteren die 
schwache Declination zu nennen. 

Erste Klasse. 

^ Substantiva mit vocalischem Stammesauslaut. 

Nach Maßgabe der. Vocale a, i, u ergaben sich im 



gg Vocalische Declination. Mascnlina. 

alteren Sprachstande drei Reihen. Da sich aber diese Cha- 
rakterlaute als Bindevaeale gleichmäßig zur Schwächung 
e abgestumpft haben, so ist nach ihnen im meklenburgi- 
schen Dialekte eine Abtheilung der vocalisch auslauten- 
den Substantivstämme nicht mehr durchfuhrbar, und es 
ist daher zunächst nach dem Geschlechte einzutheilen. 

A, Masculina. 

• 

Dadurch, daß nur a, ä und ä Unalaut besitzen, ist 
die ursprüngliche J-Reihe überall, wo der Stammvocal 
ein anoerer ist, mit der ^-Reihe übereinstimmend ge- 
worden, weil die Flexionsendungen einander decken und 
der frühere J-Laut nur durch Erzeugung^ eines Umlauts 
im Plural sich kundthut. Die frühere i7-Reihe und die 
auf JA auslautenden Stämme haben sich miteinander in 
der Flexionsweise vereinigt. 

§. 115. I. Die Substantiva der -4-Reihe und die 
nicht umlautbaren der /-Reihe setzen an den unveränder- 
ten Stamm die Casusendungen: 

Sing. Nom. — Plur, Nom. e 

Gen. es Gen. e 

Dat. e Dat. en 

Acc. — Acc. e. 

Der auslautende Vocal des Stammes wird also im "Nom. 
Acc. Sing, abgeworfen, in den übrigen Casus zu e ge- 
schwächt. In dieser Weise flectiren die Worter: äl an- 
guilla, arbeit d ^ labor, arm brachium, hak dorsum, han 
nn interdictum, berchg mons, hörn arbor, ftr^/'v'epistola, 
hrink campus, hrtXk usus, hü w aedificium, huk ck caper, 
huk venter, husk frutex, dach g dies , dank gratiae , deck g 
massa, defv für, del pars, vor-derfv pernicies, dik lacus, 
disch mensa, dük suaarium, -dum^ z. B. eghendom pecu- 
lium, dön sonus^ dorn sentis, dorst sitis^ dotd mors, 
drek ck stercus, dresch novale, vor-dret molestia, droch g 
fraudulentus, dröm somnius, dwäs stultus, c^d jusjuran- 
dum, ers podex, gest faex, gest animus, -ghammm, z. 
B. hrüdegham sponsus, Got d Dens, gok scurra, gül aper, 



^ Den darcb Gesetze des Auslauts im Nom. etwa yeränderten 
Endconsonanten des Stammes werde ich in dieser Weise beifügen. 



Vocalische Declination. Mascnlina. 87 

hcU odium, heim galea, heltd heros, hertd focus, het 
jussus, liofv aula, behüfv usus, holtd insidiae, hon Indi- 
ficatio, hop acervus, hüst tussis, hunt d canis, halk calx, 
Tcelh calix, Mfv certamen, Tcü cuneus, Icinnn mentum, 
klappp ictus^ TcUw trifolium, Tdöt gleba, Tcnecht servus, 
knüst tuber, kok coquus, köl caulis, koppp caput, kop 
emtio, korfv corbis, kreit circus, krichg belluni, kroch g 
tabema, kusss osculum, af-ldt remissio, Ufv amicus, 
lichammm corpus, Ufv corpus, Tita, orlofv venia, lop 
cursus, Intd populus, PL homines, lütd sonus, messs 
stercus, morta caedes, mütd animus, nftd invidia, nuitt 
usus, 6m patruus, ortd muoro, locus, pels pellis, post 
postis, pot U olla, pris pretium, pul palus, qualm vapor, 
rätd consilium, rep fiinis, rinkng annulus, röfv rapina, 
rok ck vestis^ rök fiimus, rum spatium, rust aerugo, se w 
laciis, schal II sonus, schattt thesaurus, bo-^oAe^Y a scien- 
tia, schilt d dypeus, scMn splendor, schit cacatum, 
schuh calceus, schorfv sordes, schottt tributum, schöt 
gremium, sinnn sensus, släp somnus, smert dolor, 
smitd faber, mew nix, snitd Sectio, sotd puteus, sper 
hasta, spoitt ludibrium, spon segmentum, sprunkng 
saltus, wedder-stal II obstantia, stät a Status, stech g pon-f 
ticulus, sten lapis, stert cauda, stokck baculus, stofv 
pulvis, stül sella, stop poculum, storm procella, strUd 
certamen, strük frutex, sulll limen, swet sudor, talll 
numerus, tins vectigal, tochg agmen, torn turris, torn 
ira, toppp cacumen, tritd gressus, trochg alveus, trön 
tbronus, tr6st solatium, tikhg testis, tun sepes, visch 

{)iscis, vle^ss linum, vlet flumen, vlU industria, vloh pu- 
ex, vlök maledictio, vosss vulpes, vüt pes, vrost frigus, 
wech g via, ge-win nn lucrum, um vinum, wint d ventus, 
wolt d silva, worm vermis, wulfv lupus, u. a. m. 

§. 116. Bemerkungen. 1. Aus dem Gesetze der 
Tondehnung (^.24) erhdlt, daß diejenigen Substantiva, 
deren Stammsilbe kurzen Yocal und einfachen Auslaut- 
consonanten hat, beim Antritte einer Flexionssilbe stets 
tonlangen Vocal erhalten müßen, sodaß a zu ä, e 
und «' zu e, zu oder ä wird; z. B. dägen diebus, 
häte odio, wege viae, smedes fabri, trede gressu^* Godes 
Dei, have aulae. 

2. Aus den .Gesetzen über die Fricativen tv und j 
und den Hauchlaut h (§. 61, 75, 76) ergibt sich für 



88 Yocalische Declination. Masculina. 

die Substantiva, welche durch Abwerfung dieser Laute 
vocalisch auslautend geworden sind, i/e, se, sne, schd^ 
vlö, bü, als Flexionsregel, daß sie im Inlaute den ab- 
geworfenen Laut zurückführen, ihn zu gh verhärten, ihn 
vocalisiren oder auch ihn ausfallen laßen können; iin 
letzten Falle kann dann bei denen in e Contraction ein- 
treten, bei den andern. die Flexionsendung abfallen; z. 
B. büwe aedificio, vlöghe pulices, schoie caJcei, snee nivi, 
See lacui ^, se lacus, stagna, scM calceos; vereinzelt auch 
im Dat. Plur. flexionslos twen se duobus lacubus (ü. von 
Neukloster 1470). 

3. Die Worter del^ vor-dret, Jcin^, af'-lät, rep^ spei\ 
vlas sind auch als Neutra, arbeit und vlo auch als Fe- 
minina im Gebrauche.* 

4. Die Worter ghani und licham sind aus schwacher 
Flexion mit Entschiedenheit in diese Reihe getreten und 
haben zugleich Verdoppelung ihres Endconsonanten er- 
fahren. Dies ist auch dem Worte tal, t alles geschehen, 
welches dem alts. Neutrum tal entspricht. 

§. 117. Von den Wörtern mit Bildesilben folgen 
diejenigen mit labialer, lingualer und gutturaler Bilde- 
silbe ganz der Declination der einfachen Wörter. Das 
e der Endungen verharrt fast immer, lieber wird das 
etwaige e der Bildesilbe durch (unechte) Synkope ent- 
fernt. Mit labialer Silbe nur hennip, Icenappp (R. S.)y 
cannabis; mit dentalen Silben et, ed ausl. et, est, asch: 
hrevet Cancer, abbet abbas; heket lupus piscis, mänä 
mensis,. wiarÄ;^^ forum, rä^rÄe^ praefectus; denest, denst 
servilium; harnasch, harnsch thorax; mit gutturalen Sil- 
ben ig ausl. ich, ik, ing ausl. ine, ling ausl. linc: hon" 
nich mel; hävik accipiter, etik acetum; herinc halec, kö- 
ninc rex, penninc denarius, schillinc as; nä-kömelinc po- 
sterus, stürlinc impetus. 

Diejenigen Wörter dagegen, welche mit Bildesilben 
auf Liquida gebildet sind , mit el, er, em und en pflegen 
den Vocal der Flexionssilbe durch Synkope oder Apo- 
kope zu entfernen. Bildesilbe el: apostel apostolus, bö- 



^ Zweisilbigkeit belegt die urkundliche Schreibung sehe. 
* Vgl. das Verhalten der Cod. Cott. und Mon. des Heliand, V. 
3205. 3214. . 



Vocalische Declination. Masculina. g9 

del lictor, düvel diabolus, eßel asinus, cftgel angelus, 
hemmel coelum, kröpel debilis, prekel pruritus, slötd cla- 
vis, schepel modius, spegel speculum, swevel sulfur, twi- 
vel dubitatio, vöghel avis, vrevel scelus; Bildesilbe er: 
acker ager, heker poculum, hämer malleus, jämer planc- 
' tus, qualster sputuni, sämer aestas, vinger digitus, wer- 
der insula; Bildesilbe em: bussem sinus, bödem, boddeni 
solum, tabulatum; Bildesilbe en: haghen indago, morgen 
mane, orden ordo, wagen currus. Neben den üblichen 
Formen des Gen. Sing. : düvelSj sämers, bussemSj ordenSy 
des Dat. Sing, spegel, acker, boddem, haghen, des Nom. 
Acc. Gen. Plural: slötel, vinger, wagen, und des Dat. 
Vlxxr.: aposteln, werdern, haghen, sind die unverkürzten 
Formen auch vorhanden, z. B. düveles' diaholi^ wagene 
curriculo, jamere planctui, engele angeli, düvelen diabo- 
lis, ackere agros. 

Die participialen Substantiva auf nd ausl. nt haben 
sich in ihrer Declination ganz der ^-Reihe angeschlossen : 
ävent Vesper, heilant salvator, vighent hostis, vrunt ami- 
eus; doch sind von den beiden letzten Wortern in Ur- 
kunden endungslose Formen des Nom. Acc. Gen. Plur. 
üblich-: vrunt amici, amicorum, vighend hostes, altsäch- 
sischem friund, fiund im Nom. Acc. Plur. entsprechend. 

Anmerkung. Ueber die unechte Synkope und Apokope des 
e in den Casusendungea auch nach hochtoniger Silbe kann keine 
Regel aufgestellt werden, da der Wohllaut das einzige Correctiv der 
Schreiberwillkür ist. Häufigeres Vorkommen solcher Synkope und 
Apokope beweist uns,- da& der vocalische Werth der Schwächung 
e m stetiger Abnahme begriffen ist. 

§. 118. II. Die nämlichen Flexionsendungen, welche 
der \/l-Reihe eignen, kommen auch den ümlautbaren 
Wörtern der J-Reihe zu, nur daß sie dieselben im Plu- 
ral an den umgelauteten Stamm anfügen, a zu e (e), 
ä zu. e, ä zu e wandelnd. 

Hierher gehören: bantd ligamentum, Plur. bende, 
brantd titio, dam mm agger, dantz (nz, ns, vgl. §. 67) 
saltatio, darm intestina, drank, potio, gast hospes, glänz 
splendor, gankng gressus^ hals coünm^ klank ng sonitus, 
krans Corona, nappp erat er, quast fimbria, sakck Sac- 
cus, sankng cantus; Schacht contus, stdlll stabulum, 
stammm truncus, stantnd Status, stank odor, strankng 
funiculus, swank ludus, vankng captura, valll casus. 



90 Vocalische DecUnation. MascuLina. 

walll Valium; slach^ G. S. slägheSj PI. sUghe yqXxxä^ tan, 
PL tene^ dens; Bildungen mit el: nägel, PI. negele, cla- 
vis, mit em: vädem, PI. vedeme, filum, mit es: päwes^ PL 
pewese^ papa. — Von den wahrscheinlich zu dieser Reihe 
zählenden Wörtern bartd barba, drät filum tortum, 
glans splendor, kok palu$ ignominiosus, Jcamp pugna, 
pram navis, prank superbia, smack gustus, wän opinio 
fehlen mir Belege des Plurals. 

Anmerkung. Die Worter strank und baut erscheinen auch 
als Neutra. 

§. 119. III. Die Reihe der vordem b,\x(Jä auslauten- 
den Stämme sammt der J7-Reihe haben ihre Flexionen 
in folgender Weise gestaltet. 

Sing. Nom. e Plur. Nom. e 
Gen. es Gen. e 

Dat. e Dat. en 

Acc. e Acc. e. 

Von den Stämmen auf JA sind noch ende finis, her de 
pastor, kese caseus, rugge tergum verblieben; weite tri- 
ticum ist zur schwachen Flexion übergetreten, wohin 
auch herde mit dem Schluße unserer Periode sich neigt; 
ende wird Neutrum. Die alte Z7-Reihe besteht in sone 
filius, sede mos, vrede pax, von denen sede im Ueber- 
gang zur Femininform begriffen ist. Das Wort sone 
weist in Urkunden des 15. «[ahrbunderts eine indecli- 
nable Pluralform sones, söns auf, welche sich bis 1400 
zurückverfolgen läßt. (Vgl. §. 120, 135.) 

Anmerkung. Das Wort seghe vietoria begegnet nicht, mek- 
lenburgiach steht dafür seghevec/äinge oder averwinninge. 

§. 120. Hieran reihen sich eine große Zahl von 
Ableitungen in ere, meist Substantiva verbalia. Neben 
der Endung ere^ deren e durch Reime wie predikere: 
lere, riddere : mere gesichert ist, besteht ein tonloses 
ere, welches durch Apokope des schließenden e die Ge- 
stalt der Ableitung er annimmt. Dadurch treten die 
Substantiva zur ^-Reihe über. Die Flexionsweise ist 
daher eine doppelte: 

Sing. Nom. ere (ere) er Plur. Nom, ere er 
Gen. eres ers Gen. ere er 



Vocalische Declioation. Neutra. 91 

Sing. Dat. ere er Dat. erew ern 

Acc ere er Acc. ere er. 

Beispiele: horgere civis, bernere incensor, vor-dervere 
perditor, hulpere adjutor, hüdere custos, rovere latro, 
vor-stendere praeses, sundere peccator, weldenere domi- 
nus, wokenere fenerator. Wie das Wort söne bilden 
auch diese Worter auf ere im 15. Jahrhundert einen 
unveränderlie{ien Plural mit der Endung s^ ganz der 
entsprechenden Reihe im Mnl. analog, z. B. Urers doc- 
tores (S. R,), ior-ttvivelers veram räigionem non pro* 
fessi (N,)^ horgers cives (ü.), Urers magistris (N, R.), 

jB. Neutrum. 

S. 121. Die vocalisch flectirenden Neutra bilden 
zwei Reihen, von denen die eine der alten J^-Reihe, die 
andere der t7!4-Reihe entspricht. Die einzige Spur der 
U'Reihe verschwindet, indem ^fehe pecus nach Ausfall 
des h Contraction erleidet und in der Form vS in die 
^-Reihe eintritt. 

I. Die Casusendungen der ersten Reihe sind: 

Sing. Nom. — Plur. Nom. e, — , ere 

Gen. es Gen. e, ere 

Dat. e Dat. en, ern 

Acc. — Acc. e, — , ere. 

Die Flexion des Singulars stimmt mit der A-Reihe der 
Masculina völlig überein, ebenso die gewöhnliche Plu- 
ralflexion. Das e im Nom. Acc. Plur. können diejeni- 
gen Wörter entbehren, welche durch Position oder or- 
fanisch langen Vocal langsilbige Stamme haben. Die 
'luralbildung vermittels er, auf uralten Stammesauslaut 
a$ begründet, ist bei einer beschränkten Zahl von Sub- 
stantiven üblich; sie kann Umlaut des Stammvocals und 
Abfall des e der Casusendungen veranlagen. 

Beispiele: amt munus, äs cadaver, batd balneum, 
hm 08, ber cerevisia, best bestia, betd oratio, bil secu- 
ris, blatd folium, blütd sanguis, buk liber, botd prae- 
ceptum, bret d tabula, brok locus silvestris, bröt d panis, 
dak tectum, dert animal, dinkng res, dop testa ovi, dör 
porta, dorp vicus,.droiwf 12 modii, ei ovum, geltd pe- 
cunia, bo-gher cupido, glas vitrum, goltd aurum, gütd 



92 Vocalische Declination. Neutra. 

boDum, grafv sepulcrum, gras gramen, Mr criuis, heil 
Salus, her exercitus, hol antrum,* holt lignnm^ silva, hün 
gallina, hörn cornu, houw foenum, hüs domus, is gla- 
cies, jär annus, Icafv palea, Jcint d infans, Jclet d vestis^ 
Jene gemi, Jcör chorus, suggestiis, Icrütd herba, lammm 
agnus, lantd terra, lettd miseria, len feudum, Utd Carmen, 
licht lux, lit d membrum, ogen-lit d palpebra, lof v laus, 16 f 
V frons, Ion merces, lot sors, mal nota, mark medulla, mer 
mare, mess, mest culter, met tt caro sine adipe, mor terra 
palustris, 'wwZ os, nest nidus, ors equus*, pantd pignus 
pär par, pert d equus, pik pix, punt et pondo, rat d rota, 
recht jus ^ rintd hos ^ rts virgula, rör arundo, sant ä 
arena, sätd semen, schdp ovis, scherfv nummulus, schip 
naves, schok ck 60 res, slot arx, solt sal, spet hasta, spil 
ludus, sptr pauUum, spittt veru, spuk spectrum, sticht 
institutum, swer ulcus, swertd gladius, swm sus, vak 
loculus, vat dolium, ve pecus, vel II pellis, velt d arvum, 
vet tt adeps, vlesch caro, volk populus, vür ignis, want d 
vestis, was ss cera, werf v ambitus, werk opus, wif v mu- 
lier, tüort d verbum. 

§. 122. Bemerkungen. 1. Das in §, 116, 1 über 
die Tondehnung Angemerkte hat auch hier seine Gültig- 
keit; also z. B. blädes folii, brede tabulae, lede membra, 
schepe navium, speien ludis, läve laudi, slöte arces. 

2. Von den vocalisch auslautenden Wörtern pflegt 
ei ein gh vor den Casusendungen anzunehmen, kne und 
ve, vermuthlich auch re caprea (Ch.)^ haben contrahirte 
Formen. 

3. Beispiele des endungslosen Nom. Acc. Plur. bie- 
ten del (vgl. §. 116, 3), dink, güd, här, jär, kint^ lant, 
wort. — Beispiele der rluralbildung mit er sind : rindere 
boves, kalver vitulorum, honern gallinis, kindere liberos, 
hüsere domus, ögenleder palpebrae, kledere vestium, gü- 
dem bonis, lemmere agnos, graver sepulcra. 

§. 123. Um die Neutra mit Bilaesilben steht es 

?anz ähnlich wie um die Masculina (vgl. §. 117). Die 
Kasusendungen pflegen keine Synkope oder Apokope 
zu erleiden nach den Bildesilben ed ausl. et^ end ausl. 
ent, ing ausl. ine; z. B. hövet caput, G. hovedes; olvent 
camelu9, D. olvende^ zahlreiche substantivirte Infinitive, 
wie levent vita, G. levendes^ Itdent passio, D. ltdende] 
missinc aurichalcum (F^. Dagegen wird nach den Bilde- 



Vocalischft Declination. Neutra. 93 

Silben mit Liquiden, el^ er, en und der Deminutivendung 
ien gewöhnlich das 6 «der Flexion ausgestoßen. Bildun- 
gen mit el: gaghel gingiva, middel medium, wevel sub- 
tenien; mit er: anker ancora, banner signum militare, 
iser ferrum cusum, uver littus, vüder päbulum, water 
aqua; mit en; egheti allodium, lehen feudum, laJcen lin- 
teum, Muwen glomus, norden septentriones, wäpen arma; 
mit ken: bükelcen libellus, stippeken punctum. Beispiele 
der verkürzten Casusformen: Gen.- Sing. middelSj wäters, 
lasfers^ kiuwens; Dat. Sing, gaghel, klöster, banr, norden, 
bökeken; Nom. Gen. Acc. Plur. middel, water; Dat. Plur. 
tvatern, laken. Am häutigsten bleibt das auslautende e 
der Casusendungen im Plural stehen. Die mit der Vor- 
silbe ge gebildeten Wörter, wie gebrek defectus, gemak 
conclave, gebet oratio, folgen ganz der Declination der 
einfachen Worter. — Dem Wohllaut gemäß können die 
Wörter mit Bildesilben die Plüralbiloung nicht vermit- 
tels er bewerkstelligen. 

AnmerkuTig. Durch die in einigen Urkunden beliebte 
Schreibung watere als Nom. Acc. Sing, nimmt dies Wort den 
falschlichen Schein des Uebertritts zur zweiten Reihe der Neutra 
an. Bas angehängte e dürfte aus dem halbvocaliscben Verhalten 
des auslautenden r erklärbar sein. 

§. 124. IL Die Casusendungen der frühem e7"-4-Reihe 
gestalten sieh nunmehr: 

Sing. Nom. e Plur. Nom. e 

Gen. es Gen. e 

Dat. e Dat. en 

Acc. e Acc. e. 

Dieser Weise folgen: bedde lectus, bilde imago, crütze 
crux, echte matrimonium, eilende miseria, erve heredium, 
anbe-ginne initium, hemde indusium, hinde cervus, hörn- 
kudde animal cornutum (B, S.)^ körne frumentum, lenke 
artus, lofte votum, lucke fortuna, vor-moge fortuna, velt-^ 
markede ager, nette rete, olpe oleum, richte Judicium, 
rike regnum, ruchte fama, sichte vultus, siechte genus, 
stelle basis, stige 20 res, stucke frustum; dazu viele Bil- 
dungen mit der Vorsilbe ge^ z. B. gebente ossa, gebunte 
fascis, gemenge mixtura, gesette lex, gesinde familia, ge- 
smucke ornatus, ingeweide intestina, gewelfte fornix. 
/ Durch Abstoßung des auslautenden e verringert sich 



94 Vocalische Declination. Feminina. 

der Bestand dieser Reihe zu Gunsten der vorigen oder 
mit Wechsel des Geschlechtes zu Gunsten der ersten 
Masculinreihe. Bereits beim Beginn unserer Periode 
sind die Worter arbeit, hin, houw und her * gekürzt ; 
im Laufe der Periode folgen andere nach, wie crutZy 
elent, Jcom, rieht. Dagegen tritt von zweiter Masculin- 
reihe ende finis hierher. 

Anmerkung. Ist vielleicht antldt valtus (S. R.) durch ant- 
läte^ antlöte, antluti mit dem hochdeutschen antlütze, antlüte ^ ver- 
wandt, und also auch durch Abwerfung des e aus dieser Reihe 
in die vorige eingetreten? oder ist es ein Lehnwort, welches sich 
in Meklenburg nie recht einbürgerte? Chyträns hat es nicht. 

C, Femininum. 

§. 125. Die Feminina vocalischer Declination bilden 
im AUmeklenburgischen ' zwei Reihen, indem die alts. 
Reihen der ^.-Stämme und t/i^l-Stamme sich nicht mehr 
unterscheiden, die CZ-Reihe aber schön zur alts. Zeit 
fast ganz in die J-Reihe aufgegangen war. 

I. Die Casusendungen der ersten Reihe sind folgende: 

Sing. Nom. e Plur. Nom. e 

Gen. e Gen. en 

Dat. e Dat. en 

Acc. e Acc. €. 

Gegen den Schluß unserer Periode wird als Casusen- 
dung des Nom. Acc. Plur. en angenommen. Hierdurch 
nähert sich diese Flexionsweise der consonantischen 
Declination, und die Berührung beider wird dadurch 
noch großer, daß in der consonantischen Declination der 
Acc. Bing, dem Nominative gleich gemacht wird. So- 
mit sind beide Flexionsweisen voneinander nur am 
Gen. und Dat. Sin^. unterscheidbar. Auch in diesen 
zwei Casus findet vielfach Schwanken statt, und es ist 
also die Grenze der Zugehörigkeit zu dieser Reihe oder 
zu der consonantischen Declination schwer abzustecken. 
Als dieser Reihe angehorig weisen sich folgende Wor- 



^ houw alts. nnbelegt, her alts. keri masc. oder fem. 
> Vgl. Qrimm, Deutsche Grammatik, III, 402. 



Vocalische Declination. Feminina. 95 

ter aus *: achte cura, arne messis, bede preces, beke ri- 
vulus, herberge castrum, büde taberna, büte emendatio, 
bräde lumbus, bräke Tervactum, büte commutatio , decke 
tegmen, dope baptisma, döre porta, ike quercus, gäve 
doniim, gilde societas, gnade gratia, güde benignitas, 
grutte polenta, grote magnitudo, gulde compensatio, heide 
Silva, keifte dimidium, hite jussus, kitte fervor, küde cu- 
stodia, kulde favor, kulpe auxilium, Ue festinatio, klage 
querela, kläwe ungula, körte brevitas, koste sumptus, 
hribbe praesepe, krüke urceus, kulde frigus, läge situs, 
läke muria, lenge longitudo, lere doctrina, Uve amor, 
mate modus, mede remuneratio, minne amor, moghe (ü) 
opera, munte moneta, myrrke myrrhe, natüre natura, 
nügke satietas, perle margarita, pine cruciatus, ptpe fi- 
Stola, pleghe cura, quäle supplicium, rede oratio, rente 
reditus, ribbe costa, rouure quies, sake res, salve unguen- 
tum, schare cohors, schände dedecus, scheide finis agri, 
schone pulchritudo, schole (ü) schola, s&e anima, sorge 
cura, süne reconciliatio, sptse cibus, spräke lingua, 
stemme tox, sterke robur, stülpe testum, sulte salsura, 
trüwe fides, üle ulula, väre periculum, varwe color, veste 
arx, vire celebratio, vUke sagitta, vorke fiirca, vräghe 
quaestio, vroude gaudium, wäre cura, wasche lavatio, os 
(B. S.)^ weide pascuum, weke hebdomas, were armatura, 
defensio, werlde mundus, unle tempus, u)ise modus, 
wräke ultio. 

Anmerknng. Das Wort werlde, unorganisch verlängert, be- 
steht meist in der Form werlt^ alte, weroid entsprechend, fort (vgl. 
§. 128, 5); arne, vgl. mit ahd. arn, goth. asans, ist gleichfalls 
aus der /-Reihe hierher getreten, da es wegen seines Auslautes m 
ein e angenommen hatte (§. 55); stemme schwankt in die Reihe 
der schwachen Masculina. 

§. 126. Von den Femininen mit Bildesilben folgen 
treu dieser Reihe diejenigen, welche mit -inge oder 
'Unge (P.)^ mit -nisse und mit -esche gebildet sind; z. B. 
scMlingke dissensio, ordeninge ordo, settunge statutum; 



^ Die Zusammenstellung der Wörter muß unter dem Vorbehalte 
geschehen, daß eine erweiterte Durchsicht der Sprachdenkmäler noch 
manche von ihnen als schwankend zwischen vocalischer und conso- 
nantischer Declination ergeben mag. 



96 Vocalische DecUnatioo. Feminina. 

Staltnisse figura, vencnisse captivitas; ebrekersche adul- 
tera. Ebenso flectiren die Bildungen mit -ede^ z. B. 
vrouwede gaudium, denen sich aus der J-Reihe die Wör- 
ter jöghede Juventus, döghede virtus als Nebenformen zu 
joghet, doghet anschließen. Eine besondere Stellung neh* 
men die Bildungen auf -ene ein, hopene spes, kedene ca- 
tena, hokene culina, loghene mendacium, mettene matu- 
tina, molene mola, versene calx, mit Synkope derne an- 
cilla. Wo sie ihre volle Form behalten, folgen sie der 
vocahschen Declination; aber durch Verstummen ihres 
Auslautes e erhalten sie den Anschein consonantischer 
Declination und bilden dann ein neues Thema ohne 
Bildesilbe hope, Jcede, koke, loghe, mette^ mole, verse, 
(Auch neben dem üblichen weke hebdomas besteht die 
Form wekene, die also auf schwache Flexion von weke 
hinweist.) Die Bildungen auf -ee, -ighe schwanken zwi- 
schen consonantischer und vocalischer Declination, z. B. 
vicarie vicarii munus, arstedye medicina, devertge fu- 
racitas, vischertghe piscatura. 

Anmerkung, lieber die übrigen Bildesilben s. §. 132. Ein 
Verzeicbniss der wichtigsten zwischen vocalischer und consonan- 
tischer Declination schwankenden Feminina in §. 133. 

§. 127. n. Die zweite Femininreihe flectirt: 

Nom. Sing. — Plur. Nom. e 

Gen. — Gen. e 

Dat. — Dat. en 

Acc. — Acc. e. 

So flectiren die Wörter: acht genus, angst timor, art 
genus, hank scamnum, hicht confessio, horch g arx, 
borst pectus, hörst inopia, hört nativitas, vulbort d po- 
testas, hrütd sponsa, i2ä^d facinus, -dracht, endracht 
concordia, drift pascuum, dult patientia, dürft, nottorft 
necessitas, gicht arthritis, gös anser, he-graft sepultura, 
grünt d fundus, gunst favor, hacht custodia, hantd ma- 
nus, 'heit d genus, z. B. hosheit malitia, starflicheit mor- 
talitas, rechticheit probitas, hörst nemus, hütd cutis, 
Jacht venatus, kMs cella, kö (ü) vacca, kost victus, kraft 
vis, kumpst adventus, kunst ars, hrüt-lacht nuptiae, last 
onus, list astutia, lucht aer, lüs pediculus, lust libido, 
vor-lust amissio, macht potentia, mast sagina, melk lac. 



Vocalische Declination. Feminina. 97 

otmot {h) modestia, munt os, müs mus, nacht nox, nat 
sutura, not nux, not angustia, vor-nuft ratio, packt re- 
demtio, plicht officium, -schap, -schoppp, z. B. ridderschap 
ordo equester, scriff scriptura, scult debitum, stalt figura, 
statd urbs, sucht morbus, süw sus, ^a? numerus, tttd 
tempus, tucht disciplina, ^art iter, vlo pulex, vrist tem- 
poris spatium, vrucht timor, vrucht fructus, waU vis, 
tvantd murus, tcerlt mundus, wisch pratum, wurt ager 
hortensis. 

§. 128. Bemerkungen. 1. Die Worter angest (S. 
JJJ, muntj vlo und tal sina auch als Masculina gebräuchr 
lieh (vgl. §. 116, 3. 4), vrucht timor tritt in der Form 
vrtichtc zur Reihe schwacher Masculiha. 

2. Die vocalisch auslautenden Wörter hö^ vlo, sü 
nehmen im Plural die abgeworfene Fricativa oder deren 
Stellvertreter gh wieder auf. Die Wörter se mare und 
e fides, welche durch Contraction aus der ersten Femi- 
ninreihe übergetreten sind, weisen keinen Plural auf. 

3. Die Wörter hank^ hackt, kant, kraft, macht, nacht, 
packt, stat, want bilden ihren Plural mit Umlaut, ge- 
wirkt durch das dieser Reihe vormals charakteristi- 
sche i; kant bewahrt auch ninumgelautete Form in der 
Bedeutung genera, z. B. menniger kande. 

4. Gegen ' Ende unserer Periode nehmen mehrere 
Wörter dieser Reihe im Plural die Endung en an; z.B. 
irütlackten, wiscken (P.), — Von vielen der aufgezähl- 
ten Wörter tleibt der Plural unbelegt, so ^ von art, not, 
last, stalt*, zu dät findet sich der Plur. dat im Dietz'- 
schen Druckendes Neuen Testaments von 1539. 

5. Vereinzelt bewahren Gen. und Dat. Sing, die En- 
dung e, alts. ^ entsprechend, z. B. vulborde potestati (U,)^ 
afgrunde abysso (N, B.) und namentlich oft werlde 
mundi, mundo neben dem Nom. werlt, ^ 

6. Bildesilbe et, alts. uä für untk, haben die zu die- 
ser Reihe gehörigen dögket virtus, jögket Juventus, die, 
eben wie werlt, oft die Endung e im Gen. und Dat. 
Sing, bewahrten und darum auch zum Üebertritt in die 
erste Reihe sich hinneigten. 



^ Dadurch ward der §. 125, Anm. erwähnte üebergang zur er- 
j9ten Femininreihe vermittelt. 

Kerger, Orammatik. 7 



98 Consonantische Declination. N. Masculina. 

Zweite Klasse. 

Substantiva mit consonantischem Stammesauslant. 

§. 129. Die consonantisch auslautenden Substantiv- 
stämme, welche sich nicht an eine der vocalischen 
Reihen angeschloßen haben, gehen entweder auf n oder 
auf r aus. 

-4. Declination der -W-Stämme. 

Da in der Declination der ^-Stamme, dersogenann» 
ten schwachen Declination, alle Verschiedenheit der dem 
n vorgehenden Vocale in der Schwächung e vervnscht 
ist, so ist hier für jedes Geschlecht nur .eine Reihe vor- 
handen. 

I. Masculinum. 

§. 130. Die Flexionsendungen lauten: 

Sing. Nom. e Plur. Nom. en 

Gen. en Gen. en 

Dat. en Dat. en 

Acc. en Acc. en. 

Hierher gehören: ape simia, are aquila, arste medicus, 
böde nuntius, balke trabs, bare ursus, berme faex, buk 
amator, borge vas, borne fons, brache canis venaticus, 
büre agricola, under-däne subjectus, danke cogitatio, 
dore stultus, draJce draco, dräne iucus, dröpe gutta, düme 
pollex, erve heres, gade conjux, galge patibulum, gante 
anser mas, garde hortus, gerste hordeum, rat-geve con- 
siliator, grave fossa, greve comes, dunhel-güde dissimu- 
lator, hane gallus, hase lepus, here dominus, hoppe lupu- 
lus, Mpe cumulus, jode judaeus, knöJce os, knape ar- 
miger, köte domuncula, hie laicus, louwe leo, love fides, 
möge stomachus, mdne luna, minsche homo, monke mo- 
nachus, nacke cervix, name nomen, erf-näme heres, osse 
bos, page equus (iJ. S.J, pape sacerdos, rave corvus, 
recke proeliator, rese gigas, rodde canis, rogge secale, 
wedder-s&te adversarius, schade damnum, scheme Phan- 
tasma, schinke perna, schulte judex vici, schüme spuma, 
schütte jaculator, seile sodahs, vor-sproke intercessor. 



Consonantische Declination. iV. Masciüina. 99 

stemme vox, stemme truncus, sterne Stella, summe summa, 
tappe embolus, telghe ramus, timpe lacinia, her-toghe dux, 
välke falco, vorste princeps, vröme utilitas, vruchte ti- 
mor, dör-ware custos portae, wurde curator, weite triti- 
cum, mlle voluntas. Außerdem einige Bildungen mit 
elj er, en wie nabele nummus aureus, jüngere discipulus, 
neddere co^natus, havere avena, heidene paganus, chri- 
stene christianiis. 

§. 131. Be^ierkottgen. 1. Das Wort büre und sein 
Compositium n€ä)ür accola aeigen sich nach Abwerfung 
des e zur starken Flexion. Ebenso erhalten borne und 
Sterne Nebenformen aus .der ersten starken Masculin- 
reihe; doch ist die Entstehung derselben eine "andere. 
Das en der Endung ging im rn des Stammes unter, 
z. B. Stern stellae (N,)^ für sternen, sodaß das Wort 
flexionslos zu werden schien; zum Ersatz gab man dann 
die Flexionsendungen starker Masculina. — Das Wort 
stemme truncus begreift sich wol am besten als ein er- 
starrter Plural, der, mit schwacher Flexion versehen, bis 
atif den heutigen Tag fortdauert. 

2. Abwerfung des e ist besonders häufig im Worte 
here^ herre^ indem dasselbe vor Namen fast durchgehends 
in der ForYn her oder Er erscheint. Synkope triflfib das 
e der Endung in der Regel im Worte here und in den 
Bildungen mit er und en, z. B. kern domino; veddern 
cognatos, havern avenam, vor-oldern majorum; aus -enen^ 
ergibt sich dann ew, also neben heidenen erscheint hei- 
den, woraus dann, ähnlich dem Vorgange bei der Femi- 
nin-Bildesilbe ene, ein neuer Nominativ heide pagänus 
resultirt. 

II. Femininum. 

§. 132. Die Endungen der schwach flectirten Femi- 
nina sind diese: 

Sing. Nom. e Plur. Nom. en 

Gen. en Gen. en 

Dat. en Dat. en 

Acc. en, e Acc. en 

ganz mit der Masculinflexion übereinstimmend, nur daß 
im Acc. Sing, nach Maßgabe starker Feminina die En- 
dung e neben dem en gleichberechtigt erscheint. Die 

7* 



IOC) CoDSonantische Declination. N. Feminina. • 

Form des Gen. Dat. Acc. Sing, en weist dieser Reihe 
folgende Worter zu: alve alba vestis, arke cista, tische 
cinis, bdcke gena, bar de bipennis, bltde ballista, blüme 
flos, borde onus, borJce cortex, dnve columba, ele cubi- 
tus, galle fei, garve merges, gruve fovea, ha^se poples, 
Jienne gallina, hoike calyptra, htive vitta, jade tunica, 
Jcanne cantharus, kapelle sacellum, kappe velamen, kek 
guttur, kerke ecclesia, kisfe cista, klie furfiir, kliise cella, 
kole carbo, kölime intestina, kreie comix, lampe lucema, 
ItuMe lucema, lunge pulmo, misse missa, müme mater 
(Jf. S. Vgl. L. IV, 671), mure murus, nese nasus, minne 
nonna, parse torcular, persone persona, ptpe fistula, 
planke planca, plate lamina, thorax, parte porta, reise 
iter, rüde virga, rönne canalis, rüve rapa, schelle puta- 
men, schive orbis, seke urina, sene tendo, side latus, 
slange anguis, spüle fusus, sunne sol, swepe verber, tunge 
lingua, tunne amphora, vasfe jejunium, figure figura^ 
vlamme flamma, vlege musca, volde plica, vrouwe de- 
mina, wad'e rete, wulh lana, wunde vulnus. Außerdem 
gehören hierher die Bildungen auf -inne, z. B. grevinne 
uxor comitis, koninghinne reginsi; auf -ele, z. B. geisele 
flagellum, hekele pecten, mäkele macula, rumpele ruga, 
Schott ele scutula, wort ele radix; auf -ere, z. B. ädere 
vena, kamere camera; auf -e^ne, wedeme parochia (ü.)] 
auf -eive, wedewe vidua. Daß die Bildungen auf -?f, 
tghe hierher schwanken, ward bereits §. 126 ausgesagt. 
§. 133. Die wichtigsten zwischen consonantischer 
und vocalischer Declination schwankenden Feminina 
sindt hrugge bons, ere bonos, erde terra, gnade gratia, 
helle infernum, hüve mensura agri, klocke campana, 
kröne Corona, lade cista, aerarium, marke tines, omcc 
pratum, rmvc poenitentia, stede locus, sträte platea, 
stunde hora, sunde peccatum, volde plica. Hier mögen 
auch noch einige Feminina Platz finden, deren Reihe 
unbestimmt gelaßen werden muß, da vor der Hand ein 
entscheidender Beleg fehlt: docke pupa, kupe. cupa, 
move larus, pumpe antlia, rulle volumen, säle solea, säte 
pactio, seisse falx, schere forfex, schupe paJa, sndke an- 
guis, spüle fistula textoria, stampe tudicula, süke lues, 
sivinge vannus, teve canis fem., träne lacrima, wake vi- 

ilia. Zum Plural ogenbränen supercilia bleibt leider 

er Singular unbelegt. 



I 



Consonantische DeGlination. N. Nentrum. Man. 101 

in. Neutrum. 

§. 134. Von einer schwacheu Neutralflexion ist nur 
noch ein Beispiel vorhanden, das Wort JieHe cor. Seine 
Endungen sind: 

Sing. Nom. e Plur. Nom. en 
Gen. en Gen. en 

Dat. en . Dat. en 

Acc. e Ace. en, 

üi% in den verwandten Sprachen ihm folgenden Worter. 
oge oculus, ore auris, wange gena weichen im meklen- 
burgischen Dialekte mehr oder minder aus. Im Plural 
stimmen sie zwar mit der Flexion von herte überein. 
Doch es bleibt das Geschlecht des Wortes wange zweifel- 
haft, da der Dialekt sich lieber des Wortes hacke be- 
dient; wahrscheinlich trat es diesem Worte folgend zum 
Femininum. Die Worter oge und ore verharrten im 
neutralen Geschlecht, eigneten sich aber starke Flexion 
an: oge, G,dges, D. oge, K.6ge\ ebenso ore, welchem es 
jedoch zusteht, sein e zu apokopiren. 

§. 135. , IV. Das Wort man vir 

hat im Singular neben einer 'Flexion nach der ersten 
Reihe starker Masculina auch voll ige Flexionslosigkeit; 
der Plural weist ^ gleichfalls eine Casusreihe nach Art 
starker Masculina und eine unflectirte mit dem Singular 
gleichlautende Form auf; zu diesen tritt eine unflectirte 
Form mit dem Pluralzeichen s (vgl. §. 119, 120) hinzu, 
und endhch wird aus den ersten beiden eine Form auf 
^n gemacht (F,). 

Singular. Plural. 

Nom. man Nom. man manne mans mannen 

Gen. man(?) mannes Gen. man manne mans 

ßat. man manne Dat. man(?) mannen mans 

Acc. man Acc. man manne mans, 

B. Declination der JR-Stämme. 

§. 136. Die Verwandtschaftsworte auf. er haben ne- 
t^en endungsloser Casusbildung Nebenformen in Anleh- 



102 Cons. Decl.' R. Declination der Adjectiva. 

nun^ an vocalische Declination angenommen. Es sind 
die Masculina vader pater, brüder frater, und die Fe- 
minina müder mater, suster soror, rdochter filia. Sie 
fiectiren: 

Masculina. 

Sing. * Plur. 

Nom. er Nom. er, ere 

Gen. er, ers Gen. er, ere 
Dat. er, ere Dat. eren, ern 
Acc. er Acc. er, ere 

, Der Plural zu vader erhält Umlaut vedere in der Be- 
deutung Kirchenväter oder geistliche Herren. 





Feminina. 






Sing. 


Plur. 


Nom. 


er Nom, 


ere 


Gen. 


er Gen. 


ere 


Dat. 


er, ere Dat. 


eren 


Acc. 


er Acc. 


ere. 



Zweites Kapitel. 

Die adjectivische Declination. 

(Pronominale Declination.) 

A. Das Adjectivum. 

§. 137. Gleich dem Nomen Substantivum läßt das 
Adjectivum eine vocalische (starke) und eine consonan- 
tische (schwache) Flexionsweise unterscheiden, von de- 
ren gesondertem Gebrauche die Syntax zu handeln 
hat. 

Das Schema der starken Flexion ist dies: 

Masc. Fem. Neutr. 



Sing. 


Nom. 


er, €, 


» 




e, — 


et, e. 




Gen. 


es. 






er 


es 




Dat. 


eme. 


em. 


me 


er 


eme, em, me 




Acc. 


en 






e 


en 


Plur. 


Nom. 


e 






e 


e 


% 


Gen. 


er 






er 


er 




Dat. 


en 






en 


en 




Acc. 


e 






e 


€. 



Das Schema der schwachen Flexion ergibt sich durch 
die Zusammenstellung der Declinationsweisen, welche 
Masc, Fem. und Neutr. der substantivischen ^-Stämme 
bieten (vgl. §. 130, 132, 134): 



Declination der Adjecti^a. 103 



Nom. S. 


Masc. 

e 


Fem. 

e 


l^eutr. 

e 


G. 


en 


en 


en 


D. 


en 


en 


en 


A. 
Plur. N. 


en 
en 


e, en 
en 


e 
en 


G. 


en 


en 


en 


D. 


en 


en 


en 


A. 


en 


en 


en. 



§. 138. Die übliche Form des Nom. Sing. Masc. 
auf e ist aus der altern er durch Abschwächung und 
sodann Verstummung des r im Auslaute entsenden. 
Das dem er entsprechende et des Nom. und Acc, Sing. 
Neutr. findet sich vereinzelt erhalten, gewohnlicher ward 
das auslautende t abgeworfen. ^ — Die volle Endung 
des Dat. Sing. Masc. und Neutr. eme dauert noch am 
Ende unserer Periode, oft genug wird sie aber zu em 
gekürzt und dann droht die Schwächung zu en einzutre- 
ten; die Gestalt me erhält diese Endung durch Synkope 
nach Liquiden. 

Die besonders im Nom. Sing, häufig vorkommende 
nackte Form der Adjectiva lehrt uns zwei Reihen der- 
selben unterscheiden, deren erste solche Adjectiva um- 
faßt, die auf einen Consonanten oder bei Abfall einer 
Fricativa auf vollen Vocal auslauten, während die Ad- 
jectiva der andern Reihe auf die Schwächung e aus- 
gehen. 

§. 139. Die erste Reihe der Adiectiva hat be- 
deutenden Zuwachs dadurch erhalten, daß manche der 
zweiten Reihe angehorige ^(V^örter ihr auslautendes e ab- 
geworfen; bisweilen besteht dann' die ältere Form neben 
der apokopirten fort. Zur ersten Reihe gehören (um 
1500): alU omnis, archg malignus, arm pauper, -bar, 
z. B. erbär honestus, bläw ca*eruleus, oUk pallidus, 
blintd caecus, blot nudus, bolt audax, bretd latus, brün 
fuscus, dep profundus, dickt solidus, dofv surdus, dotd 
mortuus, drist impavidus, dülll insanus, gantjs integer, 
gär paratus, geil laetus, gräw canus, grts canus, grofv 
rudis, grot magnus, gütd bonus, hälfv semi, hartd du- 



^ Nicht meklenbnrgisch ist die ia der P, auftauchende Endung 
es für den Nom. Sing. Neutr. 



104 Declination der Adjectiva. 

rus, hei sanus, het calidus, hol cavas, hoch gh altus^ 
. hoUd faustus, juncng adolescens, Ä;en nuUus, klär cla- 
ru8, Men parvus, Jclük priidens, Jcort brevis, krank aeger, 
krummm curvus, läm claudus, lankng longus, Ufv ca- 
rus, licht levis, Uk par, loshber^ lütd clarus, mm com- 
munis, milt lenis, minnn parvus, nägh propinquus, nen 
nullus, notd opus, nygh novus, oltd vetus, quätd ma- 
lus, quik vivus, qutt väcuus, recht justus, bo-retd para- 
tus, rein purus, rik dives, rtp maturus, rotd ruber, 
rüch gh asper, -5am, z. B. horsam obsequens, scarp acu- 
tus, schefv obliquus, sek languidus, sUd humilis, slim 
mm malus, slicht pravus, snelll celer, stark firmus, 
stall tacitus, stolt superbus, strack adstrictus, stummm 
mutus, stump hebes, sufüd sanus, sür acidus, swak de- 
bilis, ^u;ar gravis, swart niger, tarn cicur, träch jMger, 
'valsch falsus, vast firmus, verrr,rn remotus, vil, vel 
multus, vin tenuis, vulll plenus, vül putridus, vrich, 
vry^fÄ liber, vröw laetus, vrutd sapiens, vrom probus, 
war cautus, war verus, warm calidus, wek moUis, wert d 
dignus, mU d ferus, uns sapiens, wis ss certus, tvit tt al- 
bus, wlak tepidus, tmst vastus. 

.§. 140. Hieran schließen sich Bildungen mit el: ed- 
del nobilis, tdel vanus; mit er: ander alter, hister obscu- 
rus, bitter amarus, lütter limpidus; mit en: eghen pro- 
prius, eken quemus, gülden aureus, holten ligneus, öpen 
apertus, schepen ovillus, sulveren argenteus, mLchtern 
, jejunus, wamsen cereus; mit Lingualen, ^d ausl. et, esch: 
näket nudus, vromet externus; düdesch germanicus, lü- 
besch Lubecensis; mit Gutturalen ik, ig ausl. ich: luttik 
parvus; wän-aßich habitans, blüdich cruentus, ewich ae- 
ternus, drovich tristis^ /eZicA securus, ^mcÄ cupidus, heJr 
lieh sitiens, hUlich sanctus, leddich vacuus, mennich mul- 
tus, genedicK benevolus, plichtich obstrictus, sälich bea- 
tus, tidich maturus, vlUich diligens, welich alacer, we- 
nick parvus; Composita mit lik, das zur Bildesilbe Uk 
herabsinkt, z. B. gestlik clericus, knenlik teuer (S. R.), 
werlik^ werUlik saecularis, vrentlik amicus. Weiter kom- 
men die Comparative und Superlative auf er und auf 
est, die Partie. Praet. auf en und ed ausl. et hinzu. Die 
Steigerungs^rade und die Participia decliniren srowol 
stark als schwach. 

Die beim Substantivum gemachten Bemerkungen über 



« •-" 



Declination der Adjectiva, Nameralia. 105 

Tondehnung des Stammvocals wie über Synkope und 
Apokope des e der Endung sind auch hier in Geltung^ 
Bei den Bildungen mit en kann als Regel aufgestellt 
werden, daß sie im Zusammentreflfen mit den Flexions- 
silben en und em das Bildun^s-en ausfallen laßen, z. B. 
herädem für berädenem Gonsmto ^ open für öpenen aper- 
tum, srevcn für screvenen scriptum. Andere Bildesil- 
ben verlieren bisweilen ihren Vocal, z. B. rtnsche rhe- 
nani, hilghen beständig für hilligen, redelken für redelir 
km probe. 

§. 141. Als zugehörig zur zweiten Adjectivreihe 
weisen sich während des Laufes unserer Periode aus 
die Adjectiva: anndmß gratus, blöde tivoidiis^ böse malus, 
mis-ge-bere itfeptus, bo-derve probus, diclce crassus, dorre 
aridus,, drl^e audax, dro^^e aridus, dtere pretiosus, elende 
miser, enge angustus, gebe solitus, genghe usitatus, grüne 
viridis, bohende celer, klene parvus, Ä;one audax, milde 
largus, unnöde invitus, nutte utilis, övele malus, boqueme, 
rede paratus, ringe parvus, 5cöwe pulcher, süte dulcis, 
snode nequam, späde, spede tardus, stede firmus, strenghe 
severus, sunte sanctus, swäre, swere gravis, trütpe fide- 
lis, vele multus, vremede peregrinus^ tvüste desertus. 
Hierzu gesellen sich die Partie. Praes. auf ende. 

Anmerkung. Die Natur des auslautenden e als altes i, (it)y 
j zeigt sich in der Wirkung des Umlauts in der Stammsilbe, e 
aus a, e aus u. 

B. Numerale. 

§. 142. Die Cardinalzahlen werden entweder nach 
vocalischer Declination flectirt oder sind völlig flexions- 
los- 

1. Die Einzahl en oder ein flectirt ganz nach der 
Weise stark flectirter Adjectiva: 



Nom. 


en 


ene 


en 


Gen. 


enes 


ener 


enes 


Dat. 


eneme 


ener 


eneme 


Acc. 


enen 


ene 


en. 



Der Dativ männlichen und sächlichen Geschlechts 
wirft mit der Zeit das auslautende e der Endung ab; 
selten wird das mittlere e oder gär die ganze mittlere 
Silbe dieser Form synkopirt, en-me^ eme (U.). 



106 Declinatian der Numeralia. 

t 

Ausser der Einzahl bieten nur noch die 2 und 3 
vollständige Flexion: 

Nom. 2. twi 3. dre, dvi 
Gen. tweier^ ttvyer drier, drigher 
Dat. twen dren 

Acc. ttve dre. 

Ein Unterschied der Genera besteht bei diesen bei- 
den Zahlen nicht mehr. Der Genitiv twyer^ ttmer ist 
durch Analogie der Form drier erzeugt. — Das Wort 
heidej hede ambo wird ganz nach der Weise starker 
Adjectiva declinirt. 

Die übrigen niedern Cardinalzahlen weisen nur ver- 
einzelte Flexionen auf. — 4: ver, vier, vir* (s. §. 44 An- 
merk.), flectirt vere\ — 5: vif^ die Länge belegt durch 
die Schreibung '^W (JJOi flec^rt vlve'^ — 6: ses^ 505, flec- 
tirte Form nur im Dativ sossen belegbar; — 8: achte 
bewahrt in dieser Periode noch regelmäßig sein aus- 
lautendes e; — 12: twelf, twolf, flectirt twelve. Dat. 
twolven. 

In den Zahlen 7: seven^ soven; — 9: neghen; — 10: 
tegJien^ teyen, co^trahirt tein; — 11: elven verhindert die 
tonlose Endung en das Hervortreten der Flexion. 

Von den hohem Cardinalzahlen verschmähen zu- 
nächst die Zahlen von 13 — 19, Zusammensetzungen der 
Einer mit der Zehnzahl, gleich dieser die Flexion, 
z. B. drutteyn 13, veftein 15, söventein 17, achtein 18. 
Ferner bleiben die Zehner, Bildungen vermittelst der 
Silbe -tich decas, unverändert, z. B. twintich 20, drit- 
tich, dertich 30, veftich^ vichtich 50, achtentich 80, und 
auch von zwischenliegenden Zahlen treffe ich keinen Be- 
leg der Flexion. Endlich sind die grossen Zahlen 100: 
hundert und 1000: düsent flexionslos, z. B. twen hundert 
ducentis (JZ.^. 

§. 143. Die Ordinalzahlen werden wie consonan- 
tisch flectirende Adjectiva declinirt. Dies gilt sowol von 
dem Superlativ erste, welcher als Ordinale der Einzahl 
dient, und von dem Adjectiv ander alter, secundus, 
welches wegen der tonlosen Endung er oft Apokope 
und Synkope des e der Flexionen eintreten lässt, als 
auch von den wirklichen Ordinalien, welche von den 
Cardinalzahlen 3 — 19 vermittels der Endung -de, die 



Declination der Pronomina. 107 

nach s und f zu -te wird, und von den höhern Zahlen 
vermittels der Endung este^ sU gebildet werden. 

• C Pronomina. 

§. 144. a. Personliches ungeschlechtiges Pronomen: 

L Sing. Plur. n. Sing. Plur. KI. 

Nom. ik wi du gi — 

Gen. miner unser diner jutver siner 

Dat. mt uns dt juw{ju^jw) sih 
Acc. mi uns dt juw sik. 

Die im JB. S. vereinzelt vorkomnaende Form mik 
statt mi^ zum Reime auf sik gebildet, gehört dem Dia- 
lekte nicht an. Der Nom. Plur. I. erscheint auch in 
den Formen we und wie, jedoch selten; die obliquen 
Casus des Plur. I. bewahren bis über die Mitte des 
1^ Jahrhunderts hinaus noch die im Alts, üblichen For- 
men mit Ausfall des ni üser^ üs, üs in einer ganzen 
Eeihe von Urkunden und im iJ. S. — Die Belege der 
Genitive miner, diner, siner' gehören Sprachdenkmälern 
des 15. Jahrhunderts an, und es muß vor der Hand 
dahingestellt ibleiben, ob der meklenburgische Dialekt 
vordem die endungslosen Formen mm, din, sin besaß, 

§. 145. 6. Persönliches geschlechtiges Pronomen. 
III. Sing.Masc. Fem. Neutr. Plur. 



Nom. 


he 


^e 


it 


se 


Gen. 


es(?) 


er 


es 


er 


Dat. 


eme 


er 


eme 


en 


Acc. 


ene 


se 


it 


se. 



Die Formen eme und ene kürzen sich bisweilen zu em 
und en, doch wahrscheinlich mit beibehaltener Tonlänge 
ihres Vocals. — Die Form des Gen. Sing. Fem. und 
Gen. Plur .er wird hier und da zu erer verlängert, ähn- 
lich die' des Dat. Plur. en zu ennen^ indem man ihnen 
Casusendungen er und en schuldig zu sein vermeinte, 
und in der Aussprache erer, er'r nicht weit von er und 
ennen, enn'n nicht weit von en abstand. Die P. bietet 
ene für den Dat. Plur. en, als einen ihrer Fehler. — 
Gegen Ende unserer Periode dringt die Form des Dät. 



]08 Declination der Pronomina. 

Sing. Fem, er auch in den Acc. vor. — Statt it (ydt, 
TJ.) schreibt ^. £. und andere äußerst häufig id^ ver* 
muthlich durch das lateinische id irregeleitet, doch in 
de r Aussprache nicht abweichend, da eben jedes aus- 
lautende d zur Tennis wird. — Der Gren.,Sing. M. und 
N. erscheint meist inclinirt als s. 

Statt und neben den mit e anlautenden Formen die- 
ses Pronomens weist das N. und eine kleine Anzahl 
von U» andere mit o oder o anlautende Formen ome, 
dm, one, on, br^ orer, an auf. 

§. 146. c. Possessives Pronomen. 

I. Sing. I. Plur. 

Masc. Fem. Neutr. Masc. Fem. Neutr. 

S. Nom. min mtne min unse unse unse 

Gen. mines miner mines unses unser unses 
und so fort nach starker Adjectivfiexion. 

II. Sing, din, dine^ dtn 11. Plur. juwe^ juwe^ juwe 
flect. wie min flect. wie unse 

m. Sing, dn sine sin flect. wie min. 

Das Possessivpronomen dritter Person beschränkt sich 
in der Anwendung auf einen Besitzer männlichen oder 
sächlichen Geschlechts; für mehrere Besitzer oder weib- 
lichen Geschlechts wird ein dem Alts, fremdes Possessiv 
aus dem Gen. Sing. Fem. und dem Gen. Plur. des per- 
sönlichen geschlechtigen Pronomens gebildet, welches 

er ere er 
lautet und nach starker Adjectivdeclination flectirt wird. 
Diejenigen Quellen, welche im persönlichen geschlech- 
tigen Pronomen die mit o anlautenden Formen . haben 
verwenden denselben Anlaut natürlich auch in diesem da- 
von abgeleiteten Possessivpronomen. Ebenso zeigen die 
Quellen, welche üs für uns nos bieten, auch im zugehö- 
rigen Possessivpronomen üse noster u. s. f. den Ausfall 
des n, 

§. 147. d. Demonstratives Pronomen. 

1. Sing. Masc. Fem. Neutr. Plur. 
Nom. de de dat de 

Gen. des der des der 



Declination der Pronomina. 109 

Sing. Masc. Fem. Neutr. Plur. 
Dat. deme der deme den, 
Acc. den de dat de. 

Die Dativform deme erfährt in unserer Periode nicht 
häufig Kürzung zu dem. Neben de in allen Bedeutun- 
gen erscheint die Schreibung die meist mit . Hochton 
und somit auf die Aussprache de zurückzufuhren, welche 
wir nach §. 45 für de im Höchton zu erwarten haben. 
Wo die Form de aber unbetont ist (und das ist meistens 
der Fall, da dies erste Demonstrativ als Artikel dient), 
haben wir den auslautenden Vocal als kurz anzusehen, 
auch wo er alts. m, iä oder iu entspricht. 

2. Dem Alts, these entspricht im meklenburgischen 
Dialekte am genauesten: 

Masc. Fem. Neutr. 

Sing. Nom. dese dese dit Plur. dese 

Gen. deses deser deses deser 

Dat. deseme deser deseme desen 

Acc. desen dese . dit dese. 

Aus dieser Grundform mit tonlangem e in erster 
Silbe ergibt sich eine zweite, sehr übliche Form durch 
Verdoppelung des 5, welche die Tonlänge des Vocals 
aufhebt: desse; mit der Tonlänge kann zugleich auch 
die Brechung des Vocals aufgehoben werden und so 
ergibt sich die dritte Form disse, aus der durch Ver- 
dunkelung des Vocals als vierte die Form dusse resul- 
tirt. In ihrer Flexion zeigen diese Nebenformen keine 
Abweichung von der Grundform ; der Nom. Acc. Neutr. 
steht in der Form dit fest. ^ — Mit der Dativendung 
-eme hat es dieselbe Bewandtniss wie ini ersten Demon- 
strativ. 

3. Das Demonstrativ ghene, yenne ille wird überall 
schwach flectirt. 

§. 148. e. Interrogatives Pronomen. 

1. Sing. Masc. Neutr. 
Nom. we, wie wat 
Gen. wes wes 



^ Vgl. jedoch mit der Form dusse den Reim Erekelput: dit des 
Rein^ke Vos 2444. 2936. 



110 Declination der Pronomina. 



Sing. Masc. Neutr. 
Dat. weme weme 

Acc. wene wat. 

2. Das Interrogativ der Qualität welk declinirt nach 
Art der stark flectirenden Adjectiva. Neben der Form 
des Nom. Plur. welke findet sich gegen Ende der Pe- 
riode die verlängerte Form welkere^ die sich später, auch 
auf andere Casus ausbreitet. Eine Abkürzung von 
welk, entstanden durch Abwerfimg des k und Verdunke- 
lung des Vooals, ist wol quis. 

Anmerkung. Das alts. hwedar uter ist fmr noch als Frage- 
artikel weder, wir vorhanden ; der Instrumentalis kwo in der Form 
wo besteht wie im Alts, als Adyerb, während der wirkliche In- 
strumentalis erstorben ist. 

§. 149. f. Relatives Pronomen. 

Die Relation wird ausgedrückt durch das erste De- 
monstrativ, verstärkt mit der ' Partikel de oder ohne 
diese, durch die Interrogativa mit oder ohne jene Par- 
tikel. 

Das verallgemeinernde Relativum swe quicunque, 
aus dem ersten Interrogativ gebildet, flectirt wie dieses. 

§. 150. g. Unbestimmtes Pronomen. 

Die Pronomina indefinita werden zum Theil adjec- 
tivisch declinirt, manlik, molk quisque, iesUk, eslik quis- 
que, iowelk, iewelk quivis, suTk talis, sulf ipse, letzteres 
nur schwach, zum Iheil substantivisch nemen^ numment 
nemo (Dat. nemend^^ iemand, jumment aliquis, icht ali- 
quid, nicht nihil. Wie das erste Interrogaliv flectirt 
das von demselben herstammende alleswe unusquisque. 
Das Reciprokpronomen einander ist unveränderlich ; 
das Wort men, me homines, steht nur im absoluten 
Casus. 

K Inclination der Pronomina. 

Inclination verändert kürzend die Formen der Pro- 
nomina in einigen Fällen; doch leidet mehr der Stamm 
als die Flexionssilbe. Vornehmlich trifft sie das Neutr. 
des personlichen geschlechtigen Pronomens und das 



Declination der Pronompa. 111 

erste Demonstrativ; aus it wird dann et oder bloßes t, 
z.H.'isset est id, weret esset id; aus deme wird eme, 
me oder bloßes m, z. B. uppeme supra hunc, tome, tom 
ad hunc; aus den wird bloßes n, z. B. tön ad hos 
u. a. m. Die mündliche Rede vollzog sicherlich der In- 
clinationen weit mehr, als die schriftlicnen Sprachdenkmä- 
ler uns zur Darstellung bringen können. 



Zweite Abtheilung. 

Der meklenbnrgische Dialekt in neuerer Zeit. 

(Von der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis auf die 

Gegenwart.) ^ 



Vorbemerkung. 

§. 151. Nachdem wir in der ersten Abtheilung durch 
die Darstellung der „Laut- und Flexianslehre des meklen- 
burgischen Dialektes in älterer Zeit" die historischen 
Grundlagen für die 'weitere sprachliche Entwickelung 
gefunden haben, handelt es sich in dieser zweiten Ab- 
theilung besonders darum, diejenigen Verändeningen auf- 
zuzeigen, welche der Dialekt an Lauten und Flexionen 
im Laufe der drei letzten Jahrhunderte erfahren hat. 
Wir haben dabei den gegenwärtigen Stand der Sprache, 
als das vorläufige Ziel der geschichtlichen Entwickelung, 
zum eigentlichen Gegenstande unserer Beobachtung zu 
machen, jedoch in der Weise, daß wir den vorhandenen 
Zusammenhang des jetzigen Sprachstandes mit dem des 
beginnenden 16. Jahrhunderts stets im Auge behalten, 
indem wir bei jeder wesentlichen Veränderung des Dia- 
lektes, welcher wir begegnen, den Zeitraum anzugeben 
uns bemühen, in welchem dieselbe vor sich ging. Die- 
jenigen Schriftsteller, welche uns zu diesem Zwecke be- 
sonders zum Anhalte zu dienen haben, sind §. 4 nam- 
haft gemacht worden. 

§. J52. Abgesehen von der Auftiahme und Einbürge- 
rung zahlreicher hochdeutscher Worter in den Dialekt 



Veränderungen des Dialektes. Vocale. 113 

bestehen die hauptsächliohsten Unterschiede der gegen- 
wärtigen Sprache von dem Sprachstande gegen Ende der 
Torigen Periode 1) auf dem Gebiete der Liautlehre in 
Vermehrung der Umlaute, in Vergrößerung des Ein- 
flußeS) welchen r auf vorhergehende Vocale ausübt, in 
Zunahme der Synkope und Apokope der Schwächung 
ß, in weiterer Ausdehnung der Assimilation bei conso- 
nautischen Verbindungen, und 2) auf dem Gebiete der 
Elexionslehre im Zusammenfallen des Optativs mit dem 
Indicativ, in der Einbuße des Genitiv und in theilweiser 
Vereinigung des Accusativ und Dativ. 



Erstes Bach. 

Lautlehre. 



Erster Abschnitt. 

Von den Vocalen. 

§. 153. Der gegenwärtige meklenburgische Dialekt 
besitzt sieben kurze Vocale (a, «, w, e, o, ö, w), drei ton.- 

lange (a, e, a), sieben lange Vocale (a, e, i, ö, «, (», %e) 
und drei Diphthonge (au, ei, eu). Es sind also zum alt- 
meklenburgischeq Bestände an Kürzen und Längen die 
Umlaute ö, w, oe und te hinzugetreten. Von den alt- 
in eklenburgischen Tonlängen ist das ö im ä aufgegangen, 

dagegen als Umlaut dieses Vocals das ä neu eingeführt. 

Als Lautnuance des a steht o; mit cT lautlich identisch 
ist eine achte Länge (e. Von den Diphthongen entspricht 
das ei dem altmeklenburgischen ei^ das au dem om, Um- 
laut des au ist eu^ mit welchem das altmeklenbur^ische 
oi in den meisten Gegenden Meklenburgs lautlicn zu- 
sammenfällt; ie ist ganz verschwunden. 

I. Kurze Vooale. 

£>ie fünf kurzen Vocale des altem meklenburgischen 
Dialekts haben im neuem ihr Gebiet gegen die Ton- 

Ktrger, Gnaunatik. 8 



114 Kone Vocale. A. 

dehnunff ziemlich bewahrt; daffegen sind o und u durch 
die Unuaate ö und ü beschramit worden, und außerdem 
hat das halbvocaUsche r die a, 6 und o in manchen 
Fällen angemffen. 

§• 154. Kurzes Ä besteht auch jetzt noch vor aus* 
lautender, organisch einfacher Consonanz in den einsil- 
bigen Wörtern: säl^ schäl debeo, gram infensus, an ad, 
han ^ possum, van de, a/'ab, graf sepulcrum, Ä^a/'palea, 
bai balneum, blat folium, dat hoc, fat yas, gat foramen^ 
r(U rota, sat satur, stat urbs, ^stcat merges, wat quid^ 
^Zo^yitrum, ^ro^ gramen, toas fvdt, däk tectum, fak lo- 
culus, dach dies, flach locus, macA possum, libet, slach 
ictus. (^gl- §• 1^0 Hierzu gehören auch bis an oder 
in unsere Zeit die rraeteritalformen kam veni, nam cepi, 
gaf dedi, at edi, bat rogavi, frat comedi, vergat oblitus 
sum, mat mensus sum, sat sedi, trat calcavi, las legi, 
stak pupugi, lach jacui, plach solitus sum, sach vidi, ge- 
schäm factum est; aber sie sind im Aussterben begriffen, 
indem der zweite Praeteritalablaut e vom Optativ aus 
in diese Indicativformen vordringt In einigen der an- 
geführten Wörter hat sich das e schon durchaus fest- 
fesetzt, z. B. bed rogavi, stek pupugi; andere schwan- 
en noch, doch gewinnt das e immer mehr das üeber- 
gewicht. Aeltem Datums ist das Ausscheiden der Prae- 
teritalformen stai furatus est, drap ici, br(dc fregi, sprak 
locutus sum, bewach movi aus dem Gebiete des a, indem 
sie bereits am Schluße der vorigen und dem Beginne 
unserer Periode (0.) vom Ablaute a zum 6 übergehen. 
Dennoch hört man noch heute bisweilen spraJc und brak. 
— Was die auf Liquiden auslautenden Nominalformen, 
wie dal vallis, läm claudus u. s. w., anlangt, so steht* 
ihre um 1500 beginnende Tondehnung dura die ganze 
Folgezeit fest *, und ebenso die Consonantenverdoppelung 
in smal an^stus, und tarn mansuetus, denen sich noch 
swak debilis zugesellt. — Der Bestand des a vor ver- 
doppelter oder vor mehrfacher Consonanz bedarf hier 



^ kan ist in Bücksicht auf den Infinlttv kanen nnnmehr hier auf- 
xnfohren, während altmeklenborgisch der Infinitiv kunnen doppelte 
Consonanz aufwies. 

' tan dens bat zugleich Umlant t^. 



Enrze Vocale. A, 115 

keiner Belege. Beilau% nur ma^ bemerkt w^den, daß 
die neuem plattdeutschen Schriftsteller, welche neu* 
hochdeutschen Schreibegesetzen folgen, die inlautende 
Gemination auch im Auslaute beibehalten. Da jedoch 
die lebendige Sprache an dem alten Auslautsgesetze fest« 
hält, nach welchem inlautende Geminata im Auslaute 
vereinfacht wird, so muß die grammatische Schreibung 
gleichfalls diesem Gesetze Folge leisten, und Geminatio- 
nen dürfen im wirklichen Auslaute (vgl. §. 160) nicht ' 
vorkommen. 

§. 155. Die Trübung des a zu o, welche «bereits 
frühein der vorigen Periode begann, hervorgerufen durch 
die dem a folgenden Verbindungen Id (s. §. 193) und U 
besteht fort, z. B. folden (folget^ plicare, holden teuere, 
olde antiquus, inholt summa, holt fngidus; moU polenta, 
smoU butyrum, solt sal. Nur Worter, die als hoch- 
deutsche Lehnworte erscheinen, bewahren das a un- 
getrübt, z. B. gewält vis, gestaU fi^ura. — Femer erlei- 
det das Gebiet des wurzelhaften kurzen a durch die- 
jenigen Verbindungen des r, in denen dieses sich halb- 
vocalisch auflost, nämlich durch rlj ^n, rd auslautend 
rtj rs und rz eine Beschränkung. JBereits in der vori- 
gen Periode sahen wir das a zunächst vor rd, auslautend rt^ 
zu ä sich verlängern (vgl. §. 13, Anm. 2). Dies a be- 
hauptet sich nun vor den obengenannten Verbindungen 
bis an das Ende des 18. Jahrhunderts. Im Laufe un- 
sers Jahrhunderts aber gestaltet sich durch Vermehrung 
des dumpfen Lautes, welcher dem ä seit langer Zeit 
zukam (s. §. 35), aus demselben ein wirkliches 6. Bei- 
spiele ^ : Korl ri. pr., gorn fila, orn messis, gorden hor- 
tus, swörd^ cutis, schord fissura, bort barba, fort iter, 
mort martes, drt species, 6or5%pei^ca, 6r^ podex, hor/sf 
resina, Höra saltus Hercynius. Zwei Lehnwörter kort 
Charta, ^lört teuer haben sich dieser Reihe angeschloßen, 
obwol ihr rt nicht blos durch den Auslaut entstanden 
ist, sondern wurzelhaft im Inlaute verharrt. Anderer- 



^ Das halbyocalische r wird hier und weiterhin^ in den Beispie- 
len durch r bezeichnet werden; über seinen Laut Näheres in §. 185. 

2 Ueber d s. §. 80. Es steht hier nur scheinbar im Auslaute, 
da ein schließendes e verstummt ist. 



IIQ Kurze Yocale. A. L 

seits duldet das Wort hart durus, flect. harde^ bei con- 
sonaotisch bewahrtem r keine Verlängerung noch Ver- 
dunkelung seines Vocals. Die Verbindungen des r, in 
denen es seinen consonantischen Werth behält, wie auch 
rr^ laßen das a unbeschädigt, z. B. narr stultus, swami 
turba, scharp acutus, garv manipulus, farw color, swart 
niger, snartendart ortygometra, stark robustus, argh pra- 
Yus. Vor diesem consonantisch verharrenden r nimmt 
das a in einigen Theilen des Landes, namentlich in den 
Städten Rostock und Parchim einen zum e sich neigen- 
den Sehwebelaut an, welcher auch dein a zukommt, das 
durch r aus e hervorgerufen wird. ^ Im übrigen Lande 
Meklenburg aber khngt das a rein. — Ueber das ar 
für er ist' beim e zu handeln, s. §. 159, 2. 

Anmerkung 1. Die Partikel van de hat diese Form bis auf 
die Gegenwart behalten und dauert auch neben dem eindringenden 
tfon noch fort; das Adverb wal bene ist verschwunden, unsere Pe- 
riode verwendet nur tro/; das bis auf B, und Mtis». gebräuchliche 
'8ckoppp weicht jetzt der hochdeutschen Bildesilbe scha/t. 

Anmerkung 2. Der durch r aus a hervorgerufene, ver- 
längerte und verdunkelte Laut könnte fuglich auch mit ö statt mit 
ü bezeichnet werden, da vor r der Unterschied dieses tonlangen 
und langen Vocals. sich verwischt (s. §. 26). Die analoge Erschei- 
nung bei den Vocalen e und o empfiehlt jedoch die Anwendung 
* des Zeichens 6. — Die Entwickelung des Vocallantes, abgesehen 
von den consonantischen Verhältnissen,, ist ersichtlich durch Ver* 
gleichung der Schreibweisen des altmeklenburgischen garde hortus, 
welches bei B, gaarn, bei Ritt, gaen^ bei Reuter goren lautet. 

§. 156. Kurzes I besteht vor organisch einfachem 
Consonanten in den einsilbigen Wörtern spil ludus, nim 
cape, in in, schip navis, gif da, dit hoc, lit membrum, 
ögen-lit palpebra, mit cum, smit faber, snit Sectio, trit 
gressus, is est, ik ego^ sik se, -fo'i, -ich Adj.-Bildesil- 
ben, ''tick decas. Einige der vordem hierher gehörigen 
Worter (vffl. §. 14) haben im Laufe der Periode ton- 
gedehnten Vocal angenommen, z. B. vel multum (0.), 
grep raptus (B.), sehet cacatum. Andere haben zwar 
das i bewahrt, verdoppeln jedoch bei Silbenan wachs 
ihren Consonanten, z. JB. pik pix, flect. picke (Gh.), quik 



^ „Kurzes a und kurzes e vor wurzelhaftem r haben gleichen Laut." 
{Wigg.) 



Karze Vocalc. /. ]17 

vivus, flcct. quicke^ vgl. mit queke radix tritici repentis. 
Ihnen beginnen neuerdings trit nnd spü zu folgen. Noch 
andere Worter vertauschen ihre niederdeutsche Form 
mit der hochdeutschen, z. B. griff raptus statt grip^ 
'lieh (B.) statt lik (L,)^ biß morsus neben anhit morsus 
piscis in hamum. 

Der Bestand des i vor Geminationen und Conso- 
nantenverbindungen ist ziemlich unverändert geblieben. 
Im reinen Niederdeutsch ist das i vor r- Verbindungen 
ausgeschloßen; nur in wenigen Wortern findet es sich 
ein, die aus dem Hochdeutschen entlehnt sind, wie 
schirm tutela, umbella, wirt hospes, caupo, hirsch cer- 
vus, Jcirsch cerasum , vergliehen mit schermschüt clypeus 
(Gi.), iverdinne hospita (G.)^ wiert caupo (JB., s. §. 159^, 
herte cervus (Gh.), kassebere, d. i. kersebere cerasum (Gh.). 
Auch greifen irren errare, und wir rieh erroneus neben 
den altern Formen mit e nunmehr Platz. Von Z- Ver- 
bindungen dulden auch jetzt nur die mit Lingualen das 
i vor sich; sonst gilt die Brechung e oder die Ver- 
dunkelung ü. Eine nur scheinbare Ausnahme bildet ük 
mustela putorius, insofern es aus illeke {Ch,) gekürzt 
worden. 

§. 157. Durch die kürzende Kraft mehrfacher Con- 
sonanz bildet sich kurzes i wie in voriger Periode (vgl. 
§. 15) aus t in den synkopirten Praesensformen ablauten- 
der Verba der J-Reihe, doch nicht mehr in den Ablei- 
tungen des Zahlwortes vif 5 , da hier die getrübten 
Formen föfte quintus, f öftein 15, föftich 50 üblich ge- 
worden sind. Aus e entspringt i nur noch in iwintich 
20 von twe 2 und bisweilen in gink ivit statt geng oder 
güng*^ das noch bei L, gebräuchliche hilUeh sanctus hat 
jetzt die hochdeutsche Form heilich g angenommen; die 
Ableitungen von dri 3 haben getrübten Vocal erhalten, 
drüdde tertius, driUtein, dörtein 13, dörtich 30. Die- 
jenigen Worter, in denen i aus e entstand, wie disse 
hie, himmel coelum, minsch homo, stehen in dieser Form 
fest (himmel freilich erst durch nhd.. Einfluß aus der 
bis auf L. ausschließlich üblichen Form hemmel her- 
gestellt). Was aber die durch Synkope oder Endungs- 
fosigkeit einsilbigen Formen der ablautenden Verba,. 
welche im Infinitiv e zeigen, anlangt (vgl. §. 94), so hat 
in ihnen das i eine Gebietsverkleinerung erlHten, indemi 



118 Kutze Vocale. ü. E, 

es nur noeh vor f und m bewahrt wird, sonst aber dem 
e oder e seinen Platz einräumt; also gelten noch gif st 
das, nimt sumit, nim sume, aber etwa seit 1700 kein 
dri^t^ brikst, vorgit u. s. w. mehr. 

§. 158. Kurzes U ist in seinem Bestände vielfach 
durch den Umlaut ü beschränkt worden, namentlich da, 
wo es durch kürzende Kraft mehrfacher Consonanz er- 
folgte oder durch Verdunkelung eines altern i sich er- 
gab« Vor auslautender einfacher Consonanz steht es 
nur noch in dem Praefix ufir-, in der Praeposition up 
und in dem Imperativ Jcum veni, während älteres bun 
sum umgelautet ist, äldus und stis sie ausgestorben 
sind. Von einem Einfluße der r- Verbindungen kann 
nicht die Rede sein, da bereits in der vorigen Periode 
das u vor r zw o gebrochen war. Im übrigen ver- 
harrt das t« in dem Maße seines altmeklenburgischen 
Bestandes (vgl. §. 16). 

§. 159. Kurzes E kommt nach den in §. 19 gewonne- 
nen Resultaten über den Laut, welche in der gegen- 
wärtigen Sprache ihre Bestätigung finden, hier nur als 
betonter Vocal einerseits und als tonlose Schwächung 
andererseits zur Betrachtung. — Das betonte kurze e 
steht vor einfachem Consonanten in den einsilbigen 
Wörtern den huric, en iis, bei usque, bet melius \ gebet 
oratio, bret tabula, des hujus, wes cujus, blek bräctea, 
stech ponticulus, weck via. Von diesen Wortern ist en 
im Aussterben begriffen, blek nimmt auch Gemination 
an. Die Imperative von Verben der V. und VI. -4-Reihe, 
denen e zukommt, halten dies meist fest, erlauben je- 
doch auch den Gebrauch des tonlangen Vocals e, welcher 
vor Z und r erfordert ist; z. B. wes esto, 7net metire, 
sprek loquere, brek frange, seltner wes, met, sprek, brek, 
doch stets bevel commenda, scher tonde. Durch Apo- 
kope werden die Pronominalformen eme ei und ene eum 
einsilbig und erhalten damit kurzen Vocal, em und en. 
Vor mehrfacher Consonanz ist der altmeklenbur- 
^sche Bestand des betonten e in einigen Fällen alte- 
rirt worden. 1) Durch hochdeutschen Einfluß wird die 



^ In der Formel gu het to = hochd. geh fürbaC^, im provin- 
sieUen Hochdeatsch freilich durch ,g€h bis zu^ übersetet. 



Kurze Vocale. E. 119 

früher übliche Brechung vor mm und nip in den Wör- 
tern stimme vox, schimp probrum seit X. aufgehoben, 
doch besteht sie in swemmen, natare fort. 2) Die wesent- 
lichsten Veränderungen erfährt das e vor rr und den 
r- Verbindungen. Nur in Lehnwörtern aus dem Hoch- 
deutschen behält es Bestand, z. B. erz aes, geht aber in 
allen echt meklenburgischen Wörtern je nach der Natur 
des r entweder in a oder in I über. Zu a wird das e, 
vereinzelt schon in voriger Periode (s. §. 13), jetzt durch- 
aus, vor consonantischem r, mithin vor rr^ rm, rt, rst, 
T mit Labialen und r mit Gutturalen; z. B. sparren 
claudere, tarren vexare, warmen calefacere, hart cor, 
Start cauda; barsten rumpi, garsten hordeum, mit Aus- 
fall des r meist baste^i, gasten lautend; ar^en hereditäre, 
äarben mori, un-be-darvt stultus, harvst autumnus, ge- 
warv munus, scharpen acuere, farwen oolorare, garwen 
corium subigere, arwten erva; argern oflfendere, verbar- 
gen celare, narns für nargens nusquam, bark betula, 
karJcen ecclesiae, maricen intelligere, swarh nubes, wark 
opus, barch mons, herbarch, harbarch diversorium. Die- 
ser Reihe schließen sich die Wörter pari margarita, kam 
nucleus, warden fieri, vardich paratus an. ^ Vor halb- 
vocalischem r dagegen, also vor rl, m, rdy auslautend 
rt^ und rs wird das e, wie bereits in voriffer Periode 
(s. §. 20, Anm. 2) zu e gedehnt, und aus diesem e er- 
ibt sich, wie aus organischem e vor r, am Schluße 
es 18. und im 19. Jahrhundert ein I*; z. B. ktrl vir; 
firn remotus, girn libenter, Urn discere, stipi Stella, 

Stirn frons, twirn filum, tptst severitas, Irnst N. pr.; 
ird terra, Ünne-irdschen Inferiores, Mrd pastor, Mrt fo- 
cus, pirt equus, szvtrt gladius, wir der insula, mrt dig- 
nus; hirs milium; bisweilen stirt cauda. Die Schreibung 
der Lautverbindung macht Schwierigkeit, wenn man des 

frammatischen Längezeichens und des diakritischen 
unktes entbehren muß. Statt unsers ir wenden manche 
neumeklenburgische Drucke ein ier an, so JB. und üeti- 
ter in früherer Zeit. Allerdings kommt ein diphthon- 



f 

de 



^ üeber den in einigen Gegenden nach e schwankenden Laut 
dieses a s. §. 155. 

^ Vgl. die englische Aussprache des ee^%. 



120 Kurze Vocale. E, 

gischer Laut zu Gehör, aber dieser hat seinen Grund 
in der Vocalisirung des r, welches somit doppelt aus- 
gedrückt wird. Andere, so. Ritt.^ laßen deshalb das r 
weg und setzen bloßes ie^ schaden aber dadurch der 
Deuthchkeit des Wortbildes, indem sie dieses seiner ur- 
sprünglichen Gestalt allzi) sehr entfremden. Mit Recht 
ist daher Meuter u. a. in neuerer Zeit zum einfachen ir 
zurückgekehrt, welches am genauesten dem altem er, 
eer=^er entspricht und auch als treue Wiedergabe des 
Lautes gelten kann, sobald der Leser das t als lang und 
das r als Halbvocal aufzufaßen weiß. Beispiele der 
Lautent Wickelung und Schreibung: Teerig Jceerl (Voss), 
Jcierl (B.)j kiedl (Ritt), Jcirl (Reuter)] erde, eerde (Voss)^ 
ierd (B.), ied (Ritt.), ird (Reuter); perd, peerd (Ch. L), 
pierd (JB.)^ pied (Ritt), pird (Reuter). 3) Der in vori- 
ger Periode durch die umgebenden Consonanten be- 
wirkten Trübung des 6 zu o entspricht in dieser Periode 
die Trübung ö. Bereits getrübt überkamen aus dem 
altmeklenburmschen Bestände die Worter rönnen currerc, 
vrömt peregnnus, twolf 12, dörtieh 30, sös 6, vöft quin- 
tus, vöftich 50; einige andere mit U und r- Verbindung 
im Inlaute kommen hmzu, welche vordem noch ungetrüb- 
ten Vocal besaßen oder für die der Beleg fehlte: toller 
patena, Woltern volutare, smölten liquefacere, döschen 
(dor sehen (Jh.) triturare; femer mör für älteres mörw te- 
uer, schörn für schörven fragmenta, in denen das halb- 
vocalische r Dehnung des ö bewirkt; endlich sörre ex, 
post (Reuter)^ richtiger södder = altmekl. sedder. 

Anmerkung. In der Sprache des platten Landes klingt der 
Laut des e vor Gemination und Verbindungen des n sehr nahe an 
ein t an, sodaß die §. 19 angeführten Reime des R, S. noch jetzt 
richtig sein würden. 

§. 160. Die tonlose Schwächung e verstammt 
mehr und mehr. Am Ende des Wortes leidet sie seit 
dem beginnenden 16. Jahrhundert öfters Abfall, welcher 
immer häufiger wird, bis in der Gegenwart als Kegel 
angesehen werden kann, daß die auslautende Schwächung 
abgeworfen werde. Dabei bleiben jedoch die Wir- 
kungen dieses wegfallenden Lautes wo möglich erhalten; 
es besteht also die etwaige Tonlänge des Stammvocals 
fort und die inlautende Uonsonanz wird den Auslauts- 



Kurze Vocale. E. 0. 121 

gesetzen, namentlich der Verhärtung oder Aspiration 
wurzelhafter Media nicht unterworfen. Z. B. schep = 
älterm schepe naves zum Sing, schip; vif sinn 5 sensua 
zum Sing, sin; Wn^ = älterm ringe annuli zum Sing. 
rink; krigh = älterm krighe bella zum Sing, krtch; 
hunn = älterm hunde zum Sing, hunt; dägh = älterm 
d(ighe zum Sing, dach; slegh = älterm sleghe zum 
Sing, slach. Ueberall aber, wa kein tonlanger Vocal 
vorhanden und die Consonanz so beschaffen ist, daß- 
Auslautsgesetze sie nicht verändern können, da fällt das 
e spurlos weg; z. B. börs perca, percae. Dieser Um- 
stand wird für die Flexionslehre (Vereinigung des Acc. 
und Dat. und dgl.) von großer Wichtigkeit. — In den 
auf Consonanten ausgehenden Endungen steht das e et- 
was fester, doch ist es auch hier unechter Synkope viel- 
fach unterworfen. Mit der echten Synkope hat es die- 
selbe Bewandtniss, wie in voriger Periode (vgl. §. 23). 

Anmerkung 1. In den tonlosen Praefixen ent-, er-, ver-, be-^ 
wie in der Bildesilbe esch gilt nur noch e, kein u, t oder o mehr. 

Anmerkung 2. Um der richtigen Aussprache der Belcjice 
willen ist zu bemerken, daß in der Endsilbe er das e im vocali- 
sirten r verhalle, und ebenso in den Endungen ern und ert. Ritt 
bezeichnet diese Endungen mit e, en, et — Die yerstummende 
Schwächung e nennt Wig^, sehr treffend ,8 tili es e^. 

6. 161. Kurzes o ist in seinem Bestände durch den 
Umlaut ö beschränkt worden, namentlich wo es durch 
kürzende Kraft mehrfacher Consonanz erfolgte oder 
durch Verdunkelung eines altern e sich bildete. Vor 
einfachem Consonanten steht es noch in den einsilbigen 
Wörtern grof rudis, hof aula, lof laus, of an, stof pul- 
vis, bot mandatum, änten-flot lenticula palustris, lot sors, 
slot arx, claustnun ferreum, kok coquus, doch tarnen, 
h'droch fraus, noch adhuc, soch suctus, toch agmen, 
troch alveus. Von den früher hierher gehörigen ^br- 
tern haben einige Tondehnung erhalten, so vräm pro- 
fus (0.) und ncct nux, letzteres zugleich mit Umlaut; 
andere geminiren bei Silbenanwachs den urspriinglich 
einfachen Consonanten, so hol cavus ^, ferner loss sors, 
Jö halbhochdeutscher und Got Dens in hochdeutscher 



^ Vgl. holl foramen und dat hole schipp alveus navis (Ch.)» 



122 Kurze Vocale. 0. Umlante. 

Form; aus der hochdeutschen Eircbensprache ist auch 
das Wort gd)dt praeceptum Dei aufgenommen, während 
die andern Composita von hot die Kürze bewahren, 
z. B. up-gebotj verbot. 

Diejenigen Verbindungen des halbvocalischen r, welche 
a m und c; in ^ verändern, rufen aus älterm o anfangs 
6 und seit Ende des vorigen Jahrhunderts ü hervor. ^ 
Da rl und rs hier mangeln, so kommen nur m und rd^ 
auslautend rt^ in Betradit. Beispiele: dürn spina, hürn 
comu, Tmrn frumentum, turn turris, nur den septentrio- 
ues, hurt margo, gehurt nativitas, fürt prorsum, muri 
caedes, urt mucro, locus, umrt verbum, umrt ager hor- 
tensis. Der Reihe schließt sich das Lehnwort pürt porta 
an; dagegen entzieht sich hörn fons dem Lautwandel; 
für älteres torne ira (Ch,)^ toren (L.) ist jetzt das hoch- 
deutsche zorn üblich, doch vgl. sik verttern dissentire. 
Die iibrigen r-Verbindungen laßen bei consonantisch 
verharrendem r den Vocal o unverändert, z. B. worm 
vermis, Jcorf corbis, Jcort brevis, hork cortex, horch arx. 
Mit dem Ausfall des r der Verbindung rst wird zu- 

fleich die durch r bewirkte Brechung aufgehoben in 
em Worte umst farcimen für älteres worst (Ch.), wäh- 
rend oder ö in den übrigen Wörtern bestehen, z. B. 
host pectus, host nemus, döst sitis. Vor der Gemination 
rr wird in der Regel w, nicht mehr o beliebt, z. B. 
knurren tuber arbons, sturr rigidus, verwurren distur- 
batus, snurrer mendicus; docn auch knorrefi^ storr 
(Reuter), 

Anmerkung. Zar Uebersicht der Lautentwickelang und der 
Schreibung des o vor halbTocalischem r dienen als Beispiele: 
körn (GL), koren (: koren, L.), kohm (B.)/kuen (Ritt,), kam (Reu- 
ter); wordt (Ch.)y tcord (Voss), wuhrd (Muss.), wuet (Ritt,), wurd 
{Reuter); thorn (Ca.), toren (L.), thorn (B.), tuen (Ritt)., turn. 

§. 162. Die Umlaute der 0- und J7-Laute, ö, ü, 
€e, ce und t^, welche der altmeklenburgische Dialekt nicht 
besaß, sind in dem Zeitalter der Reformation aus Ober- 
sachsen und Oberdeutschland in Meklenburg eingeführt 
und durch die niedersächsische Buchsprache der Volks- 



^ Vgl. die englische Aussprache oo^ü. 



Kurze Vocale. Umlaute. 123 

spräche mitgetfaeilt worden. Dies konnte um so leich- 
ter ficeschehen« als die Umlautunfic an sich ia dem Dia« 
lektl nicht Jtwa ein f^mdarti|er Yorgi^^ scheinen 
durfte, sondern ihm seit seiner Entstehungszeit im Ver- 
hältnisse des a zu e, des ä zu e^ und femer des ä zu 6 
üblich war. Es handelte sich also für den Sprachgeist 
darum, das für die -4-Laute gültige Grundgesetz der 
TJmlautung auch auf die 0, u^ ö (ä)^ 6 und ü auszudeh- 
nen. Aber der den organischen Umlaut zeugende I- 
Laut der Endungen war seit Jahrhunderten im tonlosen 
e verhallt und dadurch ward das Umlautsprincip der 0- 
und [7-Laute unsicher gemacht. Während auf der einen 
Seite manches tonlose e, welches aus i entsprungen 
war, keinen Umlaut bewirkt, erfolgt dieser auf der an- 
alem Seite vor Silben, deren e altem a oder 6 ent- 
stammt, wie die bei ö, ü u. s. w. zu gebenden Belege 
zeigen werden. Somit kann vom Standpunkte der Laut- 
lehre allein kein allgemeines Gesetz für die Umlautung 
der O- und CT-Laute aufgestellt werden. Dieselbe er- 
scheint vielmehr als bloßes Hülfsmittel der Flexion 
{Pluralbildung, Optativbildung) und der Wortbildung, 
und kann deshalb erst in jenen Abschnitten der Gramma- 
tik zur weitern Erörterung kommen. —7 Wenn anfangs 
der neue Umlaut dahin wirkt, daß namentlich in der 
Plexion eine schädlich erscheinende Einförnaigkeit ge- 
mindert wird, so geht bei der Unsicherheit seiner An- 
wendung und bei seinem immer häufiger und häufiger 
werdenden Gebrauche jene Wirkung mehr und mehr 
wieder verloren. Schon in der Gegenwart stellt sich 
2. B. beim starken Verb eine Einförmigkeit dar, welche 
gerade um des blöden Umlautes willen lastiger erscheint, 
als diejenige, welche aus dem Mangel der Umlaute ent- 
stand, in früherer Zeit war. 

Seinem Wesen nach erfordert der Umlaut als Exi- 
stenz-Bedingung mehrsilbige Wörter, zu welchen auch 
die Formen zu rechnen sind, welche erst durch Ver- 
stummung der auslautenden Schwächung e einsilbig wer- 
den. Aber auch in wirklich einsilbige Wörter dringt 
der Umlaut, meist durch Wirkung der Analogie, 
wuchernd vor. Als Regel kann angesehen werden, daß 
da, wo in der vorigen Dialektperiode die Kürzen und 
u durch die Last mehrfacher Consonanz infolge echter 



124 Kurze Vbcale. Ö. 

Synkope aus organisch langen oder tonlangen Vocaleo 
hervorgerufen wurden, überall in dem gegenwärtigea 
Sprachstande die Umlaute ö und ü Geltung haben, und 
ebenso in den Fällen, wo jene Kürzen durch Trübung 
eines altem e und i entstanden. 

ADmerkung. Es ist wol keine bloße Zufälligkeit, daß die- 
Zunahme der jungem Umlaute mit dem Verstummen des aus- 
lautenden e Hand in Hand geht. 

8. 163. Kur 2; es Ö ist der Umlaut des altem o. 
In den meisten Fällen hat es seine Stelle in zweisilbi- 
gen oder bei stillem e Tormals zweisilbigen Wörtern; 
z. B. köller frigidior, öUst suaüqniQsimuSj pöUen decorticare^ 
förrern postmare, dönsk hypocaustum (dömse, dörntee, 
Ch.; wendisches Lehnwort?), Jcöpp capita, poppet po- 
pulus, pöpping pupula, pöU oUae, schöttel scutula, toöt- 
tel radix, vöss vulpes, block tmnci, locker foramina, rock 
vestes, socken socci, stock baculi, bölken mugire, holten 
ligneus, spöltern spergere, Völker gentes, wörm vermes, 
hörnen ad fontem agere, dörven licere, körv corbes, 
körbs Cucurbita, wörpel tessula, körtens nuper, schört prae- 
cinctorium, störten ruere, hörger civis, görgel guttur, ör- 
gel^ ördel Organum musicum, göps cavae manus, lößik 
laudabilis, gröschen moneta, böst seta, kost festum, doch- 
ting filiola. Selten dringt es in wirklich einsilbige Wor- 
ter vor, z. B. dörp villa, dörch per, döst sitis, dösch 
asellus piscis (dorsch, Ch.), und die Praepositionen vor 
prae, pro, dör per, welche wegen des halbvocalischen r 
zugleich Dehnung des Vocals erhalten (s. §. 169)» 
Zaolreich sind die Beispiele des ö in synkopirten und 
dadurch kurzvocalisch gewordenen Wörtern: soll debe- 
bam, fölt cadit, holst tenes, könn poteram, löpt currit^ 
dröpt icit, röpt clamat, slöpst dermis, döft baptizatus^ 
köfst emis, stötst ixmdiB^ testöt contusum, gerödt contin- 
git, döcht valet, söcht quaesitus, möcht cupiebam, bröcht 
allatum, jöcht agit, fröchst quaeris u. a. m. Bei Gemi- 
nation des Consonanten erfolgt ö aus Umlautung des öy 
z. B. gössel anserculus, grött magnitudo , von gos, grot. ^ 



. 1 Die Form obberst supremus scheint als Lehnwort auf das hoch- 
deutsche x>ben in ähnlicher Weise zurückzuführeu , doch hat hereits 
N, i?. das Wort upperst. 



Kurze Vocale. Ö. Ü. 125 

Das ö als Trübung eines altem e ist bereits in §• 159, 3 
belegt worden. Missbräucblich endlich nehmen in neue- 
ster Zeit die vordem reduplicirenden Yerba hoUen. te- 
nere, und faJlen cadere im r^raeteritum statt ^ ein ö an, 
also Jiöll tenui, föll lapsus est, woneben aber die altern 
Formen hell, feil fortdauern. 

Anmerkung. Aus der hochdeutschen Kirchensprache ist die 
Form höll tartarua in den Dialekt eingedrungen, während das Ad- 
jectiv heiisch infernus, permagnus den ungetrübten Vooal bewahrt. 

Dem Uebergaug des o in ti vor halbvocalischem r 
entspricht beim ö eine Verwandlung in t^; z. B. htern 
corhua, Jcterner grana, ttern turres, verttern irasci, negen- 
mierder lanius coUurio, tmerd verba, terder loca. Die 
ältere Sprache bis B. hat statt dessen noch os. 

§. 164. Kurzes Ü^ der Umlaut des w, ist etwas 
häufiger als das ö, mit welchem es hier und da, wie in 
voriger Periode o und w, wechselt. Es steht wie ö zu- 
nächst in zweisilbigen oder bei stillem e vormals zwei- 
silbigen Wörtern; z. B. brüllen mugire, hüll tegmentum, 
vüllich plenus, gedüllich patiens, güll vsJeret ', schüll vi- 
tuperarem, schüllich obnoxius, würr fierem, um circa, 
brümmer musca, wrümmel globulus, dümmer stultior, 
dünn macer, dünning tempus, günnen favere, spünn ne- 
ret, sünn sol, geumnn lucrarer, begünn inciperem, fünn 
inveniret, Jcünnich notus, münnich homo sui juris, sünn 
peccatum, drüppel ^utta, huppen salire, Jmüppel fustis, 
knüppen nectere, schupp pala, verblüffen bbstupefacere, 
tüffel . solea,. schüdden effundere, grütt polenta, hüU cas^, 
Jcnütten texere, pütt stagnum, schütten-Mr societas jacu- 
latorum, büss capsa, küssen osculari, küssen pulvinus, 
brügg pons, rügg tergum, bück capri, nücken vitia, plü- 
cken carpere, smücken omare, stück frustum, hülp auxi- 
lium, hülp adjuvarem, bülgen undae, bürtich oriundus, 
stürv morerer, hümpel cumulus, strümp tibialia^ tründeln 
volvere, v ermuntern expergescere , künst artes, dwüng 
coercerem, jünging puerulus, Müng sonaret, gelüng pro- 
ficeret, sprüng salirem, süng canerem, drünk biberem. 



^ Die in der folgenden Aufzählung optativisch übersetzten For- 
men haben neuerdings auch indicativische Bedeutung angenommen. 
Näheres in der Flexionslehre. 



126 Kurze Yocale. Ü. Tonlange Vocale. 

dünken videri, süßen^ süßen gemere, büsch frutices, gfc- 
lüsien cupere, büks braccae, düchtich Valens, lückten hi- 
cere, vlüchtich fugitivus, vnecÄ^ew timere u. 8. w. Fer- 
ner dringt es in die wirklich einsilbigen Worter hün 
sum, hüst es, sunt sunt, süs alias, üm-^ie^ gratis , juck 
jugum. Weiter bieten es die synkopirten Formen, IL 
in. Sing. Ind. Praes. starker Verba der zweiten ü- 
Keihe, z. B. hüt praebet, gütst fundis, vertust amittit, 
süpt bibit, ruht ölet, sucht sugit, bedrückst fallis u. s. w. 
Auch wo sonst u durch mehrfache Consonanz als Kür- 
zung sich ergab, hat es nun Umlaut erhalten, z. B. 
Jcümst venis, kümt venit, müst debebam, wüss cresceret, 
stünn starem, steti, jümmer semper, nüms nemo. Als 
Trübung endlich eines altern i oder e stellt sich das ü 
dar in süll limen, sulver argentum, sülfst, sülst, sülben 
ipse, schülp juncus (schelp, Ch,)^ wüst scivi, tuschen in- 
ter, tusch spatium inter domus, süster soror, drüdd ter- 
tiuSj krüvv praesepe. 

Anmerkung. Ein ü vor halbyocalischem r kommt nicht vor. 



U. Tonlange Vocale. 

§. 165. Der alte Bestand dreier tonlanger Vocale 
ist zwar in dei* Zahl nicht verändert, aber es sind die 
Vocale nicht mehr dieselben geblieben. Das ä und e 
freilich bestehen fort, das ö aber ist aufgegeben worden, 
indem die schon um 1400 beginnende Ausweichung in 
ä immer mehr zugenommen bat und um 1600 als das 
allein gültige anzusehen ist. Dagegen ist durch die Um* 

lautung ein neuer Vocal hinzugekommen, das o, welches 

weiter, dem üebei^ange des ö in ä entsprechend, zu a 
^<b) geworden ist. Der Wechsel des Zeichens erfolgte 
im 18. Jahrhundert, vielleicht infolge einer leisen Nuan- 
cirung des Lautes, i Diesen Laut aber erkennt man 

leicht, wenn man beachtet, daß ö der Umlaut des ton- 
langen ö ist, welchem ein breiter nach ä neigender Laut 

zukam, und ä der Umlaut des ä, welches einen dumpfen 
an anklingenden Laut besaß; beide Zeichen deuten 
also auf einen Schwebelaut, welcher zwischen €e imd (ß 



Tonlange Vocale. A, E, 127 

(im hochdeatschen Sinne) mitteninne steht. Eines be<> 
sondern neuen Zeichens, wie man etwa a oder cl ver- 
sucht hat, bedarf der Laut zu seiner Bezeichnung nicht. 

Seiner Entstehung gemäß würde ihm eigentlich a zu- 
kommen; wir wählen jedoch im Folgenden besonders 
aus praktischen Riicksichten, wegen der leichten Ver- 
letzlichkeit des Typus a das ce als Zeichen, und dürfen 
dies um so sicherer thun, da die lautliche Identität des 
ä und a, und ebenso auch die ihrer umlaute im gegen- 
wärtigen Sprachstande feststeht. 

Die Tonlänge besteht nach denselben Gesetzen wie 
in der vorigen I^eriode fast genau in gleichem Umfange, 
nur daß sie in einsilbigen Wortern, namentlich vor Li 
quiden, etwas an Baum gewonnen, und andererseits in 
mehrsilbigen Wörtern durch Vermehrung der unorga- 
nischen Gemination inlautender Consonanz beschränkt 
worden, z. B. vadder pater, hassel corylus, f edder penna, 
honnich mel, iodden solum. 

§. 166. Tonlanges A fällt seinem Laute nach voU 
lig mit dem ä zusammen, mit ihm den dumpfen nach o 
klingenden Timbre theilend. Nirgends auf dem meklen- 
burgischen Dialektgebiete kommt ein ä oder ä mit dem 
hellen E^ange des oberdeutschen ä zu Gehör. Wegen 
der völligen Lautgleichheit des ä und ä und wegen ih- 
res auch sonst gleichartigen Verhaltens sind beide in 
der Betrachtung nicht zu trennen. Vgl. also §. 171. 

§. 167. Tonlanges E hält um so • strenger und 
reiner sich vom e gesondert. Der Unterschied des e 
und e ist mit solcher Schärfe durchgeführt, daß schon 
hierdurch allein auch für den altern Sprachstand die 
wesentliche Verschiedenheit des langen und tonlangen 
Vocals bewiesen werden könnte. Die beiden tonlangen 
e aber, die Brechung aus i und der Umlaut aus a, über-* 
kommen aus dem tutern Sprachstande in untrennbarer 
Vereinigung. Der Laut des tonlangen e wird wol da- 
durch am einfachsten charakterisirt, daß diejenigen, 
welche ihre Schreibung nach Reproduction des Laytes 
haschen laßen, consequent dafür das Zeichen ä ge- 
brauchen, so Muss. und Bitt,^ auch Beuter in den altern 
Werken. Diese drei Gewährsmänner bürgen auch für 
die Gleichheit der Aussprache durch das ganze Meklen- 



128 Tonlange Vocale. E, Ol 

biirg, da Ritter in Westmeklenburg , Mussaeus in der 
Mitte des Landes, Beuter an seiner Ostgrenze schrieb. 
Die historisch -grammatische Schreibung hat dagegen 
beim Zeichen e zu verharren, welches auch bei den 
niederdeutschen Schriftstellern mehr und mehr in Auf- 
nahme kommt, doch unter dem Einfiuße nhd. Ortho- 
graphie leider noch nicht consequent genug durchgeführt 
wird. Vgl. Wigg. §. 10, 2—6. 

Der Aufführung von Belegen bedarf es kaum (s. §. 
29); nur derer mit r müßen wir uns versichern, da 
sich in ihnen ein wesentlicher Unterschied des tonlangen 
•e sowol vom kurzen e, als vom langen e offenbart. Das 
tonlan^e e nämlich erleidet keine Verändenmg durch 
nachfolgendes r, welches im einfachen Inlaute sich halb- 
vocaliscn auflöst, während e und e vor demselben zu i 
werden. Beispiele: ber pirum, bacca, entberen deside- 
rare, begeren cupere, beger voluntas, erneren nutrire, 
scheren tondere, smeren linere, sweren jurare, verteren 
consumere, ßr trajectus, lant-tver vallum circa fines ur- 
bis, weren defendere So verharrt auch das tongedehnte 
e vor r in den Wörtern, welche bereits im altern 
Sprachstande einsilbige waren, wie her exercitus, her 
huc, sper hasta. Das Verhalten des e ist also, obgleich 
das r seinen consonantischen Werth aufgibt, fast ganz 
dem des e vor wirklichen Consonanten entsprechend. 
Nur eine geringe Nuancirun^ des Lautes macht sich 
bemerklich, welche dem breiten e eine etwas hellere 
Färbung verleiht. 

§. 168. Tonlanges O ist im Laufe des 16. Jahr- 
hunderts ganz dem ä gewichen, mit Ausnahme derjeni- 
gen Praeteritalformen von ablautenden Verben der U- 
Keihe, in welchen auch der altmeklenburgische Dialekt 
den Üebergang in ä nicht zuließ (s. §. 31). Aber auch 
diese Formen halten nicht am ö fest, sondern nehmen 
im 17. Jahrhundert statt dessen 6 an, indem der Ablaut 
des Sing. Ind. Praet. in den Flur. Ind. und Opt. Praet. 
vordringt. Die drei Part. Praet. geboren natus, verlö- 
ren« missus, und frören glaciatus, behalten das ö neben 
den Formen mit ä bis in unser Jahrhundert bei und 
laßen in der neuesten "Zeit statt des ö vor balbvocali- 
schem r ein ü eintreten, büren (Reuter), verlüren (Muss,)^ 
Die Formen mit ä ihrerseits wandeln dies nunmehr in 



Tonlange Vocale. jE. 129 

ö (ö)^ sodaß dadurch wiederum hören ^ verloren^ froren 
neben den Formen mit ü platzgreifen. 

S. 169. Tonlanges -^, früher S^, ist zumeist der 
Umlaut des frühem tonlangen ö, also jetzt des aus.ö 
entstandenen ä. Belege: mcel mola, scelen debemus, sce- 
Im spurcare (ahd. solörC)^ pcel culcita, Jc(em cuminum, 
dmmeln nugari, dcemelich stupidus, Deems N. urbis, Seen 
filius, keenen possumus, wcening habitaculum, soeben sep* 
tem, Itcehel N. urbis, Jcrcepel debilis, hcev aulae, (sver 
supra, {ßvel malum, Jcncevel digiti, bcevelst summus, bce- 
dein properare (böde citus nuntiusj, neet nuces, slcet 
claustra ferrea, tcet equa, af-paetern decutere, slcetel cla- 
vis, Jccetner mercenarius rusticus , dcesen dormitare, Tcrts- 
sich robustus, nuesch asperula odorata, sceg porca, trceg 
alvei, btegel arcus, flcegel pinna, taegel frenum, vcegel aves, 
dcegen valemus, Icegen mendacia, mcegen volumus, rcegen 
ova piscium, hcegen gaudere (alts. hugian^ mnd. högen)^ 
^lang-tcegsch tardus, m€eg-Uch quod fieri potest, JcceJc cu- 
lina, jcelcen prurire, TcnceTcern osseus, stcehern fodere, 
Icceksch coqua u. a. m. Das einsilbige bcen tabulatum 
supremum, lacunar, ergibt sich durch Contraction aus 
*b€eden gleich älterm böaen, dessen Nebenform bodden die 
Bedeutung solum, fundus vertritt; aus dem ursprünglich 
zweisilbigen Plural ncet nuces dringt der Umlaut ce auch 
in den einsilbigen Singular vor. 

Bei weitem seltener steht das ce als jüngerer aus 
dem Ende des vorigen Jahrhunderts datirender Umlaut 
des eigentlichen, nicht aus ö hervorgegangenen ä und 
auch des d; z. B. swcelk hirundo (swäleke, swalke, CJl), 
a^ver at, eeping simia parva, rcßd rotae, pceding Sponsor 
baptismi, vceding pater care, heeschen lepus parvulus, 
flceg loci, hceker arator; meening lunxxlsi^ peel psili^ schce- 
ping ovicula, kcetel excrementum (ahd. käf). Wie also 
die ursprünglich getrennten Laute ö, ä und d sich ver- 
einigen, so treffen sie nunmehr auch in dem Umlaute ce 

zusammen, während vormals ö, e und e weit von einander 
abstanden. Selbstverständlich dauern die alten Umlaute 
e und e neben dem Jüngern ce wirksam fort, z. B. reder 
rotae, scheper pastor ovium — Insoweit ce durch Um- 
lautung des d entstanden ist, wäre es theoretisch als 
Länge zu fassen; doch fällt diese theoretische Länge 

Nerger, Grammatik. 9 



130 Tonlange Vocale. ö. Lange Vocale. X 

mit der Tonlänge, die aus umgelautetem ä oder ö re- 
sultirt, lautlich ganz zusimmen. 

Vor auslautendem oder im einfachen Inlaute sich 
halbvocalisch auflösendem r steht kein €e^ sondern es 

verharrt die frühere Gestalt dieses Lautes, das ö; also: 

6or feretrum, boren tollere, dor per, dör porta, gor infans, 

mor teuer ^ ^cäöV fragmentum, vor prae, pro (vgl. §. 163). 
Freilich führt Ritt, die meisten dieser W orter unter €e 
auf, und JB. schreibt vär, doch wol irrthümlich. Es sind 

diese Worter eben die einzigen, welche das tonlange ^ 
aus dem frühem^Sprachstande in den gegenwärtigen 

hinüber retten (mör L. und Reuter), 

Anmerkung. Als Umlaut des langen 6 kommt das ce nicht 
vor, sondern hier behauptet <s seine Stelle. 



III. Lange Vocale. 

§. 170. Die Zahl der langen Vocale ist ge^en denBe- 
stand der vorigen Periode durch den Hinzutritt der Umlaute 
ce und le vermehrt worden. Dadurch wird natürlich das 
Gebiet der 6 und ü verringert; auch leiden 6 (ü) und e 
durch die Diphthonge au und ei eine gewisse Be- 
schränkung auf einem Gebiete des Dialektes. Im übrigen 
erfahrt das Verhältniss der langen Vocale unter einander 
einige Veränderungen durch die Einwirkung des im ein- 
fachen Inlaute und im Auslaute sich halbvocalisch auf* 
losenden R, (Wegen der Länge ce vgl. §. 169.) 

§. 171. Langes A ist seinem Klange nach nicht 
der reine Laut des Hochdeutschen, sondern ist dumpf 
mit einer Beimischung von zu sprechen und wird da- 
durch mit dem ä identisch, unbekümmert um die Her- 
kunft desselben. Eben darum ist auch das Verhalten des 
ä und des ä vor dem r das gleiche ; seit dem Ende des 
vorigen Jahrhunderts werden beide in dieser Lage durch 
die Vermehrung ihres dumpfen Lautes zu ö. Z. B. 
gefor periculum, hör crinis, jor annus, klor clarus, swor 
gravis, wor verus, apenbor notus, por par; bor ursus, 
aör ibi, gor paratus, hör pabo, nor cicatrix^ nör-haft 
nutriens, ör spica, schör cohors, Sporen parcere, 5pör- 
sam parcus, to se voren navibus vehi, wören cav.ere. 



Lange Vocale. Ä. J6, 131 

sworen juratus, gehören natus, verloren amissus, frören 
glaciatus. ^ Der Uebergang des ä und d in o findet auch 
da statt, wo das r um der Endung willen etwas mehr 
von seinem consonantischen Werthe behält; z. B. Clöra 
N. pr., Mörer clarior, förich turbulentus, nörung nutri- 
mentum. Daß der vor r sich bildende 0-Laut statt mit 
ö auch mit ö bezeichnet werden k5nne, ist bereits §. 155 
Anm. 2 bemerkt worden. Als Beispiel der Lautent- 
wickelung und Schreibung diene haar (Ch.)^ haer (i.), 
haar (Ä), hae (Ritt,), hoor (Muss,), hör (Reuter), 

Anmerkung 1. In den Pluralformen des Ind. Praet. starker 
Verba mit Wurzel vocal A kommt in unserer Periode das d nicht- 
mehr vor. 

Anmerkung 2. Das Wort voren, nur noch beim Seemanne 
gebräuchlich, entspricht dem alten varen ire, peregrinari und unter- 
scheidet sich deutlich von voeren (Z.), fäuern (Mtiss.) , füen {Ritt.), 
führen (Reuter), welches älterem voren, ^oorjan entspricht und außer 
der Bedeutung vehere auch die curru vehi angenommen hat. 

Anmerkung 3. Da nunmehr die Identität des ä und d un- 
zweifelhaft feststeht, so wird es für den gegenwärtigen Sprach- 
stand erlaubt sein, die 'Unterscheidungszeichen der Länge und 
Toniäuge in mehrsilbigen Wortern wegzulaßen. 

§. 172. Langes E steht noch jetzt in der drei- 
fachen Function, welche ihm im altmeklenburgischen 
Dialekte übertragen war, als Umlaut der ersten Steige- 
rung des Wurzellautes -4, als zweite Steigerung des 
Wurzellautes I und als Brechung der ersten Steigerung 
des Wurzellautes U, Mit dieser dreifachen Function ist 
aber seit dem Beginne unserer Periode kein dreifacher Laut 
mehr verbunden, sondern das Zeichen e hat nur zweierlei 
Laut. Es sind nämlich die e der J-Reihe und die der f7- 
Reihe lautlich nicht mehr von einander zu unterscheiden, 
während sich die e der -4-Reihe deutUch absondern. Der 
Laut, welcher dem e der ^-Reihe zukommt, ist der reinste 
und hellste. Es lautet also das meklenburgische Wort be- 
quem commodus ganz wie das gleiche hochdeutsche Wort, 
und denselben Klang hat das e in den Wörtern selich 
beatus, nem caperem, Jcemefi> venimus, scheper opilio, hed 
peterem, deden fecerunt, gnedich^ gne benignus, met me- 
tirer, eten ederunt, kef caseus, segh viderem, negher pro- 



1 Wegen der drei zuletzt angeführten Worter vgl. §. 168. 

9* 



132 ' Lange Vocale. jß. 

pior u. 8. w. Dagegen hat der Laut, welcher dem e 
der J-Reihe und dem damit vereinigten e der ?7-Reihe 
gebührt, fast überall ini meklenburgischen Lande eine 
minder oder mehr hervortretende Beimischung von i, 
welche sich in manchen Landestheilen bis zur Erzeu- 
gung eines wirklichen ei steigert. Am kräftigsten ist 
dieses ei im Innern des Landes und im Osten , im Rek- 
nitz- und Peenegebiete. Deshalb wendet auch Men- 
ter und ebenso Muss, in fast allen den Vocalreihen der 
Wurzellaute 1 und U angehorigen Wortern den Diph- 
Üiongen ei an; z. B. drei tres, snei nix, deil pars, bein 
OS, femen, reip fiinis, scheid finis agri, heit fer- 
vidus, heit vocor, sweit sudor, sleit sudes, heisch raucus, 
meifTi parus, eigen proprius, hleih pallidus, eihhöm quer- 
cus; und knei genu, reimen lorum, kein taeda, deinst 
servitium, deip profundus, leiv amor, deif für, verbeiden 
vetare, geiten fundere, verleif (Muss.) amitto, beist-melh 
lac novum, fleig musca u. s. w. Nur die Praeterital- 
formen der starken Verba zweiter J-Reihe entziehen 
sich dem ei auch in den Gegenden gern, in welchen 
dies im übrigen gültig ist. Z. B. Jcreg accepi, steg as- 
cendi, kek vidi, bet momordit, smeten jecerunt, blev mansi,. 
bei Reuter als Praet. zu krtgen, stigen^ ktken, biten, smi- 
ten, bliven^ während Muss.^ der ländlichen Aussprache 
des mittlem Meklenburg folgend, die Formen mit ei, 
kreig, steig, keik, beit, smeit, bleiv festhält. Die See- 
städte dagegen und die westlichen und südwestlichen 
Theile des Landes bleiben dem e am nächsten. Deshalb 
laßen Wigg, und Bitt, in den betreffenden Wörtern 
stets ee oder e eintreten und ebenso unsere altern Ro- 
stocker Quellen, JS., i., CA., G^., bis auf 0., in die Zeit 
der niedersäcbsischen Buchsprache ^ zurück. 

Anmerkung. Die durch Contraction in reduplicirten Verben 
entstandenen e haben den reinen Laut des e der ^4-Reihe; die 
Verba sen videre, gesehen fieri den nach ei neigenden Laut des e der 
(7-Reihe, gleich dem mit ihnen reimenden ten trahere. 

Vor in- oder auslautendem r werden alle e, unbeküm- 



^ An diese angelehnt, mit Berücksichtigung des hanseatischen und 
holsteinischen Dialektes such Voss, 




LaDge Vocale. JÖ. t Ö. 133 

mert um die Vocalreihe, welcher sie angeboren, 8eit 
Ende des vorigen Jahrhunderts in i verwandelt; also 
wiY^ essem, wtren (mmxx^^ hirinJc harengus; tr honoe, iref 
prius, Mren vertere, Itren docere, mir magis, vermifcu 
augere, schtr forfex, str valde, irst primus; bir cerevisia, 
btr aper, dirt bestia, dtrn puella, verfiren terrere, Mrcn 
algere, verliren amittere, vir quatuor, -iren Verb.-IJilde- 
silbe. Dem Vocalwechsel entziehen sich swei* tfravi« 
(neben swof) und her dominus, jenes auf das flocb- 
deutsche gestützt, dies auf die schon in voriger P«rioda 
verkürzte Form her. Als Beispiel der Lautentwickeluti^ 
und Schreibung diene deerie (ChJ^ deert (L,), diert (11.)^ 
died (Eitt), dird, dirt (Beuter). 

§. 173. Langes 1 besteht durchaus in der Bedeu- 
tung und dem IJmfange, welche es in der vorigen Pe- 
riode hatte, ungestört fort, auch ohne durch vocalisch 
sich auf losendes r beschädigt zu werden, z. B. firen 
otiari, liren-dreier organoedus (Orgeldreher). Man 
wählt in der Gegenwart, durch die nhd. Brechung (Ton- 
dehnung) des ^, das ie, irre geleitet, häufig ie zur Be- 
zeichnung des I, sowol des organischen, als des durch r 
aus e oder e erzeugten; doch ohne Grund. 

§.174. Langes Ö hatte in der vorigen üialcM- 
periode eine doppelte Bedeutung; es diente zu^leiclj aU 
zweite Steigeru ng des Wurzellautes A und al^ zivijiU; 
Steigerung des Wurzellautes U. «Eine große Zali) vou 
Sprachdenkmälern ließ jedoch für das 6 dt-j A y^M^, 
und theils auch mit diesem wechselnd eiu ^. u «.,</v*^ 
ten, welches nicht als Vertreter des ö der t'-ir^AiA **-*- 
wandt wurde. Diesem ö der Z7-Keihe, v/h^a^:^ üaj^ Oi/ 
oder 6 entsprach, war also der reine O-J^air /^^/^m^a,'*-^ 
ben und ihm eignet derselbe auch ia *./,. ^^^. ^^ 
Sprachstande durch das ganze mMhu-^/,^^, 
z. B. Jcöl crambe, bom arbor, lön u^a^js^ , ^.^ ^^^^ 
glöv fides, rof rapina, dödich Jöon.^^ .^^ / <^ 
los liber, tröst solatium, ögr oculu*, ^^ ,^./^ ,• 
tus. Anders steht es mit dem <; n^ •-f^y r'sscr 
des Wurzellautes A. Die See«io> >^ v^- •ai^*«— «*. 
des Landes laßen es ganz oder 

Steigerung des Wurzellautef C'jp 

ten jetzt wie früher die Fonaiex ^ . ^ 




• >' 



^ 134 Lange Vocale. 0. 

facere, hon gallina, röpen vocare, gröv fovea, höf un- 
gula, moder mater, blöt sanguis, fot pes, gos anser, ho- 
sten tussis, böJc liber, ploch aratrum, kö vacca (Ilitt., 
Wigg. und die älteren ßostocker Quellen). In denjeni- 

fen Gebieten aber, in welchen anstatt des e der J- und 
^-Keihe der Diphthong ei oder ein zum ei hinübergehen- 
der Schwebelaut gilt, also im Innern des Landes und im 
Osten, weicht dies ö nach ü aus und dadurch ergibt 
sich der Diphthong ou, welcher namentlich im Reknitz- 
und Peenegebiete einem au gleicht. ^ Darum schreiben 
Beuter und Muss, bestandig mit au die bezüglichen 
Worter staul, blaum, dann, haun, raupen, hauv agellus, 
häuf, mauder (Muss.) , hlaud, faut, gaus, hausten^ hauk, 
plaug, kauh u. s. w. Nur die Praeteritalformen der ab- 
lautenden Verba vierter -4.-Keihe und die sich ihnen an- 
schließenden der sechsten haben auch in den Gegenden, 
wo sonst ou oder au gilt, ein 6 bewahrt, z. ß. dröp 
atti^t, grof fodit, löd oneraVit, drög portavi, slögen per- 
cusserunt, frög quaesivi, hrök fregi, sprök locutus sum, 
stöl furatus est (vgl. §. 176); Muss. führt selbst diese 
Formen mit au auf, draup, fraug, hrauk u. s. w. Das 
ou oder au entspricht also nunmehr dem altmeklenbur- 
gischen ü\ wann die Zerdehnung dieses Lautes vor sich 
gegangen, kann vor der Hand nicht bestimmt werden, da 
es an ostmeklenburgischen Sprachdenkmälern des 17. 
und 18. Jahrhunderts gebricht. 

Vor r gehen beide ö, respective ö und au, gegen- 
wärtig in ein ü über; z. B. kür chorus, lür-ber laurus, 
mür Aethiops, üren aures, dal-ürich aures demittens, 
rür arundo, dür stultus; mnr palus, swür juravit, snür 
funiculus; analog dür porta urbis, aus altem dor, 
welches jedoch schon im Laufe der vorigen Periode zu 
dör, dbr gedehnt ward; vgl. §. 168. 

Anmerkung 1. Es darf nicht unerwähnt' bleiben, daß Mus». 
auch den Praeteritalformen der ablautenden Verba zweiter (/-Reihe 
statt des ihnen gebührenden o ein au erthellt*, doch auch In der brei- 
testen Aussprache des platten Landes hält sich der Vocal weit 
vom au entfernt und höchstens erhält das o einen schwachen 
Nachhall Ton u. 



^ „Unsere Landsprache hat statt dieses tiefen o überall einen 
dem ou oder au ähnlichen VooaL*' (Ritt.) 



Lange Vocale. t, (E. J35 

Anmerkung 2. Durch ^unorganische Gemination der in- 
lautenden Consonanz kürzt sich 6 zu u in bussen sinus, mudder 
mater. 

§. 175. Langes t) kommt im neuern meklenbur- 
giscfaen Dialekte nur noch als erste Steigerung des 
Wurzellautes V vor, da es nirgends mehr das ö der 
J.-ßeihe vertritt, wenn wir von den Fällen absehen, in 
denen es durch r erzeugt wird und von dem vereinzel- 
ten Worte frü^ früch domina. Außer der Beschränkung 
durch den Umlaut le behauptet es sein altes Gebiet in 
ganzer Ausdehnung, da es auch dem vocalisirten r kei- 
nen Einfluß gestattet, z. B. Mr agricola. 

§. 176. Wegen der nun zu betrachtenden Umlaute 
der Längen ö und m, des ce und le vgl. im allgemeinen 
§. 162. 

Langes GE, der Umlaut des 6 besteht überall im 
Lande rein, sobald er vom reinen 6 der i7-Keihe her- 
stammt, z. B. moelen res incomposite confundere, od 
oleum, icem arbores, toem frena, schoen pulcher, doepe^i 
baptizare, Tcoepen emere, verscepen submergere, stroepen 
vagari, af-stroepen pelle nudsire ^ loeper Cursor, glceben 
credere, stoeben pulverare, hoevt caput, bloed timidus, 
hroed panes, nwdich opus ^ stceten tundere, ^rcef^r major, 
Icesen liberare, boes malus , cef-fat haustrum, sentinaculum, 
troesten consolari, soegen lactare, boegen flectere, verhoegen 
altiorem reddere, roeJcern suflPumigare, smoeJcen fiimare. 
In den Theilen Meklenburgs, in welchen reines 6 zu- 
gleich für die zweite Steigerung des. Wurzellautes A 
gilt, tritt als Umlaut dazu gleichfalls reines ce ein, wo 
aber im Lande das 6 in ou oder au hinübergeht, da 
weicht auch das oe folgerichtig in oi, äw, eu. Das letzte 
dieser drei diphthongischen Zeichen wird an den meisten 
Orten die richtigste Bezeichnung des sich bildenden 
Lautes sein, dem* nur deshalb gern äu substituirt wird, 
so von Reuter und Muss.^ um die Umlautung aus au zu 
markiren. Schon die Aussprache des provinziell gefärb- 
ten Hochdeutschen gibt Zeugniss, daß der Meklenburger 
nur je Einen der drei angeführten Diphthonge besitze, 
und zwar gilt an der Westgrenze ot, im übrigen Lande 
äu oder eu. Beispiele des oe als Umlaut des 6 der Ä- 
Reihe sind: Jcoel frigidus, voelen sentive^ wcewiew nominare, 
hcener galliuae, grcen viridis, oeben exercere, toeben mo- 



136 Lange Vocale. (E. IE. 

Yari^ proeben probare, üt-roßper praeco, osver ripa, mced 
languidus, foeden alere, hoeden custodire, blceden sangni- 
nem fundere, hcedner domunculam ruri possidens, mosten 
debere, moeten occurrere, vost pedes, sost dulcis, holten 
resarcire, calefacere ^, genoegen satisfacere, ploegen arare, 
foegen aptare, Jcroeger caupo, soeJcen quaerere, MoßJcer pru- 
dentior, boeJcer libri. Mit dieser Keifae vergleiche Beu- 
ter^s Schreibung näumen, äuverj fäuty kräuger u. s. w. 

In der Gegenwart tritt das oe (bei Muss, äü) auch 
statt 6 in indicativischen Praeteritalformen starker Verba 
auf, welche aber daneben noch ihr 6 bewahren, z. B. 
goßt fiidi, floeg volavit, loegen mentiti sunt, roek oluit; 
droep attigit, foet prehendi, froeg interrogavi. Das e re- 
duplicirfender Verba beginnt in oe zu schwanken, bei ein- 
fachem Auslaut des Stammes, z. B. loep cucurri, sloep 
dormivi, roep clamavi, neben Up, slep^ rep. 

Vor halb^ocalischem r werden beide ö?, respective ce 
und äu, zu ie; z. B. fieren ducere, vehi, neren attingere, 
hteren audire, stieren turbare, ver-lveren amitterent, frver 
alsi. Dieser Wandel des os in ts ist der jüngste von 
den durch r gewirkten Vocal wechseln, nächst ihm der 
des ö in ü. Durch ihn fallen hteren audire und stieren 
turbare mit hteren collocare und stieren gubernare, com- 
pescere zusammen, früher* in den Formen horen^ stören 
und hiiren^ sturen unterschieden. 

§. 177. Langes JE hat gleich dem ü, dessen Um- 
laut es ist, nur eine Bedeutung. Beispiele: tieling papi- 
lio, phalaena, dier carus, fier ignis, hteren collocare, 
stieren compescere, gubernare, schiemen spumare, versie- 
men negligere, schien horreum, tienen sepire, kvep cupa, 
krieper per humum repens, hiepen accumulare, schtever 
infurnibulum, kliever velum anticum, quod findit aerem, 
brveden lacessere, brvedegham, briejam sponsus, sieden 
meridies, bedveden significare, bvedel marsupium, lied ho- 
mines, diedsch, dietsch theotiscus, hiet hoaie, hieser do- 
mus, hiesung habitaculum, lief pediculi, mief mures , kries 
crux, betiegen testificari, tiegh testis, tvechniss testimonium, 
tiech vestimenta, rieken olere, kieken pullus. Das le wird 



^ Im Sinne poenitere steht jetzt das hochdeutsche büZen, 



Diphthonge. 137 

durch nachfolgendes r nicht gestört, auch wo sich dies 
halbvocalisch auflöst. 

Anmerkung. Durch geminirten Consonanten wird ie zu u 
verkürzt in schuffei pala, lüdden campanas pulsare, von denen je- 
nes mit einfachem Consonanten in schiefeln tractare pala bei L, er- 
scheint, dies im Altmeklenburgischen luden lautete. 



IV. Diphthonge. 

§. 178. Die Diphthonge des heutigen meklenjburgi- 
sehen Dialektes laßen sich auf drei reduciren, ei, au und 
eu. Halten wir diese Laute gegen den Bestand der vo- 
rigen Periode, so entspricht das ei dem altmeklenburgischen 
ei, das au dem ou (au N.)j das cte, wie wir den Umlaut des 
au bezeichnen, fehlt natürlich in der umlautfreien Dialekt- 
periode. Dagegen vermissen wir gegenwärtig das ie und 
oi. Jenes, das ie, ist völlig ausgestorben. Schon früher 
stand es nur stellvertretend für das e der CT- Reihe, jetzt 
hat diese Vertretung darum ein Ende genommen, weil 
jenes e mit dem e der J-Reihe zusammengefallen ist und 
also nur nach ei hin ausweicht. (Eiu neuer Diphthong 
ie ist in der Entstehung begriffen durch Vocalisi- 
rung des r in der Verbindung ir = älterm er, er. 
Analog hätten sich dann aus 6r und ür die diphthon- 
gischen Laute oa und ua zu entwickeln.) Das oi ferner, 
welches in Westmeklenburg an der Grenze des Herzog- 
thums Lauenburg gesprochen wird ', ist mit dem eu der 
östlichen Landestheile gleichbedeutend, zu welchem es an 
der Sude und Stepenitz durch Zwischenlaute übergeht, 
die durch öe, öu, äu dargestellt werden dürften. Es hat 
also das oi für einen Z^weig des Dialektes noch heute 
volle Berechtigung, ja sogar eine, umfaßendere Geltung 
(s. 8. 176), als in der vorigen Periode. Da jedoch der 
größere Theil des Landes diesen Laut verschmäht, 
selbst da, wo er im Altmeklenburgischen statthatte, z. B. 
koi, köi vaccae, so müßen wir von diesem Zeichen ab- 
sehen. Mit dem Zeichen eu gleichberechtigt würde äu 
sein; doch verdient jenes als aas einfachere, bequemere 



^ Vgl. den Flußnamen Boize. 



138 Diphthonge. EL AU, 

Zeichen den Vorzug. Ueberdies darf nicht unbeachtet 
bleiben, daß einzelne nordöstliche Landestheile an der 
Kecknitz und Trebel auch ein eu besitzen, welches nicht 
durch äu ausdrückbar ist, sondern bei seinem dünnen 
Laute am genauesten durch eü bezeichnet wird. Somit 
Tiält die Bezeichnung eu die rechte Mitte. Dem unum- 
gelauteten au kommen gleichfalls verschiedene Laut- 
nuancen zu; es ist nur in wenigen östlichen Gegenden 
reines au, sonst klingt es zu einem ou hinüber. Bei der 
Betrachtung der Diphthonge ei^ au und eu bleiben die- 
jenigen Fälle unberücksichtigt, in denen sie nur als Zer- 
•dehnungen der Vocale e, 6 und ce stehen, da dieselben 
bereits in den §§,172, 174, 176 berührt worden sind. 

§. 179. Der Diphthong EI ist überall, wo er 
nicht für e gesetzt wird, durch die Einwirkung eines i 
oder j auf unmittelbar vorhergehenden A- oder JB-Laut 
entstanden; dabei kann die Fricativa j (h) wegfallen 
oder auch vertreten durch g, gh fortdauern. Beispiele: 
si Ovum, eigher ova, Jcrei cornix, -lei genus, mei Majus 
mensis, meier oeconomus, rei ordo, reighen ordinäre, 
ieighen, tein decem, heister pica (Jieghester Ch.)^ meister 
magister; dreien tornare, kreien cucurrire, meien secare, 
neien suere, seien serere, weien flare, auch dreighen 
U.S.W, lautend; geit it, steist stas, deit facit, sleit per- 
outit. Auch von diesem wahren ei findet in den Gegen- 
den des Landes, wo e beliebt ist, eine Ausweichung in 
e statt; z. B. eger ova, reg ordo, hester pica (Wigg,); 
doch kaum in den zehn zuletzt aufgeführten Verben und 
Verbalformen. In den Wörtern heil salus, heilant sal- 
vator, geist animus, tveid pascuum, scheid fines agri, 
beid ambo, reij iter, rein purus, der Bildesilbe -heit, 
'Cheit ^ wird das ei dem möglichen e fast überall vor- 
gezogen. 

Anmerkung. Zur richtigen Aussprache mag bemerkt werden, 
da(^ das ei nirgends mit ai zu verwechseln ist. 

§. 180. Der Diphthong ATJ fordert zu seiner 
Bildung, falls er nicht Zerdehnung des ö ist, das Vor- 
handensein eines unmittelbar folgenden w des Stammes, 



^ Dem Hochdeutschen wird die Form -keit entlehnt. 



Diphthonge. Aü. EU, Ol. 139 

mag diese Fricativa geffenwärtig verhallt sein oder ver- 
treten durch g, gh fortdauern ; z. jEL dau ros, flaw flac- 
«idus, drangen minari, hangen ferire, hangen manducare, 
hemdsmaugen manicae indusii, genan accurate, Plan N. 
urbis, ran qiiies, nt-rangen conquiescere. Bei unorgani- 
scher Gemination des g ergibt sich aus an ein n im 
Worte hemdsmnggen, wie man an der Eide statt mangen 
sagt. 

Der Diphthong EU ist der Umlaut des vorigen 
und daher an dieselbe Bedingung, das w, geknüpft. 
Beispiele : brenen aquae fervidae immittere, denen rorare, 
liquescere, frend gaudium, frengen gaudere, hen foenum, 
heugen foenum percipere, leuw leo, stren stramen, st^en- 
^en spargere. Aelterm oy entspricht es in men opera, 
meuen operam dare, ken vaccae; flent tibia (floit BitLJ, 
bleuen florere. Auch von diesem echten en findet in 
den Gegenden des Landes, wo oe beliebt, eine Aus- 
weichung in (B statt, z. B. kos vaccae (Parchim). 

Ein Triphthong Ol kommt zu Gehör in den aus 
dem Niederländischen entlehnten Wortern moi pulcher, 
bene, röten (röjen) remigare. 



Schlußbe merkungen. 

§. 181. Auslautende Vocale. Was für die vo- 
rige Periode als Vermuthung ausgesprochen ward (s. 
45), kann jetzt als sichere Regel für die auslauten- 
len V ocale der Wörter mit wechselndem Tongrade hin- 

festellt werden: „Die Quantität auslautender Vocale in 
ronominalformen und Partikeln ist vom Tone abhängig, 
tonlose Längen werden kurz, hochtonige Kürzen werden 
lang." So werden z. B. aus he is, se ea, ii im Hoch- 
ton die Formen he, se, bei ßeuter Äei, sei, also schein- 
bar organische Längen ; so wird der, tonlose Artikel de 
vom wirklichen Demonstrativum de, dei iste unterschie- 
den; so wird du tu im Tiefton zu du, und durch Indi- 
kation zu de. 

Die vier Brechungs - Gesetze des Altmeklenburgi- 
3chen (s. §. 46) dauern für unsere Periode vollgültig 
fort. Der Umlaut ist §. 162 erörtert. 

§. 182. Faßen wir schematisch den Vocalbestand 



140 



Vocalsystem. Consonanteo. 



des heutigen meklenburgischen Dialektes zusammen, so 
ergibt sicn uns folgendes Bild, in welchem jedoch die 
durch B bewirkten Vocalwechsel unberücksichtigt bleiben: 



Schwächungen. 



i [e, e] u (ü) [o (o) ä (cb)] 



Wnrzellaut. 



a (e, e) ä (cb) 



i [e, c] 



m(ü) [p{p) ä{ce) 



I. Steige- 
rung. 



ä (c, cb) 



l 



u (te [e, et] 



II. Steige- 
rung. 



6, au (ce, eu) 



e, e» 



ö (a) 



•Durch halbvocalisches r werden 



a, a, a 


zu 0, 


(B 


zu ö, 


e, e 


zu t, 


0, 


zu w, 


ö, ö? zu «€; 
e, e, w, t« bleiben unverändert. 
Vor consonantischem r wird e zu a 



Zweiter Abschnitt. 



^-Reihe 



/-Reihe 



C7-Reihe 



Von den Gonsonanten. 

§. 183. Die Veränderungen, welche das Conso- 
nantensystem des meklenburgischen Dialektes, nament- 
lich seit er aufhörte, schriftstellerischer Pflege zu ge- 
nießen, erlitten hat, betreffen vor allem die ijiquida r 
und die Media des Zungenlautes, sowie die Fricativen; 
unbedeutender sind die Veränderungen der andern Gon- 
sonanten. 

Das Auslautsgesetz für die Geminationen ist zwar 
eigentUch unverändert geblieben; auch jetzt wird in- 
lautende Geminata im wahren Auslaute vereinfacht. 
Die neuere Schreibung folgt aber diesem Sprachgesetze 
nicht mehr, sondern behält vom etymologischen Stand- 
punkte aus inlautende Gemination auch auslautend bei. 
Wo dagegen der geminirte Consonant nicht im wahren 



Consonanten. Gemination. Liquidae. L. R, 141 

Auslaute steht, sondern durch Verstummen der Schwä- 
chung e nur scheinbar auslautend geworden ist, da ver- 
harrt die Verdoppelung nicht blos in der Schrift, son- 
dern womöglich, d. h. bei allen Dauerlauten, auch in 
der Aussprache, um die Nachwirkung des verstummten 
oder stillen e fühlbar zu machen; vgl. etwa vif sinn mit 
sin sensus, enn finis mit eil iis, siinn sol mit bün 
sum. Bisweilen geht gegenwärtig diese Nachwirkung 
des stillen e bereits verloren und damit dringt die Ver- 
einfachung der Geminata auch in den unechten Auslaut, 
z. B. Jcül neben Jcüll aus altmeklenburgischem Iculde frigus. 
Die Auslautsgesetze, welche die Mediae und Frica- 
tiven betreffen, sind im allgemeinen unverändert ge- 
blieben. 

I. Liquidae. 

§. 184. Das L hat unverbunden keine Aenderung 
in seinem Bestände erlitten, außer daß von seiner Meta- 
thesis keine Spur mehr vorhanden ist. Die Geminatio- 
nen mehren sich um ein Bedeutendes, indem sämmtliche 
inlautende Id sich durch Assimilation in II wandeln (Bei- 
spiele §. 193). Die übrigen Verbindungen bestehen 
meistens unverändert fort, z. B. halm calamus, helpen 
juvare, sülver argentum, half semi, helft dimidium, schult 
judex vici, schult debitum, verdelgen delere, volk popu- 
lus, swceXk hirundo, falsch falsus. Vor h in welk qualis, 
solle, wilk^ für sal ik debeo, will ik volo, ferner vor s 
in als quam, quum und vor st in salst debes, wilstvi^, 
wollst volebas, süllßt deberes fällt l oder II aus, sodaß 
die Formen lauten wek, sak^ wik, as, säst, wist, wost, 
süst, 

§. 185. Das B besteht im Anlaute unverändert, mit 
voller Bewahrung seines consonantischen Werthes, den 
€s im In- und Auslaute theilweise oder gani aufgibt. 
Schon im Alts, trat hier und da der Abiall des aus- 
lautenden r ein; etwas ausgedehnter fanden wir densel- 
ben im Altmeklenburgischen. Jetzt ist kein r im Aus- 
laute als Consonant vorhanden; denn, wo es nicht nach 
Maßgabe des altmeklenburgischen Bestands abfällt, löst es 
sich an dieser Stelle des Wortes stets halbvocalisch auf. 
Während nämUch zur Bildung des consonantischen r die 



142 Liquidae. R. 

Zungenspitze am obern Alveolarrande durch den Luft- 
strom in Vibration versetzt wird, verharrt zur Bildung 
des i^-Vocals die Zungenspitze an den untern Zähnen^ 
die Zungenbreite nähert sich dem Gaumen, ohne an 
demselben einen Verschluß hervorzubringen, und der 
Luftstrom ist zu schwach, um irgendwelche Vibration 
der Sprachwerkzeuffe zu veranlagen. Der so zu Stande 
kommende Laut ähnelt der Schwäc&ung e, kann sich 

{'edoch auch zu einem flüchtigen a gestalten, namentlich 
linter ö und ü. Zahlreiche Beispiele dieses auslauten- 
den JS-Vocals bei Wurzelsilben sind bereits in der Lehre 
von den Vocalen gegeben worden. Aber auch in sämmt- 
liehen Bilde- oder Flexionssilben er und demgemäß in 
den secundären Endungen erw, ert^ erst wird das r zum 
Halbvocal, in welchem das Schwächungs-e untergeht; 
z. B. acTcer ager ^, iörger civis, bitter amarus, diester 
tenebrosus, eller alnus, gleser vitra, Äwnjfer fernes, hceger 
altior, kamer camera, Jcopper aes, loeper Cursor, mullwoß- 
ler talpa, roeJcerbcen fumarium, spiker spicarium, ümmer 
semper, vadder pater, ver- Praefix; koppern aheneus, 
rodkern suffumigare; wunnert miratur, wedert tonai; hin- 
nerst ultimus. Im Inlaute lost sich dps einfache r 
gleichfalls halbvocahsch auf und absorbirt das nach- 
lolgende Schwächungs-e, z. B. Mren vertere % firen oti- 
ari; doch vor der Bildesilbe er und den erwähnten se- 
cundären Endungen, sowie vor Endungen, welche einen 
andern Vocal als e enthalten, verharrt das r consonan- 
tisch, z. B. schirer laevior, schirern laeviorem, trtirich 
tristis, Mrink clupea harengus, Mtröw N. urbis. Der 
i2-Vocal entsteht endlich in den in-, und auslautenden 
Verbindungen W, rw, rd (auslautend rf), rs und re; Belege 
sind in der Vocallehre bereits gegeben; dort sind auch 
die Worter pari, kam, fardich und warden bereits als 
Ausnahmen angeführt worden. In den übrigen Ver- 
bindungen rm, rv, rh, rp^ rw, rt, rg, rk^ rch bewahrt r 
seine consonantische Geltung. Ebenso in der Gemi- 
nation, welche aus assimilirtem rd (s. §. 193) Zuwachs 



^ Vergleiche hiermit die Schreibung acke, borge, bitte u. 8. w. 
bei Ritt. 

^ Vergleiche hiermit die Schreibung kien, fien bei Ritt. 



Liquidae. R, M. N. 143 

erhält. Die Verbindung RST hört gänzlich auf zu existi- 
ren, indem r ausfällt, also bost pectus, basten rumpi, böst 
seta, döst sitis, Jcöst crusta, fast culmen, gasten hordeum, 
host nemus, voßgericht (Reuter) = fostgericht}\idi!d\xm sal- 
tuarium, waM fis, wüst farcimen. Ein BSCU weisen nur 
die Lehnworter kirsch cerasus, hirsch cervus, marsch 
iter auf; in den einheimischen ba^ch adstringens, dösch 
gadus callarias (barsch^ dorsch, Clu) ist r ausgefallen» 
Ebenso in dönsh = älterm dörnse hypocaustum. 

Beispiele der Metathesis des r sind noch jetzt dör^ 
tich 30, dörtein 13, bost pectus, basten rumpi, Jcöst crusta^ 
vrüchten timere, toratt Verruca, dröft licet ei. — Das aus 
wurzelhaftem s gebildete r hat insofern Zuwachs erhal- 
ten, als es nunmehr in allen Formen der Verba fresen 
algere und verlesen amittere neben dem s gilt. 

Anmerkung. Nachdem im Vorstehenden die Regeln für di& 
Vocalisining des r festgesteUt sind, bedarf es im Verfolg de» 
Zeichens r nicht mehr, wenn es sich nicht etwa um besondere 
Hervorhebung des Unterschieds zwischen r und r handelt. In den 
nenern meklenburgischen Drucken bedient man sich mit Recht für 
beide des Zeichens r. 

§. 186. Das M hat sich überall, wo es in tonlosen 
Silben auslautete, zu n geschwächt. Die Verbindung 
MB ist jetzt ganz in mm untergegangen, rümmer circum- 
circa, ümm circa; dagegen hat sich das MF durch Syn- 
kope und Anähnlichung vermehrt mit den Wörtern 
semp sinapi, hemp cannabis, welche bei Ch. noch sennip, 
hennep lauten. 

§. 187. Das N erfährt gleichfalls nur unbedeutende 
Veränderungen. Noch jetzt wird es im Auslaute von 
Pluralformen des Verbums oft apokopirt, wenn eine 
Pronominalform inclinirt. Die Wörter, welche es in der 
Stammsilbe ausfallen laßen, sind fif 5 mit seinen Ablei- 
tungen und gos anser, nebst gösset anserculus, zu denen 
gant anser mas, sich zur Vergleichung darbietet. In der 
Bildesilbe zeigen noch den Ausfall des n die Ordinalia 
S(evd^ negd^ teid, elft zu sieben 7, negen 9, tein 10, elben 
11; dagegen hat das Substantiv joghet Juventus hoch- 
deutsche Form angenommen, doghet virtus die Endung 
^anz abgeworfen, nun dteg lautend. Die Gemination 
des n gewinnt an Umfang, indem sämmtliche nd ihr zu- 



144 Liquidae. Labiales. B, 

fallen (s. §. 193). Die übrigen Verbindungen des n be- 
stehen fort. 

§. 188. Die vier Liquiden und mehr noch ihre 
Verdoppelungen ??, rr, mm^ nn nebst den Verbindungen 
rn und ng lieben die vollständige Unterdrückung des e 
in der an dieselben sich etwa anfügenden Endung en. 
Von den dadurch entstehenden Lautverbindungen bedür- 
fen mmn^ mn, nnn, nn^ ngn, rnn und lln besonderer Be- 
rücksichtigung. Die ersten beiden werden zu mm d. h. 
zu gehaltenem -m, das zweite Paar zu nn d.h. zu ge- 
haltenem n, das ngn wird zu gehaltenem ng^ das rnn 
kommt mit dem rn im Laute völlig überein, im Un end- 
lich empfängt das II etwas von nasalem Timbre. Bei- 
spiele: hemmen pectinare wie Jcemm; kämen venire wie 
Icämm; winnen torquere wie winn, vgl. winn = winde 
artemoj senen desiderare wie senn; singen canere wie 
singng; Urnen discere wie lirn^ dadurch lautlich vereint 
mit liren, lirn docere, vormals in lernen (lernen) und 
leren von einander unterschieden. Diesen complicirtern 
physiologischen Vorgängen folgt die Schrift natürlich 
nicht nach, doch sind sie für die Flexionslehre von 
Bedeutung. 

IL Labiales. 

§. 189. Die Media B steht wie in der vorigen Pe- 
riode besonders im Anlaute. Im Inlaute tritt statt 
ihrer ein v (jetzt meist iv geschrieben) ein, doch erlangt 
b seinen Platz wieder, wenn die Endsilbe en folgt, in- 
dem sich bei der Schwäche des e das n nahe an das v 
anlehnt und damit die Aspiration aufgehoben wird. Wo 
das e der Endung kräftiger bleibt, verharrt auch v (w). 
Beispiele: leben vivere, leben amare, heben coelum, schri- 
ben scribere, driben agere, laben laudare, gloeben. Iceben 
credere, haben portus, sceben septem, Schüben promovere, 
düben columbae, geben dare verglichen mit lev vivo, Zr- 
vich vivus, levent vita, lerer carior, schriver scriptor, 
driv ago, luvst laudas, glov fides, gloevst credis, seevd 
septimus, schiever infurnibulum, düv columba, gever lar- 
gitor. Im Auslaute tritt statt des wurzelhaften b wie 
vormals auch jetzt ein f ein, z. B. gif da, gaf dedi, def 
für, lef carus, stif rigidus, lof laus, löf frons. Tadeins- 



Labiales. B. P. V. F. 145 

werth ist es, wenn neuere Schriftsteller statt des f im 
wahren Auslaute w=v eintreten laßen, z. B. deiw für, 
leiw carus, stiw rigidus, während der Dialekt deutlich 
deify leif, stif von aeiv fures, leiv amor, stiv rigidi unter- 
scheidet. Nur diejenigen starken Verba, deren beide 
Praeteritalablaute übereinstimmen, machen von diesem 
Auslautsgesetze gegenwärtig eine Ausnahme, indem sie 
in der I. III. Sing. Ind. Fraet, nicht f sondern v auf- 
weisen, z. B. blev mansi, drev egit, schrev scripsi, rev 
fricui, groev fodi, schoev promovit; gev dedit; sturv 
mortuus est. Den Grund dieser Erscheinung wird die 
Flexionslehre aufhellen. — Vor st und t tritt bei wahrer 
Synkope, also bei unmittelbarer Berührung für das 
wurzelhafte b ein /", bei unechter Synkope aber, wo also 
stilles e trennend wirkt, ein v ein, z. B. Miß manet, giß 
dat; levt vivit, Mvt certat, krevt Cancer. 

§. 190. Die Tennis Pgibt zu keinen Bemerkungen 
Anlaß. Sie verharrt ganz im Bestände der vorigen Pe- 
riode, leidet wie dort Abfall in der fremden Verbindung- 
ps des Anlautes, ^. B. salm psalmus, und üebergang 
in f vor st und t in den Verben Jcoepen emere, nebst 
verikwpen vendere und dcepen baptizare. 

§. 191. Die Spirans des Lippenlautes ist eine 
doppelte, entweder eine härtere F oder eine weichere F. 
Jene hat ihre Stelle im Anlaute und im Auslaute, diese 
im Inlaute. Vom In- und Auslaute sind in §. 189 die 
nöthigen Belege gegeben, üeber den Anlaut muß noch 
bemerkt werden, daß ähnlich wie in der altmeklenbur- 
gischen Dialektperiode die Schreibung mit der Aus- 
sprache nicht überall im Einklänge sich befindet. Zwar 
ist das f weiter durchgedrungen als früher, sodaß jetzt 
die Mehrzahl der bezüglichen Worter mit f geschrieben 
wird. Aber da die Schreibung des Plattdeutschen nach 
den gewohnlichen neuhochdeutschen Grundsätzen gere- 
gelt zu werden pflegt, so ist das Schwanken der hoch- 
deutschen Schreioung zwischen v und f im Anlaute auch 
in unsern Dialekt übertragen. Schon L. hat v und f 
vor Vocalen etwa in gleicher Menge, die Verbindungen 
FL und FB nicht mit v. 

Wenn neuere meklenburgische Schriftsteller seit J5. 
das inlautende v durch das Zeichen w ausdrücken, so 
ist dies eine historisch nicht berechtigte Schreibweise 

Nerger, Grammatik. 10 



146 Labiales. V, F, W, 

und streng genommen auch physiologisch nicht, da die 
Fricativa w weicher klingt als die weiche Spirans v. 
Diese Vertauschung des Zeichens v mit w findet aber 
darin ihre Erklärung, daß man vermeint, das v sei die 
harte Spirans, als welche sie sich in der deutschen Aus- 
sprache ihres Namens Vau anlautend darstellt. Zur 
Rechtfertigung der Schreibung w ist zuzugeben, daß die 
weiche Spirans sich der Fricativa desselben Organs sehr 
nähert und daß eine Mischung zwischen dem u; für v 
und der wirklichen Fricativa w in einfachem Inlaute 
nicht zu besorgen ist, da die letztere, einige Wörter 
ausgenommen, nicht mehr im Inlaute vorkommt, in 
der Verbindung rw aber wirklich mit rv verwechselt 
wird. 

Gemination der weichen Spirans t; ergibt sich statt 
des altern 66, sobald demselben eine andere Endung als 
en^ namentlich stilles e, eZ, dn^ ert folgt, z. B- krüvv 
praesepe, rivv costa, gravvel sortitus, krivvel pruritus, 
Jcavveln rixsiTi^ gravveln iiiillaTe^ snavveln hlAterare^ driv- 
veln trepide concursare, Jcrivvcln prurire, wrivveln per- 
fricare, snuvveln lapsare, vacillare, düvvert columbus; 
doch kehrt bb vor der Endung en zurück, z. B. krübben 
praesepia, ribben costae, hebben habere. Die Gemination 
der harten Spirans f erscheint in traffen incedere cum 
strepitu, ruffen arripere, ruffich rapax, schüffei pala^ 
gaffel furca und sonst in Lehnwortern aus dem Hoch- 
deutschen. 

§. 192. Die Fricativa W steht nur im Anlaute 
fest, behauptet hier aber auch in der Verbindung WB 
meist ihren Platz, z. B. wrack navis fracta, wrackelich 
vacillans, wreegeln confusum esse, wrampich malignus, 
wrangen luctari, wringen torquere, wrickeln ultro citro- 
que agitare, writ perplexae radices, t(?rit;t;eZw fricare, wrösen 
cespes, wroesen contorquere, wrümmel globulus, wracksid 
exilium ^ ; dagegen reken ulcisci u. a. Inlautendes w besteht 
einfach nur liinter S fort, z. B. ewich aeternus, kiewer 
trifolium, kew branchia, außerdem in kläw ungula, leutc 
leo. In der inlautenden Verbindung rw schwankt sein 



^ In der Redensart to toracksid sitten im Sinne „als unthätig 
einem andern zur Last fallen, bei ihm das Gnadenbrot eßen." 



Labiales. W, LiDguales. D. 147 

Verhalten; denn bald fällt es ab, z. B. mör tener, ger- 
hüs cerdonis officina, bald verhängt es, z. B. farw co- 
lor, loh-garwer-strät platea cerdonum. Sonst wird die 
Fricativa w im Inlaute beständig in ^, gh verwandelt 
oder auch, besonders nach au, ausgeworfen, z. B, pjage- 
lün pavo, Pägel Paulus, drangen minari, genauer accu- 
ratius. Dem Uebergang des w; in ^ entspricht für den 
Auslaut ein ch, z. B. hldch caeruleus, grdch canus, trüch 
fidelis, früch domina; daneben dauert der Abfall des 
auslautenden w fort, z. B. dau ros, trü fidelis, frü do- 
mina, und nach hochdeutscher Weise tritt auch der 
Diphthong au ein, wo er im Altmeklenburgischen noch 
fehlte, z. B. blau, grau. 

Weiin in den Wortern Jcldw ungula, kew branchia, 
farw color, garw subigo corium die Endung en an den 
Stamm tritt, so geht das w^ mit v verwechselt, in b 
über, also Tcläben tingulae, Teeben branchiae, färben colo- 
rare, garben subigere corium. 

Anmerkung. Im veraltenden Worte wischen consobrina be- 
steht der aife mnd. Anlaut fort, gegenüber dem hochdeutschen 
base. — Das u> der Endung bw an N. pr. ist verstummt. 

III. liingruales. 

§. 193. Die Media D hat anlautend sowol einfach 
als in den Verbindungen dr und dw keine Veränderun- 
gen erlitten. Im Inlaute bleibt das un verbundene d nur 
vor el, ein und en im Klange, dem anlautenden d gleich 
oder nahezu gleich, z. B. sadel ephippium, bedeln men- 
dicare, sniden secare, fceden alere; vor andern Endun- 
gen, namenthch vor stillem e, er, ern, ert nähert es sich 
dem Laut des r. Manche setzen darum auch in der 
Schrift für dies veränderte d, welches wir mit d bezeich- 
nen, den Buchstaben r ein, jedpch mit Unrecht, da der 
entstehende Laut weder mit dem wirklich consonanti- 
schen, trommelnden r, noch mit dem §. 185 besproche- 
nen ^-Vocale übereinkommt. Seine Bildungsstätte am 
Gaumen liegt hinter der Stelle des consonantischen r 
und vor der des iJ-VocaJs; zur Bildung der wirklichen 
Media d gelangt die Zunge nicht, weil sie keinen Ver- 
schluß des Luftweges hervorbringt, sondern nur eine 

10* 



148 Linguales. D. 

Annäherung an den harten Gaumen vomioimt. Bei- 
spiele dieses Lautes sind: rad consule, häd nuntius, hdd 
ambo, Ud tolero, möd mos, red oratio; vader pater, bro- 
der frater, fdder pabulum, luder clarior, bieder folia, sni- 
der sartor; vertiedern implicare, pudert consparsus pul- 
vere ; tidich mature, nt-dtedunk explicatio, pteding Spon- 
sor baptismi. Bitt. versucht die Ausspräche durch rar\, 
bar'; fare, brore^ bläre, snire u. s. w. darzustellen. 
Stärker wird die Aehnlichkeit mit anlautendem r beim 
geminirten d, indem der erforderte doppelte Zungenstoß 
leicht jene Vibration in der Mundhohle bewirkt, auf 
welcher das consonantische r beruht. So lauten denn 
z. B. wedder iterum, f edder penna, nedder deorsum, 
södder ex, post, ledder corium, ledder scala, vadder coni- 
pater, pater, mudder mater, bidden petere, midd medium, 
bidd peto, blödd sanguinem fudi, ferner die durch Assi- 
milation aus td sich ergebenden Verbalformen wie stödd 
tutudi, bödd calefecit, von stceten, boeten fast wie wem. 
verre^ nerre, sörre^ lerre, varre^ murre, birren, mirr, bin, 
blörr, störr, börr, ohne jedoch völlig damit gleichzu- 
lauten; Grund genug, das dd, oder genauer da, in der 
Schrift bestehen zu laßen. * 

Die inlautenden Verbindungen LD und ND werden 
durch Assimilation zu II und nn; z. B. holten teuere, 
gedüllich patiens, öller senior, schellen vituperare, gelkv 
valere, mellen renuntiare, feller campi, küll frigus, tvill 
feroces, büler imagines; binnen ligare, finnen invenire, 
winnen torquere, kinner infantes, swinning celeriter, süiw 
peccatum, kenn manus, umnn vulnus, hunn canes, surr 
ner peccator, münning osculum, stenner arrectarius, eivi 
finis , lenner terrae u. s. w. Das entstehende II und wi 
ist völlig der organischen Verdoppelung des l und n 
gleich, wie Vergleichung der Wörter feilen pelles, schel- 
len decorticare, vüller plenior, gewinnen lucrari, hinnen 
intro, sünn sol darthut. Ueberdies hebt die Assimi- 
lation schon in der vorigen Sprachperiode an und ist 
auch in andern deutschen Dialekten üblich. Deshalb 
scheint es geboten, daß die Schrift dem Laute folge und 
sich zu Gunsten des nn und II des nd und Id entäußere. 
Schwieriger ist die Bestimmung über die inlautende 



1 \g\. Ritt. S. 43; Muss. S. 5; Wigg. S. 8. 



Linguales. D. T. 1^49 

Verbindung BD sowol durch das verschiedene Verhal- 
ten des r, welches hier bald als Consonant verharrt, 
bald sich vocalisirt, als auch durch den in manchen 
Fällen zweideutigen Laut des d. Die Sprachentwicke- 
lung ist gerade hier in vollem Fluße begriffen. Vorläu- 
fig kann wol als Regel aufgestellt werden, daß rd nie- 
mals in einheimischen Wörtern dergestalt inlautend be- 
stehe, daß beide Consonanten den Werth behaupten, der 
ihnen an sich zukommt, mit andern Worten, daß nir- 
gends inlautendes rd der entsprechenden hochdeutschen 
Verbindung gleich sei, daß vielmehr entweder das r 
sich vocalisch auflöse und dann d stehen bleibe (und 
zwar nach den soeben entwickelten Regeln entweder als 
reines d oder mit dem r-ähnlichen Laute), oder das r 
consonantisch bleibe und dann d verstumme oder sich dem 
r assimilire. Die Zeichen r und d helfen aus, um diese 
Vorgänge zu bezeichnen: das ältere rd wird I. 1. zu rd, 
I. 2. zu fd, IL 1. zu r, II. 2. zu rr; z. B. üt-orden de- 
generare, gor den hortus; sword cutis, Ikö^hird bubulcus, 
tvirder insula, negen-mterder lanius coUurio, trd terra; 
farich paratus; würren fierent, förrern postulare. , Wei- 
tere Beispiele sind in der Vocallehre leicht aufzufinden. 

Anmerkung. In einzelnen Gegenden nimmt das inlautende 
oder mit r verbundene d häufiger als hier angegeben worden den 
r-ähnlichen Laut an, in andern Gegenden seltener. Vgl. die Wort- 
bilder gordeUy gor den (§. 155), goren (Reuter); färich, fardich 
(§. 159), farrich {kitQ. 

Auslautend wird sowol das einfache d als das der 
Verbindungen nd, rd und Id zur Tennis t; z. B. holt 
tene, wint ventus, hunt cam5, ürt locus, würt verbum, 
lit membrum, lilat folium. Nur die schon beim h als 
Ausnahme angetroffenen Verba, deren beide Praeterital- 
ablaute übereinstimmen, entziehen sich in I. III. Sing. 
Ind. Praet. auch diesem Auslautsgesetze, z. B. sned se- 
cavi, led passus sum, red equitavit, stünn neben stunt 
steti, loed oneravit, hoßd praebuit, imrr factus est, /S?m 
invenit u. a. m., alle ganz behandelt, als ob stilles e nach- 
wirke und es sich nicht um wahren Auslaut handele. 

§. 194. Die Tenuis That im ganzen ihr altes Ver- 
hältniss treu bewahrt. Einzig mochte die Assimilation des 
rt zu tt in wöttel radix und mattein cruciare auffallend sein, 
da sonst rt ungestört bleibt. Das wurzelhafte t der Verba 



150 Linguales. T. S, Z. SZ. Gatturales. G. 

hcßten calefacere, motten occurrere, stodien tundere assimi- 
lirt sich dem d der Praeteritalendung, mit welchem es 
durch echte Synkope in Berührung tritt, z. B. stödd tu- 
tudi aus stostde gleich älterm *stdtede. 

§. 195. Die Spirans S gibt gleichfalls nicht zu 
vielen Bemerkungen Anlaß. Die in der vorigen Periode 
nicht deutlich erkennbare härtere Aussprache des an- 
lautenden s findet sich jetzt noch in den Wortern ßte 
ccce und ßo itane. In scelen debere steht das s als 
Schwächung des in Westmeklenburg noch üblichen seh 
altem sJc entsprechend. Die in- und auslautende Ver- 
bindung SK dauert neben seh bis in unsere Zeit, weicht 
demselben aber allmählich ganz und wird binnen kurzem 
als ausgestorben bezeichnet werden können. Außer für 
sh steht das seh in romanischen Lehnwortern fiir $i d. i. 
sj der Endung sion, und entsprechend geht tsehon aus 
'tion hervor, z. B. kommischon mandatum, natsehön na- 
tio. Das s hat im wahren Auslaute einen scharfen, 
im Inlaute oder scheinbaren Auslaute einen sausenden 
Laut. Dadurch wird es rathsam, zur genauen Lautbezeich- 
nung im scheinbaren Auslaute sich des Apostrophs an 
Stelle des stillen e oder eines langen / zu bedienen, z. B. 
ris oryza unterschieden von n/* virgultae. 

Die fremden Spiranten ^ und ß kennzeichnen 
alle Worter, in denen sie vorkommen, als Lehnworter; 
bei der wachsenden Zahl derselben mehren sich auch 
die z und ß im gegenwärtigen meklenburgischen Dia- 
lekte bedeutend. Die Wörter mit w^, welche uns aus 
dem Altmeklenburgischen überkommen sind, laßen ihr 
vor allen andern Endungen bestehendes e m f sich er- 
weichen, sobald stilles e folgt, z. B. 5t(;^caudae, denf 
saltationes verglichen mit kranis Corona, ganze totum, 
denzer saltator, swenzeln caudam agitare, sehanzen mu- 
nire. 

IV. Gutturales. 

§. 196. Die Media G steht im An- und Inlaute, 
sei es einfach oder geminirt oder verbunden in densel- 
ben Verhältnissen wie früher. Der weichere Laut, der 
sich in der vorigen Periode als gh darstellte, wird 
durch die in einzelnen Gegenden des Landes, besonders 



Gutturales. G. K. , 151 

im Südosten ^ übliche Annäherung des g an j belegt. 
Im übrigen Lande kommt das inlautende g mit dem an- 
lautenden überein; einzig vor stillem e bleibt das alte 
gh des Inlautes im weichen Klange des g bei Bestand. 
Im Auslaute wird g^ allein und in den Verbindungen rg 
und lg zu cA, das ng aber, welches einen einheitlichen 
Laut ausmacht, zu rik^ z. B. dach dies, slach ictus, socli 
suctus, harcli mons, ialch sevum; sprunh saltus, gesanh 
cantus. Diesem Auslautsgesetze entziehen sich wiederum 
die I. in. Sing. Ind. Praet. ablautender Verba, die nur 
einen Praeteritalablaut haben, z. B. sweg siluit, Tcreg 
accepit, leg jacuit, droeg portavi, Img mentitus est, süng 
cantavit, güng ivit. Auch die Deminutiv- oder Ad- 
verbial-Endung ing lautet niemals ink, weil sie aus altn. 
ingi herstammt, also nur scheinbaren Auslaut bildet; 
z. B. jünging puerulus, swinning celeriter. Vgl. dagegen 
schillink moneta. 

Das inlautende g erhält bedeutenden Zuwachs seines 
Gebiets dadurch, daß sämmtliche inlautende Fricativen 
u\ j^ h, in ihm zusammenkommen. Mit Verkennung 
seines Ursprungs faßt man es jetzt als „vocaltrennendes 
^" (Wigg.) auf; doch nur in den Wörtern schrigen cla- 
mare und r eigen purus für schrien und rein wird es 
willkürlich, onne auf älterer Fricativa zu beruhen, ein- 
geschoben. (Beispiele des g für Fricativen sind bei den 
Diphthongen ei, au und eu gegeben.) In jüngster Zeit 
wird neben g ein schwaches d häufig als Vertreter der 
Fricativen gebraucht, z. B. leiden decem, neiden suere 
u. a. m. Die älteste Spur davon bot S. B., s. §. 64. 

§. 197. Die Tenüis K entspricht fast durchaus der 
altmeklenbargischen; nur in der Endung lieh ist altes Je 
dem ch im Auslaute, minder im Inlaute gewichen. Die 
Verbindung ks, cks, als deren Zeichen bisweilen x an- 
gewandt wird, hat durch Synkopen und durch Lehn- 
worte aus dem Hochdeutschen, denen dort chs zukommt, 
Zuwachs erhalten, z, B. ex securis (exe Ch.)^ bax alapa, 
muxen mussitare; daks meles (mnd. grevinc)^ wix atra- 



^ Vgl. Reuter's Aussage: ,En Mekelnborgerf^ frog hei up*t beste 
Pladdietsch, blot mit so'ne lichte preu^sche Bxmisckang as sei in de Ge- 
gend von Nigen^trelitz reden, (üt rmne Festungstid, Kap, 1.) 



152 • Gutturales. Q. CH. J, H. 

mentum, hüx braccae. Ein x ergibt sich aus chts im 
Worte nix nihil, altmekl. nichtes. 

Die Nebenform des ä?, das c, ist jetzt in einheimi- 
schen Wortern nicht mehr üblich, wenn wir vom ck ab- 
sehen. Dagegen wird qu für Tcw beibehalten. Zu den 
Beispielen in §. 72 werden wir noch der Wörter ijualr 
dux rana, quarren flere, quef callus, qtätsch sorbum und 
quücJien anhelare habhaft. 

§. 198. Die harte Spirans CH verhält sich jetzt 
ebenso wie in der vorigen Periode; doch werden der 
cht^ welche hochdeutschen ft entsprechen, durch Einfluß 
der letztern weniger; fest stehen noch achter post, 
Schacht scapus, sacht dulcis; lucht und lufl aer sind 
gleich in Geltung. 

§. 199. Die Fricativa J und der Hauchlaut H ste- 
hen nur im Anlaute, wo das erstere mit g wie vordem 
wechselt. Im In- und Auslaute werden sie entweder 
ausgeworfen oder durch g inlautend, durch ch auslau- 
tend vertreten, z. B. /n liber, ßte ecce; toch agmen, 
hoch altus; frtgen in matrimonium ducere, meigen se- 
care; neien suere. In den Formen I. III. Sing. Ind. 
Praet. der Verba sen videre, gesehen fieri, ten trahere 
für älteres sehen, geschehen ^ tehen herrscht «tatt des im 
Auslaute zu erwartenden ch das weiche g^ wenn der 
Singular den Ablautsvocal des Plural erhält, seg vidi, 
gescheg factum est, toeg traxit neben sach, geschachy 
toch. 

Anmerkung 1. Für altmeklenburgisches gh steht j in der 
Contraction hnejam aus hnedegham sponsus. 

Anmerkung 2. Die nbd. Orthographie hat auch in die Schrei- 
bung des Meklenburgischen viele auslautende, aber hier wie dort 
stumme h eingeführt. 



Schlußbemerkungen. 

§. 200. 1. Wir erkennen, daß die Auslautsgesetze 
für die Mediae aller drei O^ane dieselben geblieben 
sind, welche in der vorigen Periode galten. Die ge- 
wohnliche Schreibung versäumt es meist, ihnen zu toX- 
fen, doch sehr mit Unrecht. Im Niederdeutschen ist 
ie Beachtung des Auslautsgesetzes bei weitem mehr er- 



Consonantenwandel bei Inclination. Starke Conjugation. 153 

fordert als im Hochdeutschen, schon darum, weil der 
Schritt von der Media zur Spirans weiter ist als der 
von der Media zur Tennis desselben Organs. 

2. Die Inclination schreitet etwas weiter vor. In 
zwei neuen Fällen verändert sie die Consonanten. a. Die 
Inclination des Personalpronomens mi wandelt vorher- 
gehendes f in m, z. B. gim-mi für gif-mi da mihi, hllm^ 
mi für hilf ml mane mihi. 6. Die Inclination des Ar- 
tikels an die Praepositionen na, ht, to, vor gibt seinem 
anlautenden d die Stellung eines inlautenden, unddiese» 
nimmt um des folgenden e, er willen den r-artigen Laut 
an, z. B. tö'de, vör-de; dem Auslaute der Praepositionen 
an und in assimilirt es sich, z. B. anne aus an de. 

3. Eine Vergleichung des meklenburgischen mit dem 
neuhochdeutschen Consonantensysteme scheint zwecklos. 
Wie unsicher die dadurch gesuchten Resultate sind, zei- 
gen derartige Versuche zur Genüge; 



Zweit e s Buch. 

Flexionslehre. 



Erster Abschnitt. 

Von der Conjngation. 

Vgl. im allgemeinen das in den §§. 83 und 84 Aus- 
gesagte. 

Erstes Kapitel. 

Die starke Conjugation. 

§. 201. Der meklenburgische Dialekt in seiner neuem 
Entwickelungsperiode theilt mit fast allen jungem 
germanischen Sprachen das Bestreben, sich in der star- 
ken Conjugation der Zweiheit der Praeteritalablaute zu 
entledigen. Im 17. Jahrhundert vereinigten sich die beiden 



X54 Starke CoDjugatiou. Praeteritalablaut. 

Stammvocale des Sing, und des Plur. Praeteriti in 
den ablautenden Verbalreihen der Wurzellaute 1 und Z7, 
und zwar dadurch, daß der lange Vocal des Sing. Ind. 
Praet., e oder ö, auch in denjenigen Formen zur Gel- 
tung gelangte, denen früher der tonlange Vocal des 
Plural, e oder ö, zukam. Für die Verba des Wurzel- 
lautes JJ war dieser Vorgang bereits in der altern Dia- 
lektperiode angebahnt, insofern das ö ihrer pluralischen 
und optativiscnen Praeteritälformen den sonst üblichen 
Wechsel des ö mit ä nicht zuließ (s. §. 31). Den um- 
gekehrten Weg zur Einheit der Praeteritalablaute schlu- 
gen etwa um dieselbe Zeit die Verba der VII. Ablaut- 
reihe des Wurzellautes A ein, indem sie den Vocal des 
Plur. Ind. Praet. ti (o) in den Singular vordringen lie- 
ßen. So gelangten denn nur die Verba der V. und VI. 
Ablautreihe des Wurzellautes A mit zwei Praeterital- 
ablauten bis in unser Jahrhundert. Sie bewahren die- 
selben großtentheils noch in der Gegenwart, indem sie 
als Stammvocal des Optat. und des Plur. Ind. Praet. 
das e aufweisen und in der I. III. Sing. Ind. Praet. am 
Wurzellaute a wie früher festhalten. Neben diesen For- 
men mit a, deren sich besonders noch das östlichste 
Meklenburg (Reuter) bedient, kommen aber jetzt in den 
andern Landestheilen solche mit e in immer häufigem 
Gebrauch oder haben bereits, so in den Seestädten, 
ausschließliche Geltung erlangt. Es läßt sich daher 
mit Gewissheit voraussehen, daß in wenigen Jahr- 
zehnten die Zweiheit der Praeterital- Ablaute des star- 
ken Verbums aus dem meklenburgischen Dialekte gänz- 
lich verschwunden sein wird. 

§. 202. Mit dem soeben betrachteten Vorgange 
geht ein anderer Hand in Hand. In der Lautlehre 
ward darauf hingewiesen, daß gegenwärtig diejenigen 
Verba, deren beide Praeteritalablaute zusammenfallen 
auch überall da, wo eine Unterscheidung inlautender und 
auslautender Consonanz möglich ist, doch in der I. III. 
Sing. Ind. Praet. nicht die auslautende, sondern die in- 
lautende Gestalt ihrer Consonanz aufweisen, gleich als 
ob am Ende ein stilles e nachwirke. Dadurch fallen 
diese Indicativformen mit den entsprechenden Optativ- 
formen zusammen und es würde ein Unterschied der 
beiden Modi des Praeteriti nur noch da überhaupt mög- 



Starke Conjugation. Optativ. 155 

lieh sein, .wo ein umgelauteter Vocal den Optativ von 
•dem nicht umlautenden Indicativ absonderte. Um aber 
die Uebereinstimmung vollständig zu machen^ laßen 
nunmehr die ablautenden Reihen, deren Praeteritalablaut 
^in umlautbarer Vocal ist (also IV. und VII. -4-Reihe 
und II. Z7-Reihe, mit den Vocalen 6 und w\ den Um- 
laut (B und «, aus dem Optativ nicht nur m den Plu- 
ral, sondern auch in den Singular Ind. Praet. vordrin- 
gen. Dadurch hört also der Optativ ^ Praet. als eigene 
Form auf zu existiren; Indicativ und Optativ Praet. 
decken einander vollständig, auf rein formellem Wege 
mit einander vereinigt. Freilich ist dabei zu beachten, 
daß diese Vereinigung noch nicht überall im Lande in 
gleicher Weise vollzogen ist, sondern daß manche Landes- 
tiieile, namentlich an der Ostgrenze, an den alten Indi- 
cativformen, neben den optativischen, festhalten. Muss. 
charakterisirt den Bestand zu seiner Zeit folgendermaßen : 
^,E8 gibt auch einen einfachen Conjunctiv, der ... bei vie- 
len irregulairen Verben durch Umlaut aus dem Imperf. 
Indic. gebildet wird, z. B. Imperf. Ind. ick hedratig^ 
Imperf. Conj. ick bedräng. . . Dieses Imperfectum Conj. 
ist da, wo es sich findet, auch als ein zweites Imper- 
fectum Indicat. gebräuchlich." Aus Ritt, führe ich bei- 
spielsweise an: „Imperf. ick et, bäurisch att; sog'* oder 
bäur. sagg^^'; zu brcek fregi gibt er keine Nebenform 
an. Wigg, endlich weist nur die jungem, optativischen 
Formen wie eet, groew, brcek u. s. w. auf. 

Anmerkung. Bemerkenswerth scheint es, daß im Messing- 
scheu, d. h. im gemischteu Hochdeutsch derjenigen, welche eigent- 
lich niederdeutsch zu reden gewohnt sind, auch das hochdeutsche 
Praeteritum bei weitem häufiger in optativischer als in indicativi- 
scher Form ausgesprochen wird. 

Der Optativ Praesentis wird im Laufe unserer Pe- 
riode mehr und mehr durch modale Hülfsverba umschrie- 
ben und muß in der Gegenwart als ausgestorben be- 
zeichnet werden, weil er auf syntaktischem Wege, 
bis auf vereinzelte Reste der III. Sing, nach anreden- 
dem he und se, außer Gebrauch gesetzt worden ist. 
Somit haben wir für den gegenwärtigen Sprachstand 
nur die Modi Indicativ und Imperativ zu unterscheiden. 



^ Streng genommen müßte man sagen „der Indicativ'^ 



156 Starke Conjagstion. Personalendangen. 

§. 203. Die Endungen der starken Conjugation sind 
folgende: * 

Praesens. Praet. 

Ind. Imper. Ind. (Opt.) 

Sing. I. ' ', — Infin. 

n. ^ — , ' 'st en 

UI. t ', — Part. Praes. 

Plur. I. en en enn (en) 

n. en, H 't ew, H Part. Praet. 

ni. en en en. 

Im Einzelnen ist anzumerken: 1. Die Endungen der 
2. Pers. Plur. en und 't gelten als gleichberechtigt; da- 
gegen ist das '^ in 1. und 3. Pers. Plur., welches noch 
bei B. in häufigem Gebrauche sich befindet, nunmehr 
außer Uebung gekommen und verharrt nur noch in den 
westlichen Theilen des Landes neben dem en. — 2. Im 
Sing. Imper. muß neben dem consonantischen Aus- 
laute jetzt auch stilles e als Endung aufgeführt werden, 
welches sich durch die Analogie der früher zweisilbigen 
Pluralform eingeführt hat. Deshalb schwankt der 
Stammvocal des Sing. Imper. häufig zwischen Kürze 
und Tonlänge, und seine Consonanz zyndschen der aus- 
lautenden und inlautenden Gestalt. — 3. Das Verhält- 
niss der in I. III. Sing. Praet. neben einander angeführ- 
ten Endungen ergibt sich aus §§. 201. 202. — 4. Die 
Endung en in 1. und 2. Pers. Plur. apokopirt ihr n^ 
wenn das Subjectspronomen nachfolgend inclinirt. — 

5. Der Infinitiv nimmt wie früher die Endung ^ent an, 
wenn er zum wirklichen Substantivum erhoben wird. — 

6. Zur Bildung des Part. Praet. wird die Vorsilbe ge- 
nicht mehr verwandt. Das Part. Praes. ist überaus sel- 
ten geworden. Während es durch das 16. Jahrhun- 
dert ois 6r. zur Bildung des Futurums nothwendig er- 
fordert ist, wird es in dieser Function später (L.) durch 
eine scheinbare Infinitivform ersetzt. Doch besteht es in 



' In den Formeln werde ich das Nichtvorhandensein eines auä- 
lautenden Vocals durch — bezeichnen; für das stille 6, durch wel- 
ches sich, wo eine Unterscheidung möglich, die inlautende Gestalt der 
Consonanz bewahrt, dient der Apostroph als Zeichen. 



Farticipium Fraesentis. Starke Verba mit Wurzellaut Ä. 157 

einzelnen Formeln fort, z. B. vor dauen däg ante diem 
rorantem = altmekl. vor dotiwendeme daghe^ bei Reuter 

irrthümlich vor Dau un Dag gesehrieben, tö-kamen jör 
anno sequente = tökämendeme järe, flegenn Merkur 
Mercurius volans (nicht etwa Flegen- Merkur Mercurius 
muscarum). 

Der ablautenden Verba sind etwa 135 übrig, zu de- ' 
nen einige aus der Zahl der schwachen Verba hinzu- 
treten, während mehrere des alten Bestandes aussterben, 
andere zur schwachen Conjugation sich wenden. Ver- 
mengungen der Ablautsreihen sind im einzelnen zu er- 
örtern, im allgemeinen ist die alte Ordnung bei Bestand. 

Erste Klasse. 

Starke Verba mit Wurzellaut A. 

§. 204. I, a e a. 

Der Formel folgt genau kein Verbum mehr, da sie 
bei allen hierher gehörigen Verben durch die Consonan- 
ten Aenderungen erfahren hat. Hollen teuere, hell, hol- 
len hat im Praesens und Part. Praet. o durch Trübung 
des a um des ll=ld willen erhalten; durch Analogie 
dringt dies o in das Part. Praet. des Verbs fallen labi, 
feil, f ollen vor, in dessen synkopirten Praesensformen es ja 
schon in voriger Periode vorhanden war. Das Praet. bei- 
der Verba hat eine Nebenform mit ö, also höll, föll an- 
genommen. Das Verb fangen capere bewahrt selten 
die alte Form feng, fangen, und noch weniger hangen 
pendere, heng, hangen\ beide treten zur VII. ^-Reihe 
über, bilden also füng, fungen; hüng, hungen; das letz- 
tere Verb nimmt im Praesens jetzt durchweg die Form 
des schwachen Verbs hengen (reimbar mit klingen) an. 
Die Verba volde plico und banne interdico sind schwach 
geworden; ersteres lautet meist folgen. Von solte sale 
condio ist ein adjectivisches Part. Praet. sotten übrig. 
Das Praet. des *gange eo lautet ging oder güng^ das 
Part. Praet. gangen ist verschwunden. 

§,. 205. n, d 6 d. 

Dieser Ablautsformel folgen genau die Verba slapen 
dormire und täten sinere. Dagegen , haben sich, veran- 
laßt durch die Identität des ä und ä, die Verba hräden 



158 Starke Verba mit Wurzellaut A, 

assare, räden eonsulere, blasen spirare der yierten Ab- 
lautreihe zugewandt und bieten also im Praet. den Vo- 
cal oß (oder ö); sie bilden aber auch Praet. und Part. 
Praet. nach schwacher Conjugation. Die bindevocal- 
losen Undungen der II. III. Sing. Ind. Praes. kürzen 
den Stammvocal ä in läten zu e, in den übrigen Verben 
• zu ö, also lefst sinis, slöpst dormis, brödt assat, blöd 
spirat. — Neben dem Praet. sUp kommt sloep in Ge- 
brauch. 

§. 206. III, 6 (ü, au) e 6 (ü^ au). 
Das einzige Verb röpen clamare gehört hierher und auch 
dieses nimmt im Praet. eine Nebenform mit Cß an. In 
II. in. Sing. Ind. Praes. kürzt sich das o zu ö, aucli 
in den Landestheilen , welche statt des o ein au ver- 
nehmen laßen. 

§. 207. IV, ä, e (B (ö) ä. 

Dieser Reihe gehören an : 1 . Ohne Umlaut des Praesens- 
stammes die verba graben fodere, laden onerare, slagen 
percutere, dazu aus V. durch VI. Reihe übertretend 
drapen ferire. 2. Mit Umlaut des Praesensstammes dre- 
gen portare. Jenen folgen die ursprünglich schwachen 
Verba faten prehendere, fragen interroffarfe, jagen agi- 
tare in der Flexion des Praes. und in der Bildung des 
Praet., und maken facere nebst laden invitare im Praet. 
allein. Dagegen sind varen^ vören proficisci, backen co- 
quere und scheppen in der hochdeutschen Form schaffen 
creare ^ zur schwachen Conjugation übergegangen; die 
Verba wassen crescere, waschen lavare und das thema- 
tische *stande sto sind, wegen der mehrfachen auslauten- 
den Consonanz ihrer Wurzel, in der Bildung ihres Praet. 
und Part. Praet. zur VII. ^-Reihe getreten; heve tollo 
ist veraltet und besteht nur noch in dem Part. Praet. 
up'haben sublatum; sweren jnraxe endhch hat neben schwa- 
cher Conjugation die durch r sich regelrecht aus swor, 
swaren ergebenden starken Formen des Praet. swur, 
swter und Part. Praet. swören hier und da bewahrt. 

In II. III. Sing. Ind. Praes. kürzt sich der Stamm- 
vocal ä zu ö, und e zu e, also gröft fodit, fröchst interro- 



^ Mu88,: Praes. schaff, Imperf. I. schauf und schafft, Imperf. II. 
achäuf, Part, schaffen und schafft', Ch.: sch^pen. 



Starice Verba mit Wurzellaut A, 159 

gas, drecht portat. Das Praesens von slagen bildet wie 
früher einige seiner Formen von der unverhärteten 
Wurzel slahj Sing. I. slagh und slä^ II. sleist, III. sleitj 
Plur. slän, Imper« sld; im Part. Praet. stehen slagen und 
slan neben einander. 

§. 208. Y, i, e e e. 

Die ältere, theilweise noch im Gebrauche befindliche 
Ablautform dieser Reihe ist i, ^ — a — e — e. 
Wo das a als Stammvocal der I. III. Sing. Ind. Praet. 
gilt, hat es die auslautende Form der Consonanz hinter 
sich, während nach dem e stets die inlautende Gestalt 
angewandt wird, z. B. gaf dedit, geschach factum est, 
was fui; dagegen gev^ geschegh, wir. Hierher gehören: 

1. Mit einfachem Auslaute des Praesensstammes und da- 
rum tonlangem, gebrochenem Vocale e die Verba geben 
dare, treden calcare, eten edere, freien comedere, meten 
metiri, vergeten oblivisci, lesen legere, wesen exstitisse. 

2. Mit geminirtem Auslaute des Praesensstammes und 
dadurch vor Brechung geschütztem Vocale i die Verba 
hidden rogare, sitten seaere, liggen jacere. — Die Verba 
sen videre und gesehen fieri haben durch die Contraction 
das Ansehen von Verben der II. ?7-Reihe erhalten und 
bilden nach Analogie derselben ihr Praesens, freilich um 
der Contraction willen überall mit langem Vocal, z. B. 
Sing. I. se^ II. siest, III. siet^ Plur. sen^ Imper. sie^ sei; 
ihr Praet. aber wird regelrecht nach dieser Ablautreihe 
gebildet, sach oder seg^ das Part. Praet. mit Contraction 
sen. 

Die Vocalkürzung in II. III. Sing. Ind. Praes. und 
im Imperativ bewirkt aus e in gehen ein % in den übri- 
gen Verben ein e, neben welchem im Imperativ auch e 
üblich ist. Von wesen ist außer dem Infinitiv und dem 
Imperativ wes, west keine Praesensform mehr üblich. ^ 
Das Praet. lautet was oder trnr = älterm were'^ im Part. 
Praet. steht neben wesen die schwache Form west, west, 
z. B. ih hevv wesen = ik bün west, 

§. 209. VI, Die älteste meklenburgische Form die- 
ser Reihe war e (i") — a — e — ö, ä; am Schluße 



^ Vielleicht noch III. Sing, und Plur. Optat, wo he und se als 
Anrede gebraucht werden, z. B. wi/ he man j6 still! 



160 Starke Verba mit Wurzellaat A. 

der vorigen Dialektperiode entwickelte sich sodann 
die Nebenform e (i) — a, ö — 6 — ä; der erstem 
entspricht nunmehr eine Ablautformel, mit e als Prae- 
teritalablaut, der letztern eine mit 6. Es ergeben sich 
also zwei Ablautformeln für die Reihe. 

1. e e ä. 
Dieser Formel folgen die Verba , deren Wurzel auf m 
auslautet, nemen sumere und ^quemen venire. Das Verb 
nemen kürzt in n. III. Sing. Ind. Praes. und im Impe- 
rativ sein e zu i. Für quemen steht die nur mit Z; an- 
lautende und deshalb ihren Vocal verdunkelnde Form 
kämen aus hörnen) die Verdunkelung des Stammvocals 
erzeugt in IE. III. Sing. Ind. Praes. ein ü und im Imper. 
ein w; also häm venio, hümt venit, hum veni, Mmt 
venite. 

2. e (B (ö) ä. 
Dieser Formel folgen die übrigen Verba der Reihe, näm- 
lich Stelen furari, befeien mandare, wegen pendere, brelcen 
frsingere^ spreken loqui; ferner, zwischen dieser und der 
V. Reihe schwankend, steken pungere. Von dem übri- 
gens schwachen Verbum scheren tondere ist noch das 
Part. Praet. scharen verblieben; plegen solere hat starke 
Flexion des Praesens und vom starken Praet. die Form 
plach bewahrt, in der Bedeutung fovere, curare ist es 
ganz zur schwachen Conjugation übergegangen; bewegm 
movere hat in eigentlicher Bedeutung schwache Flexion 
angenommen, behält aber im übertragenen Sinne das 
starke Praet. bewoeg (ö) und Part. Praet. 'bewogen bei. 
Von dem längst vermissten *geberen parere besteht das 
Part. Praet. boren, büren natus fort.. Das Verb heUn 
celare ist ausgestorben. Wo das Verbum treckoi tra- 
here neben der schwachen Flexion die starke beibehält, 
kürzt seine gemiuirte Consonanz das a? des Praet. zu ö, 
das ä des Part. Praet. zu o, also tröck, trocken. — In 
der II. EU. Sing. Ind. Praes. haben die hierher gehöri- 
gen Verba den Vocal e, im Imper. e oder e. 

§. 210. VII, Die aus der siebenten J.-Reihe im Alt- 
meklenburgischen hervorgegangenen Zweige bestehen 
fort, wie vordem nach den Liquiden des Verbalstammes 
gesondert. In allen drei Ablautformeln ist das Vordrin- 
gen des Pluralablautes in den Sing. Ind. Praet. bereits 
im 17. Jahrhundert vollzogen, die' Umlautung dieses 



Starke Verba mit Wurzellaut A, .161 

Vocals jedoch gegenwärtig noch nicht überall ge- 
schehen. 

1. i ü (u) u. 

So lautet die Ablautformel für diejenigen Verba, deren 
Stamm auf nn oder w- Verbindungen auslautet: beginnen 
incipere, sinnen cogitare, spinnen nere, gewinnen lucrari, 
hinnen ligare, finnen invenire, schinnen deglubere, vexare, 
icerswinnen evanescere, winnen torquere, dingen con- 
ducere, dringen irruere, dwingen cogere, Iclingen sonare, 
gelingen succedere, singen canere, slingen devorare, sprin- 
gen salire, swingen percutere linum, wringen torquere, 
drinien bibere, sinken labi, stinJcen foetere, winJcen nuere. 

2. e ü (u) u. 

Dieser Formel folgen die Verba, deren Stamm im Aus- 
laute ein II oder Z- Verbindung besitzt: quellen scaturire, 
turgescere, swellen crassescere, gellen valere, schellen 
yituperare, helpen adjuvare. 

3. a ü (u) 0, 

Diese Ablautweise gebührt den auf r- Verbindung aus- 
lautenden Verbalstämmen. Das a des Praesensstammes 
ist aus dem altem e durch die Einwirkung des conso- 
nantischen r hervorgerufen; dagegen ist die Vocal- 
brechung im Praet. aufgehoben worden, während sie im 
Part. Praet. fortbesteht. So lauten ab : verdarben perire, 
starben mori, warben ambire, warden fieri, verbargen ce- 
lare, und mit ausfallendem r das Verb basten rumpi, 
dessen Praet. jedoch entweder schwach flectirt oder die 
Form host bewahrt. Von dem im übrigen schwachen 
Verb verwerren confundere besteht das starke Part. 
Praet. verwurren confusus (s. §. 161). 

Die Verba fechten dimicare und flechten nectere sind 
meistens schwach, bewahren aber die starken Formen 
des Part. Praet. fochten^ flochten oder fachten^ fluchten, 
und bilden ein starkes Praet. mit dem Stammvocal ö. 
Zu dem schwachen Verb swemm'en natare und *krempen 
contrahi sind die starken Part. Praet. swummen und 
krumpen vorhanden. — Den ersten Gruppen dieser Reihe 
haben sich für die Bildung des Praet. und^ Part. Praet. 
die Verba fangen^ hengen, waschen und wassen an- 
geschloßen; so auch die Praet. zu stän stare und gän 
ire, welche stunn^ stünn und gung, güng lauten. 

Nergex, Grammatik. 11 



162 « Starke Verba mit Wnrzellant /. 

Zweite Klasse, 

Starke Verba mit Wurzellaut /. 

§. 211. \^ e e L 

Nur noch dao Verb heten vocare, nomiDari folgt dieser 
Ablautformel. Wo man das überaus seltene Praeteri- 
tum bildet, sucht man es dadurch vom Praesens zu 
unterscheiden, daß man sein e reiner erhält, während 
das e des Praes. und Part. Praet. nach ei hin aus- 
weicht. 

§. 212. II, i e e. 

Die hierher gehörigen Verba sind: 6K6en mauere, drtben 
agere,* n&en fricare, ÄcAnJen scribere, grtpen comprehen- 
dere, fewepew vellicare, ptpen sibilare, sltpen acuere, glt- 
den labi, Itden pati, rtden equitare, sntden secare, striden 
certare, lüten mordere, riten dirumpere, schiten cacare, 
smiten jsicere^, Jcrtgen accipere, mtgen mingere, sptgen, 
spien spuere, schrtgen^ schrien clamare, stigen scandere, 
stoigen tacere, gliken similem esse, kiken cernere, sliken 
repere, striken linere, mken cedere. Von ausgestorbe- 
nen Verben sind noch die Part, Praet. verhleken deco- 
loratus, verleden praeteritus, versleten fissus vorhanden. 
Von den §. 99 aufgeführten Verben müßen kltvefiy mr 
ttmlen, vertoUen, risen, Uhen, auch wol nigen und splUen 
als ausgestorben bezeichnet werden, während ^c^men lu- 
cere und fligen ornare zur schwachen Conjugation über- 
gegangen sind. (Bitt führt noch als starke Verba die- 
ser Reihe miden evitare und schriden gradiari an.) — 
Alle Verba dieser Reihe, außer schrien und spien ver- 
kürzen in II. III. Sing. Ind. Praes. den Stammvocal 
in i. Die eben genannten beiden Verba haben schwache 
Nebenformen des Praet. und Part. Praet. 

Dritte Klasse. 

Starke Verba mit WurzeUaut U. 

§. 213. I, Ö e ö. 

Das einzige ^Verbum dieser Reihe lopen currere nimmt 



Jetzt fast ausscbliel^licb gebräuchlich, werpen ganz yerdiängend. 



Starke Verba mit Wiu^ellaut ü, 163 

als Praeteritalablaut bisweilen auch ce an. Das Verb 
hangen caedere ist zur schwachen Conjugation über- 
getreten, wo stoeten tundere bereits in der vorigen Pe- 
riode sieh befand. 

§. 214. II, Die zweite ?7-Reihe sondert sich nach 
dem Vocal des Praesensstammes in zwei Gruppen, die 
eine bietet e, die andere den ungebrochenen Laut ü. 
Sowol das e als das ü werden in der II. UI, Sing. Ind. 
Praes. durch die mehrfache Consonanz zu ü gekürzt. 

1. e ce (6) ä. 

So lauten ab die Verba: heden praebere, verdreten pi- 
gere, fleten fluere, geten fundere, gerieten frui, scheten ja- 
culari, ftejrew flecti, dregen fallere, flegen volare, legen 
mentiri, fresen gelare, verlesen amittere, ten trahere. 

Für begen wird im Praes. und Praet. häufig das 
schwache Verb boegen verwandt. Die Verba fresen und 
verlesen laßen den früher nur in den mehrsilbigen For- 
men des Praet. und im Part. Praet. üblichen üebergang 
des wurzelhaften 5 in r nunmehr in alle ihre Formen 
vordringen, womit zugleich Wechsel des Vocals gegeben 
ist, also verlir, verlier^ verlören (verlürnj; frtr, frier, 
froren. Das Verbum ten hat wegen der geschehenen Con- 
traction aus tehen in der II. lU. Sing. Ind. Praes. nicht 
ü, sondern behauptet den langen Vocal te, ttest, tieU 
Von dem ausgestorbenen seden existirt noch das Part. 
Praet. saden coctus. 

2, ü ce (ö) ä. 

Dieser Ablautformel gehören diejenigen Verba an, deren 
Wurzel auf Labialis auslautet: schrüben torquere, schü- 
ben promovere, snüben anhelare, Jcrüpen repere, supen 
sorbere; dazu slüfen claudere, sugen sugere, slüJcen de- 
vorare und mit unorganischem Umlaute durch das ganze 
Praesens rieken olere. 

Das Verbnm Msen eligere ist schwach geworden, 
stüven pulverare ist mit dem schwachen Verb stceben zu- 
sammengefallen, vleghen fugere endlich ist ausgestorben. 

Zweites Kapitel. 

Die schwache Conjugation. 

§. 215. Bereits im Altmeklenburgischen war ein 

11* 



]^64 Schwache Coiijagation. Personalendungen. 

Unterschied des Indicativ und Optativ Praeteriti in der 
schwachen Comugation nicht mehr vorhanden und da der 
Dialekt sich des Optativ Praesentis auf syntaktischem 
Wege entäußert, so kommen auch hier nur die beiden 
Modi , Indicativ und Imperativ , in Betracht. Die En- 
dungen sind: 

Praesens. Praeteritum. 

Indicat. Imper. (s. § 216.) 

Sing. I. ' ^de, 'd Infin. 

II. 'st ' 'dst en 

III. Y 'de, 'd Part. Praes. 

Plur. I. en 'den enn (en) 

II. en, H H 'det^ 'dt, 'den Part. Praet. 

III. en 'den 't. 

§. 216. Das zu den Endungen des starken Verbums 
in §. 203 Angemerkte, in Betreff der Pluralendungen e^i 
und 7, der Apokope des n vor inclinirendem Personal- 
pronomen, der Bildung des Infinitiv und der Participia, 
hat auch für die Endungen des schwachen Verbums 
seine Gültigkeit. Hier ist aber noch besondere Auf- 
merksamkeit auf die Endungen des Praeteritums zu ver- 
wenden. Die in der vorstehenden Tabelle verzeichne- 
ten Praet erital-Endungen sind diejenigen, welche für den 
größten Zeitraum unserer Periode in Geltung stehen, 
und welche sich naturgemäß aus den in der vorigen 
Periode üblichen ergeben. Aber je mehr die unechte 
Synkope des Bindevocals erstarkte und je kräftiger die 
Apokope des auslautenden e der Endung wirkte, um so 
tiefer mußte ihre Wirkung in die Gestalt der Endungen 
eingreifen. Man hat sich deshalb in der Gegenwart ge- 
wohnt, das dder Praeteritalendung mit einem t zu ver- 
wechseln. Diese Vertauschung ging wol von I. III. 
Sing, aus, wo das d im Auslaute sich befand, sobald 
das e völlig abgeworfen war; allmähhch dringt das t in 
alle Praeteritalendungen vor, sodaß dieselben nunmehr 
die Gestalt 

Sing. I. 't II. 'ist III. 't Plur. I. 'ten II. V, 'tev III. 'tcn 

angenommen haben. Durch diesen Vorgang würde die 
Ili. Sing. Praet. mit der III. Sing. Praesentis gleich- 
lautend werden. Um dadurch entstehende ündeutlich- 
keiten zu heben, stehen dem Dialekt zwei formelle Mit- 



Schwache Conjngation. Praeteritom. 165 

tel zu Gebote. Entweder greift er, so lange das Be- 
wußtsein noch lebendig ist, daß 'd die eigentliche En- 
dung sei, auf diese zurück und läßt ihren weichen Con- 
sonanten, statt ihn zu verhärten, ganz verhallen, sodaß 
die Form wie die entsprechende in der starken Conju- 
gation endungslos wird * ; oder der Dialekt führt das 
auslautende e der Endung zurück. So ergeben sich z. B. 
neben hält in der Bedeutung arccssivit die Formen hol 
und halte, um den Unterschied von hält arcessit deut- 
lich hervorzuheben. 

Anmerkung 1. Der Unterschied des tonlosen e der Endung 
en und des stillen e der übrigen Endungen ist keineswegs ein will- 
kürlicher, 80 schwach jenes auch sein mag; denn jenes vermag im 
Verse eine Senkung zu füllen, nicht aber dieses. 

Anmerkung 2. Infolge der Synkope des e in den Praeterital- 
endungen kommt es oft zu einer unleidlichen Consonantenhäufung. 
Um derselben zu entgehen, sieht man sich genothigt, Umschreibun- 
gen vermittelst don facere eintreten zu laßen, und also den sprach« 
liehen Vorgang zu wiederholen, aus welchem zu Zeiten der „deut- 
schen Grundsprache" die Bildung des schwachen Praeteritums her- 
vorgegangen ist. 

§. 217. Die große Masse der schwachen Verba setzt 
die Endungen an den unveränderten Verbalstamm. 
Lange und tonlange Vocale verharren unverkürzt, da 
bei aller scheinbaren Häufung von Consonanten das 
früher vorhandene e der Endung als stilles fortwirkte 
Auch die auslautende Consonanz des Verbalstammes 
bleibt in ihrem Bestände, wenn wir von denjenigen 
Nuancirungen des Lautes absehen, welche die Mediae 
b (v), d (d), g (gh) und die geminirten und verbundenen 
Liquidae nach Maßgabe der §§. 188, 189, 193, 196 durch 
die verschiedenartige Einwirkung des en und des stillen 
e erfahren. Vgl. leben vivere, lev vivo, levten vivebant; 
reden loqui, redst loqueris, red loquere; sagen serrare^ 
sägh serro, säghten serrabant; mengen miscere, meng 
misceo, mengden miscebant. — Von Rückumlaut ist jetzt 
in der schwachen Coniugation keine Spur mehr vor- 
banden. ^ ^ ^ 



1 Das älteste Beispiel dieses Vorgangs würde halidl R. S. 1583 
sein, wenn die Lesart richtig ist. 



166 Schwache Yerba mit echter Synkope. 

Von einem Verzeichnisse regelmäßiger schwacher 
Verba dürfen wir hier abstehen, unter Bezugnahme aui 
das in §§. 105—108 gegebene Verzeichniss. ^ 

§. 218. Der Abweichungen sind nicht viele. 

1. Die Verba mit Bildesilben rf, er, en laßen das 
tonlose oder stille e der Endungen völlig verstummen; 
in der Bildesilbe en geht das en der Endung unter; 
z. B. hanneist agis, hämert tundit malleo, wanner migro, 
reken ratiocinari. 

2. Die Verba, deren Stamm auf einen Zischlaut aus- 
geht, laßen das s der Endung st^ 11. Sing. Praes., in 
jenem untergehen, wodurch die 11. mit der III. Person 
gleichlautend wird, z. B. Jcüsst oscularis, osculatur. 

3. Die Verba dcepen baptizare, Tcoepen emere, nebst 
verhoben vendere und soeJcen quaerere haben wie in der 
vorigen Dialektperiode echte Synkope in 11. III, Sing. 
Ind. Praes., im Praet. und Part. Praet., ;wodurch ihr 
Vocal zu ö gekürzt, p zu f und Je zu ch aspirirt wird; 
äöft baptizat, Jcöfsi emis, sachten quaesiverunt, verMft 
venditum. 

4. Dieselben Synkopen und gleiche Vocalverkürzung 
haben die Verba hlceden sanguinem Tundere, foeden alere, 
hceden custodire, boeten calefacere, mosten occurrere, 5^0?- 
ten tundere; sie behalten aber das alte d als Anlaut der 
Praeteritalendung bei, und die auf t auslautenden 
Stämme assimiliren dies dem d der Endung. Die sich 
ergebende Verbindung dd hat den an rr anklingenden 
Laut. Beispiele : hlödst sanguinem fundis, hödt , custodit^ 
i/nött occurrit, stött tundit; höM custodivi, höddst cale- 
fecisti, stödden tutuderunt; up-födt altus, stött tunsus. 

5. Die Verba leggen ponere und seggen dicere haben 
echte Synkope in U. IIl. Sing. Ind., 11. Plur. Ind. und 
Imp. Praes., und im Part. Praet., wodurch der Stammes- 
Huslaut in ch verwandelt wird; im Praeteritum fällt das 
g des Stammes vor dem d der Endung aus^ Tondeh- 
nung des Stammvocals bewirkend; also lechst ponis, 



^ Zugleich mit Hinweisang auf Fr. Frese, „Wörterbuch zu Fritz 
^euter's sämmtlichen Werken", welches während des Drucks dieser 
Grammatik erschien und für die Revision der „zweiten Abtheilung'^ 
mit Dank benutzt werden konnte. 



Anomale Verba. 167 

secht didt, lecht ponite, secht dicite^ lecht positus; sed 
dixi, ledst posuisti, seden dixerunt. Im Sing. Imp. wird 
•die auslautende Gestalt des Consonanten angewandt, leck 
pone, sech die. 



Drittes Kapitel. 

Anomala. 

§. 219. Wie im Altmeklenburgiscben sind auch jetzt 
fünf Gruppen der Anomala .zu unterscheiden: 
1. Das Verbum substantivum vierstämmig. 



A 


Praes. 


Praet. 


Ind. 


Imp. 


Ind. (Opt) 


Sing. I. bün 




was, wir 


II. büst 


wes (wes^ st) 


wirst 


ITT. is 




was, wir 


Plur. I. sunt 




wiren 


II. sunt 


wefl (sU) 


wiren (wirt) 


ITT. sunt 




wiren 



Iniin. wesen, sin^ sin. Part. Praet. wesen, west, west 
Opt. Praes. III. Sing, wef, Plur. wesen. 

w 

2. Das auch als Hülfsverb dienende Jiebben habere 
flectirt: 

Praesens. Praeteritum. 

Indic. Imp. Ind. (Opt.) 

Sing. I. hevv, hef hadd Part. Praet. 

II. hest hevv, hef haddst hat. 

III. (heft) het hadd 

Plur. I.in. hebben hadden 

m m 

YL.hebhe^i,heft heft hadden, haddt. 

Anmerkung. Die in P. zuerst auftauchende Form des Opt. 
Praet. hedde besteht in Drucken des 16. Jahrhunderts, um dann 
wieder zu verschwinden. 

3. Nasalirte Praesentia mit synkopirtem Praeteritum 
bringen afferre, denken cogitare, dünken videri. 

VrsLGB.bring Praet. ftröcÄ^, bröchtstu.s.t. Part. Praet. bröcht 
denk dacht, dachtst da^ht 

dünk dücht, düchtst dücht. 



168 Anomale Verba. 

Anmerkung. Das Praeteritnm von dünken übernimmt ancb 
die Function des Praesens. 

4. Bindevocallose Praesentia: gän ire, stän stare^ 
don (dann) facere. 

Praes. Ind. 

Sing. I. gä stä dö Imp. 

II. geist steist deist S. gä siä dö 

III. geit steit deit V\, gät stät döt 

PL I. UI. gän stän don 

U. gän^ gät stän, stät don, döt 

Praet. Ind. (Opt.) 

Sing. I. güng stünn (n) ded J^ari. Praet. 

n. güngst stünnst dedst gän stän dän 

m. güng stünn (n) ded 

PI. I. III güngen stünnen deden 

II. güngen(t) stünnen (t) deden, dedt. 

Neben der optativischen Form güng besteht die un- 
umgelautete gung und die aus geng verkürzte gink fort, 
ebenso neben stünn die Formen stunn und stunt. Das 
Vordringen des langen Vocals aus dem Plural deden in 
die I. ifi. Sing. Praet.* ded, für älteres dede, dürfte be- 
reits im 17. Jahrhundert geschehen sein. 

5. Praeteritopraesentia. ^ Der frühere Bestand dieser 
Gruppe von Anomalen ist verringert worden. Schon in 
der vorigen Dialektperiode begann günn&n favere in eitt 
regelmäßiges schwaches Yerbum auszuarten; gleiches 
Schicksal nat zu Lauremberg^s Zeit das Verb dörven li- 

cere erlitten und vermuthlich eben damals auch dögen ^y 
dcegen valere, welches aber in II. III. Sing. Praes. Syn- 
kope des Bindelautes wirken läßt. Das Verb dorren an- 
dere, von welchem L, noch die Praeteritalform dörste 
besitzt, ist nunmehr ausgestorben. Somit verbleiben dem 
gegenwärtigen meklenburgischen Dialekt noch die sechs 
Praeteritopraesentia mosten oportere, Scalen debere, mce- 
gen cupere, ktenen posse, weten, weten novisse, willen velle» 



^ L. bietet nur dögen als Iniin. und Plur. Praes. 



Praeteritopraesentia. 



169 



Plur. 
moeten 
Seelen 
mcegen 
henen 
weten (e) 
willen 



Praeteritum. 
Sing. I. 
möst (ü) 
soll (ü) 
mächt (ü) 
könt (ü) 
wüst 
woll (u) 

günnt 
dörvt 
dockt 



Part. 

Praet. 
möst (ü) 
solt (ü) 
möcht (ü) 
hont (u) 
toüst 
wolt (u) 

günnt ) 
dörvt ) 
dockt ) 



Praesens. 

s. I. m. II. 

moet moest 

sal (schal) säst 
mach machst 

kan kanst 

wet (ei) West 
wil wist 

(1, günn 2. günMt 3. günnt günnen 
( dörv dorvst dörvt dSrven 
( dceg dockst dockt doegen 

Die Formen mit ö und w, mit o und u der Verba. 
moeterty Stelen, m^gen^ kaenen und willen gelten als gleich- 
berechtigt. Das Verbum Seelen hat den Anlaut seh = 
älterm m besonders an der lauenburgischen Grenze be- 
wahrt. Das Schwanken des e und ei in weten folgt 
dem sonstigen Verhältnisse dieser beiden Vocale zu ein- 
ander (vgl. §. 173). Eben dieses Verbum hat den lan- 
fen Vocal e aus dem Sin^. in den Plural Praes. und 
ann in den Infinitiv voraringen laßen, ganz in der 
Weise, wie dies im Praeteritum der II. J-Reuie ablauten- 
der Verba geschieht, welcher weten ja angehört. Die 
Form mit tonlangem e ist die bei L. gültige, und weten 
ist noch jetzt im südwestlichen Meklenburg üblich. Von 
willen dauert die alte Form der 11. Sing. Praes. mit 
verdunkeltem Vocal und inclinirendem Personalpronomen 
wultu bis in die Gegenwart fort. Der alterthümlichen,, 
durch Metathesis des r sich für dörvt ergebenden Form 
dröft ist §. 184 Erwähnung geschehen. Vom Verbum 
dcegen endlich besteht im Reknitzthale neben dem Prae- 
teritum döcht die Form dceg^ welche nach Art eine» 
starken Praet. flectirt wird. In ihr scheint das Prae- 
teritopraesens doch erhalten 'zu sein, indem es nunmehr 
in seine längst verlorene Praeteritalfunction zurück- 
geführt worden ist. ' 



Zweiter Abschnitt. 

Von derDeclination. 



§. 220. Die DecUnation hat sich durch die fast 



170 Declination. Genitiy. Objectscasas. 

gänzliche Aufgebung des Genitivs und die meistens er- 
folgende formelle Vereinigung des Dativ und Accusativ 
bedeutend verengt. 

Der Genitiv hat seit dem 17. Jahrhundert ein ähn- 
liches Schicksal erlitten, wie in einer frühern Zeit der 
Sprache der Instrumentalis. Häufiger und immer häufi- 
ger werden diejenigen Satzverhältnisse, zu deren Aus- 
drucke die .ältere Sprache sich der Genitivform bedient, 
durch Praepositionen vermittelt oder durch andere syn- 
taktische Fügungen namentlich mittels des possessiven 
Pronomens dargestellt. So kommt es dahin, daß in der 
Oegenwart die genitivische Flexionsform fast ganz außer 
Oebrauch gesetzt ist. Sie besteht spurweise, kaum als 
Oenitiv vom Sprachbewußtsein erkannt, nur noch in Ad- 
verbialen, in substantivirten Adjeotiven, und, analog dem 
sächsischen Genitiv der englischen Sprache, in Kede- 
wendungen, welche im Begriffe sind, zu uneigentlichen 
Compositionen zu werden. Beispiele: s* abends vesperi, 
wes wegen qua re; vel göds multum boni, wat Ugs quid 
mali, nix slimms nihil pravi; väders hüs domus paterna, 
nävers gorden vicini hortus. * 

§. 221. Während so der Genitiv auf syntaktischem 
W^ge entfernt worden, wie in der Conjugation der Op- 
tativ Praesentis, vereinigen sich der Dativ und der Accu- 
sativ, ähnlich wie der Indic. und Optat. Praetcfriti, auf 
rein formellem Wege. Der Unterschied in der Form 
des Dativs und Accusativs war am Schluße der vorigen 
Dialektperiode schon in vielen Fällen nicht mehr vor- 
handen; so im Sing, starker Substantiva Masc. IIL, 
Neutr. n. und Femin., schwacher Substantiva und Ad- 
jectiva Masc. und Fem., im Plural der starken Sub- 
stantiva Fem. und sämmtlicher schwacher Substantiva 
und Adjectiva. In andern Fällen war der Unter- 
schied derart, daß er sich leicht verwischen konnte. Im 
Sing, starker substantivischer Declination der Masc. L 
U. und Neutra I. nämlich reducirte sich der Unterschied 
beider Casus auf das dem Dativ eignende e, und im 
Sing, starker adjectivischer Declination der Masc. und 
Femin. auf das dativische em und er gegenüber accu- 
sativischem en und e. Beachten wir nun, daß nach den 
Gesetzen der Lautlehre das auslautende e immer mehr 
zur Stillheit und, wo die inlautende Gestalt des vorher- 



Declination. Objectscasns. Dativreste. Plaralbildung. 171 

gehenden Consonanten von der auslautenden nicht ver- 
schieden ist, zu völligem Schwund hinstrebt, daß ferner 
das auslautende m m tonloser Silbe zu n sich zu 
schwächen pflegt, und daß endlich das auslautende r 
verhallt, so oegreifl sich leicht, daß in nahezu allen Fäl- 
len die singularische Dativform in der Accusativform 
aufgeht. Größer ist der Unterschied zwischen dem plu- 
ralischen Dativ und Accusativ starker Substantiva Masc. 
und Neutr. und starker Adjectiva, wo die Dativendung 
en dem e des Accusativ gegenübersteht, oder im Neutr. 
starker Adjectiv-DecUnation, wo em und t die Kenn- 
zeichen ausmachen. Aber diese Dative folgen der Ana- 
logie der übrigen nach und gehen in einem Objects- 
casus auf, welcher meistens die Form des alten Accu- 
sativ besitzt. — Diese sprachliche Entwickelung ist je- 
doch noch nicht zu ihrem Abschluße gelangt. Der 
Dialekt ist noch im Besitze mancher wirklichen Dativ- 
formen geblieben. Dieselben finden sich besonders in 
Praepositionsverhältnissen, und zwar vom Sin^. starker 
Sul^stantiva, Masc. und Neutr., wenn die Erhaltung der 
inlautenden Consonanten -Gestalt eine Unterscheidung 
des Dativ vom Accusativ ermöglicht, vom Sing, des 
schwachen Substantivums Neutr., vom Sing, starker Ad- 
jectiva Fem. und Neutr., seltener vom Demonstrativpro- 
nomen (Artikel) im Neutr. und von Pluralen. Beispiele: 
in'n weg stän, to strid löpen^ tö pird^ tö häv gän, to 
stann bringen, dicht bi hüf; to harten nemen\ mit veler 
moßh, bt goder tit, bi lütten; achteren hüßy up disse^i osver; 
to foßten^ van göden un slimmen ttden u. s. w., zu ver- 

fleichen mit den Accusativen wech^ strit, pirt, hof^ stant, 
üSj hart, vel, göd, lütt, H hüs, dit cever, fcet, göd un slimm. 
§. 222. Die Casusbildung des gegenwärtigen meklen- 
burgischen Dialektes ist nach dem soeben Ausgesagten 
ärmer als die des Altmeklenburgischen, da für die ^roße 
Mehrzahl der declinirbaren Worter nur ein Nommativ 
und ein Objectscasns in beiden Zahlformen in Beträcht 
kommt. Dagegen ist die Pluralbildung etwas mannich- 
faltiger geworden» als sie früher war. Wegen der 
Schwäche der Pluralendung nämlich bedient sich der 
Dialekt in der Gegenwart mehrerer Hiilfsmittel, um den 
Plural vom Singular zu unterscheiden, welche besonders 
in der starken Substantiydeclination zur Anwendung 



172 Substantivische DecUnation. 

kommen. Unter diesen ist die Endung s, welche früher 
nur wenigen Wörtern als Pluralzeichen diente, am wei- 
testen ausgedehnt worden. Man hat deshalb in neuerer 
Zeit den Emtheilungsgrund der Dedinationen yomehmlich 
der Pluralbildung entnommen, zum Theil ohne dabei 
der Casusbildung die gebührende Beachtung zu schen- 
ken, und hat femer aus den Wörtern, welche im Plu- 
ral ein s annehmen, eine eigene Declination oder doch 
Declinationsreihe gebildet. Vom Standpunkte der histo- 
rischen Grammatik ans darf dies iedocb nicht geschehen 
und die Hülfsweisen der Pluralbildung erschienen ihr 
nur als Verzweigungen der altherkömmlichen Declinations- 
reihen. 

Erstes Kapitel. 

Die substantivische Declination. 

§. 223. Der Unterschied in der Flexion zwischen den 
vocalisch und den consonantisch auslautenden Stämmen^ 
oder, anders ausgedrückt, zwischen der starken und 
schwachen Declination dauert im Singular der Mascu- 
lina (und vereinzelt des Neutrums) noch deutlich fort» 
Die Bildung des Objectscasud gibt das unterscheidende 
Merkmal ab. Die starke DecUnation läßt den Objects- 
casus mit dem Nom. Sing, gleichlauten, die schwache ver- 
leiht ihm (oder im Neutrum dem Dat. Sing.) die En- 
dung en. Im Sing, der Feminina ist die schwache De- 
cUnation erloschen. Dagegen hat die Endung en der 
schwachen Flexion als Uülfsmittel der Pluralbildung ein 
weites Gebiet erhalten, indem sie nicht nur den sämmt- 
Hohen Wörtern der L starken Femininreihe ertheilt wird^ 
sondern auch manchen Masculinis und Neutris, die sich 
durch ihren Objectscasus im Sing, als Angehörige der 
starken Declination ausweisen. 

Erste Klasse. 

Substantiva vocalischer (starker) t)ecIinatioD. 

A. Masculina. 
Die drei Reihen starker MascuUna, welche das Alt- 



Vo<calische Declination. Masculiua. 173 

ineklenburgische zeigte, sind auch im gegenwärtigen 
Dialekte erkennbar geblieben, doch im gegenseitigen 
Verhältnisse ihres Bestandes sehr verändert worden. 
Namentlich hat die vormalige erste Reihe durch die in 
unserer Periode mögliche Umlautung der 0- und C- 
Laute viele ihrer Wörter an die zweite Reihe abgegeben 
und dafür aus der dritten Reihe die Bildungen auf ere^ 
nun in der Form er, in sich aufgenommen. 

§. 224. I. Die erste Reihe starker Masculina, welche 
der uralten -4.-Reihe entspricht, hat als unterscheidendes 
Merkmal die Endungslosigkeit des Nom. Sin^. und die 
Nichtumlautung des Stammvocals im Plural, durch jene 
von der IIL, durch diese von der II. Reihe abgesondert. 
Große Mannichfaltigkeit zeigt diese Reihe in den Mit- 
teln dqr Pluralbildung. Aus dem auslautenden e, welches 
dem Nom. Acc. Plur. in der .vorigen Periode eignete, 
ergibt sich naturgemäß jetzt ein stilles e (^ ), Dies ver- 
stummt aber ganz, wenn die schließende Consonanz des 
Stammes keine Unterscheidung des Inlauts vom wahren 
Auslaute zuläßt. Da in diesem Falle der Plural mit 
dem Singular gleichlauten würde, so bedient sich der 
Dialekt zur deutlichen Unterscheidung desselben mehre- 
rer Hülfsmittel. Als Pluralendung wird entweder das 
auslautende e wieder angenommen, oder es kommt die 
Endung schwacher Declination en oder die Endung s 
zur Anwendung. Demnach erhält das frühere Decli- 
nationsschema dieser Reihe jetzt folgende Gestalt: 

Sing. Nom. — Plur. Nom. ', — , e, en^ s 
(Dat. ' ) (Dat. en) 

Acc. — Acc. ', — , €y m, 5. 

Dieser Reihe gehören an: 

1. Wörter, welche den Plural vermittels eines stillen 
e (') bilden, barch barg ^ mons, bref brev epistola, dach 
däg dies, def dev für, et ed jusjurandum, frünt frünn 
amicus, hirt Mrd focus, hufü hunn canis, kin kinn men- 
tum, krich krig bellum, pelz pelf pellis, ^m j?n/ pretium, 



^ Die Fluralfümi werde ich wegen der Veränderung der Conso- 
nanz und eventuell auch des Vocals in dieser Weise beifügen. — 



174 Vocalische Declination. Masculina. 

rink ring annulus, sin sinn sensus, smit smed faber, snit 
sned Sectio, schit sehet cacatum, stich stig semita, trit 
tred gressus, wech weg via, gewin gemnn lucruin, hewis 
hewif 2^Tg\xmtVLt\xm^ wint mnn ventus; mit Bildesilbe ing 
ausl. inh, hirinJc halec. 

2. Worter, welche im Plural endungslos sind, äl an- 
guilla, arm brachium, bors perca, del pars, dik lacus^ 
disch mensa, dösch gadus calla^ias, fisch piscis, grip 
gryphus, Ml cuneus, kam ^ nucleus, kne genu, lass salmo, 
rep funis, scho calceus, besoek visitatio, sten lapis, ten 
digitus pedis; mit Bildesilbe % hekt lupus piscis^ krevt 
Cancer. 

3. Worter, welche im Plural das'ö zurückfuhren. 
Dies geschieht von einigen der soeben angefiihrten Wor- 
ter, wie del, dtk^ disch, kil, rep, bescek, sten^ wie auch 
brink campus, sttrt cauda, ferner von den Wörtern, die 
durch auslautende Liquida schon im Singular Tondeh- 
nung erhalten haben, sper hasta, befel jussus, stel ma- 
nubrium, sodann von den Participialien vtnt vtnde hostis, 
äbent äbende vesper (analog morgende tempora matutina) 
und endlich von den zahlreichen hochdeutschen Lehn- 
wörtern, wie sitz, blitz, witz, riß, stich, strich, griff, schritt, 
tritt, blick, toirt, hirsch u. s. w., welche sich meist schon 
durch ihre Consonanten als nicht-meklenburgische Wor- 
ter ausweisen. 

4. Wörter, welche im Plural die Endung en anneh- 
men. Diese Pluralform kommt fast allen eben genann- 
ten Lehnwörtern als Nebenform zu, findet sich aber 
auch in einheimischen Wörtern, namentlich disch mensa, 
mast malus, se lacus, sträl radius, tcn digitus pedis. Uns 
usura,- in Bildungen mit st^ denst servitium, hnigst 
equus admissarius, und in einigen mit el, distel temo, 
Stachel aculeus, tüjffel solea, stevel caliga. Als unrichtig 
und auf Missverständniss lautlicher Vorgange beruhend, 
muß es aber bezeichnet werden, wenn Wörter wie kin 
mentum, sin sensus, hunt cänis, frünt amicus, wint ven- 
tus aus dieser Reihe und bant, branty grünt, munt, slunt, 



* Bei Ca. lautet das Wort im Siog. kerne, im Plur. kern, -was 
daraof hinzudeuten scheint, daß es schwacher Flexionsreihe angehöre; 
ygl. ahd. chemo; die Form kern^kernen nach § 188. 



Vocalische Declination. Masculina. 11 C> 

stant aus der amlautenden als solche Substantiva auf- 

feführt werden, 'welche im Plural en annehmen. Alle 
iese Worter haben stilles e als Pluralendung; vor dem- 
selben bieten sie ein wurzelhafles oder durch Assimilation 
aus nd entstandenes nn. Diese Gemination verharrt, da 
sie nur im scheinbaren Auslaute steht und wird daher 
mit dem nn'n^ welches durch Anfügung der Endung en 
an den Stamm entstehen wurde, gleichlautend (s. §. 188)- 
Z. B. hunt, altmeklenburgischer Plural hunde^ durch 
Assimilation hunne^ mit stillem e hunn^ ist der Gang der 
Laut- und Formentwickelung, aber nicht etwa hunt^ 
Plur. hunden^ assimilirt hunnen, apostrophirt hunn'n. 

5. Wörter, welche den Plural mit der Endung s bil- 
den. Diese Endung hat eine überaus weite Ausdehnung 
erlangt', indem sie fast alle Bildungen mit Liquiden, d, 
cw, er und mit Gutturalen, iJc, ink^ link^ erfaßt, z.B. 
slcetel clavis, staken contus, hu$sen sinus, hamer malleus} 
iMtik pisciculus, pennink denarius, schiüink as, hempUnk 
frin^ilia, fcetlink soccus.. An die Bildungen mit Li- 
quiden 'haben sich nunmehr alle die vormals der dritten 
Reibe angehörigen Substantiva auf ere angeschloßen, in- 
dem sie diese Endung mit tonlosem er vertauschen; 
z. B- börger civis, roever latro, sünner peccator, becker 
pistor. Auch einige Wörter ohne Bildesilben lieben die 
Endung s, wie brtejam sponsus, hehn galea, kam hau- 
stus sicerae cuminatae, präm navis, schm testimonium^ 
adebor ciconia, knecht servus; mit tieftoniger Endsilbe 
kükük cuculus, ktvit gavia; und wegen ihres Anklang» 
an die Bildesilben el und er die Wörter ktrl vir, ndver 
vicinus. 

Anmerkung 1. Einen unregelmäßigen Plural mit der Endung 
er, wie im Hochdeutschen » haben got deus und geist daemon, goU 
ter, geister, 

Anmerkung 2. Schon der Wechsel der Plural en dun gen e, 
en und s unter einander und mit der Endungslosigkeit läßt jene 
als bloße Hülfsweisen erkennen. 

§. 225. Außerdem sind dieser Reihe starker Mas* 
culina eine große Zahl von Wörtern zuzurechnen^ 
welche entweder wegen ihres Begriffs keinen Plural ha- 
ben können, oder von denen der Dialekt, sei es aus for- 
mellen Griinden oder aus Willkür, keinen Plural zu bil- 
den beliebt: ban interdictum, bäs praesul, bir aper, bü 



176 Vocalische DecUnation. Mascnlina. j 

^edificium, dank gratiae, deck massa, verdarf pernicies, 
döst sitis, dot mors, dreck lutum, dresch novale, flit in- ' 
dustria, gest faex, hat, haß odium, heilant salvator, hemp \ 
cannabis, inholt summa, haesitatio, host tussis, käJc palus 
ignominiosus, kalk calx, näklapp ^ additameDtum, kU^ kU- 
wer trifolium, köl crambe, lern argilla, lim gluten,. verlosf 
permissio, lut sonus, mess stercus, mot änimus, mM 
caedes, ntt invidia, örs podex, prank superbia, pol pa- 
lus, qualm vapor, rät consilium, rof rapina, rok fumus, 
rust aerugo, schallt sonus, hescheit peritia, scharf sor- 
des, schüm spuma, semp sinapi, släp somnus, snei nix, 
spott ludibrium, stät cultus, stof pulvis, strit certamen, 
^wet sudor, talch sevum, tröst solatium, mn vinum u. a. m. 

Als übliche Dative Sing, sind zu nennen: bargh 
jnonti, dägh diei, dod morti, frünn^ amico, krigh bello, 
verloßv permissioni, pnfpretio^ strid certamini, wegh viae, 
winn vento; Dative Plur.: sinnen sensibus, wegen viis. 

§. 226. II, Die zweite Reibe der starken Masculina 
stimmt mit der ersten in der Casusbildun^ völlig über- 
-ein, unterscheidet sich jedoch von ihr dadurch, 'daß sie 
4en Pluralstamm durch Umlautung des Stammvocals 
bildet. Das früher die Endung des Nom. Acc. Plur. bil- 
dende e wirkt womöglich als stilles fort. Die Reihe befaßt: 

1. Mit Stammvocal a, Umlaut e: balll pila, bant nn 
ligamentum, brantnn titio, dacht ellychnium, dam mm 
Ägger, damp vapor, danzf saltatio, darm intestinum, 
fal II casus, fank ng captura, gavik ng gressus, gast hospes, 
ija?s/ Collum, kam mm pectus, klank ng sonitus, kränz fco- 
rona, quast fimbria, saft succus, sack Saccus, gesank ng 
cantus, Schacht contus, schat^ schätz thesaurus, gesmack 
gustus, stallt stabulum, stammm truncus, staninn Sta- 
tus, strank ng funiculus, stvam mm fungus, svcanzf cauda, 
walU Valium; acker ager. Umlaut e\ slach slegh ictus, 
staf stev baculus. — 2. Stammvocal o, Umlaut ö: block 
caudex, foss vulpes, frost frigus, kopp Caput, korfv cor- 
bis, kropp Struma, post postis, pott olla, rock vestis, 
stock baculus, storm procella, toi II vectigal, topp cacu- 



^ Inlautend geminirte Tennis und 88 werde ich in diesen Ver- 
zeichnissen der kurzem Schreibung wegen ansiautend beibehalten. 

'^ Es heißt aliquem habere amicum auf meklenburgisch to frünn' 
Jiolln, aber nicht to frünnen kolln^(yg\. §. 224, 3). 



Vocalische Declination. Jyfasculina. ;^77 

men, worm vermis. Umlaut ae: hof hcev aula, toch tceg , 
agmen, troch trc^ alveus, kok kcek (?) coquus. — 
3. Stammvocal w, Umlaut ü: huck hoedus, husch frutex, 
dunst vapor, grünt nn causa, klump globulus, kuss oscu- 
lum, rump truncus, infundibulum , sluntnn gula, sprunk 
ng saltu8, strump tibiale, sump palus, tvulfv lupus, 

(wurf V jactio). — 4. Stammvocal ä, ä (ö), Umlaut ce (ö): 
nagel clavis, vagel avis, faden filum, drätd filum tor- . 

tum, pal palus; hört börd barba. — 5. Stammvocal ö, 
Umlaut ce: hörn arbor, drom somnium, hop cumulus, 
knöp globulus, kop eratio, löp cursus, scliöt gremium, 
som limbus, söt d puteus, spön assula, ström flumeu, töm 
frenum. — 6. Stammvocal ö=ä, aw, Umlaut (e=eu: 
dok sudarium, föt pes, liöfv ungula, höt d pileus, kroch g 
caupona, /trö^/ poculum, plöchg aratrum, stöl sella. — 
7. Stammvocal ?/, Umlaut le: hnk venter, gehruh usus, 
hiust tuber, — Iwd homines, rum spatium, strük frutex, 
Um sepes; dnrn spina, (dorn^ dorne Ch,)^ turn txxrris, urt 
d locus. 

Anmerkung. Die Wörter drank potio, glänz splendor, ge- 
stank foetor entbehren des Plurals. Von tan dens lautete in der 
vorigen Periode regelrecht der Plural tene-, diese Form ward in 
den Singular übertragen und trat dadurch zu der schwachen Flexion 
über; schon S. B. hat „cfer tenefi^^ dentium. 

Da der Umlaut dieser Keihe schon einen hinreichen- 
den Unterschied des Plurals vom Singular begründet, 
auch da, wo das Endungs-e völlig verstummt, so bedarf 
der Dialekt die Hülfsmittel der Pluralbildung nicht, 
welche in der ersten Reihe eine so ausgedehnte Anwen- 
dung fanden. Nichtsdestoweniger wird hier und da das 
i r zurückgeführt, namentlich bei husch, turn, urt. Daß 
das nn' mancher Wörter nicht mit der Pluralendung en 
zu verwechseln sei, ist bereits §. 224, 3 bemerkt worden. 

Uebliche Dative Sing, sind ^aw^' meatui, half collo^ 
stann statui, grunn fundo, sprung saltui. 

§. 227. in. Die dritte Reihe der starken Mascu- 
lina, w^elche der uralten JA- und [/-Reihe entspricht, 
ist in noch spärlichem Resten als vordem bei Bestand. 
Ihre Flexion hat nun folgende Gestalt erhalten: 

Sing. Nom. ' Plur. Nom. ', s 

xjlCC. ,x\.CC« , s, 

Kerger, Grammatik. 12 



178 Vocalische Declination. Masculina. Neutra. 

Nachdem ende finis zu den Neutris, rügge tergum, 
wie weite triticum, zur schwachen Flexion übergetreten 
ist, sind von der alten e7!4-Reihe noch Mf caseus und 
hirä pastor verblieben. Beide behaupten ihren Platz 
in dieser Reihe, indem sie ihren frühern Auslaut e in 
der inlautenden Gestalt ihres letzten Consonanten be- 
thätigen. Das Wort Mf lautet im Sing, und Plur. gleich; 
Mrä entbehrt des Plurals. Von der alten ?7-Reihe sind 
noch fred pax und sceh filius übrig. Jenes läßt das vor- 
mals auslautende e in der Tonlänge des Vocals und der 
inlautenden Gestalt des Consonanten nachwirken; es 
schwankt zwar zur schwachen Flexion hinüber, bewahrt 
aber auch den Objectscasus nach dieser Reihe fred^ 
z. B. holl fred tene pacem; einen Plural besitzt es nicht. 
Das Wort scen^ welches vom auslautenden e noch in 
Tondehnung und Umlaut des Vocals Kunde gibt, bildet 
seinen Plural, wie bereits in der vorigen Periode, jetzt 
stets mit der Endung 5, also scens. 



B, Neutrum. 

§. 228. Die zwei Reihen der stark flectirendeu 
Neutra sind auch in der Gegenwart noch unterscheid- 
bar, wenn auch die zweite auf geringe Reste zusammen- 
geschmolzen ist. 

I. Die erste Reihe der starken Neutra ist gleich der 
ersten Masculinreihe in mehrere Zweige durch die 
Mannichfaltigkeit der Plural bildung aus einander gegan- 
geii. Da das e der frühern Endung des Nom. Acc. 
Plur. verstummt und nur bedingungsweise als stilles e 
fortwirkt, so werden außer der früher bereits üblichen 
Pluralbildung mit er noch die Rückführung des e, die 
Endung s und die Endung der schwachen Declination 
en als Hülfsmittel zur Unterscheidung des Plurals vom 
Singular angewandt. Somit empfängt das Declinations- 
schema dieser Reihe folgende Gestalt: 

Sing. Noui. — Plur. Nom. ', — , er, e, 5, en 
(Dat. ') (Dat. en) 

Acc. — Acc. ', — , er, e, s, en. 



Vocaliscbe Deelination. Neutra. 179 

Diese Reihe bilden: 

1. Wörter, welche als Pluralendung stilles e (') ha- 
ben. Dasselbe wirkt nicht nur in der inlautenden Ge- 
stalt des Scblußconsonanten und der etwaigen Tonlänge 
des Stanimvocals fort, sondern erzeugt auch wo mo^ich 
einen unorganischen Umlaut des Stammvocals. Bei- 
spiele : äs eef cadaver, bot boed cymba, bret bred tabula, 
brot bropd panis, brök (ü) brcek locus paluster, bunt bünn 
fascis, dink ding res, flach flceg locus, glas glef vitrum, 
hürn Jiiern cornu, Jcür kver chorus, suggestus, knrn kvern 
granum, lit led inembrum, löt loßd libramentum, pirt pird 
equus, punt pünn (punn) pondus^ rat rced rota, ris rif 
sarmentum, slot slcet sera, sclüp schep navis, tmrt tmerd 
verbum. Der Umlaut in dieser Gruppe beginnt bereits 
im 16. Jahrhundert, z. B. wörde verba, glese vitra, brcede 
panes (0,). 

2. Wörter, deren Plural mit dem Singular gleich- 
lautet: ben femur, hör crinis, jor annus, kne genu, mal 
nota, re caprea, schäp ovis, swin sus; dazu einige Bil- 
dungen mit el, wie (Bvel malum, middel medium. 

3. Wörter, welche den Plural mittels der Endung er 
bilden. Diese Endung ruft wo möglich den Umlaut des 
Stammvocals hervor ; einzig das W ort kalf kalver vitu- 
lus entzieht sich der Umlautung. Beispiele mit nicht 
umlautbarem Vocal: best bestia, gebet gebeder oratio, 
bilt II imsLgo ^ dinkng res, dörp vicus, ei eigher ovum, 
feit II Campus, gelt II pecunia, hemmt hemder indusium, 
kintnn infans, kletd vestis, let d canticum, licht lumen, 
llfv corpus, ögen-lit -leder palpebra, metz ctilter, nest 
nidus, rint nn bos, schilt II scutum, gesicht facies, ge- 
siecht genus, ivifv femina. Mit Stammvocal a, Umlaut 
ei amt munus, ftcm^ w^i ligamentum, lammm agnus, lant 
nn terra, ^aw^rm pignus, gewantnn vestimentum; Um- 
laut e: bat d balneum, blat d folium, dak tectum, jfak lo- 
culus, fat dolium, glas f vitrum, grafv sepulcrum, gras 
gramen, 7*atd rota. Stammvocal o, Umlaut ö: holt li- 
gnum, lock forämen, volk populus. Stammvocal ö=ä, au, 
Umlaut (e=eu: bök liber, göt d bonum, praedium, hon 
gallina, dök pannus, -dorn Bildesilbe. Stammvocal ü, 
Umlaut %e: hüs f domus, krütd herba, mül os; würtd 
verbum. 

4. Wörter, die im Plural die Endung e zurückführen. 

12* 



X80 Yocalische DedinatioD. Neutra. 

Diese Endung steht zwar der vorigen lautlich sehr nahe, 
ist aber von ihr durch geringeres Gewicht unterschieden. 
Beispiele: fc^Z securis, 6/r cerevisia, dflr^ bestia, dwr porta, 
her exercitus, Jcrtez crux, mal nota, mer mare, mür terra 
palustris, por par, recht jus ^ rik regnum, spil speie 
(spiUe) ludus, spoek phantasma, telt tentorium, wark opus, 
dazu viele Bildungen mit der Vorsilbe gre-, wie gefechf 
pugna, gelenk artus, gericht Judicium^ gerückt fama, gc- 
schenk donum, gewinsi praemium, und der Endsilbe niss. 
wie grefniss sepultura; endlich viele Lehnworter aus dem 
Hochdeutschen, wie los sors, gesetis lex u. s. w. Mit 
dieser Fluralbildung pflegt keine ümlautung des Stamm- 
vocals verbunden zu sein; doch führt Ritt, die Formen 
kierCj diere, miere zu knr, dür^ mür als Pluralformen 
auf. 

5. Worter, welche im Plural die Endung s anneh- 
men. Es sind dies fast sämmtliche Bildungen mit Li- 
quiden, el^ er, en sowie die Deminutiva auf -ken^ z. B. 
segel velum, küssen pulvinus, teken signum, munter 
exemplar, metzer culter, (Bver ripa, leder über; müm- 
melken nymphaea. 

6.. Wörter, welche im Plural en als Endung haben. 

Dieselbe gilt in den Wörtern gör infans, lettd miseria, 
mät mensura, stück frustum, swer ulcus, ür auris, aus- 
schließlich ; neben e oder — steht sie in ben femur, btqi 
margo, dür porta urbis, felll pellis, jör annus, vettreie^ 
schapp scrimum, spitt veru, rter tubus. 

7. Zahlreiche Wörter, welche keinen Plural aufzu- 
weisen haben: blötü sanguis, dop testa ovi , drömt 
12 modii, elent miseria, beger cupido, golt aurum, heiJ 
Salus, keu foenum, is glacies, kaf palea, len feudum, liv 
linum, lof laus, lof frons, Jon merces, mark meduUa, 
mett caro sine adipe, o^l oleum,' pik pix, rür arundo. 
sät semen, sant arena, schock 60 res, solt sal, spir paul- 
lum, ve pecus, flesch caro, fett adeps, fter igqis, vlass 
linum, wass cera u. a. m. 

üebliche Dative sind : felV campo, huf domui, zf gla- 
ciei. Med vesti, lann terrae, sann arenae, ptrd equo, 
liv corpori, led miseriae ; '/cWn agris, ledcn miseriis. 

§. 229. n. Die zweite Reihe der stark flectirenden 
Neutra besteht nur in geringen Spuren, da ihr ganzer 
Unterschied von der ersten sich auf das Fortwirken des 



Vocalische Declination. Neatra. Feminina. 181 

Stillen e im Nom. Acc. Sing^ beschränkt. Das Schema 
gestaltet sich nun: 



ö 



Sing. Nom. ' Plur. Nom. en, ', e 
Acc. ' Acc. en, \ e. 

Von dem vormaligen Bestände dieser Reihe sind nur 
bedd lectus und sUg' viginti res nebst manchen Bildungen 
mit der Vorsilbe ge- verblieben, z. B. gemeng mixtura, 
hüs-gesinn familia, gespel lusus, in-geweid intestina, gewölv 
fornix. Hinzugetreten ist aus der III. Masculinreihe mnfinis 
und aus der Zahl schwacher Neutra og^ oculus. Außer- 
dem dürften ür auris und gör infans statt zur I. Reihe 
der starken Neutra hierher gezählt werden, wie sich 
auch nett rete und stück frustum noch nicht allzu weit 
entfernt haben. 

Den Plural mittels der Endung en bilden die Wor- 
ter og^ bedd *, und enn. Da jedoch enn fini« und emi'n 
fines lautlich zusammenfallen, so pflegt der Plural zur 
Unterscheidung die Endung \s anzunehmen, also enns, 
besonders in der Bedeutung capita fiinis, funiculi. Die 
Worter sttg, ingeweid^ hüs-gesinn, gespel u. a. m. erman- 
geln des Plurals ; die für das altmeklenburgische gewelfte 
üblich gewordene nhd. Form gewölv lautet nach hoch- 
deutscher Weise im Plural mit dem Singular gleich. 

C Femininum. 

§. 230. Die Feminina bestehen in zwei Reihen, 
welche im allgemeinen den beiden frühem Reihen der 
starken Declination entsprechen. Mit d^r ersten Reihe 
hat sich nunmehr die der schwach flectirten Feminina 
in der Weise geeinigt, daß beide im Singular starke 
FlQxion angenommen haben, d. h. den Objectscasus dem 
Nominativ gleichlauten laßen, dagegen den Plural mit 
schwacher Flexion, d. h. mittels der Endung en bilden. 
Die zweite Reihe, welche in beständiger Abnahme zu 
Gunsten der ersten begpffen ist, befaßt nur wenige um-. 



1 Die Pluralform bedden gilt bereits in S. R., ögen schon durch 
die ganze Torige Periode. 



132 Vocalische Declination. Feminina. 

lautbare Stämme, welche ihren Plural durch ümlautung 
des Stammvocals bilden. 

§. 231. I. Die erste Reihe der Feminina läßt das 
ihr vormals im Singular zukommende e der Endung ab- 
fallen, doch wo möglich in Tonlänge des Stammvocals 
und inlautender Gestalt des Schlußconsonanten als stil- 
les e fortwirken. Alle Casus des Plural endigen auf eii. 
Die Declinationsformel lautet also: 

Sing. Nom. ', — Plur. Nom. en 
Acc. ', — Acc. ew. 

Die Reihe ist außerordentlich zahlreich, wie folgendes 
noch nicht vollständige Verzeichniss zeigt: amm nutrix, 
ascli cinis, hixck gena, häl tabula, hed preces , hek rivulus, 
l)enk scamnum, her bacca, hidä rogatio, hlöm ü flos, böd u 

domuncula, ftte^flexio, bceJceu fagus, bork cortex, hör fere- 
trum, höst seta, bräd assum, lumbus, hräk vervactum, 
ogen-brän supercilium, brügg pons, hU tuber, hüss pyxis, 
lux braccae, dann abies, del assis, deck tegmen, doep 

baptisma, dör porta, drüv uva, diw columba, eg irpex, 
egg limbus, eck angulus, ek quercus, el cubitus, farw co- 
lor, ficJd pinus, figur figura, fig ficus, fil lima, flamm 
flamma^ fleg musca, fletd oi tibia, flunk^ flünk^ flüclit ala, 
jork furca, geför periculum, frag quaestio, freud gaudium, 
fn\ früch g domina, femina, gall bilis, garv merges, gäv 
donum, gill societas-, gnäd gratia, gräd spina, gröv n 
fovea, grött magnitudo, grütt polenta, heid Silva, helft 
dimidium, hess poples, Ä«^ fervor, hödü custodia, grex, 
liöv ü mensura agri, hüv cucullus, hüll velamen, hiilp 
auxilium, U fe^inatio, il hirudo, imm apis, ir bonos, ird 
terra, jack tunica, jop stola, jüch tabes, käl carbo, kann 
cantharus, kapp cucullus, kark ecclesia, katt felis, kcek 
culina, ked catena, kel gula, kist arca, kip fiscina, Mag 
querela, kldw ungula, kliv lappa, klock campana, klotf 
galerus, knip retinaculum, kor pabo, krack equus malus, 
krei cornix, krön corona, krük urceus, krüvv praesöpe, 
kiel femen, küll frigus, ktep cujpa, kapell sacellum, lad 
cista, aerarium. Mg situs, läk salsura, lamp lucema, Iceg 
mendacium, leng longitudo, lev amor, lir doctrina, lir 
lyra, linn tilia, lung pulmo, lücht lucerna, meel mola, 
med conductum, meu opera, mtl milliarium, mxm eu ma- 



Yocalische DecUnation. Feminina. 183 

ter, mür murus, nef nasus, nir ren, nor cicatrix, natür 
natura, or epica, orn luessis, pari margarita, pm cru- 
ciatus, pip ß&iulsL^ plag vexatio, rür-pläg arundinetum, 
planh planca, plant planta, plät lamina , pleg cura, plumm 
prunus, pogg rana, pöt pes, pump anüia, pürt porta, 
perßon persona, quäl cruciatus, quell fons, rdv cicatrix, 
rau quies , red oratio , reg series , reif iter , rivv Costa, 
rodü virga, roev eu rapa, rönn canalis, rott glis, rull 
Volumen, rup eruea, säg serra, säk res, säl solea, salv 
unguentum, sceg porca, schäl lanx, schann dedecus, 
sched ei fines agri, vagina, schell putamen, schir forfex, 

scMv discus, schol ü schola, schär cohors, schär fragmen- 
tum, schärt praecinctorium , schöw turba, schüU fascis, 
schupp pala, sei anima, sen nervus, seiss falx, std latus, 
slang serpens, sli cyprinus tinca, snäk anguis, snüt ro- 
strum, Äorgf cura, .sp^/'cibus, spöl ü fistula textoria, spräk 
lingua, boh'Stäv litera, sted locus, stimm vox, strät pla- 
tea, s^wZ^testum, stunnhora.^ sveh lues, sült salsura,5wwwsol, 
sünn peccatum, swep verber, swmg vannus, stvord callus, 
fall numerus, tang forceps, tev canis fem., titt mamma, 
trän lacrima, trü lides, inauguratio nuptialis, tunn am- 
phora, tung lingua, til noctua, wasch lavatio, tväd sura, 
wäd rete, wedd sponsio, tveg cunabula, weid pascuum, 
wek hebdomas, wer defensio, wU tempus, winn convol- 
vulus, winn sucula, wtf modus, tvisch pratum, wor merx, 
wull lana, wunn vulnus, aieg capra, zt-poll caepa. 

§. 232. Ferner gehören hierher Bildungen mit Li- 
quiden el^ er, wie wättel v?id^\K^ nätel^c\x^\ adder anguis, 
f edder penna, ledder scala, schuller humerus, jumfer 
virgo; mit Dentalen, wie JcceJcsch coqua, arvt cicer, mit 
Gutturalen, wie mesk parus, swcelh hirundo, lewarh 
alauda, sowie mit den volleren Bildesilben ung (= älte- 
rem ing^ inge)^ niss, in (inn, inne) und den fremden 
schon, tschön^ z. B. Ordnung ordo, beswimniss deliquium 
animi, pastürin uxor sacerdotis, pan^schon beneficium 
annuum, nätschön natio. 

Dieser Reihe schließen sich aus dem vormaligen Be- 
stände der zweiten starken Femininreihe diejenigen 
Wörter an, welche einen nicht-umlautbaren Stammvocal ' 
haben, und welche daher nach der Bildungsweise der 
zweiten Reihe jetzt nicht mehr im Stande sein würden, 
ihre Pluralform genügend vom Singular zu unterschei- 



184 Vocalische Declination. Feminina. 

den. Sie nehmen deshalb wie die Feminina der ersten 
Reihe die Pluralbildung mittels en an: bicht confessio, 
drift pascuum, gicht arthritis, list astutia, plicht officium, 
Schrift scriptura, iit d tempus, vrist temporis spatium, 
weit mundus, wisch pratum; dazu die Composita mit 
heit, wie iosheit malitia, gerecht icheit (auch nach hoch- 
deutschem Vorgange gerechtich-k-eit lautend) probitas. 
Dieser Analogie folgen, zum Theil mit Nebenformen 
nach zweiter Keihe die Wörter ort genus, gehurt nativi- 
tas, hrüt sponsa, dät facinus, dracht ferculum, gunst fa- 
vor, host nemus, jacTit venatus, last onus, lucht fenestra^ 
nacht nox, nät sutura, pacht redemtio, schult U debitum, 
gestalt figura, sucht morbus, tucht generatio, vort iter, 
gewalt vis, totirt ager hortensis und die Composita mit 
Schaft^ z. B. gesellschaft societas. 

Anmerkung 1. Durch Ansetzung der Plnralendung en ver- 
liert nach den Gesetzen der Lautlehre das d seinen r>artigen Lauf, 
kehrt v in 6, vv in 6&^zurück, gibt g den Laut gh auf, wandelt w 
sich in b. Nach c/, er, //, rr, mm, nn, ng, rn, tritt nur n statt en 
an und dies n geht in mm, nn^ ng, rn unter (§. 188). Um dem 
durch diesen Vorgang erzeugten Gleichklang des Plur. mit dem 
Sing, zu entgehen, nimmt das Wort dirn puella die Pluralendung 
s an ; ebenso hat fru femina die Pluralform frügens. 

Anmerkung 2. Alter Dativ Sing, schwacher Flexion ist in 
karken ecclesiae der Redensart to korken gdn erhalten. 

§. 233. n. Die zweite starke Feipininreihe hat im 
Singular keine Endung, also stets die auslautende Ge- 
stalt des Schlußconsonanten. Der mit Umlaut des 
Stammvocals gebildete Plural läßt die frühere Endung 
e wo möglich als stilles e fortwirken. So ergibt sich 
das Schema (-^ = Umlaut): 

Sing. Nom. — Plur. Nom. —V — — 
Acc. — Acc. -^\ -^ 

Der hierher gehörigen Wörter sind nur wenige: angst 
timor, host pectus, flo pulex', frucht fructus, füst pu- 
gnus, gos anser, grünt nn fundus, hantnn manus, hütd 
pellis, ko vacca, kraft vis, kunst ars, lüs f pediculus, 
tust libido, Verlust amissio, macht potentia, muntnn os, 
müs f mus, not sutura, Plur. nced, nut nux, Plur. naet, 
snür foniculus, stat urbs, Plur. sied, stede^ wantnn pa- 
ries, tvust farcimen; auch noch hank scamnum und 



Consonantische Declination. N, Masciilina. 185 

brüt d spoDsa (Ritt). Dative Flur, auf en besitzen angst, 
füst, Jcraft, kunst in den Formen engsten, füsten, Jcreften^ 
künsten, welche weiter zu Bildung des ganzen Plurals 
mit der Endung en den Anstoß geben. Die Fluralfor- 
men henJc (s. §. 231), floß und ncet pflegen auch in den 
Singular vorzudringen. 



Zweite Klasse. 

Substantiva der consonantischen Declination. 

A. Declination der .W-Stämme. 

(Schwache Declination.) 

Da nach §§. 230, 231 die sämmtlichen vormals 
schwach flectirenden Feminina, sich in der Declination 
mit der ersten Reihe starker Feminina vereinigt haben, 
so bleibt hier, nur die schwache Declination der Mas- 
culina und des Neutrums zu betrachten. 

• 
I. Masculinum. 

§. 234. Die Masculina schwacher Flexion haben im 
Nom. Sing, das diesem Casus früher eignende Endungs-e 
abgeworfen, laßen es aber wo möglich als stilles fort- 
wirken. Der Objectscasus geht auf en aus; ebenso der 
ganze Plural. Zwar ist die Zahl der hierher fallenden 
Nomina dadurch in etwas verringert worden, daß durch 
Verwechselung des en der schwachen Flexion mit der 
Bildesilbe en einige Worter sich der ersten Reihe star- 
ker Masculina zugewandt haben; doch ist meistens das 
alte Verhältniss treuer bewahrt worden als im Neuhoch- 
deutschen. 

Die Declinationsformel ist folgende: 

Sing. Nom. ', — Plur. Nom. en 
Acc. en Acc. en. 

Dieser Flexionsweise folgen die Worter: äp siauus, 
arv heres, bäd nuntius, barm faex, bor ursus, borg Spon- 
sor, born fons, bull taurus, bür agricola, unner-dän sub- 



186 Consonantische Declinaticn. N. MasOalina. 

jectus, gedank cogiitdio ^ drak draco, dum poUex, dm 
stultus, fred pax, falk falco, först princeps, gant anser 
mas, gast hordeum, glöv fides, gräv fossa, hän gallus, 
häf lepus, heid paganus, Äer, herr dominus , hup cumu' 
lus, jüd Judaeus, jung piier, hiäv puer, Tcrist Christia- 
nus, leuw leo, mag stomachus, man luna, minsch homo, 
mönJc monachus, näm nomen, narr scurra, oss bos, 2^^P 
clericus, pägelün pavo, profet propheta, räv corvus, 
rogg secale, rügg tergum, schäd damnum, schult judex 
vici, Schutt jaculator, gesell socius, släv servus, stemm 
truncus, stirn Stella, strip linea, swän olor, timp lacinia, 
tieg testis, wäg currus, weit triticum, will voluntas. Da- 
zu kommen einige Lehnworter, welche der Dialekt frü- 
her nicht besaß, wie afJcät advocatus, elefant elephas, 
hammerätd socius, lots vadorum explorator, madrof 
uauta, prin^ princeps, Soldat miles, Student^ stedent Stu- 
diosus litterarum. 

Dagegen entfernen sich im Laufe der Periode aus 
dem vormaligen Bestände dieser Keihe dadurch, daß sie 
die Objectscasus-Form in den Nominativ vorschieben, 
die Wörter : balJcen trabs, druppen gutta, galgen patibu- 
lum, gorden hortus, katen domuncula rustica, tappen em- 
bolus, hoppen lupulus, hnaken os, nacken cervix, Schin- 
ken perna, telgen ramus, havern avena, von denen die 
sechs zuerst genannten ihren Plural nunmehr mittels der 
Endung s bilden. Nebenformen des Nom. Sing, mit eu 
besitzen von dem gegenwärtigen Bestände der Reihe 
die Worter gedanken, freden, gasten^ globen, roggen, scha- 
den, stripen^ weiten, draken (als Spielzeug), graben^ hn- 
pen, rüggen, magen und wagen; die sechs zuletzt auf- 
geführten nehmen dann im Plural die Endung 5 an. — 
Bei den Wörtern barm^ born^ stirn, stemm und jung 
verhallt die Flexionsendung en in dem Stammesauslaute; 
sie schließen sich daher nahe an die starke Masculin- 
flexion an, und deshalb hat stirn häufig, jung immer die 
Pluralform mit der Endung 5, also stirns Stellas, jungens. 
jung's pueri. In gleicher Weise ist der Bestand der 
Flexion gefährdet an den auf einfaches n oder m 
auslautenden Wörtern hän, swän, män^ pägelün, näm 
imd düm\ sie haben flexionslose Nebenformen des Objects- 
casus im Singular und können den Plural mit s bilden; 
z. B. man lunam, cZämpollicem; häns galli, näms nomina. 



Cons. Decl. N. Man. Neutr. i2-Stämme. 187 

Anmerkung. Das /Wort mägy magen besitzt nocb eine dritte 
Form mit unorganischem Umlaut maeg^ und kann auch als Femi- 
ninum gebraucht werden. — lieber fred vgl. §. 227. 

§. 235. Das Wort man yit besitzt die mannichfal- 
tigen Flexionsweisen, welche es in der vorigen Periode 
hatte, jetzt nicht mehr. Fiir den ganzen Smgular gilt 
die Form man^ für den ganzen Plural die Form mans 
oder vielmehr, mit gehaltenem n gesprochen, marms. In 
Compositis des Wortes man tritt statt des Plurals m^ns 
stets Ited ein, z. B. timmerlted fabri, mannslted viri. 

II. Neutrum. 

§. 236. Das einzige Neutrum, welchem noch jetzt 
die schwache Flexion verblieben ist, ist das Wort hart 
cor, indem dasselbe, wenn es auch das vormals im Nom. 
Acc. Sing, auslautende e nicht mehr verspiiren läßt, 
dennoch nicht nur die Pluralendung en bewahrt, son- 
dern auch treulich an dem alten Dat. Sing^ harten fest- 
hält. Es ist aber zu bemerken, daß neben dem nieder- 
deutschen hart das nhd. herz in den Dialekt einzudrin- 
gen beginnt. 

JB. Declination der 12- Stämme. 

§. 237. Die Verwandtschaftsworte auf er, nämlich 
räder, vadder pater, möder (w, au), mudder mater, brö- 
der (ü, au) frater, süster, swester soror, dochter filia 
haben im Singular unveränderliche Form, den Plural 
bilden sie auf verschiedene Weise. -Es nehmen nämlich 
vader, vadder und möder, mudder die Pluralendung s 
an, hroder und dochter laßen den Stamm vocal umlauten, 
süster verwendet die Pluralendung n, also väders patres, 
mudders matres, iroeder (eu) fratres, döchter filiae, sü- 
Stern sorores. 



Zweites Kapitel. 

Die adjectivische Declination. 

A. Das Adjectivum. 
§. 238. Schon in der vorigen Periode begann die 



138 Declination der Adjectiva. 

Vereinigung der beiden Adjectivreihen dadurch, daß 
Adjectiva aer zweiten Keihe das auslautende e ihrer 
flexionslosen Form aufgaben; auf diesem Wege schrei- 
tet der Dialekt weiter, bis in der Gegenwart nur noch 
sehr wenige Adjectiva durch die inlautende Consonanz 
ihres Schlußconsonanten andeuten, daß sie vordem auf 
e auslauteten, wie hang pavidus, hlodd timidus, dünn te- 
nuis, bekenn macer, moed (eu) fessus, streng severus. Eine 
Aufzählung der Adjectiva darf deshalb an dieser Stelle 
wohl imterlaßen werden (s. §§. 139 — 141), und es wird 
genügen, die Formeln der Flexion zu geben. 

§. 239. Die Endungen der starken Flexionsweise 
lauten : 





Masc« 


Fem. 


Neutr. 


Sing. 


Nom. er, — , '', en 


c,-r 


— , eSj et 




(Dat. en 


er, 


en) 




Acc. en 


e,-, ' 


— , 65, et 


Plur. 


Nom. e, \ — 


e,',- 


e, ', - 




(Dat. en 


en 


en 




xV.cc. e, j 


e,\- 


e,\ - 



Die iBndung des Nom. Sing. Masc. er findet sich 
nur noch dann angewandt, wenn die Nominativform syn- 
taktisch als Vocativ steht. Die Endung en in demsel- 
ben Casus ist aus dem Objectscasus vorgedrungen und 
hat gegenwärtig mit der flexionslosen Form gleiche Be- 
rechtigung^ wenn nicht schon das Uebergewicht er- 
langt. Die Endung es des Nom. Acc. Sing. Neutr. ist 
durch hochdeutschen Einfluß (vgl. §. 138, Note) in 
den Dialekt eingebürgert worden. Die alterthümüche 
Endung et eben dieses Casus ist noch seltener als in 
voriger Periode und in den meisten Theilen Meklenburgs 
vollständig aus dem Gebrauche gekommen. Aus dem 
altmeklenburgischen Dialekte ist ein Kest des Gen. Sing. 
Neutr, auf es von substantivirten Adjectiven bis in die 
Gegenwart erhalten worden, und zwar dadiurch, daß 
man sein syntaktisches Verhältniss als Genitiv verkannte 
und ihn mit dem nach hochdeutscher Weise auf es ge- 
bildeten Nominativ verwechselte. — Die übrigen En- 
dungen ergeben sich aus denen, welche in der vorigen 
Dialektperiode üblich waren, regelrecht nach dem Ge- 
setze der sich ^lehrenden Schwächung der Endsilben. 



Declination der Adjectiva. Numeralia. 189 

§. 240. Die Endungen der schwachen Flexions- 
weise lauten: 

Masc. Fem. Neutr. 

Sing. Nom. e, \ — e, \ — e, \ — 

(Dat. en en en 

Acc. cn €, ', — e, \ — 

Plur. N. D. A. en en en. 

Diese Endungen geben zu keinerlei Bemerkungen 
Yeranlaßung. Ihre Anfögung an den Stamm erfolgt, wie 
die der starken Flexionsweise, gemäß den in der Laut- 
lehre gegebenen Regeln über die auslautende und in- 
lautende Gestalt der Consonanten und die Lautnuan- 
cirungen einiger inlautender Consonanten durch die En 
düngen ' und en. 

B. Numerale. 

§. 241. a. Cardinalia. 

Die Einzahl en, ein wird flectirt : 

Masc. Fem. Neutr. 

Nom. ener^ en, enen ewe, m en 
(Dat. enen ener(?) enen) 

Acc. enen ene, en en. 

Wenn en ohne Betonung seines Zahlbegriffs als un- 
bestimmter Artikel verwandt wird, verliert sein Stamm- 
vocal durch die Tonlosigkeit seine Länge, und die dann 
an seine Stelle tretende Schwächung e kann durch 
Aphaeresis entfernt werden: 

Masc. Fem. Neutr. 

Nom. en, '«, ^nen cn^ ^ne en, 'n 
(Dat. 'new, 'n 'ner ^nen, 'n) 

Acc. 'wen, 'n en, 'ne en, 'n. 

Als Adjectivum oder Pronomen indefinitum kann en 
auch schwache Flexion erhalten. 

Von den Zahlen 2 — 12 haben 4 vtr^ 5 ßfv, 6 söss, 
8 acht^ 12 twölfv flectirte Nominativ- und Accusativ- 
formen mit e oder \ welches bei 2 twe, twei und 3 dre, 
drei im Vocal untergeht und bei 7 sceben, 9 negen^ 10 



190 Declinatlon der Nmneralia. Pronomina. 

feigen, teiden, fein, 11 elben nach der EnduDg en ver- 
stammen muß. Im Gebrauche beschränkte Dative auf 
en, n besitzen die Zahlen 2 — 6, 8, 12, während die End- 
silbe en der Zahlen 7, 9, 10, 11 das Hervortreten der 
Flexion verhindert. 

Die Composita mit -tick, wie auch hunnerf 100 und 
düsenf .1000 haben Pluralformen auf en zur Bezeichnung 
der betreffenden Zahlenräume. 

6. Die Ordinaliä flectiren nach schwacher Adjectiv- 
flexion. 

C. Pronomina. 

§. 242. a. Persönliches ungeschlechtiges Pronomen. 

I. Sing. Plur. II. Sing. Plur. HI. 

Nom. ik iii du, du jt — 

(Gen. miner unser dtner juger siner) 

Acc. Dat. mi uns di jüch,jü sih • 

Die Genitivfornien sind äußerst selten, fast nur nach 
der Praeposition tvegen causa im Gebrauch, auch hier 
durch die Composita mmtwegen u. s. w. zurückgedrängt. 

§. 243. 6. I^ersönliches geschlechtiges Pronomen. 

Sing. Masc. Fem. Neutr. Plur. 

Nom. he, he, hei se, se, sei ef se, se, sei 

(Dat. em, en ,er em, en en) 

Acc. em^ en er, se ef se, se, sei* 

Die volle Form ef des Neutrums ist äußerst selten im 
Gebrauche, gewohnlich tritt dafür bei Inclination bloßes 
f ein, oder es wird, wo die Satzstellung Hochton er- 
fordert, das Demonstrativpronomen gesetzt. Die im Acc. 
Sing. Masc. und Fem. meist üblichen Formen em und 
er sind aus dem Dativ vorgedrungen, welcher hier als 
Objectscasus das Feld behauptet, während er sonst in 
der Accusativform aufzugehen pflegt. Aus Irrthum ver- 
wendet man den Acc. Sing. Fem. er auch als Objects- 
casus des Plurals , durch den Gleichklang der bezüg- 
lichen Nominative verleitet. Das Verhältniss der For- 



Declination der Pronomina. 191 

inen Ätf, he, hei und se, se, sei uüter einander ist §. 181 
erörtert. 

§. 244. c* Possessives Pronomen. 

Die Possessivpronomina: I. Sing, min, I. Plur. mif^ 

II. Sing, din, IL Plur. jüg, III. Sing. Masc. Neutr. sin, 

III. Sing. Fem., er^ III. Plur. ei* flectiren nach starker 
Adjectivflexion, also: 



Sing. Masc. 


Fem. 


Neutr. 


Plur. 


Nom. — , ' . 
(Dat. en 
Acc. en 


er 
e,\- 


1 
en 

7 7 


e,\- 
en) 

e ' — 



Zu dem als Anrede gebrauchten Personalpronomen 
III. Plur. Sei stellt sich als Possessivum Sei er. 

§. 245. d. Demonstratives Pronomen. 

1. Sing. Masc. Fem. . Neutr. ' Plur. 

Nom. de, de, dei de, de, dei dat de, de, dei 

« (Gen. des — des — ) 

(Dat. — , denn — dem, denn — ) 

Acc. den, denn de, de, dei dat de, de, dei. 

Die Formen de, dei und denn stehen als wirkhche De- 
monstrativa mit Hochton, während dem tonlosen Artikel 
die schwächern Formen de, den gebühren. Der Dat. 
Sing. Neutr. dem steht nur substantivisch. 

2. Sing. Masc. Fem. Neutr. Plur. 

Nom. diss, disse di$s, disse dit diss, disse 

(Dat. dissen — dissen dissen) 

Acc. dissen diss, disse dit diss, disse. 

Daneben steht eine Form mit einfachem s, welche aber 
nicht wie in voriger Periode e zum Stammvocal hat, 
sondern e, da diese Form sich nicht direct aus desej 
sondern aus desse entwickelt hat. 

3. Das Demonstrativ jenn ille, jetzt ohne Artikel, 
läßt wegen seines Stammesauslautes von Flexion nicht 
viel spüren. • 



]^92 Declination der Pronomina. 

Sing. Masc. Fem. Neutr. Plur. 

Nom. jenn (n) jenn jenn (n) jenn 
Acc. jenn jenn jenn (n) jenn. 

§. 246. e. Interrogatives Pronomen. 

1. Sing. Masc. Neutr. 

Nom. wer, wen wat 
(Gen. — wes) 

Acc. tven^ wenn wat 

Die Nominativform wer (werr, Bitt.) ist aus dem Hoch- 
deutschen entlehnt. An Stelle des altmeklenburgischeu 
we tritt jetzt meist die Form wen, welche aus dem Ob- 
jectscasus vorgedrungen ist. Die Form wenn des 
Objectscasus ist besonders in dativischer Function be- 
liebt. 

2. Dem altmeklenburgischeu welk^ welches den Be- 
griff der Qualität aufgibt, entspricht nun mit Ausfall 
des l die Form weck; neben dieser steht wie in voriger 
Periode die Form Wecker, die das r als zum Wort- 
stamme gehörig erscheinen läßt. 

Sing. Masc. Fem. Neutr. 

Nom. tveck, wecker weck, wecker weck, wecker 
(Dat. — — wecken^ weckern) 

Acc. wecken, weckern weck^ wecker weck, wecker 

Plur. tveck, wecker. 

Neben wecker vernimmt man auch tvecker, wozu sich 
welkere bei L. I, 104 zur Vergleichung darbietet. Die 
Form weck verbindet sich mit dem Zahlworte ein zu 
weckein, oder dafür in Westmeklenburg wockein mit 
Trübung des e zu o, welche durch den Ausfall des / 
verursacht worden. 

§. 247. f. Ilelatives Pronomen. 

Die Relation wird ausgedrückt durch das erste De- 
monstrativ- oder das erste Interrogativpronomen. Ein 
verallgemeinerndes Relativ ist nicht mehr vorhanden. 

g. Unbestimmtes Pronomen. 
Die Pronomina indefinita, gebildet aus andern Pro- 



Declination der Pronomina. Eigennamen. 193 

nominal- oder Nominalklassen, bieten in ihrer Flexion 
wenig Eigenthümliches. Das aussterbende elk ist der 
letzte Rest des alten iowelk. Für suUc talis tritt nun 
sonn ein, welches aus solk ein zusammengezogen ist und 
in der Flexion mit jenn übereinstimmt. Der Nominativ 
sulf ipse ist durch die Objectscasusform siUben ver- 
drängt, welches daher als indeclinabel erscheint; daneben 
stehen die superlativischen Formen sülst, misten. Dem 
alten nicht nihil entspricht nun das indeclinable nix, dem 
numment nemo ein nüms, welches den Objectscasus 
nümsen bildet. Das Reciprokpronomen hat nunmehr die 
unveränderliche Form enanner. Das Wort men homines 
kommt kaum anders als inclinirend in der Form en, 'n 
vor. 

§. 248. h, Inclination der Pronomina. 

Inclination kürzt die Formen der personlichen Pro- 
nomina und des ersten Demonstrativums ; so wird: ih 
zu fc; du ,zu de^ t; he zu e; se zu /*, s; et zu t; cm, en 
zu m, n; und dem, den zu m, w, dat zu t. Vgl. auch 
§. 200. 

Declination der Eigennamen. 

§. 249. Die Declination der Eigennamen weicht 
nicht wesentlich von der Declination der Substantiva ab. 
Die Personennamen der Männer zerfallen altmeklen- 
burgisch in zwei Gruppen. Die einen, im Nominativ 
auf e auslautend, zu welchen die zahlreichen Schmeichel- 
formen auf -]ce gehören, folgen der schwachen Masculin- 
flexion ; die andern , im Nominativ consonantisch aus- 
lautend, flectiren der ersten starken Masculinreihe gleich, 
besitzen jedoch einen Accusativ adjectivischer Flexion 
mit der Endung en. Die weiblichen Eigennamen flec- 
tiren meist nach Weise schwacher Feminina. Im Neu- 
meklenburgischen ergreift die schwache Flexion alle 
Personennamen. Die Familiennamen bilden altmeklen- 
burgisch Plurale mit der Endung ew, an deren Stelle im 
Neumeklenburgischen ein s oder ens zu treten pflegt. 

§. 250. Die Ortsnamen folgen altmeklenburgisch 
in ihrer Flexion, je nach ihrer Herkunft, entweder dem 
deutschen Stammworte, welches in ihnen enthalten ist, 

Nerger, Grammatik. 13 



194 D«clisfttion der SigennaiBen. 

wie -Äo/*, "hagerk, -dorp (oder an s inclinirend -torp)^ 
oder den stark flectir^iden Neutris, z. B. to Bostke; doch 
Terscbmähen die auf Liquida auslautenden Ortsnamen 
gewohnlich die Annahme der Endung, z. B. to Parchem, 
to Desspn^ doch auch to Badepule, Als Femininum zweiter 
starker ßeihe ist Wismer zu bemerken. Im Neumeklen- 
burgischen sind die Ortsnamen im allgemeinen flexions- 
los. Die mit Adjectiven zusammengesetzten Namen 
sind zum Theil in dativischer Form erstarrt, z. B. Dren- 
KroßgeUf Hilgenhagen^ Ntgendörp, Hoghen-Lukow^ Gr&ten- 
Grahofjo^ Lütten-Klein, zum Theil bewahrt das Adjecti- 
vum seine Flexionsfötugkeit, z. B. Ni-Tdöster^ Dat. Isigen- 
Moster ^ Olt-Kalen, Dat. Ollen-Kcden, zum Theil ist das 
Adjectiv so mit dem Sufostantivum verwachsen, daß 
beide die Veränderungsfähigkeit aufgegeben haben, z. B. 
m-hof. 



Nachträge. 



Zu §. 2. Das Gebiet der obern Havel bildet seit Al- 
ters ein Uebergangsglied zwischen meklen- 
burgischem und brandenburgischem Dialekte. 

Zu §. 185. S. 142, Z. 5 v.u. Zu pari gesellen sich noch 
marl aira caespitosa und sparlink passer, so- 
daß das Verhalten des r in der Verbindung 
rl als ein schwankendes bezeichnet werden ] 

muß. 

Zu §. 188. Vor nn nimmt ein u oder i einen nasalen 
Beilaut an, indem die zur Hervorbringung 
des n nöthige Senkung des Gaumensegels 
bereits während der Dauer des Vocals be- 
ginnt. Das u nähert sich dadurch im Klange 
einem tii^ z. B. hu^nn canes. 



Berichtigungen. 

Seite 13, Zeile 24 v. o., statt: -lieh, lies: -lik, -ich 

» 16, )) 18 V. o., St.: drutte, 1.: drudde 

» 41, » 1 V. u., St.: s^tV/en compescere, 1.: siüe//en turgescere 
» 45, )) 8 V. u., St.: vefte, 1.: vefte 
» 48, » 8 V. u., St. : heluari, 1. : irritare 
» 76, » 1 "V. o., St. des zweiten 6, 1.: ö 

)) 80, » 12 V. o., St.: pati, 1.: ducere 

» 100, » 19 V. n., st.:parochia,].:parochi ager,fanda6 ecciesiae 



Druck voa F. A. Brockhaus in Leipzig. 



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